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Perspektivwechsel ohne Konsequenz? Debatte um strukturelle Teilhabe von Künstler:innen mit Behinderung

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
Eingang einer BBK Galerie schwarz-weiß Bild
kein öffentlicher Diskursraum
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Anlass dieses Textes ist das im Frühjahr 2025 vom BBK Bundesverband, dem Deutschen Künstlerbund, der IGBK und dem British Council durchgeführte Seminar "Perspektivwechsel: Inklusion in der Bildenden Kunst". Angekündigt wurde ein Austausch zu strukturellem Gatekeeping, zur Rolle der Künstler:innenverbände und zu Best-Practice-Modellen aus dem Vereinigten Königreich. Das Thema, die beteiligten Institutionen und der Anspruch lassen aufhorchen – gerade weil der Begriff Inklusion zunehmend seiner politischen Sprengkraft beraubt und in systemkonforme Bedeutungen überführt wird. Es geht in dieser Kritik nicht um eine Ablehnung des Vorhabens, sondern um die ernst gemeinte Auseinandersetzung mit seiner strukturellen Verfasstheit, seinen Leerstellen und den Konsequenzen, die es hätte haben können – aber nicht hatte.

Bereits im Vorfeld des Seminars habe ich als Mitglied des BBK in einer E-Mail an die Veranstalter auf zentrale Problempunkte hingewiesen: auf die fehlende Einbindung von Entscheidungsträger:innen des allgemeinen Kunstbetriebs, auf die Gefahr geschlossener Inklusionsblasen, auf die Tendenz zur Sonderformatierung von Künstler:innen mit Behinderung. In der ersten Rückmeldung wurde höflich auf das begrenzte Ziel der Veranstaltung verwiesen: ein internes Seminar für Verbandsmitglieder, kein öffentlicher Diskursraum. In weiteren E-Mails wurde mir mitgeteilt, dass die Inhalte dokumentiert und ausgewertet würden. Auf meine Nachfragen wurde vage geantwortet. Erst auf ausdrückliche Initiative hin leitete Dr. Susanne Jaschko, Head of Arts beim British Council, zwei meiner veröffentlichten Artikel in ihre Netzwerke weiter – mit dem Hinweis, dass es auch andere Haltungen unter Künstler:innen mit Behinderung gebe. Diese E-Mailkommunikation ist nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit, wohl aber ein Beispiel für die institutionelle Zurückhaltung, Kritik zu integrieren, anstatt sie wirklich aufzunehmen. Die Dialogbereitschaft ist da, aber sie bleibt folgenlos.

Nach Veröffentlichung der Videoaufzeichnungen des Seminars zeigt sich ein deutliches Bild. Die Veranstaltung bleibt in der Struktur auf Funktionärsebene verhaftet. Der Teilnehmerkreis war beschränkt, das Format nicht öffentlich, der Dialog innerhalb der Verbände. Die Panels waren geprägt von Kurator:innen, Koordinator:innen und Vertreter:innen spezialisierter Institutionen. Künstler:innen mit Behinderung kamen punktuell zu Wort, aber nicht mit der strukturellen Autorität, die sie bräuchten, um tatsächlich mitzugestalten. Stattdessen dominierte eine Perspektive, die Beratung, Sichtbarkeit, Förderung und Zugang thematisierte – nicht aber Teilhabe, Gremienmacht oder Definitionsautorität. Der Begriff Inklusion wurde als Einladung formuliert, nicht als Anspruch. Damit wurde das Verhältnis zwischen struktureller Veränderung und individueller Förderung umgekehrt: Wer Zugang erhält, darf dankbar sein. Wer Systemkritik formuliert, bleibt optional.

Besonders deutlich wird das in den Gesprächsrunden zur künstlerischen Ausbildung. Dort wird sichtbar, dass Programme wie ArtPlus zwar Engagement erzeugen, aber keine institutionelle Verbindlichkeit. Einzelpersonen halten Strukturen aufrecht, die jederzeit zusammenbrechen können. Professor:innen ohne diskriminierungskritische Schulung übernehmen informelle Behindertenbeauftragungen, Studierende mit Behinderung müssen erklären, was Exklusion bedeutet. Aufnahmeverfahren, Meisterklassen und Curricula bleiben unangetastet. Inklusion erscheint als Zusatzmodul, nicht als Grundstruktur. Auch die Roundtable-Gespräche zu Best Practices aus dem Vereinigten Königreich – insbesondere die Vorstellung von Shape Arts – verdeutlichen das Dilemma. Die präsentierten Modelle bieten Unterstützung, Beratung und Plattformen, aber keine Umverteilung von institutioneller Macht. Disability wird zum kuratorischen Label, nicht zur Position in der Jury. Sichtbarkeit ersetzt Verantwortung. Förderung ersetzt Mitentscheidung. Was hier als Best Practice gilt, ist de facto eine Verstetigung der strukturellen Trennung – lediglich mit besserer Sprache.

Eine Ausnahme stellt das Gespräch mit Delaine Le Bas dar. Ihre Position ist klar politisch, erfahrungsgesättigt, wütend. Sie spricht über Gewalt, Ausgrenzung, Othering und Deklassierung. Sie benennt das Kunstsystem als reproduktiv, exklusiv, normativ. Doch auch ihre Position wird nicht integriert. Sie bleibt Auszeichnung, nicht Ausgangspunkt. Das System hört ihr zu, verändert sich aber nicht. Auch das ist Teil des Problems: radikale Stimmen werden zur Legitimation genutzt, ohne dass daraus Konsequenzen folgen. Die Differenz wird ausgestellt, nicht ernst genommen.

Diese Kritik ist nicht neu. Ich habe sie in mehreren Artikeln öffentlich gemacht. In „Zwischen Selbstbild und Fremdzuschreibung: Die Identitätsfalle der Behinderung“ reflektiere ich anhand einer konkreten Erfahrung, wie schnell Künstler:innen mit Behinderung auf Sonderformate verwiesen werden – selbst dann, wenn ihre Arbeit keine besondere Förderung benötigt, sondern nur Anerkennung als gleichwertige künstlerische Position. Es geht nicht um Ablehnung von Unterstützung, sondern um die Frage, wer definiert, wann und wie Unterstützung notwendig ist. Das Missverständnis, ich sei für einen Preis für Menschen mit Assistenzbedarf geeignet, ist kein Einzelfall. Es ist Ausdruck eines Systems, das Künstler:innen mit Behinderung strukturell nicht zutraut, sich im allgemeinen Betrieb zu behaupten.

Noch deutlicher wird das in meinem Artikel „Es regnet – Ableismus – auf Menschen (mit Behinderung)“. Dort analysiere ich die Ateliergemeinschaft „Die Schlumper“ und die Aktion-Kunst-Stiftung als Beispiele für institutionell abgesicherte Sonderwelten. Sichtbar wird eine Struktur, in der Künstler:innen mit Behinderung nur innerhalb geschlossener Systeme sichtbar werden – betreut, kuratiert, administriert. Was nach künstlerischer Förderung aussieht, ist in Wirklichkeit pädagogisierte Kulturarbeit. Die Autorschaft bleibt unklar, die Teilhabe formal. Die Stiftung vergibt Preise in Form von Gutscheinen, nicht in barer Würdigung. Die Künstler:innen sind sichtbar – aber nur innerhalb der Sonderstruktur. Das ist keine Inklusion, sondern kontrollierte Anerkennung. Wer als Künstler:in mit Behinderung aus diesem System ausbrechen will, steht ohne Infrastruktur da. Und das ist kein Zufall. Es ist das Resultat einer Förderökonomie, die sich selbst legitimiert – ohne externe Rechenschaft.

In meinem dritten Beitrag „Kunst verbindet – Seht her, wie wir Inklusion inszenieren“ thematisiere ich ein weiteres Beispiel dieser symbolpolitischen Inszenierung. Projekte wie „Kunst verbindet“ suggerieren Begegnung und Teilhabe, schaffen aber in Wirklichkeit abgeschlossene Räume, in denen Menschen mit Behinderung eingeladen werden, damit andere sie anschauen können. Die Kunst dient dabei als Medium der Kontaktaufnahme, nicht als autonomer Ausdruck. Begegnung wird nicht gelebt, sondern demonstriert. Die Biografien der Künstler:innen werden hervorgehoben, ihre Werke in Zusammenhang mit ihrer Behinderung gestellt. Der Ausstellungstitel „Kunst und Behinderung“ ist dabei kein Thema, sondern ein Programm. Hinzu kommt ein Slogan wie „Begabung statt Behinderung“, der unfreiwillig deutlich macht, wie tief ableistische Vorstellungen strukturell eingebettet sind. Begabung wird hier nicht als Möglichkeit, sondern als Ausnahme dargestellt, als etwas, das die Behinderung kompensieren soll. Es entsteht ein verzerrtes Bild: Wer als Künstler:in mit Behinderung gilt, muss entweder besonders begabt sein – oder besonders betreut. Dass beides keine Voraussetzungen für Sichtbarkeit sein dürften, wird selten hinterfragt.

Inklusion darf nicht länger als Einladung verstanden werden. Sie ist kein Zusatz, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Und sie beginnt nicht mit Sichtbarkeit, sondern mit Entscheidungsmacht. Künstler:innen mit Behinderung müssen in Jurys sitzen, in Gremien, in Auswahlkommissionen. Ihre Perspektiven müssen Standards mitbestimmen – nicht sich ihnen unterordnen. Förderformate müssen transparent, partizipativ und kontrollierbar sein. Der Begriff der Barrierefreiheit darf nicht länger auf bauliche Zugänglichkeit reduziert werden, sondern muss die strukturelle, sprachliche, soziale und ästhetische Teilhabe umfassen. Und vor allem: Es braucht ein anderes Verständnis von Kunst – nicht als Leistung, die an Normmaßstäben gemessen wird, sondern als Ausdruck künstlerischer Souveränität unter unterschiedlichen Bedingungen.

Wenn ein Seminar wie „Perspektivwechsel“ diesen Anspruch nicht formuliert, sondern sich mit der Reproduktion interner Netzwerke begnügt, dann ist der Begriff verfehlt. Dann wird der Perspektivwechsel zur Kulisse. Inklusion zur Geste. Die Kunstwelt darf sich nicht länger über Förderlogik selbst entlasten. Wer Strukturen aufbrechen will, muss bereit sein, sie zu dekonstruieren. Wer Teilhabe ernst meint, muss Macht abgeben.

Solange dies nicht geschieht, bleibt Inklusion ein Etikett. Und Künstler:innen mit Behinderung bleiben Projektpartner – aber keine Partner auf Augenhöhe.

Lesermeinungen

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Oliver Gruber
15.07.2025 20:49

Worte wie Skalpell – klar, bewusst, notwendig.

Was Milewski hier öffnet, ist kein neuer Diskurs, sondern eine alte Wunde.

Und doch spricht er das aus, was oft nur leise gedacht wird:

Dass Inklusion kein höfliches Nicken sein darf, sondern Umverteilung. Kein Applaus für Ausnahmebiografien, sondern Augenhöhe im Alltag. Ich kenne diese Schleifen – zwischen Projektstatus und echter Teilhabe, zwischen Bühne und Bevormundung.

Doch Kunst will nicht integriert werden, sie will gestalten. Nicht gefragt, ob sie darf – sondern ausgestattet, damit sie kann.

Danke für diesen Spiegel. Und für den Mut, ihn nicht weichzuzeichnen.

Herzliche Grüße

Mit Worten unterwegs

Oliver Gruber – Autor, lyrischer Denker und musikalischer Kopf mit Haltung