Foto: Ella Don
München (kobinet)
Nach dem Protest ist vor dem Protest. Erst am 18. Juli 2026 fand in München der Randgruppekrawall statt. Unter dem Motto "Wir sind stolz und wir sind laut! Barrieren werden abgebaut!" geht es am 24. Juli 2026 weiter. Der Behindertenbeirat der Landeshauptstadt München ruft für diesen Tag um 15:00 Uhr zu einer Demonstration am Odeonplatz für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf. Doch zuvor blickt Nancy Frind in einem Bericht für die kobinet-nachrichten auf die Veranstaltung zum Randgruppenkrawall am vergangenen Samstag, den 18. Juli 2026, in ihrem Bericht zurück. Für Nancy Frind ist klar: "nur wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen, können wir echte Veränderungen erreichen."
Bericht von Nancy Frind
Am 18. Juli 2026 war ich in München bei der Demonstration Randgruppenkrawall 2026 für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Dort durfte ich den Landesverband für Frauen mit Behinderungen Thüringen vertreten und über Themen sprechen, die noch immer viel zu oft tabuisiert werden. Im Mittelpunkt stand für mich die Selbstbestimmung von Frauen mit Behinderungen. Jede Frau hat das Recht, selbst über ihren Körper und ihr Leben zu entscheiden. Dazu gehören das Recht auf einen Kinderwunsch, auf eine Schwangerschaft, auf die notwendige Unterstützung als Mutter und ebenso das Recht, selbst über eine Schwangerschaft zu entscheiden. Diese Entscheidungen dürfen niemandem abgenommen werden.
Ich habe außerdem das Thema Sterilisation angesprochen. Es ist erschreckend, dass es auch heute noch Fälle gibt, in denen Frauen mit Behinderungen nicht frei und selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden können. Darüber müssen wir sprechen, denn körperliche Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht.
Für mich geht es aber um noch viel mehr: um Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion. Gemeinsam müssen wir darüber sprechen, wie wir eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen mit Behinderungen selbstverständlich dazugehören. Barrierefreiheit bedeutet für mich nicht nur eine Rampe oder einen Aufzug. Sie bedeutet auch, Menschen mit Respekt zu begegnen, zuzuhören, Ängste und Sorgen ernst zu nehmen und auf Augenhöhe miteinander umzugehen. Gerade Frauen mit Behinderungen müssen sich sicher fühlen und wissen, dass sie ernst genommen werden.
Ein herzliches Dankeschön geht an Patricia Koller, die mich auch in diesem Jahr wieder eingeladen hat. Darüber freue ich mich jedes Mal sehr, denn das ist für mich nicht selbstverständlich. Wir hatten gestern ein gutes und offenes Gespräch. Vielen Dank für deine Einladung und dafür, dass ich wieder nach München kommen durfte.
Ebenso möchte ich mich bei Katrin Langensiepen bedanken. Sie hat dieses wichtige Thema ebenfalls offen angesprochen und deutlich gemacht, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen. Mein Dank gilt auch allen anderen Rednerinnen für ihre starken und wichtigen Beiträge.
Ein Gespräch gestern ist mir besonders im Kopf geblieben: Ein junger Mann fragte mich, warum ich so viel über Frauen spreche. Meine Antwort war einfach: Ich vertrete den Landesverband für Frauen mit Behinderungen in Thüringen. Genau dafür setze ich mich ein. Natürlich habe ich ihn ausreden lassen und ihm erklärt, dass es auch andere Verbände und Anlaufstellen gibt, die Männer unterstützen. So wie es Frauenbeauftragte gibt, die sich für Frauen einsetzen, setze ich mich für Frauen mit Behinderungen ein. Das ist meine Aufgabe, und dafür werde ich mich auch weiterhin mit voller Überzeugung einsetzen.
Gemeinsam müssen wir darüber sprechen, wie Barrierefreiheit in der Praxis umgesetzt werden kann – mit Ärztinnen und Ärzten, Frauenhäusern, Beratungsstellen, der Polizei und vielen weiteren Akteurinnen und Akteuren. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen, Lösungen entwickeln und auch darüber sprechen, wie Barrierefreiheit finanziert und nachhaltig umgesetzt werden kann. Nur wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen, können wir echte Veränderungen erreichen.
Protest gegen Kürzungen der Regierung im sozialen Bereich
Nach Informationen des Behindertenverband Bayern begann die Veranstaltung mit einem Gewitter und einem heftigen Platzregen, doch die Menge blieb und harrte geduldig aus. Rund 1.000 Menschen setzten ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung, Sozialabbau und Ausgrenzung. Sieben Stunden lang machten Menschen mit Behinderungen, Angehörige und Unterstützende auf bestehende Missstände aufmerksam und forderten die konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand den Veranstaltern zufolge die Kritik an einer Politik, die Menschen mit Behinderungen weiterhin benachteiligt und ausgerechnet bei denen, die am dringendsten Hilfe benötigen und die sich am wenigsten wehren können, an der notwendigen Unterstützung sparen will. Die Redebeiträge machten deutlich, dass Selbstbestimmung, Barrierefreiheit und gleichberechtigte Teilhabe keine freiwilligen Leistungen, sondern grundlegendes Menschenrecht sind.
Immer wieder kamen nach Informationen des Behindertenverband Bayern auch die Verbrechen der NS-Diktatur zur Sprache. Eine Zeit, in der die Nationalsozialisten Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen in einem Massenmord vernichteten. Dass es für so viele Betroffene wichtig war, dies zu erwähnen, zeigt nach Ansicht von Patricia Koller, wie groß die Angst derzeit unter ihnen ist.Die Historikerin Dr. Sibylle von Tiedemann von der Gedenkinitiative für die NS-"Euthanasie"-Mordopfer hielt dazu auch einen sehr interessanten Vortrag.
Ein besonderer Schwerpunkt war in diesem Jahr der Katastrophenschutz für Menschen mit Behinderungen. Bernd Endress kritisierte, dass Menschen mit Behinderungen bei Hitzeschutz, Evakuierungen, Stromausfällen oder anderen Krisenszenarien noch immer viel zu selten mitgedacht werden. Ein wirksamer Katastrophenschutz müsse von Anfang an inklusiv geplant werden und die Bedürfnisse aller Menschen berücksichtigen. Die Veranstaltung machte zugleich die Vielfalt behinderter Lebensrealitäten sichtbar. Thematisiert wurden unter anderem auch unsichtbare Behinderungen wie ME/CFS und Long Covid, die Situation Psychiatrie-Erfahrener, die Herausforderungen pflegender Angehöriger sowie Barrieren in den Bereichen Mobilität, Wohnen, Assistenz und Gesundheitsversorgung. Damit zeigte der Randgruppenkrawall erneut, dass Inklusion weit mehr bedeutet als Barrierefreiheit im öffentlichen Raum.
Auf Instagram folgen in den kommenden Tagen noch einige Fotos und auf YouTube wird es für alle, die nicht live dabei sein konnten, Videos von der Veranstaltung geben.





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