Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Was augenblicklich noch ausgeschlossen scheint, könnte morgen schon ernsthaft erwogen werden. So wie der Vorschlag des Ökonomen Marcel Fratzscher, Rentner im Rahmen eines sozialen Pflichtjahres auch zu einer Art Handlangerdienst bei Aufgaben der militärischen Landesverteidigung heranzuziehen. Viele aus der heutigen Rentnergeneration besäßen aus der Zeit ihrer Wehrdienstleistung entsprechende Grundkenntnisse. Warum also sollten nicht auch Beschäftigte in „Werkstätten für behinderte Menschen“ (WfbM) Zulieferarbeiten aus Aufträgen der Rüstungsindustrie verrichten? Nur mal so ein Gedankenspiel: Die Verarbeitung von Munitionsbaumwolle zur Granatenproduktion wird derzeit händeringend nachgefragt. Ich könnte mir vorstellen, dass Munitionsbaumwolle ein haptisch angenehmer Werkstoff ist, bei dessen Verarbeitung Behinderte in Werkstätten kostengünstig einen Fertigungsschritt übernehmen könnten.
Und überhaupt, Behinderte generell könnten sich an der Heimatfront sicher vielfältig für eine beschleunigte Kriegsertüchtigung nützlich machen – der Fantasie auf diesem Feld stehen jedenfalls keine Barrieren im Weg.
Einerseits. Andererseits betrachte ich als intellektueller Beobachter die Angelegenheit noch von einem anderen Standpunkt aus. So pfiffig wie mit unserer Fantasie, so wach sollten wir Behinderte auch Gebrauch von unserem Verstand machen. Und bei dessen barrierefreiem Einsatz stellen sich sogleich Bedenken ein gegen die Kriegstüchtigkeitsrhetorik, mit der wir täglich überschüttet werden. Worum es sich dabei handelt, lest ihr im nachfolgenden Essay, der zuerst in der kobinet-Literaturbeilage erschienen ist. Lust auf Denken? Na also, los geht es (und als Autor stehe ich selbstverständlich für Verständnisfragen und Einwände in der Kommentarspalte zur Verfügung).




