Fladungen
1. Das Seminar und seine Grenzen
Im Frühjahr 2025 gab es ein Seminar.
Das Seminar hieß: Perspektiv-Wechsel.
Es ging um Inklusion in der Kunst.
4 Gruppen haben das Seminar gemacht.
Diese Gruppen waren: BBK Bundes-Verband, Deutscher Künstler-Bund, IGBK und British Council.
Gate-Keeping bedeutet: Manche Menschen entscheiden über andere.
Sie sagen: Du darfst mit-machen.
Oder: Du darfst nicht mit-machen.
Strukturell bedeutet: Das System macht das automatisch.
Es passiert immer wieder.
Die Teilnehmer sollten über strukturelles Gate-Keeping sprechen.
Sie sollten auch über die Rolle der Künstler-Verbände sprechen.
Es gab auch Best-Practice-Modelle aus dem Vereinigten König-Reich.
2. Die Kritik am System
Das Thema war wichtig.
Die Gruppen waren wichtig.
Aber der Begriff Inklusion verliert seine Kraft.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen machen mit.
Niemand wird ausgeschlossen.
Inklusion wird oft system-konform gemacht.
System-konform bedeutet: Es passt zu den Regeln.
Das System wird nicht verändert.
Diese Kritik ist nicht gegen das Seminar.
Diese Kritik ist eine wichtige Auseinander-Setzung.
Es geht um die Struktur des Seminars.
Es geht um die Leer-Stellen.
Es geht um die Konsequenzen.
Diese Konsequenzen hätte das Seminar haben können.
Aber diese Konsequenzen gab es nicht.
3. Meine Kritik vor dem Seminar
Ich bin Mitglied des BBK.
Vor dem Seminar habe ich eine E-Mail geschrieben.
Ich habe wichtige Problem-Punkte genannt.
Es fehlte die Einbindung von Entscheidungs-Trägern.
Es gab die Gefahr von Inklusions-Blasen.
Inklusions-Blasen bedeutet: Nur wenige Menschen reden mit-einander.
Sie denken: Wir machen alles richtig.
Aber draußen passiert nichts.
Es gab die Tendenz zur Sonder-Behandlung.
Künstler mit Behinderung werden extra behandelt.
Die erste Antwort war höflich.
Die Veranstalter sagten: Das Seminar hat ein begrenztes Ziel.
Es war ein internes Seminar.
Es war kein öffentlicher Diskurs-Raum.
Diskurs-Raum bedeutet: Hier können Menschen offen reden.
Sie können ihre Meinung sagen.
4. Die Kommunikation
In weiteren E-Mails wurde mir gesagt:
Die Inhalte werden dokumentiert.
Die Inhalte werden ausgewertet.
Auf meine Fragen wurde vage geantwortet.
Dr. Susanne Jaschko ist Head of Arts beim British Council.
Sie leitete 2 meiner Artikel in ihre Netzwerke weiter.
Sie sagte: Es gibt auch andere Haltungen.
Es gibt sie unter Künstlern mit Behinderung.
Diese E-Mail-Kommunikation ist nicht aus Gleich-Gültigkeit.
Aber sie zeigt die Zurück-Haltung der Gruppen.
Zurück-Haltung bedeutet: Eine Gruppe macht nicht so viel wie möglich.
Sie könnte mehr helfen.
Aber sie will das nicht.
Die Gruppen nehmen Kritik auf.
Aber sie machen nichts daraus.
Die Dialog-Bereitschaft ist da.
Aber sie bleibt ohne Folgen.
5. Die Video-Aufzeichnungen
Nach der Veröffentlichung der Video-Aufzeichnungen zeigt sich ein deutliches Bild.
Die Veranstaltung bleibt auf Funktionärs-Ebene.
Funktionäre bedeutet: Wichtige Leute in einer Gruppe.
Sie treffen Entscheidungen.
Sie haben viel Macht.
Der Teilnehmer-Kreis war klein.
Das Format war nicht öffentlich.
Der Dialog war nur innerhalb der Verbände.
Die Panels waren geprägt von Kuratoren und Koordinatoren.
Es waren Vertreter von spezialisierten Gruppen.
6. Die fehlende Autorität
Künstler mit Behinderung kamen punktuell zu Wort.
Aber sie hatten nicht die strukturelle Autorität.
Sie bräuchten diese Autorität.
Dann könnten sie tatsächlich mit-gestalten.
Stattdessen gab es eine Perspektive.
Diese Perspektive sprach über Beratung und Sichtbarkeit.
Sie sprach über Förderung und Zugang.
Aber sie sprach nicht über Teilhabe.
Sie sprach nicht über Gremien-Macht.
Sie sprach nicht über Definitions-Autorität.
Definitions-Autorität bedeutet: Manche Leute dürfen sagen: Das ist richtig.
Und das ist falsch.
Sie bestimmen die Regeln.
Teilhabe bedeutet: Bei etwas mit-machen.
Man kann mit-bestimmen und mit-entscheiden.
Der Begriff Inklusion wurde als Einladung formuliert.
Er wurde nicht als Anspruch formuliert.
7. Die Umkehrung
Damit wurde das Verhältnis umgekehrt.
Wer Zugang erhält, soll dankbar sein.
Wer System-Kritik macht, bleibt optional.
8. Die künstlerische Ausbildung
Besonders deutlich wird das in den Gesprächs-Runden.
Es ging um künstlerische Ausbildung.
Programme wie ArtPlus erzeugen Engagement.
Aber sie erzeugen keine Verbindlichkeit der Gruppen.
Einzel-Personen halten Strukturen aufrecht.
Diese Strukturen können jederzeit zusammenbrechen.
Professoren ohne Schulung übernehmen Beauftragungen.
Diskriminierungs-kritische Schulung bedeutet: Menschen lernen Diskriminierung zu erkennen.
Sie lernen, etwas dagegen zu tun.
Diskriminierung bedeutet: Menschen schlecht behandeln.
Eine Person wird schlechter behandelt als andere.
Studierende mit Behinderung müssen erklären, was Ausgrenzung bedeutet.
Aufnahme-Verfahren bleiben unangetastet.
Meister-Klassen bleiben unangetastet.
Lehr-Pläne bleiben unangetastet.
Inklusion erscheint als Zusatz-Modul.
Sie erscheint nicht als Grund-Struktur.
9. Die Best Practices
Die Roundtable-Gespräche zu Best Practices verdeutlichen das Problem.
Insbesondere die Vorstellung von Shape Arts.
Die präsentierten Modelle bieten Unterstützung.
Sie bieten Beratung und Plattformen.
Aber sie bieten keine Umverteilung von Macht.
Macht bedeutet: Andere Menschen beeinflussen können.
Manche Menschen haben viel Macht.
Disability wird zum kuratorischen Label.
Disability wird nicht zur Position in der Jury.
Sichtbarkeit ersetzt Verantwortung.
Verantwortung bedeutet: Seine Aufgaben gut machen.
Sich um Probleme selbst kümmern.
Förderung ersetzt Mit-Entscheidung.
10. Die Verstetigung
Was hier als Best Practice gilt, ist de facto eine Verstetigung.
Es ist eine Verstetigung der strukturellen Trennung.
Aber es ist eine Verstetigung mit besserer Sprache.
11. Eine Ausnahme
Eine Ausnahme stellt das Gespräch mit Delaine Le Bas dar.
Ihre Position ist klar politisch.
Ihre Position ist erfahrungs-gesättigt.
Ihre Position ist wütend.
Sie spricht über Gewalt und Ausgrenzung.
Sie spricht über Othering und Deklassierung.
Sie benennt das Kunst-System als reproduktiv.
Sie benennt es als exklusiv und normativ.
Doch auch ihre Position wird nicht integriert.
Sie bleibt Auszeichnung.
Sie wird nicht Ausgangspunkt.
Das System hört ihr zu.
Aber das System verändert sich nicht.
12. Die Legitimation
Auch das ist Teil des Problems.
Radikale Stimmen werden zur Legitimation genutzt.
Aber daraus folgen keine Konsequenzen.
Die Differenz wird ausgestellt.
Sie wird nicht ernst genommen.
13. Meine Artikel
Diese Kritik ist nicht neu.
Ich habe sie in mehreren Artikeln öffentlich gemacht.
In dem Artikel "Zwischen Selbst-Bild und Fremd-Zuschreibung" reflektiere ich.
Ich zeige, wie schnell Künstler mit Behinderung verwiesen werden.
Sie werden auf Sonder-Formate verwiesen.
Das passiert auch dann, wenn ihre Arbeit keine besondere Förderung braucht.
Die Arbeit braucht nur Anerkennung.
Anerkennung bedeutet: Ein Lob bekommen.
Respekt von anderen Menschen bekommen.
14. Die Frage der Unterstützung
Es geht nicht um Ablehnung von Unterstützung.
Es geht um die Frage: Wer definiert, wann Unterstützung nötig ist?
Das Miss-Verständnis war: Ich sei für einen Preis geeignet.
Einen Preis für Menschen mit Assistenz-Bedarf.
Das ist kein Einzel-Fall.
Es ist Ausdruck eines Systems.
Das System traut Künstlern mit Behinderung nicht zu, sich zu behaupten.
Im allgemeinen Betrieb zu behaupten.
15. Der Ableismus-Artikel
Noch deutlicher wird das in meinem Artikel "Es regnet Ableismus".
Ableismus bedeutet: Menschen mit Behinderung schlecht behandeln.
Diese Menschen werden ausgeschlossen.
Sie bekommen nicht die gleichen Chancen.
Dort analysiere ich die Atelier-Gemeinschaft "Die Schlumper".
Und die Aktion-Kunst-Stiftung.
Diese sind Beispiele für Sonder-Welten.
Sichtbar wird eine Struktur.
In dieser Struktur werden Künstler mit Behinderung nur sichtbar.
Aber nur innerhalb geschlossener Systeme.
Sie werden betreut, kuratiert, administriert.
16. Die pädagogisierte Kultur-Arbeit
Was nach künstlerischer Förderung aussieht, ist in Wirklichkeit pädagogisierte Kultur-Arbeit.
Die Autorschaft bleibt unklar.
Die Teilhabe bleibt formal.
Die Stiftung vergibt Preise in Form von Gutscheinen.
Sie vergibt keine Preise in barer Würdigung.
Die Künstler sind sichtbar.
Aber sie sind nur innerhalb der Sonder-Struktur sichtbar.
17. Die kontrollierte Anerkennung
Das ist keine Inklusion.
Das ist kontrollierte Anerkennung.
Wer als Künstler mit Behinderung aus diesem System ausbrechen will, steht ohne Hilfe da.
Infrastruktur bedeutet: Wichtige Dinge für das Leben.
Zum Beispiel Straßen und Schulen.
Und das ist kein Zufall.
Es ist das Resultat einer Förder-Ökonomie.
Diese Förder-Ökonomie legitimiert sich selbst.
Sie leistet keine externe Rechenschaft.
18. Die Inszenierung
In meinem dritten Beitrag "Kunst verbindet" thematisiere ich ein weiteres Beispiel.
Es ist ein Beispiel für symbolpolitische Inszenierung.
Projekte wie "Kunst verbindet" suggerieren Begegnung.
Aber sie schaffen in Wirklichkeit abgeschlossene Räume.
In diesen Räumen werden Menschen mit Behinderung eingeladen.
Andere schauen sie dann an.
19. Die Kunst als Medium
Die Kunst dient dabei als Medium der Kontakt-Aufnahme.
Sie dient nicht als autonomer Ausdruck.
Autonomie bedeutet: Man entscheidet für sich selbst.
Man bestimmt selbst über sein Leben.
Begegnung wird nicht gelebt.
Sie wird demonstriert.
Die Biografien der Künstler werden hervorgehoben.
Ihre Werke werden in Zusammenhang mit ihrer Behinderung gestellt.
Der Ausstellungs-Titel "Kunst und Behinderung" ist dabei kein Thema.
Er ist ein Programm.
20. Der ableistische Slogan
Hinzu kommt ein Slogan wie "Begabung statt Behinderung".
Der Slogan macht deutlich, wie tief ableistische Vorstellungen eingebettet sind.
Begabung wird hier nicht als Möglichkeit dargestellt.
Sie wird als Ausnahme dargestellt.
Sie wird als etwas dargestellt, das die Behinderung kompensieren soll.
Es entsteht ein verzerrtes Bild.
Wer als Künstler mit Behinderung gilt, muss entweder besonders begabt sein.
Oder er muss besonders betreut sein.
Dass beides keine Voraussetzungen für Sichtbarkeit sein dürften, wird selten hinterfragt.
21. Die Forderungen
Inklusion darf nicht länger als Einladung verstanden werden.
Inklusion ist kein Zusatz.
Inklusion ist eine Frage der Gerechtigkeit.
Gleichberechtigung bedeutet: Alle Menschen haben die gleichen Rechte.
Frauen und Männer werden gleich behandelt.
Und sie beginnt nicht mit Sichtbarkeit.
Sie beginnt mit Entscheidungs-Macht.
Künstler mit Behinderung müssen in Jurys sitzen.
Sie müssen in Gremien sitzen.
Sie müssen in Auswahl-Kommissionen sitzen.
Ihre Perspektiven müssen Standards mit-bestimmen.
Sie müssen sich nicht Standards unterordnen.
Förder-Formate müssen transparent sein.
Transparenz bedeutet: Durchsichtig sein.
Man versteckt nichts vor anderen.
Sie müssen partizipativ und kontrollierbar sein.
Der Begriff der Barriere-Freiheit darf nicht reduziert werden.
Barriere-Freiheit bedeutet: Alle Menschen können etwas benutzen.
Niemand wird ausgeschlossen.
Er darf nicht nur auf bauliche Zugänglichkeit reduziert werden.
Er muss die strukturelle Teilhabe umfassen.
Er muss die sprachliche Teilhabe umfassen.
Er muss die soziale Teilhabe umfassen.
Er muss die ästhetische Teilhabe umfassen.
Ästhetisch bedeutet: Was ist schön?
Menschen denken über Schönheit nach.
22. Ein anderes Verständnis von Kunst
Und vor allem: Es braucht ein anderes Verständnis von Kunst.
Kunst ist nicht eine Leistung.
Kunst wird nicht an Norm-Maßstäben gemessen.
Kunst ist ein Ausdruck künstlerischer Souveränität.
Das gilt unter unterschiedlichen Bedingungen.
23. Das Fazit
Wenn ein Seminar wie "Perspektiv-Wechsel" diesen Anspruch nicht formuliert, dann ist der Begriff verfehlt.
Wenn es sich mit der Reproduktion interner Netzwerke begnügt, dann ist der Begriff verfehlt.
Dann wird der Perspektiv-Wechsel zur Kulisse.
Inklusion wird zur Geste.
Die Kunst-Welt darf sich nicht länger selbst entlasten.
Sie darf sich nicht über Förder-Logik entlasten.
Wer Strukturen aufbrechen will, muss bereit sein, sie zu dekonstruieren.
Wer Teilhabe ernst meint, muss Macht abgeben.
Solange dies nicht geschieht, bleibt Inklusion ein Etikett.
Und Künstler mit Behinderung bleiben Projekt-Partner.
Aber sie sind keine Partner auf Augen-Höhe.
Dieser Text ist in Leichter Sprache nach DIN SPEC 33429 geschrieben.

Foto: Ralph Milewski
Fladungen (kobinet) Anlass dieses Textes ist das im Frühjahr 2025 vom BBK Bundesverband, dem Deutschen Künstlerbund, der IGBK und dem British Council durchgeführte Seminar "Perspektivwechsel: Inklusion in der Bildenden Kunst". Angekündigt wurde ein Austausch zu strukturellem Gatekeeping, zur Rolle der Künstler:innenverbände und zu Best-Practice-Modellen aus dem Vereinigten Königreich. Das Thema, die beteiligten Institutionen und der Anspruch lassen aufhorchen – gerade weil der Begriff Inklusion zunehmend seiner politischen Sprengkraft beraubt und in systemkonforme Bedeutungen überführt wird. Es geht in dieser Kritik nicht um eine Ablehnung des Vorhabens, sondern um die ernst gemeinte Auseinandersetzung mit seiner strukturellen Verfasstheit, seinen Leerstellen und den Konsequenzen, die es hätte haben können – aber nicht hatte.
Bereits im Vorfeld des Seminars habe ich als Mitglied des BBK in einer E-Mail an die Veranstalter auf zentrale Problempunkte hingewiesen: auf die fehlende Einbindung von Entscheidungsträger:innen des allgemeinen Kunstbetriebs, auf die Gefahr geschlossener Inklusionsblasen, auf die Tendenz zur Sonderformatierung von Künstler:innen mit Behinderung. In der ersten Rückmeldung wurde höflich auf das begrenzte Ziel der Veranstaltung verwiesen: ein internes Seminar für Verbandsmitglieder, kein öffentlicher Diskursraum. In weiteren E-Mails wurde mir mitgeteilt, dass die Inhalte dokumentiert und ausgewertet würden. Auf meine Nachfragen wurde vage geantwortet. Erst auf ausdrückliche Initiative hin leitete Dr. Susanne Jaschko, Head of Arts beim British Council, zwei meiner veröffentlichten Artikel in ihre Netzwerke weiter – mit dem Hinweis, dass es auch andere Haltungen unter Künstler:innen mit Behinderung gebe. Diese E-Mailkommunikation ist nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit, wohl aber ein Beispiel für die institutionelle Zurückhaltung, Kritik zu integrieren, anstatt sie wirklich aufzunehmen. Die Dialogbereitschaft ist da, aber sie bleibt folgenlos.
Nach Veröffentlichung der Videoaufzeichnungen des Seminars zeigt sich ein deutliches Bild. Die Veranstaltung bleibt in der Struktur auf Funktionärsebene verhaftet. Der Teilnehmerkreis war beschränkt, das Format nicht öffentlich, der Dialog innerhalb der Verbände. Die Panels waren geprägt von Kurator:innen, Koordinator:innen und Vertreter:innen spezialisierter Institutionen. Künstler:innen mit Behinderung kamen punktuell zu Wort, aber nicht mit der strukturellen Autorität, die sie bräuchten, um tatsächlich mitzugestalten. Stattdessen dominierte eine Perspektive, die Beratung, Sichtbarkeit, Förderung und Zugang thematisierte – nicht aber Teilhabe, Gremienmacht oder Definitionsautorität. Der Begriff Inklusion wurde als Einladung formuliert, nicht als Anspruch. Damit wurde das Verhältnis zwischen struktureller Veränderung und individueller Förderung umgekehrt: Wer Zugang erhält, darf dankbar sein. Wer Systemkritik formuliert, bleibt optional.
Besonders deutlich wird das in den Gesprächsrunden zur künstlerischen Ausbildung. Dort wird sichtbar, dass Programme wie ArtPlus zwar Engagement erzeugen, aber keine institutionelle Verbindlichkeit. Einzelpersonen halten Strukturen aufrecht, die jederzeit zusammenbrechen können. Professor:innen ohne diskriminierungskritische Schulung übernehmen informelle Behindertenbeauftragungen, Studierende mit Behinderung müssen erklären, was Exklusion bedeutet. Aufnahmeverfahren, Meisterklassen und Curricula bleiben unangetastet. Inklusion erscheint als Zusatzmodul, nicht als Grundstruktur. Auch die Roundtable-Gespräche zu Best Practices aus dem Vereinigten Königreich – insbesondere die Vorstellung von Shape Arts – verdeutlichen das Dilemma. Die präsentierten Modelle bieten Unterstützung, Beratung und Plattformen, aber keine Umverteilung von institutioneller Macht. Disability wird zum kuratorischen Label, nicht zur Position in der Jury. Sichtbarkeit ersetzt Verantwortung. Förderung ersetzt Mitentscheidung. Was hier als Best Practice gilt, ist de facto eine Verstetigung der strukturellen Trennung – lediglich mit besserer Sprache.
Eine Ausnahme stellt das Gespräch mit Delaine Le Bas dar. Ihre Position ist klar politisch, erfahrungsgesättigt, wütend. Sie spricht über Gewalt, Ausgrenzung, Othering und Deklassierung. Sie benennt das Kunstsystem als reproduktiv, exklusiv, normativ. Doch auch ihre Position wird nicht integriert. Sie bleibt Auszeichnung, nicht Ausgangspunkt. Das System hört ihr zu, verändert sich aber nicht. Auch das ist Teil des Problems: radikale Stimmen werden zur Legitimation genutzt, ohne dass daraus Konsequenzen folgen. Die Differenz wird ausgestellt, nicht ernst genommen.
Diese Kritik ist nicht neu. Ich habe sie in mehreren Artikeln öffentlich gemacht. In „Zwischen Selbstbild und Fremdzuschreibung: Die Identitätsfalle der Behinderung“ reflektiere ich anhand einer konkreten Erfahrung, wie schnell Künstler:innen mit Behinderung auf Sonderformate verwiesen werden – selbst dann, wenn ihre Arbeit keine besondere Förderung benötigt, sondern nur Anerkennung als gleichwertige künstlerische Position. Es geht nicht um Ablehnung von Unterstützung, sondern um die Frage, wer definiert, wann und wie Unterstützung notwendig ist. Das Missverständnis, ich sei für einen Preis für Menschen mit Assistenzbedarf geeignet, ist kein Einzelfall. Es ist Ausdruck eines Systems, das Künstler:innen mit Behinderung strukturell nicht zutraut, sich im allgemeinen Betrieb zu behaupten.
Noch deutlicher wird das in meinem Artikel „Es regnet – Ableismus – auf Menschen (mit Behinderung)“. Dort analysiere ich die Ateliergemeinschaft „Die Schlumper“ und die Aktion-Kunst-Stiftung als Beispiele für institutionell abgesicherte Sonderwelten. Sichtbar wird eine Struktur, in der Künstler:innen mit Behinderung nur innerhalb geschlossener Systeme sichtbar werden – betreut, kuratiert, administriert. Was nach künstlerischer Förderung aussieht, ist in Wirklichkeit pädagogisierte Kulturarbeit. Die Autorschaft bleibt unklar, die Teilhabe formal. Die Stiftung vergibt Preise in Form von Gutscheinen, nicht in barer Würdigung. Die Künstler:innen sind sichtbar – aber nur innerhalb der Sonderstruktur. Das ist keine Inklusion, sondern kontrollierte Anerkennung. Wer als Künstler:in mit Behinderung aus diesem System ausbrechen will, steht ohne Infrastruktur da. Und das ist kein Zufall. Es ist das Resultat einer Förderökonomie, die sich selbst legitimiert – ohne externe Rechenschaft.
In meinem dritten Beitrag „Kunst verbindet – Seht her, wie wir Inklusion inszenieren“ thematisiere ich ein weiteres Beispiel dieser symbolpolitischen Inszenierung. Projekte wie „Kunst verbindet“ suggerieren Begegnung und Teilhabe, schaffen aber in Wirklichkeit abgeschlossene Räume, in denen Menschen mit Behinderung eingeladen werden, damit andere sie anschauen können. Die Kunst dient dabei als Medium der Kontaktaufnahme, nicht als autonomer Ausdruck. Begegnung wird nicht gelebt, sondern demonstriert. Die Biografien der Künstler:innen werden hervorgehoben, ihre Werke in Zusammenhang mit ihrer Behinderung gestellt. Der Ausstellungstitel „Kunst und Behinderung“ ist dabei kein Thema, sondern ein Programm. Hinzu kommt ein Slogan wie „Begabung statt Behinderung“, der unfreiwillig deutlich macht, wie tief ableistische Vorstellungen strukturell eingebettet sind. Begabung wird hier nicht als Möglichkeit, sondern als Ausnahme dargestellt, als etwas, das die Behinderung kompensieren soll. Es entsteht ein verzerrtes Bild: Wer als Künstler:in mit Behinderung gilt, muss entweder besonders begabt sein – oder besonders betreut. Dass beides keine Voraussetzungen für Sichtbarkeit sein dürften, wird selten hinterfragt.
Inklusion darf nicht länger als Einladung verstanden werden. Sie ist kein Zusatz, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Und sie beginnt nicht mit Sichtbarkeit, sondern mit Entscheidungsmacht. Künstler:innen mit Behinderung müssen in Jurys sitzen, in Gremien, in Auswahlkommissionen. Ihre Perspektiven müssen Standards mitbestimmen – nicht sich ihnen unterordnen. Förderformate müssen transparent, partizipativ und kontrollierbar sein. Der Begriff der Barrierefreiheit darf nicht länger auf bauliche Zugänglichkeit reduziert werden, sondern muss die strukturelle, sprachliche, soziale und ästhetische Teilhabe umfassen. Und vor allem: Es braucht ein anderes Verständnis von Kunst – nicht als Leistung, die an Normmaßstäben gemessen wird, sondern als Ausdruck künstlerischer Souveränität unter unterschiedlichen Bedingungen.
Wenn ein Seminar wie „Perspektivwechsel“ diesen Anspruch nicht formuliert, sondern sich mit der Reproduktion interner Netzwerke begnügt, dann ist der Begriff verfehlt. Dann wird der Perspektivwechsel zur Kulisse. Inklusion zur Geste. Die Kunstwelt darf sich nicht länger über Förderlogik selbst entlasten. Wer Strukturen aufbrechen will, muss bereit sein, sie zu dekonstruieren. Wer Teilhabe ernst meint, muss Macht abgeben.
Solange dies nicht geschieht, bleibt Inklusion ein Etikett. Und Künstler:innen mit Behinderung bleiben Projektpartner – aber keine Partner auf Augenhöhe.

Foto: Ralph Milewski
Fladungen (kobinet) Anlass dieses Textes ist das im Frühjahr 2025 vom BBK Bundesverband, dem Deutschen Künstlerbund, der IGBK und dem British Council durchgeführte Seminar "Perspektivwechsel: Inklusion in der Bildenden Kunst". Angekündigt wurde ein Austausch zu strukturellem Gatekeeping, zur Rolle der Künstler:innenverbände und zu Best-Practice-Modellen aus dem Vereinigten Königreich. Das Thema, die beteiligten Institutionen und der Anspruch lassen aufhorchen – gerade weil der Begriff Inklusion zunehmend seiner politischen Sprengkraft beraubt und in systemkonforme Bedeutungen überführt wird. Es geht in dieser Kritik nicht um eine Ablehnung des Vorhabens, sondern um die ernst gemeinte Auseinandersetzung mit seiner strukturellen Verfasstheit, seinen Leerstellen und den Konsequenzen, die es hätte haben können – aber nicht hatte.
Bereits im Vorfeld des Seminars habe ich als Mitglied des BBK in einer E-Mail an die Veranstalter auf zentrale Problempunkte hingewiesen: auf die fehlende Einbindung von Entscheidungsträger:innen des allgemeinen Kunstbetriebs, auf die Gefahr geschlossener Inklusionsblasen, auf die Tendenz zur Sonderformatierung von Künstler:innen mit Behinderung. In der ersten Rückmeldung wurde höflich auf das begrenzte Ziel der Veranstaltung verwiesen: ein internes Seminar für Verbandsmitglieder, kein öffentlicher Diskursraum. In weiteren E-Mails wurde mir mitgeteilt, dass die Inhalte dokumentiert und ausgewertet würden. Auf meine Nachfragen wurde vage geantwortet. Erst auf ausdrückliche Initiative hin leitete Dr. Susanne Jaschko, Head of Arts beim British Council, zwei meiner veröffentlichten Artikel in ihre Netzwerke weiter – mit dem Hinweis, dass es auch andere Haltungen unter Künstler:innen mit Behinderung gebe. Diese E-Mailkommunikation ist nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit, wohl aber ein Beispiel für die institutionelle Zurückhaltung, Kritik zu integrieren, anstatt sie wirklich aufzunehmen. Die Dialogbereitschaft ist da, aber sie bleibt folgenlos.
Nach Veröffentlichung der Videoaufzeichnungen des Seminars zeigt sich ein deutliches Bild. Die Veranstaltung bleibt in der Struktur auf Funktionärsebene verhaftet. Der Teilnehmerkreis war beschränkt, das Format nicht öffentlich, der Dialog innerhalb der Verbände. Die Panels waren geprägt von Kurator:innen, Koordinator:innen und Vertreter:innen spezialisierter Institutionen. Künstler:innen mit Behinderung kamen punktuell zu Wort, aber nicht mit der strukturellen Autorität, die sie bräuchten, um tatsächlich mitzugestalten. Stattdessen dominierte eine Perspektive, die Beratung, Sichtbarkeit, Förderung und Zugang thematisierte – nicht aber Teilhabe, Gremienmacht oder Definitionsautorität. Der Begriff Inklusion wurde als Einladung formuliert, nicht als Anspruch. Damit wurde das Verhältnis zwischen struktureller Veränderung und individueller Förderung umgekehrt: Wer Zugang erhält, darf dankbar sein. Wer Systemkritik formuliert, bleibt optional.
Besonders deutlich wird das in den Gesprächsrunden zur künstlerischen Ausbildung. Dort wird sichtbar, dass Programme wie ArtPlus zwar Engagement erzeugen, aber keine institutionelle Verbindlichkeit. Einzelpersonen halten Strukturen aufrecht, die jederzeit zusammenbrechen können. Professor:innen ohne diskriminierungskritische Schulung übernehmen informelle Behindertenbeauftragungen, Studierende mit Behinderung müssen erklären, was Exklusion bedeutet. Aufnahmeverfahren, Meisterklassen und Curricula bleiben unangetastet. Inklusion erscheint als Zusatzmodul, nicht als Grundstruktur. Auch die Roundtable-Gespräche zu Best Practices aus dem Vereinigten Königreich – insbesondere die Vorstellung von Shape Arts – verdeutlichen das Dilemma. Die präsentierten Modelle bieten Unterstützung, Beratung und Plattformen, aber keine Umverteilung von institutioneller Macht. Disability wird zum kuratorischen Label, nicht zur Position in der Jury. Sichtbarkeit ersetzt Verantwortung. Förderung ersetzt Mitentscheidung. Was hier als Best Practice gilt, ist de facto eine Verstetigung der strukturellen Trennung – lediglich mit besserer Sprache.
Eine Ausnahme stellt das Gespräch mit Delaine Le Bas dar. Ihre Position ist klar politisch, erfahrungsgesättigt, wütend. Sie spricht über Gewalt, Ausgrenzung, Othering und Deklassierung. Sie benennt das Kunstsystem als reproduktiv, exklusiv, normativ. Doch auch ihre Position wird nicht integriert. Sie bleibt Auszeichnung, nicht Ausgangspunkt. Das System hört ihr zu, verändert sich aber nicht. Auch das ist Teil des Problems: radikale Stimmen werden zur Legitimation genutzt, ohne dass daraus Konsequenzen folgen. Die Differenz wird ausgestellt, nicht ernst genommen.
Diese Kritik ist nicht neu. Ich habe sie in mehreren Artikeln öffentlich gemacht. In „Zwischen Selbstbild und Fremdzuschreibung: Die Identitätsfalle der Behinderung“ reflektiere ich anhand einer konkreten Erfahrung, wie schnell Künstler:innen mit Behinderung auf Sonderformate verwiesen werden – selbst dann, wenn ihre Arbeit keine besondere Förderung benötigt, sondern nur Anerkennung als gleichwertige künstlerische Position. Es geht nicht um Ablehnung von Unterstützung, sondern um die Frage, wer definiert, wann und wie Unterstützung notwendig ist. Das Missverständnis, ich sei für einen Preis für Menschen mit Assistenzbedarf geeignet, ist kein Einzelfall. Es ist Ausdruck eines Systems, das Künstler:innen mit Behinderung strukturell nicht zutraut, sich im allgemeinen Betrieb zu behaupten.
Noch deutlicher wird das in meinem Artikel „Es regnet – Ableismus – auf Menschen (mit Behinderung)“. Dort analysiere ich die Ateliergemeinschaft „Die Schlumper“ und die Aktion-Kunst-Stiftung als Beispiele für institutionell abgesicherte Sonderwelten. Sichtbar wird eine Struktur, in der Künstler:innen mit Behinderung nur innerhalb geschlossener Systeme sichtbar werden – betreut, kuratiert, administriert. Was nach künstlerischer Förderung aussieht, ist in Wirklichkeit pädagogisierte Kulturarbeit. Die Autorschaft bleibt unklar, die Teilhabe formal. Die Stiftung vergibt Preise in Form von Gutscheinen, nicht in barer Würdigung. Die Künstler:innen sind sichtbar – aber nur innerhalb der Sonderstruktur. Das ist keine Inklusion, sondern kontrollierte Anerkennung. Wer als Künstler:in mit Behinderung aus diesem System ausbrechen will, steht ohne Infrastruktur da. Und das ist kein Zufall. Es ist das Resultat einer Förderökonomie, die sich selbst legitimiert – ohne externe Rechenschaft.
In meinem dritten Beitrag „Kunst verbindet – Seht her, wie wir Inklusion inszenieren“ thematisiere ich ein weiteres Beispiel dieser symbolpolitischen Inszenierung. Projekte wie „Kunst verbindet“ suggerieren Begegnung und Teilhabe, schaffen aber in Wirklichkeit abgeschlossene Räume, in denen Menschen mit Behinderung eingeladen werden, damit andere sie anschauen können. Die Kunst dient dabei als Medium der Kontaktaufnahme, nicht als autonomer Ausdruck. Begegnung wird nicht gelebt, sondern demonstriert. Die Biografien der Künstler:innen werden hervorgehoben, ihre Werke in Zusammenhang mit ihrer Behinderung gestellt. Der Ausstellungstitel „Kunst und Behinderung“ ist dabei kein Thema, sondern ein Programm. Hinzu kommt ein Slogan wie „Begabung statt Behinderung“, der unfreiwillig deutlich macht, wie tief ableistische Vorstellungen strukturell eingebettet sind. Begabung wird hier nicht als Möglichkeit, sondern als Ausnahme dargestellt, als etwas, das die Behinderung kompensieren soll. Es entsteht ein verzerrtes Bild: Wer als Künstler:in mit Behinderung gilt, muss entweder besonders begabt sein – oder besonders betreut. Dass beides keine Voraussetzungen für Sichtbarkeit sein dürften, wird selten hinterfragt.
Inklusion darf nicht länger als Einladung verstanden werden. Sie ist kein Zusatz, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Und sie beginnt nicht mit Sichtbarkeit, sondern mit Entscheidungsmacht. Künstler:innen mit Behinderung müssen in Jurys sitzen, in Gremien, in Auswahlkommissionen. Ihre Perspektiven müssen Standards mitbestimmen – nicht sich ihnen unterordnen. Förderformate müssen transparent, partizipativ und kontrollierbar sein. Der Begriff der Barrierefreiheit darf nicht länger auf bauliche Zugänglichkeit reduziert werden, sondern muss die strukturelle, sprachliche, soziale und ästhetische Teilhabe umfassen. Und vor allem: Es braucht ein anderes Verständnis von Kunst – nicht als Leistung, die an Normmaßstäben gemessen wird, sondern als Ausdruck künstlerischer Souveränität unter unterschiedlichen Bedingungen.
Wenn ein Seminar wie „Perspektivwechsel“ diesen Anspruch nicht formuliert, sondern sich mit der Reproduktion interner Netzwerke begnügt, dann ist der Begriff verfehlt. Dann wird der Perspektivwechsel zur Kulisse. Inklusion zur Geste. Die Kunstwelt darf sich nicht länger über Förderlogik selbst entlasten. Wer Strukturen aufbrechen will, muss bereit sein, sie zu dekonstruieren. Wer Teilhabe ernst meint, muss Macht abgeben.
Solange dies nicht geschieht, bleibt Inklusion ein Etikett. Und Künstler:innen mit Behinderung bleiben Projektpartner – aber keine Partner auf Augenhöhe.





Worte wie Skalpell – klar, bewusst, notwendig.
Was Milewski hier öffnet, ist kein neuer Diskurs, sondern eine alte Wunde.
Und doch spricht er das aus, was oft nur leise gedacht wird:
Dass Inklusion kein höfliches Nicken sein darf, sondern Umverteilung. Kein Applaus für Ausnahmebiografien, sondern Augenhöhe im Alltag. Ich kenne diese Schleifen – zwischen Projektstatus und echter Teilhabe, zwischen Bühne und Bevormundung.
Doch Kunst will nicht integriert werden, sie will gestalten. Nicht gefragt, ob sie darf – sondern ausgestattet, damit sie kann.
Danke für diesen Spiegel. Und für den Mut, ihn nicht weichzuzeichnen.
Herzliche Grüße
Mit Worten unterwegs
Oliver Gruber – Autor, lyrischer Denker und musikalischer Kopf mit Haltung