Menu Close

Unheimliche Begegnung der dritten Art?

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Unheimliche Begegnung
Unheimliche Begegnung
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet)

Das Recht auf Bedeutungslosigkeit

Ich bin kein Alien.

Ich gehöre keiner fremden Spezies an. Ich komme nicht von einem anderen Planeten. Ich bin auch kein seltenes Tier, das man einmal aus der Nähe gesehen haben sollte.

Trotzdem scheint die Begegnung mit Menschen wie mir etwas zu sein, das organisiert werden muss.

Menschen mit und ohne Behinderung sollen einander "begegnen".

Das Wort begegnet mir immer wieder. In Projekten, Veranstaltungen, Aktionswochen, Freizeitangeboten, Kulturveranstaltungen und irgendwelchen inklusiven Formaten sollen "Begegnungsräume" geschaffen werden. Dort sollen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander in Kontakt kommen.

Und diese Begegnungen sollen erstaunlich viel bewirken.

Sie sollen Berührungsängste abbauen. Vorurteile abbauen. Hemmschwellen senken. Unsicherheiten überwinden. Ängste nehmen. Verständnis schaffen. Einblicke in "andere Lebenswelten" ermöglichen. Perspektivwechsel anregen. Empathie fördern. Sensibilität schaffen. Akzeptanz, Toleranz und Offenheit fördern. Gemeinsamkeiten entdecken lassen. Unterschiede wertschätzen. Vielfalt erlebbar machen. Barrieren in den Köpfen abbauen. Distanz verringern. soziale Nähe herstellen. Dialog fördern. Gemeinschaft schaffen. gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Teilhabe ermöglichen. Ausgrenzung entgegenwirken und schließlich sogar ein "selbstverständliches Miteinander" ermöglichen.

Beeindruckend.

Was genau bin ich eigentlich?

Bitte nicht füttern

Wenn Menschen erst ihre Berührungsängste überwinden müssen, bevor sie mir begegnen können, scheint von mir eine gewisse Gefahr auszugehen.

Man sollte sich mir offenbar behutsam nähern.

Keine hektischen Bewegungen.

Ruhig bleiben.

Blickkontakt herstellen.

Vielleicht vorsichtig ein Gespräch beginnen.

Der Begriff "Berührungsangst" ist dabei besonders bemerkenswert. Ängste kennt man. Menschen haben Angst vor Spinnen, Schlangen, engen Räumen, großen Höhen oder dem Fliegen. Manche dieser Ängste behandelt man durch kontrollierte Konfrontation mit dem Gegenstand der Angst.

Und dann gibt es Begegnungsprojekte mit Menschen mit Behinderung.

Dort kann man positive Erfahrungen sammeln. Unsicherheiten überwinden. Hemmschwellen senken. Berührungsängste abbauen.

Das klingt verdächtig nach Expositionstherapie.

Nur bin ich in diesem Fall die Spinne.

Willkommen in einer anderen Lebenswelt

Sehr beliebt ist auch der Wunsch, durch Begegnungen "Einblicke in andere Lebenswelten" zu ermöglichen.

Das fasziniert mich.

Welche andere Lebenswelt?

Ich lebe auf demselben Planeten. Ich benutze dieselbe Währung. Ich schaue denselben Mist auf Social Media. Ich fahre über dieselben Straßen. Ich kaufe in denselben Geschäften ein. Ich freue mich über gutes Essen und ärgere mich über schlechtes Wetter.

Meine Welt ist nicht hinter einem Dimensionsportal verborgen.

Und trotzdem scheint sie so weit entfernt zu sein, dass Menschen erst durch ein besonderes Angebot einen "Einblick" in sie erhalten müssen.

Vielleicht sollte uns genau das misstrauisch machen.

Denn wenn zwei Gruppen in derselben Gesellschaft leben und dennoch von unterschiedlichen "Lebenswelten" gesprochen wird, dann stellt sich eine ziemlich einfache Frage:

Wer hat diese Welten eigentlich getrennt?

Die fremde Spezies

Menschen mit Behinderung existieren nicht erst seit gestern.

Sie wurden nicht kürzlich entdeckt.

Es gab keine Expedition in ein unbekanntes Gebiet, bei der Wissenschaftler plötzlich auf eine Population von Rollstuhlfahrern stießen.

Und trotzdem reden wir über Begegnungen teilweise so, als müssten zwei bislang unbekannte Spezies miteinander bekannt gemacht werden.

Hier die Menschen ohne Behinderung.

Dort die Menschen mit Behinderung.

Nun führen wir sie vorsichtig zusammen.

Sie sollen sich kennenlernen.

Gemeinsamkeiten entdecken.

Unterschiede wertschätzen.

Ängste verlieren.

Verständnis füreinander entwickeln.

Vielleicht stellen beide Seiten am Ende erstaunt fest, dass auch die jeweils andere Art Gefühle besitzt.

Unheimliche Begegnung der dritten Art.

Nur ohne Raumschiff.

Wer therapiert hier eigentlich wen?

Besonders interessant ist die Richtung dieser pädagogischen Veranstaltung.

Wer soll denn seine Berührungsängste abbauen?

Wer braucht mehr Sensibilität?

Wer soll Einblicke in eine andere Lebenswelt erhalten?

Wer muss seine Vorurteile überwinden?

Wer soll lernen, dass Vielfalt eine Bereicherung ist?

Meistens ist ziemlich klar, wer gemeint ist.

Der Mensch ohne Behinderung soll etwas lernen.

Und der Mensch mit Behinderung steht dafür zur Verfügung.

Ich werde damit zum pädagogischen Anschauungsobjekt.

An mir kann man Toleranz üben.

An mir kann man Empathie entwickeln.

Durch mich kann man einen Perspektivwechsel erleben.

Meine Anwesenheit soll Barrieren in fremden Köpfen beseitigen.

Ich bin gewissermaßen gesellschaftliches Schulungsmaterial mit Puls.

Das ist eine merkwürdige Aufgabe für einen Menschen, der angeblich einfach dazugehören soll.

Begegnungstag mit Menschen ohne Behinderung

Vielleicht sollten wir das Ganze einmal umdrehen.

Wir veranstalten einen Begegnungstag mit Menschen ohne Behinderung.

Zwanzig nichtbehinderte Menschen werden für einen Nachmittag in einem barrierefreien Gemeindezentrum versammelt.

Menschen mit Behinderung dürfen vorbeikommen.

Unter fachkundiger Begleitung können sie erste Kontakte mit Nichtbehinderten aufnehmen und bestehende Berührungsängste abbauen.

In kleinen Gesprächsrunden erhalten sie Einblicke in die Lebenswelt nichtbehinderter Menschen.

Wie leben sie?

Was beschäftigt sie?

Welche Bedürfnisse haben sie?

Durch gemeinsame Spiele und kreative Aktivitäten können Vorurteile abgebaut und Gemeinsamkeiten entdeckt werden. Die unmittelbare Begegnung hilft dabei, Hemmschwellen zu senken und Nichtbehinderte nicht länger nur über stereotype Vorstellungen wahrzunehmen.

Beim abschließenden gemeinsamen Grillen erleben alle Beteiligten Vielfalt als Bereicherung.

Natürlich achten wir darauf, dass genügend Menschen ohne Behinderung anwesend sind.

Sonst wäre es ja kein inklusiver Begegnungstag.

Das klingt grotesk.

Warum?

Weil Menschen ohne Behinderung keine besondere Begegnungsgruppe sind.

Man begegnet ihnen überall.

Genau.

Erst verschwinden lassen, dann Begegnung schaffen

Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem.

Menschen mit Behinderung werden seit Generationen gesellschaftlich sortiert.

Besondere Schulen.

Besondere Arbeitswelten.

Besondere Wohnformen.

Besondere Beförderung.

Besondere Freizeitangebote.

Besondere Tagesstrukturen.

Besondere Zuständigkeiten.

Dann stellt man irgendwann fest, dass Menschen ohne Behinderung im gewöhnlichen Alltag erstaunlich wenig Kontakt mit bestimmten Menschen mit Behinderung haben.

Welch Überraschung.

Und nun diagnostiziert man "Berührungsängste".

Also schafft man Begegnungsangebote.

Die Logik sieht ungefähr so aus:

Wir trennen Menschen voneinander.

Dadurch begegnen sie sich nicht.

Dadurch werden sie einander fremd.

Die Fremdheit erzeugt Unsicherheit.

Die Unsicherheit nennen wir Berührungsangst.

Und gegen diese Berührungsangst veranstalten wir Begegnungsprojekte.

Anschließend nennen wir das Inklusion.

Man könnte natürlich auch die Trennung abschaffen.

Aber das wäre vermutlich komplizierter.

Begegnung auf Augenhöhe

Auch "Begegnung auf Augenhöhe" gehört zu diesen wunderbaren Formulierungen.

Warum muss das eigentlich dazugesagt werden?

Auf welcher Höhe findet eine gewöhnliche Begegnung statt?

Wenn ich in einem Café sitze und am Nebentisch sitzt jemand ohne Behinderung, dann befinden wir uns nicht in einem Begegnungsprojekt.

Wir sind einfach beide im Café.

Vielleicht kommen wir ins Gespräch.

Vielleicht nicht.

Vielleicht finden wir uns sympathisch.

Vielleicht geht mir der andere nach drei Minuten gewaltig auf die Nerven.

Vielleicht beachten wir uns überhaupt nicht.

Niemand muss dabei etwas lernen.

Niemand muss seine Perspektive wechseln.

Niemand muss Vielfalt erleben.

Niemand muss Vorurteile abbauen.

Niemand muss hinterher einen Evaluationsbogen ausfüllen und angeben, ob sich seine Einstellung gegenüber der jeweils anderen Spezies verbessert hat.

Wir dürfen sogar völlig bedeutungslos füreinander bleiben.

Das ist Begegnung auf Augenhöhe.

Nicht weil jemand sie so genannt hat.

Sondern weil keiner für den anderen dort ist.

Ich möchte nicht eure Bereicherung sein

Auch der Satz, Vielfalt müsse als Bereicherung "erlebbar" werden, hat seine Tücken.

Ich möchte nicht zwingend die Bereicherung eines anderen Menschen sein.

Vielleicht bin ich eine Bereicherung.

Vielleicht auch nicht.

Vielleicht bin ich interessant, vielleicht langweilig. Vielleicht sympathisch, vielleicht unausstehlich.

Das darf bei Menschen vorkommen.

Meine gesellschaftliche Zugehörigkeit kann jedenfalls nicht davon abhängen, ob jemand meine Anwesenheit als Bereicherung empfindet.

Auch Menschen ohne Behinderung müssen ihre Existenz nicht dadurch legitimieren, dass andere durch die Begegnung mit ihnen persönlich wachsen.

Sie dürfen einfach da sein.

Dieses Recht hätte ich auch gerne.

Ich möchte auch nicht toleriert werden

Ähnlich geht es mir mit der Toleranz.

Tolerieren kann man Dinge, die einem eigentlich nicht gefallen.

Lärm vom Nachbarn.

Eine schlechte Angewohnheit.

Eine Meinung, die man nicht teilt.

Und offenbar Menschen mit Behinderung.

Vielen Dank für die Toleranz.

Aber ich brauche keine gesellschaftliche Duldung.

Ich brauche auch keine Akzeptanzveranstaltung.

Ich gehöre zu dieser Gesellschaft unabhängig davon, ob jemand meine Existenz interessant, bereichernd, inspirierend oder gewöhnungsbedürftig findet.

Inklusion beginnt nicht dort, wo andere gelernt haben, mich nett zu finden.

Das Recht auf Bedeutungslosigkeit

Vielleicht ist das sogar ein unterschätzter Bestandteil wirklicher Gleichheit:

das Recht, für andere Menschen vollkommen bedeutungslos zu sein.

Ich muss niemandem eine Lektion erteilen.

Ich muss keine Perspektive verändern.

Ich muss keine Empathie erzeugen.

Ich muss niemandem Mut machen.

Ich muss keine Vielfalt repräsentieren.

Ich muss keine Berührungsangst abbauen.

Ich muss niemandem zeigen, dass "Menschen mit Behinderung auch ganz normale Menschen sind".

Ich darf einfach irgendwo sitzen und meinen Kaffee trinken.

Die Frau am Nebentisch darf mich ignorieren.

Ich darf sie ignorieren.

Das wäre vielleicht eine der unspektakulärsten Formen von Inklusion überhaupt.

Keine Begegnung erforderlich

Eine Gesellschaft, in der Menschen tatsächlich dazugehören, braucht keine besonderen Begegnungsprojekte mit ihnen.

Sie begegnet ihnen ohnehin.

In der Schule.

Bei der Arbeit.

Im Sportverein.

Im Restaurant.

Im Theater.

Im Bus.

Beim Einkaufen.

Auf der Straße.

Beim Nachbarn.

Und irgendwann verliert diese Begegnung ihre pädagogische Bedeutung.

Niemand berichtet anschließend davon.

Niemand fotografiert die Beteiligten für den Projektbericht.

Niemand schreibt darunter, wie wunderbar es gewesen sei, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam gelacht hätten.

Sie haben eben gelacht.

Menschen tun so etwas gelegentlich.

Vielleicht wäre genau das der Zustand, den wir einmal Inklusion nennen wollten.

Nicht die organisierte Begegnung zweier Gruppen.

Sondern das Verschwinden der Vorstellung, dass es für ihre Begegnung überhaupt einen besonderen Anlass braucht.

Ich bin kein Alien.

Ich bin kein Monster.

Ich bin kein Exot.

Ich gehöre keiner dritten Art an.

Ihr müsst keine Berührungsängste abbauen, bevor ihr euch mir nähern dürft.

Ihr müsst meine Lebenswelt nicht kennenlernen.

Ihr müsst durch mich keine besseren Menschen werden.

Ihr müsst mir nicht begegnen.

Ich bin schon da!

Epilog

Achtung, Achtung.

Das Gehege ist offen.

Die Behinderten sind los.

Sie könnten Ihnen ab sofort überall begegnen.

In der Schule.
Bei der Arbeit.
Im Café.
Im Theater.
Im Bus.
Beim Einkaufen.
In Ihrer Nachbarschaft.

Bitte bewahren Sie Ruhe.

Vermeiden Sie hektische Bewegungen.

Berührungsängste sind zwecklos.

Eine pädagogische Begleitung kann leider nicht gewährleistet werden.

Auch ein vorbereitender Perspektivwechsel ist nicht mehr möglich.

Die Betroffenen wurden nicht darüber informiert, dass sie für Ihre persönliche Entwicklung zuständig sind.

Es kann daher vorkommen, dass einzelne Exemplare keinerlei Interesse daran zeigen, Ihre Vorurteile abzubauen, Ihre Empathie zu fördern oder Ihnen Einblicke in ihre Lebenswelt zu ermöglichen.

Von Fragen nach der Bereicherung durch Vielfalt bitten wir abzusehen.

Mit Toleranzversuchen ist ebenfalls einzustellen.

Die bisher vorgesehenen Begegnungszeiten entfallen.

Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte niemanden.

Gewöhnen Sie sich dran.

Wir sind jetzt überall.

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Lesermeinungen
Neueste
Älteste
0
Wir würden gerne Ihre Meinung lesen, schreiben Sie einen Leserbrief!x