Fladungen (kobinet)
Jetzt folgt ein ironischer Text.
Ironie bedeutet: Man sagt das Gegenteil von dem, was man meint.
So zeigt die Autorin: Diese Situation ist nicht richtig.
Ich bin kein Alien.
Ein Alien ist ein Wesen aus dem Weltall.
Es kommt nicht von der Erde.
Ich bin auch kein seltenes Tier.
Ich komme nicht von einem anderen Planeten.
Trotzdem organisieren andere oft meine Begegnung mit Menschen.
Begegnung bedeutet: Menschen treffen sich.
Sie reden miteinander und lernen sich kennen.
Menschen mit und ohne Behinderung sollen einander begegnen.
Eine Behinderung macht manche Sachen schwierig.
Man braucht oft mehr Hilfe als andere Menschen.
Dafür machen Organisationen spezielle Angebote.
Das nennt man Begegnungs-Projekte.
Begegnungs-Projekte sind geplante Treffen.
Menschen sollen sich dort kennenlernen.
Diese Begegnungen sollen viel bewirken.
Sie sollen Ängste abbauen.
Sie sollen Vorurteile abbauen.
Ein Vorurteil ist eine Meinung über jemanden.
Diese Meinung stimmt oft nicht.
Sie sollen Verständnis schaffen.
Sie sollen normales Miteinander ermöglichen.
Was genau bin ich eigentlich?
Bitte nicht füttern
Das ist ein ironischer Abschnitt.
Die Autorin zeigt damit: Die Situation ist seltsam und falsch.
Manche Menschen haben Berührungs-Angst vor mir.
Berührungs-Angst bedeutet: Jemand traut sich nicht, auf mich zuzugehen.
Man hat Angst vor dem Kontakt mit mir.
Das klingt so: Von mir geht eine Gefahr aus.
Man soll sich mir vorsichtig nähern.
Vielleicht vorsichtig ein Gespräch beginnen.
Menschen haben Angst vor Spinnen oder Schlangen.
Manchmal behandelt man diese Angst durch Konfrontation.
Konfrontation bedeutet: Man nähert sich der Sache, vor der man Angst hat.
So soll die Angst kleiner werden.
Dann verliert man die Angst.
Begegnungs-Projekte mit Menschen mit Behinderung funktionieren ähnlich.
Das klingt nach Behandlung gegen Angst.
Behandlung bedeutet: Ein Arzt oder Helfer hilft bei einer Krankheit oder Angst.
Der Mensch soll sich danach besser fühlen.
Bei Begegnungs-Projekten bin ich wie die Spinne.
Andere Menschen sollen durch Treffen mit mir ihre Angst verlieren.
Willkommen in einer anderen Lebens-Welt
Begegnungs-Projekte sollen Einblicke in andere Lebens-Welten ermöglichen.
Lebens-Welt bedeutet: So lebt ein Mensch.
Das sind die Orte und Menschen um eine Person herum.
Aber ich lebe auf demselben Planeten wie alle anderen.
Ich benutze dasselbe Geld.
Ich kaufe in denselben Geschäften ein.
Meine Welt ist nicht weit entfernt.
Und trotzdem brauchen Menschen einen besonderen Einblick in sie.
Das sollte uns nachdenklich machen.
2 Gruppen leben in derselben Gesellschaft.
Eine Gesellschaft ist eine Gruppe von Menschen.
Die Menschen leben zusammen.
Das wirft eine Frage auf:
Wer hat diese Welten eigentlich getrennt?
Die fremde Spezies
Menschen mit Behinderung gibt es schon sehr lange.
Sie wurden nicht neu entdeckt.
Und trotzdem reden wir so über Begegnungen.
Es klingt so: 2 fremde Gruppen treffen sich zum ersten Mal.
Das ist aber nicht wahr.
Hier die Menschen ohne Behinderung.
Dort die Menschen mit Behinderung.
Nun führen wir sie vorsichtig zusammen.
Sie sollen Gemeinsamkeiten entdecken.
Gemeinsamkeiten sind Dinge, die mehrere Menschen teilen.
Zum Beispiel: Beide mögen Musik.
Sie sollen Unterschiede wertschätzen.
Vielleicht stellen beide fest: Die andere Seite hat auch Gefühle.
Das ist sehr seltsam.
Man kann es kaum glauben.
Wer therapiert hier eigentlich wen?
Es ist meist klar, wer etwas lernen soll.
Der Mensch ohne Behinderung soll etwas lernen.
Der Mensch mit Behinderung steht dafür zur Verfügung.
Ich werde damit zum Lern-Objekt.
Ein Lern-Objekt ist etwas, an dem man lernt.
Hier wird ein Mensch so behandelt, als wäre er nur ein Lern-Mittel.
An mir kann man Toleranz üben.
Toleranz hat 2 Bedeutungen.
Manchmal bedeutet es: Man akzeptiert andere Menschen so, wie sie sind.
Manchmal bedeutet es: Man erträgt etwas, das einem nicht gefällt.
An mir kann man Empathie entwickeln.
Empathie bedeutet: Du verstehst die Gefühle von anderen Menschen.
Du kannst mit-fühlen.
Meine Anwesenheit soll Barrieren in anderen Köpfen beseitigen.
Eine Barriere ist ein Hindernis.
Die Barriere ist im Weg.
Ich werde behandelt wie ein Lehr-Mittel.
Aber ich bin ein Mensch.
Das ist nicht in Ordnung.
Denn eigentlich soll ich einfach dazugehören.
Begegnungs-Tag mit Menschen ohne Behinderung
Vielleicht sollten wir das Ganze einmal umdrehen.
Wir veranstalten einen Begegnungs-Tag mit Menschen ohne Behinderung.
Menschen mit Behinderung dürfen vorbeikommen.
Sie können erste Kontakte mit Nicht-Behinderten aufnehmen.
In kleinen Gesprächs-Runden bekommen sie Einblicke.
Eine Gesprächs-Runde bedeutet: Menschen sitzen zusammen und reden miteinander.
Wie leben Nicht-Behinderte?
Was beschäftigt sie?
Welche Bedürfnisse haben sie?
Das klingt seltsam.
Warum klingt das so?
Weil Menschen ohne Behinderung keine besondere Begegnungs-Gruppe sind.
Man begegnet ihnen überall.
Genau.
Erst verschwinden lassen, dann Begegnung schaffen
Hier liegt das eigentliche Problem.
Seit Generationen trennt die Gesellschaft Menschen mit Behinderung von anderen.
Generationen sind Alters-Gruppen in einer Familie.
Zum Beispiel: Oma, Mutter und Kind sind 3 Generationen.
Sie gehen in besondere Schulen.
Sie arbeiten an besonderen Orten.
Manche Arbeits-Orte sind nur für Menschen mit Behinderung gedacht.
Sie wohnen in besonderen Wohn-Formen.
Wohn-Formen bedeutet: Es gibt verschiedene Arten zu wohnen.
Zum Beispiel in einer eigenen Wohnung oder in einem Wohn-Heim.
Dann stellt man fest: Es gibt wenig Kontakt.
Das überrascht niemanden wirklich.
Und dann nennt man das Berührungs-Angst.
Also schafft man Begegnungs-Angebote.
Die Logik geht so:
Wir trennen Menschen voneinander.
Sie begegnen sich nicht.
Sie werden einander fremd.
Diese Fremdheit nennen wir Berührungs-Angst.
Gegen die Berührungs-Angst machen wir Begegnungs-Projekte.
Das nennen wir dann Inklusion.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen sind mit dabei.
Jeder Mensch gehört dazu.
Man könnte auch einfach die Trennung abschaffen.
Aber das wäre wohl zu einfach.
Begegnung auf Augen-Höhe
Augen-Höhe bedeutet: 2 Menschen sind gleich wichtig.
Keiner ist besser als der andere.
Begegnung auf Augen-Höhe ist ein beliebter Ausdruck.
Aber warum muss man das extra sagen?
Auf welcher Höhe findet eine normale Begegnung statt?
Wenn ich in einem Café sitze, bin ich einfach im Café.
Vielleicht kommen wir ins Gespräch.
Vielleicht nicht.
Vielleicht finden wir uns sympathisch.
Vielleicht gehen wir uns auf die Nerven.
Vielleicht beachten wir uns gar nicht.
Niemand muss etwas lernen.
Niemand muss seinen Blick-Winkel wechseln.
Blick-Winkel bedeutet: So sieht man eine Sache.
Jeder Mensch sieht eine Sache anders.
Niemand muss hinterher einen Bogen ausfüllen.
Wir dürfen sogar völlig unwichtig füreinander sein.
Das ist in Ordnung.
Das ist Begegnung auf Augen-Höhe.
Ich möchte nicht eure Bereicherung sein
Vielfalt soll etwas Gutes sein.
Vielfalt bedeutet: Es gibt viele verschiedene Menschen.
Man soll Vielfalt als Bereicherung erleben.
Bereicherung bedeutet: Man gewinnt etwas Gutes durch jemanden.
Die andere Person macht das eigene Leben besser.
Aber ich möchte nicht die Bereicherung eines anderen Menschen sein.
Vielleicht bin ich interessant.
Vielleicht auch nicht.
Das darf bei Menschen vorkommen.
Ob ich dazugehöre, darf nicht von anderen abhängen.
Zugehörigkeit bedeutet: Man ist ein Teil von etwas.
Man wird nicht ausgeschlossen.
Ich gehöre dazu.
Vielleicht findet jemand meine Anwesenheit bereichernd.
Vielleicht nicht.
Das spielt keine Rolle.
Menschen ohne Behinderung müssen das auch nicht.
Sie dürfen einfach da sein.
Dieses Recht hätte ich auch gerne.
Ich möchte auch nicht toleriert werden
Tolerieren bedeutet: Man erträgt etwas, das einem nicht gefällt.
Lärm vom Nachbarn.
Eine schlechte Angewohnheit.
Eine Angewohnheit ist etwas, das man immer wieder tut.
Man macht es oft, ohne darüber nachzudenken.
Eine Meinung, die man nicht teilt.
Und offenbar auch Menschen mit Behinderung.
Aber ich brauche das nicht.
Ich gehöre zu dieser Gesellschaft.
Vielleicht findet jemand mein Leben bereichernd.
Vielleicht nicht.
Das spielt keine Rolle.
Andere müssen mich nicht nett finden.
Ich gehöre einfach dazu.
Das Recht auf Bedeutungs-Losigkeit
Bedeutungs-Losigkeit bedeutet: Man ist für andere nicht besonders wichtig.
Man fällt nicht auf.
Das ist in Ordnung.
Vielleicht ist das ein wichtiger Teil echter Gleichheit.
Gleichheit bedeutet: Alle Menschen haben dieselben Rechte.
Niemand wird bevorzugt oder benachteiligt.
Das Recht, für andere Menschen unwichtig zu sein.
Ich muss niemandem etwas beibringen.
Ich muss keine Empathie erzeugen.
Empathie bedeutet: Du verstehst die Gefühle von anderen Menschen.
Du kannst mit-fühlen.
Ich muss keine Vielfalt darstellen.
Ich muss niemandem zeigen, dass ich ein normaler Mensch bin.
Ich darf einfach irgendwo sitzen und meinen Kaffee trinken.
Die Frau am Neben-Tisch darf mich ignorieren.
Ich darf sie ignorieren.
Das wäre eine unspektakuläre Form von Inklusion.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen sind mit dabei.
Jeder Mensch gehört dazu.
Keine Begegnung erforderlich
In einer guten Gesellschaft gehören alle Menschen dazu.
Dann braucht man keine Begegnungs-Projekte.
Man begegnet Menschen mit Behinderung ohnehin.
In der Schule.
Bei der Arbeit.
Im Sport-Verein.
Im Restaurant.
Im Bus.
Beim Einkaufen.
Irgendwann ist diese Begegnung keine Lehr-Situation mehr.
Eine Lehr-Situation bedeutet: Jemand soll dabei etwas lernen.
Die Begegnung ist dann einfach normal.
Niemand berichtet davon.
Niemand fotografiert die Menschen für einen Bericht.
Sie haben einfach gelacht.
Menschen tun so etwas gelegentlich.
Das wäre vielleicht Inklusion.
Nicht die organisierte Begegnung 2 Gruppen.
Wir brauchen keinen besonderen Anlass mehr.
Begegnung passiert einfach.
Das wäre echte Inklusion.
Ich bin kein Alien.
Ich bin kein Monster.
Ich bin kein Exot.
Ihr müsst keine Ängste abbauen, bevor ihr mit mir sprecht.
Ihr müsst meine Lebens-Welt nicht kennenlernen.
Ihr müsst durch mich keine besseren Menschen werden.
Ihr müsst mir nicht begegnen.
Ich bin schon da!
Epilog
Ein Epilog ist ein Text am Ende.
Er fügt etwas Letztes hinzu.
Jetzt folgt ein ironischer Abschnitt.
Ironie bedeutet: Man sagt das Gegenteil von dem, was man meint.
Damit zeigt die Autorin: Diese Situation ist nicht richtig.
Achtung, Achtung.
Die Menschen mit Behinderung sind überall.
In der Schule.
Bei der Arbeit.
Im Café.
Im Theater.
Im Bus.
Beim Einkaufen.
In eurer Nachbar-Schaft.
Bitte bewahrt Ruhe.
Vermeidet hektische Bewegungen.
Das ist ein Witz.
Denn: Ihr braucht keine Vorbereitung, um mir zu begegnen.
Manche Menschen wollen das nicht tun.
Sie bauen eure Vorurteile nicht ab.
Sie fördern eure Empathie nicht.
Diese Menschen wissen es auch nicht.
Sie sollen nicht für eure Entwicklung zuständig sein.
Die geplanten Begegnungs-Zeiten entfallen.
Gewöhnt euch dran.
Wir sind jetzt überall.
Foto: Ralph Milewski
Fladungen (kobinet)
Das Recht auf Bedeutungslosigkeit
Ich bin kein Alien.
Ich gehöre keiner fremden Spezies an. Ich komme nicht von einem anderen Planeten. Ich bin auch kein seltenes Tier, das man einmal aus der Nähe gesehen haben sollte.
Trotzdem scheint die Begegnung mit Menschen wie mir etwas zu sein, das organisiert werden muss.
Menschen mit und ohne Behinderung sollen einander "begegnen".
Das Wort begegnet mir immer wieder. In Projekten, Veranstaltungen, Aktionswochen, Freizeitangeboten, Kulturveranstaltungen und irgendwelchen inklusiven Formaten sollen "Begegnungsräume" geschaffen werden. Dort sollen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander in Kontakt kommen.
Und diese Begegnungen sollen erstaunlich viel bewirken.
Sie sollen Berührungsängste abbauen. Vorurteile abbauen. Hemmschwellen senken. Unsicherheiten überwinden. Ängste nehmen. Verständnis schaffen. Einblicke in "andere Lebenswelten" ermöglichen. Perspektivwechsel anregen. Empathie fördern. Sensibilität schaffen. Akzeptanz, Toleranz und Offenheit fördern. Gemeinsamkeiten entdecken lassen. Unterschiede wertschätzen. Vielfalt erlebbar machen. Barrieren in den Köpfen abbauen. Distanz verringern. soziale Nähe herstellen. Dialog fördern. Gemeinschaft schaffen. gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Teilhabe ermöglichen. Ausgrenzung entgegenwirken und schließlich sogar ein "selbstverständliches Miteinander" ermöglichen.
Beeindruckend.
Was genau bin ich eigentlich?
Bitte nicht füttern
Wenn Menschen erst ihre Berührungsängste überwinden müssen, bevor sie mir begegnen können, scheint von mir eine gewisse Gefahr auszugehen.
Man sollte sich mir offenbar behutsam nähern.
Keine hektischen Bewegungen.
Ruhig bleiben.
Blickkontakt herstellen.
Vielleicht vorsichtig ein Gespräch beginnen.
Der Begriff "Berührungsangst" ist dabei besonders bemerkenswert. Ängste kennt man. Menschen haben Angst vor Spinnen, Schlangen, engen Räumen, großen Höhen oder dem Fliegen. Manche dieser Ängste behandelt man durch kontrollierte Konfrontation mit dem Gegenstand der Angst.
Und dann gibt es Begegnungsprojekte mit Menschen mit Behinderung.
Dort kann man positive Erfahrungen sammeln. Unsicherheiten überwinden. Hemmschwellen senken. Berührungsängste abbauen.
Das klingt verdächtig nach Expositionstherapie.
Nur bin ich in diesem Fall die Spinne.
Willkommen in einer anderen Lebenswelt
Sehr beliebt ist auch der Wunsch, durch Begegnungen "Einblicke in andere Lebenswelten" zu ermöglichen.
Das fasziniert mich.
Welche andere Lebenswelt?
Ich lebe auf demselben Planeten. Ich benutze dieselbe Währung. Ich schaue denselben Mist auf Social Media. Ich fahre über dieselben Straßen. Ich kaufe in denselben Geschäften ein. Ich freue mich über gutes Essen und ärgere mich über schlechtes Wetter.
Meine Welt ist nicht hinter einem Dimensionsportal verborgen.
Und trotzdem scheint sie so weit entfernt zu sein, dass Menschen erst durch ein besonderes Angebot einen "Einblick" in sie erhalten müssen.
Vielleicht sollte uns genau das misstrauisch machen.
Denn wenn zwei Gruppen in derselben Gesellschaft leben und dennoch von unterschiedlichen "Lebenswelten" gesprochen wird, dann stellt sich eine ziemlich einfache Frage:
Wer hat diese Welten eigentlich getrennt?
Die fremde Spezies
Menschen mit Behinderung existieren nicht erst seit gestern.
Sie wurden nicht kürzlich entdeckt.
Es gab keine Expedition in ein unbekanntes Gebiet, bei der Wissenschaftler plötzlich auf eine Population von Rollstuhlfahrern stießen.
Und trotzdem reden wir über Begegnungen teilweise so, als müssten zwei bislang unbekannte Spezies miteinander bekannt gemacht werden.
Hier die Menschen ohne Behinderung.
Dort die Menschen mit Behinderung.
Nun führen wir sie vorsichtig zusammen.
Sie sollen sich kennenlernen.
Gemeinsamkeiten entdecken.
Unterschiede wertschätzen.
Ängste verlieren.
Verständnis füreinander entwickeln.
Vielleicht stellen beide Seiten am Ende erstaunt fest, dass auch die jeweils andere Art Gefühle besitzt.
Unheimliche Begegnung der dritten Art.
Nur ohne Raumschiff.
Wer therapiert hier eigentlich wen?
Besonders interessant ist die Richtung dieser pädagogischen Veranstaltung.
Wer soll denn seine Berührungsängste abbauen?
Wer braucht mehr Sensibilität?
Wer soll Einblicke in eine andere Lebenswelt erhalten?
Wer muss seine Vorurteile überwinden?
Wer soll lernen, dass Vielfalt eine Bereicherung ist?
Meistens ist ziemlich klar, wer gemeint ist.
Der Mensch ohne Behinderung soll etwas lernen.
Und der Mensch mit Behinderung steht dafür zur Verfügung.
Ich werde damit zum pädagogischen Anschauungsobjekt.
An mir kann man Toleranz üben.
An mir kann man Empathie entwickeln.
Durch mich kann man einen Perspektivwechsel erleben.
Meine Anwesenheit soll Barrieren in fremden Köpfen beseitigen.
Ich bin gewissermaßen gesellschaftliches Schulungsmaterial mit Puls.
Das ist eine merkwürdige Aufgabe für einen Menschen, der angeblich einfach dazugehören soll.
Begegnungstag mit Menschen ohne Behinderung
Vielleicht sollten wir das Ganze einmal umdrehen.
Wir veranstalten einen Begegnungstag mit Menschen ohne Behinderung.
Zwanzig nichtbehinderte Menschen werden für einen Nachmittag in einem barrierefreien Gemeindezentrum versammelt.
Menschen mit Behinderung dürfen vorbeikommen.
Unter fachkundiger Begleitung können sie erste Kontakte mit Nichtbehinderten aufnehmen und bestehende Berührungsängste abbauen.
In kleinen Gesprächsrunden erhalten sie Einblicke in die Lebenswelt nichtbehinderter Menschen.
Wie leben sie?
Was beschäftigt sie?
Welche Bedürfnisse haben sie?
Durch gemeinsame Spiele und kreative Aktivitäten können Vorurteile abgebaut und Gemeinsamkeiten entdeckt werden. Die unmittelbare Begegnung hilft dabei, Hemmschwellen zu senken und Nichtbehinderte nicht länger nur über stereotype Vorstellungen wahrzunehmen.
Beim abschließenden gemeinsamen Grillen erleben alle Beteiligten Vielfalt als Bereicherung.
Natürlich achten wir darauf, dass genügend Menschen ohne Behinderung anwesend sind.
Sonst wäre es ja kein inklusiver Begegnungstag.
Das klingt grotesk.
Warum?
Weil Menschen ohne Behinderung keine besondere Begegnungsgruppe sind.
Man begegnet ihnen überall.
Genau.
Erst verschwinden lassen, dann Begegnung schaffen
Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem.
Menschen mit Behinderung werden seit Generationen gesellschaftlich sortiert.
Besondere Schulen.
Besondere Arbeitswelten.
Besondere Wohnformen.
Besondere Beförderung.
Besondere Freizeitangebote.
Besondere Tagesstrukturen.
Besondere Zuständigkeiten.
Dann stellt man irgendwann fest, dass Menschen ohne Behinderung im gewöhnlichen Alltag erstaunlich wenig Kontakt mit bestimmten Menschen mit Behinderung haben.
Welch Überraschung.
Und nun diagnostiziert man "Berührungsängste".
Also schafft man Begegnungsangebote.
Die Logik sieht ungefähr so aus:
Wir trennen Menschen voneinander.
Dadurch begegnen sie sich nicht.
Dadurch werden sie einander fremd.
Die Fremdheit erzeugt Unsicherheit.
Die Unsicherheit nennen wir Berührungsangst.
Und gegen diese Berührungsangst veranstalten wir Begegnungsprojekte.
Anschließend nennen wir das Inklusion.
Man könnte natürlich auch die Trennung abschaffen.
Aber das wäre vermutlich komplizierter.
Begegnung auf Augenhöhe
Auch "Begegnung auf Augenhöhe" gehört zu diesen wunderbaren Formulierungen.
Warum muss das eigentlich dazugesagt werden?
Auf welcher Höhe findet eine gewöhnliche Begegnung statt?
Wenn ich in einem Café sitze und am Nebentisch sitzt jemand ohne Behinderung, dann befinden wir uns nicht in einem Begegnungsprojekt.
Wir sind einfach beide im Café.
Vielleicht kommen wir ins Gespräch.
Vielleicht nicht.
Vielleicht finden wir uns sympathisch.
Vielleicht geht mir der andere nach drei Minuten gewaltig auf die Nerven.
Vielleicht beachten wir uns überhaupt nicht.
Niemand muss dabei etwas lernen.
Niemand muss seine Perspektive wechseln.
Niemand muss Vielfalt erleben.
Niemand muss Vorurteile abbauen.
Niemand muss hinterher einen Evaluationsbogen ausfüllen und angeben, ob sich seine Einstellung gegenüber der jeweils anderen Spezies verbessert hat.
Wir dürfen sogar völlig bedeutungslos füreinander bleiben.
Das ist Begegnung auf Augenhöhe.
Nicht weil jemand sie so genannt hat.
Sondern weil keiner für den anderen dort ist.
Ich möchte nicht eure Bereicherung sein
Auch der Satz, Vielfalt müsse als Bereicherung "erlebbar" werden, hat seine Tücken.
Ich möchte nicht zwingend die Bereicherung eines anderen Menschen sein.
Vielleicht bin ich eine Bereicherung.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht bin ich interessant, vielleicht langweilig. Vielleicht sympathisch, vielleicht unausstehlich.
Das darf bei Menschen vorkommen.
Meine gesellschaftliche Zugehörigkeit kann jedenfalls nicht davon abhängen, ob jemand meine Anwesenheit als Bereicherung empfindet.
Auch Menschen ohne Behinderung müssen ihre Existenz nicht dadurch legitimieren, dass andere durch die Begegnung mit ihnen persönlich wachsen.
Sie dürfen einfach da sein.
Dieses Recht hätte ich auch gerne.
Ich möchte auch nicht toleriert werden
Ähnlich geht es mir mit der Toleranz.
Tolerieren kann man Dinge, die einem eigentlich nicht gefallen.
Lärm vom Nachbarn.
Eine schlechte Angewohnheit.
Eine Meinung, die man nicht teilt.
Und offenbar Menschen mit Behinderung.
Vielen Dank für die Toleranz.
Aber ich brauche keine gesellschaftliche Duldung.
Ich brauche auch keine Akzeptanzveranstaltung.
Ich gehöre zu dieser Gesellschaft unabhängig davon, ob jemand meine Existenz interessant, bereichernd, inspirierend oder gewöhnungsbedürftig findet.
Inklusion beginnt nicht dort, wo andere gelernt haben, mich nett zu finden.
Das Recht auf Bedeutungslosigkeit
Vielleicht ist das sogar ein unterschätzter Bestandteil wirklicher Gleichheit:
das Recht, für andere Menschen vollkommen bedeutungslos zu sein.
Ich muss niemandem eine Lektion erteilen.
Ich muss keine Perspektive verändern.
Ich muss keine Empathie erzeugen.
Ich muss niemandem Mut machen.
Ich muss keine Vielfalt repräsentieren.
Ich muss keine Berührungsangst abbauen.
Ich muss niemandem zeigen, dass "Menschen mit Behinderung auch ganz normale Menschen sind".
Ich darf einfach irgendwo sitzen und meinen Kaffee trinken.
Die Frau am Nebentisch darf mich ignorieren.
Ich darf sie ignorieren.
Das wäre vielleicht eine der unspektakulärsten Formen von Inklusion überhaupt.
Keine Begegnung erforderlich
Eine Gesellschaft, in der Menschen tatsächlich dazugehören, braucht keine besonderen Begegnungsprojekte mit ihnen.
Sie begegnet ihnen ohnehin.
In der Schule.
Bei der Arbeit.
Im Sportverein.
Im Restaurant.
Im Theater.
Im Bus.
Beim Einkaufen.
Auf der Straße.
Beim Nachbarn.
Und irgendwann verliert diese Begegnung ihre pädagogische Bedeutung.
Niemand berichtet anschließend davon.
Niemand fotografiert die Beteiligten für den Projektbericht.
Niemand schreibt darunter, wie wunderbar es gewesen sei, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam gelacht hätten.
Sie haben eben gelacht.
Menschen tun so etwas gelegentlich.
Vielleicht wäre genau das der Zustand, den wir einmal Inklusion nennen wollten.
Nicht die organisierte Begegnung zweier Gruppen.
Sondern das Verschwinden der Vorstellung, dass es für ihre Begegnung überhaupt einen besonderen Anlass braucht.
Ich bin kein Alien.
Ich bin kein Monster.
Ich bin kein Exot.
Ich gehöre keiner dritten Art an.
Ihr müsst keine Berührungsängste abbauen, bevor ihr euch mir nähern dürft.
Ihr müsst meine Lebenswelt nicht kennenlernen.
Ihr müsst durch mich keine besseren Menschen werden.
Ihr müsst mir nicht begegnen.
Ich bin schon da!
Epilog
Achtung, Achtung.
Das Gehege ist offen.
Die Behinderten sind los.
Sie könnten Ihnen ab sofort überall begegnen.
In der Schule.
Bei der Arbeit.
Im Café.
Im Theater.
Im Bus.
Beim Einkaufen.
In Ihrer Nachbarschaft.
Bitte bewahren Sie Ruhe.
Vermeiden Sie hektische Bewegungen.
Berührungsängste sind zwecklos.
Eine pädagogische Begleitung kann leider nicht gewährleistet werden.
Auch ein vorbereitender Perspektivwechsel ist nicht mehr möglich.
Die Betroffenen wurden nicht darüber informiert, dass sie für Ihre persönliche Entwicklung zuständig sind.
Es kann daher vorkommen, dass einzelne Exemplare keinerlei Interesse daran zeigen, Ihre Vorurteile abzubauen, Ihre Empathie zu fördern oder Ihnen Einblicke in ihre Lebenswelt zu ermöglichen.
Von Fragen nach der Bereicherung durch Vielfalt bitten wir abzusehen.
Mit Toleranzversuchen ist ebenfalls einzustellen.
Die bisher vorgesehenen Begegnungszeiten entfallen.
Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte niemanden.
Gewöhnen Sie sich dran.
Wir sind jetzt überall.
Foto: Ralph Milewski
Fladungen (kobinet)
Das Recht auf Bedeutungslosigkeit
Ich bin kein Alien.
Ich gehöre keiner fremden Spezies an. Ich komme nicht von einem anderen Planeten. Ich bin auch kein seltenes Tier, das man einmal aus der Nähe gesehen haben sollte.
Trotzdem scheint die Begegnung mit Menschen wie mir etwas zu sein, das organisiert werden muss.
Menschen mit und ohne Behinderung sollen einander "begegnen".
Das Wort begegnet mir immer wieder. In Projekten, Veranstaltungen, Aktionswochen, Freizeitangeboten, Kulturveranstaltungen und irgendwelchen inklusiven Formaten sollen "Begegnungsräume" geschaffen werden. Dort sollen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander in Kontakt kommen.
Und diese Begegnungen sollen erstaunlich viel bewirken.
Sie sollen Berührungsängste abbauen. Vorurteile abbauen. Hemmschwellen senken. Unsicherheiten überwinden. Ängste nehmen. Verständnis schaffen. Einblicke in "andere Lebenswelten" ermöglichen. Perspektivwechsel anregen. Empathie fördern. Sensibilität schaffen. Akzeptanz, Toleranz und Offenheit fördern. Gemeinsamkeiten entdecken lassen. Unterschiede wertschätzen. Vielfalt erlebbar machen. Barrieren in den Köpfen abbauen. Distanz verringern. soziale Nähe herstellen. Dialog fördern. Gemeinschaft schaffen. gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Teilhabe ermöglichen. Ausgrenzung entgegenwirken und schließlich sogar ein "selbstverständliches Miteinander" ermöglichen.
Beeindruckend.
Was genau bin ich eigentlich?
Bitte nicht füttern
Wenn Menschen erst ihre Berührungsängste überwinden müssen, bevor sie mir begegnen können, scheint von mir eine gewisse Gefahr auszugehen.
Man sollte sich mir offenbar behutsam nähern.
Keine hektischen Bewegungen.
Ruhig bleiben.
Blickkontakt herstellen.
Vielleicht vorsichtig ein Gespräch beginnen.
Der Begriff "Berührungsangst" ist dabei besonders bemerkenswert. Ängste kennt man. Menschen haben Angst vor Spinnen, Schlangen, engen Räumen, großen Höhen oder dem Fliegen. Manche dieser Ängste behandelt man durch kontrollierte Konfrontation mit dem Gegenstand der Angst.
Und dann gibt es Begegnungsprojekte mit Menschen mit Behinderung.
Dort kann man positive Erfahrungen sammeln. Unsicherheiten überwinden. Hemmschwellen senken. Berührungsängste abbauen.
Das klingt verdächtig nach Expositionstherapie.
Nur bin ich in diesem Fall die Spinne.
Willkommen in einer anderen Lebenswelt
Sehr beliebt ist auch der Wunsch, durch Begegnungen "Einblicke in andere Lebenswelten" zu ermöglichen.
Das fasziniert mich.
Welche andere Lebenswelt?
Ich lebe auf demselben Planeten. Ich benutze dieselbe Währung. Ich schaue denselben Mist auf Social Media. Ich fahre über dieselben Straßen. Ich kaufe in denselben Geschäften ein. Ich freue mich über gutes Essen und ärgere mich über schlechtes Wetter.
Meine Welt ist nicht hinter einem Dimensionsportal verborgen.
Und trotzdem scheint sie so weit entfernt zu sein, dass Menschen erst durch ein besonderes Angebot einen "Einblick" in sie erhalten müssen.
Vielleicht sollte uns genau das misstrauisch machen.
Denn wenn zwei Gruppen in derselben Gesellschaft leben und dennoch von unterschiedlichen "Lebenswelten" gesprochen wird, dann stellt sich eine ziemlich einfache Frage:
Wer hat diese Welten eigentlich getrennt?
Die fremde Spezies
Menschen mit Behinderung existieren nicht erst seit gestern.
Sie wurden nicht kürzlich entdeckt.
Es gab keine Expedition in ein unbekanntes Gebiet, bei der Wissenschaftler plötzlich auf eine Population von Rollstuhlfahrern stießen.
Und trotzdem reden wir über Begegnungen teilweise so, als müssten zwei bislang unbekannte Spezies miteinander bekannt gemacht werden.
Hier die Menschen ohne Behinderung.
Dort die Menschen mit Behinderung.
Nun führen wir sie vorsichtig zusammen.
Sie sollen sich kennenlernen.
Gemeinsamkeiten entdecken.
Unterschiede wertschätzen.
Ängste verlieren.
Verständnis füreinander entwickeln.
Vielleicht stellen beide Seiten am Ende erstaunt fest, dass auch die jeweils andere Art Gefühle besitzt.
Unheimliche Begegnung der dritten Art.
Nur ohne Raumschiff.
Wer therapiert hier eigentlich wen?
Besonders interessant ist die Richtung dieser pädagogischen Veranstaltung.
Wer soll denn seine Berührungsängste abbauen?
Wer braucht mehr Sensibilität?
Wer soll Einblicke in eine andere Lebenswelt erhalten?
Wer muss seine Vorurteile überwinden?
Wer soll lernen, dass Vielfalt eine Bereicherung ist?
Meistens ist ziemlich klar, wer gemeint ist.
Der Mensch ohne Behinderung soll etwas lernen.
Und der Mensch mit Behinderung steht dafür zur Verfügung.
Ich werde damit zum pädagogischen Anschauungsobjekt.
An mir kann man Toleranz üben.
An mir kann man Empathie entwickeln.
Durch mich kann man einen Perspektivwechsel erleben.
Meine Anwesenheit soll Barrieren in fremden Köpfen beseitigen.
Ich bin gewissermaßen gesellschaftliches Schulungsmaterial mit Puls.
Das ist eine merkwürdige Aufgabe für einen Menschen, der angeblich einfach dazugehören soll.
Begegnungstag mit Menschen ohne Behinderung
Vielleicht sollten wir das Ganze einmal umdrehen.
Wir veranstalten einen Begegnungstag mit Menschen ohne Behinderung.
Zwanzig nichtbehinderte Menschen werden für einen Nachmittag in einem barrierefreien Gemeindezentrum versammelt.
Menschen mit Behinderung dürfen vorbeikommen.
Unter fachkundiger Begleitung können sie erste Kontakte mit Nichtbehinderten aufnehmen und bestehende Berührungsängste abbauen.
In kleinen Gesprächsrunden erhalten sie Einblicke in die Lebenswelt nichtbehinderter Menschen.
Wie leben sie?
Was beschäftigt sie?
Welche Bedürfnisse haben sie?
Durch gemeinsame Spiele und kreative Aktivitäten können Vorurteile abgebaut und Gemeinsamkeiten entdeckt werden. Die unmittelbare Begegnung hilft dabei, Hemmschwellen zu senken und Nichtbehinderte nicht länger nur über stereotype Vorstellungen wahrzunehmen.
Beim abschließenden gemeinsamen Grillen erleben alle Beteiligten Vielfalt als Bereicherung.
Natürlich achten wir darauf, dass genügend Menschen ohne Behinderung anwesend sind.
Sonst wäre es ja kein inklusiver Begegnungstag.
Das klingt grotesk.
Warum?
Weil Menschen ohne Behinderung keine besondere Begegnungsgruppe sind.
Man begegnet ihnen überall.
Genau.
Erst verschwinden lassen, dann Begegnung schaffen
Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem.
Menschen mit Behinderung werden seit Generationen gesellschaftlich sortiert.
Besondere Schulen.
Besondere Arbeitswelten.
Besondere Wohnformen.
Besondere Beförderung.
Besondere Freizeitangebote.
Besondere Tagesstrukturen.
Besondere Zuständigkeiten.
Dann stellt man irgendwann fest, dass Menschen ohne Behinderung im gewöhnlichen Alltag erstaunlich wenig Kontakt mit bestimmten Menschen mit Behinderung haben.
Welch Überraschung.
Und nun diagnostiziert man "Berührungsängste".
Also schafft man Begegnungsangebote.
Die Logik sieht ungefähr so aus:
Wir trennen Menschen voneinander.
Dadurch begegnen sie sich nicht.
Dadurch werden sie einander fremd.
Die Fremdheit erzeugt Unsicherheit.
Die Unsicherheit nennen wir Berührungsangst.
Und gegen diese Berührungsangst veranstalten wir Begegnungsprojekte.
Anschließend nennen wir das Inklusion.
Man könnte natürlich auch die Trennung abschaffen.
Aber das wäre vermutlich komplizierter.
Begegnung auf Augenhöhe
Auch "Begegnung auf Augenhöhe" gehört zu diesen wunderbaren Formulierungen.
Warum muss das eigentlich dazugesagt werden?
Auf welcher Höhe findet eine gewöhnliche Begegnung statt?
Wenn ich in einem Café sitze und am Nebentisch sitzt jemand ohne Behinderung, dann befinden wir uns nicht in einem Begegnungsprojekt.
Wir sind einfach beide im Café.
Vielleicht kommen wir ins Gespräch.
Vielleicht nicht.
Vielleicht finden wir uns sympathisch.
Vielleicht geht mir der andere nach drei Minuten gewaltig auf die Nerven.
Vielleicht beachten wir uns überhaupt nicht.
Niemand muss dabei etwas lernen.
Niemand muss seine Perspektive wechseln.
Niemand muss Vielfalt erleben.
Niemand muss Vorurteile abbauen.
Niemand muss hinterher einen Evaluationsbogen ausfüllen und angeben, ob sich seine Einstellung gegenüber der jeweils anderen Spezies verbessert hat.
Wir dürfen sogar völlig bedeutungslos füreinander bleiben.
Das ist Begegnung auf Augenhöhe.
Nicht weil jemand sie so genannt hat.
Sondern weil keiner für den anderen dort ist.
Ich möchte nicht eure Bereicherung sein
Auch der Satz, Vielfalt müsse als Bereicherung "erlebbar" werden, hat seine Tücken.
Ich möchte nicht zwingend die Bereicherung eines anderen Menschen sein.
Vielleicht bin ich eine Bereicherung.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht bin ich interessant, vielleicht langweilig. Vielleicht sympathisch, vielleicht unausstehlich.
Das darf bei Menschen vorkommen.
Meine gesellschaftliche Zugehörigkeit kann jedenfalls nicht davon abhängen, ob jemand meine Anwesenheit als Bereicherung empfindet.
Auch Menschen ohne Behinderung müssen ihre Existenz nicht dadurch legitimieren, dass andere durch die Begegnung mit ihnen persönlich wachsen.
Sie dürfen einfach da sein.
Dieses Recht hätte ich auch gerne.
Ich möchte auch nicht toleriert werden
Ähnlich geht es mir mit der Toleranz.
Tolerieren kann man Dinge, die einem eigentlich nicht gefallen.
Lärm vom Nachbarn.
Eine schlechte Angewohnheit.
Eine Meinung, die man nicht teilt.
Und offenbar Menschen mit Behinderung.
Vielen Dank für die Toleranz.
Aber ich brauche keine gesellschaftliche Duldung.
Ich brauche auch keine Akzeptanzveranstaltung.
Ich gehöre zu dieser Gesellschaft unabhängig davon, ob jemand meine Existenz interessant, bereichernd, inspirierend oder gewöhnungsbedürftig findet.
Inklusion beginnt nicht dort, wo andere gelernt haben, mich nett zu finden.
Das Recht auf Bedeutungslosigkeit
Vielleicht ist das sogar ein unterschätzter Bestandteil wirklicher Gleichheit:
das Recht, für andere Menschen vollkommen bedeutungslos zu sein.
Ich muss niemandem eine Lektion erteilen.
Ich muss keine Perspektive verändern.
Ich muss keine Empathie erzeugen.
Ich muss niemandem Mut machen.
Ich muss keine Vielfalt repräsentieren.
Ich muss keine Berührungsangst abbauen.
Ich muss niemandem zeigen, dass "Menschen mit Behinderung auch ganz normale Menschen sind".
Ich darf einfach irgendwo sitzen und meinen Kaffee trinken.
Die Frau am Nebentisch darf mich ignorieren.
Ich darf sie ignorieren.
Das wäre vielleicht eine der unspektakulärsten Formen von Inklusion überhaupt.
Keine Begegnung erforderlich
Eine Gesellschaft, in der Menschen tatsächlich dazugehören, braucht keine besonderen Begegnungsprojekte mit ihnen.
Sie begegnet ihnen ohnehin.
In der Schule.
Bei der Arbeit.
Im Sportverein.
Im Restaurant.
Im Theater.
Im Bus.
Beim Einkaufen.
Auf der Straße.
Beim Nachbarn.
Und irgendwann verliert diese Begegnung ihre pädagogische Bedeutung.
Niemand berichtet anschließend davon.
Niemand fotografiert die Beteiligten für den Projektbericht.
Niemand schreibt darunter, wie wunderbar es gewesen sei, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam gelacht hätten.
Sie haben eben gelacht.
Menschen tun so etwas gelegentlich.
Vielleicht wäre genau das der Zustand, den wir einmal Inklusion nennen wollten.
Nicht die organisierte Begegnung zweier Gruppen.
Sondern das Verschwinden der Vorstellung, dass es für ihre Begegnung überhaupt einen besonderen Anlass braucht.
Ich bin kein Alien.
Ich bin kein Monster.
Ich bin kein Exot.
Ich gehöre keiner dritten Art an.
Ihr müsst keine Berührungsängste abbauen, bevor ihr euch mir nähern dürft.
Ihr müsst meine Lebenswelt nicht kennenlernen.
Ihr müsst durch mich keine besseren Menschen werden.
Ihr müsst mir nicht begegnen.
Ich bin schon da!
Epilog
Achtung, Achtung.
Das Gehege ist offen.
Die Behinderten sind los.
Sie könnten Ihnen ab sofort überall begegnen.
In der Schule.
Bei der Arbeit.
Im Café.
Im Theater.
Im Bus.
Beim Einkaufen.
In Ihrer Nachbarschaft.
Bitte bewahren Sie Ruhe.
Vermeiden Sie hektische Bewegungen.
Berührungsängste sind zwecklos.
Eine pädagogische Begleitung kann leider nicht gewährleistet werden.
Auch ein vorbereitender Perspektivwechsel ist nicht mehr möglich.
Die Betroffenen wurden nicht darüber informiert, dass sie für Ihre persönliche Entwicklung zuständig sind.
Es kann daher vorkommen, dass einzelne Exemplare keinerlei Interesse daran zeigen, Ihre Vorurteile abzubauen, Ihre Empathie zu fördern oder Ihnen Einblicke in ihre Lebenswelt zu ermöglichen.
Von Fragen nach der Bereicherung durch Vielfalt bitten wir abzusehen.
Mit Toleranzversuchen ist ebenfalls einzustellen.
Die bisher vorgesehenen Begegnungszeiten entfallen.
Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte niemanden.
Gewöhnen Sie sich dran.
Wir sind jetzt überall.





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