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Ableismus bei Aktion Mensch – Wenn Aufklärung zur Entschärfung wird

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roter Schriftzug
Ein Los für das gute Gewissen
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Wenn eine der einflussreichsten Institutionen im deutschen Behindertendiskurs einen Beitrag zum Thema Ableismus veröffentlicht, könnte man hoffen, dass endlich Klartext gesprochen wird. Dass jemand die Dinge beim Namen nennt. Strukturelle Ausgrenzung, institutionelle Diskriminierung, systemische Normierung. Doch der Artikel "Was ist Ableismus" auf der Website von Aktion Mensch verfehlt dieses Ziel in nahezu jeder Hinsicht. Nicht aus böser Absicht, sondern durch eine konsequente Verschiebung der Ebenen. Von der strukturellen zur persönlichen. Vom Politischen zum Pädagogischen. Vom Machtverhältnis zur Misskommunikation.

Schon die Frageform im Titel, also „Was ist Ableismus“, signalisiert einen erklärenden, fast lehrbuchhaften Duktus. Doch statt einer analytischen Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Konstrukt Normalität liefert der Text eine weichgespülte Beschreibung individueller Unhöflichkeit. Sätze wie „Toll, dass du das trotzdem schaffst“ oder „Warte, ich helfe dir“ gelten als Paradebeispiele für ableistische Denkweisen. Der Fokus liegt auf Sprache, auf fehlender Empathie, auf unbeholfenen Kommentaren. Aber nicht auf den Mechanismen, die diese Kommentare erst hervorbringen. Damit wird Ableismus nicht als Symptom gesellschaftlicher Machtverhältnisse behandelt, sondern als Kommunikationsproblem.

Diese Reduktion ist nicht nur unzureichend. Sie ist gefährlich. Denn sie individualisiert strukturelle Diskriminierung. Wer in diesem Text sucht, was Ableismus systemisch bedeutet, etwa im Bildungssystem, am Wohnungsmarkt, im Gesundheitswesen, im Sport oder bei künstlerischer Repräsentation, der wird enttäuscht. Kein Wort über Sonderschulen, über Werkstätten, über barrierefreie Wohnungen, über diskriminierende Versorgungslogik, über Paralympics und Special Olympics. Kein Hinweis darauf, dass auch wohlmeinende Organisationen wie Aktion Mensch selbst Teil eines Systems sind, das Exklusion als Förderung tarnt und Teilhabe oft nur als symbolisches Mitmachen begreift.

Stattdessen. Eine Handvoll Alltagssituationen, weichgezeichnete Empfehlungen und ein moralischer Appell zur Selbstreflexion. Leserinnen und Leser sollen sich fragen, ob sie mit Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe sprechen. Ob sie unbewusst mitleidig handeln. Oder jemandem zu viel zutrauen. Das ist im besten Fall gut gemeint. Im schlechtesten Fall ein Ablenkungsmanöver. Denn diese Art von Aufklärung entlastet. Sie entlastet die Strukturen, indem sie das Verhalten Einzelner in den Mittelpunkt stellt. Sie entpolitisiert den Begriff Ableismus und macht ihn anschlussfähig für eine Öffentlichkeit, die lieber über Taktgefühl spricht als über Gerechtigkeit.

Die Strategie ist dabei nicht neu. Indem Aktion Mensch Ableismus auf falsche Formulierungen und wohlmeinende Irrtümer verkürzt, verlagert sie die Verantwortung vom System auf die Betroffenen selbst. Denn wer soll sich nun ändern. Der Rollstuhlfahrer, der sich gut vorbereiten soll. Die Frau mit psychischer Erkrankung, die sich schlagfertig zeigen soll. Die blinde Person, die sich nicht rechtfertigen soll. Empowerment wird so zur Selbstverteidigung. Nicht das Umfeld muss sich ändern, sondern die betroffene Person muss sich besser behaupten.

Besonders zynisch wirkt das, wenn man bedenkt, dass Aktion Mensch selbst seit Jahren Narrative produziert, die exakt dem entsprechen, was im Artikel als problematisch markiert wird. Bewunderung, Heldenpathos, das Trotzdem-Narrativ. Menschen mit Behinderung werden in Kampagnen oft nicht als Nachbarinnen und Nachbarn, Sportlerin und Sportler, Künstlerinnen und Künstler, oder Bürgerinnen und Bürger gezeigt, sondern als Ausnahmeerscheinungen. Mutig, besonders, inspirierend. Ihre Geschichten dienen der Erzählung einer gelungenen Inklusion, obwohl die Realität nach wie vor geprägt ist von Sonderstrukturen, Ausschlüssen und paternalistischer Bevormundung. Es ist diese Widersprüchlichkeit, die den Artikel zur Farce macht. Er klagt an, was man selbst längst zur Marke gemacht hat.

Dass Ableismus nicht mit dem falschen Ton beginnt, sondern mit dem gesellschaftlichen Blick auf Abweichung vom vermeintlich Normalen, das kommt im Text nicht vor. Dass der Begriff Ableismus aus der Bürgerrechtsbewegung der 1980er-Jahre stammt und dort nicht als Höflichkeitsproblem, sondern als Instrument der Unterdrückung verstanden wurde, auch das wird nicht deutlich. Stattdessen wird der Begriff weichgespült, vereindeutigt, entpolitisiert. Und damit seiner Sprengkraft beraubt.

Denn Ableismus ist kein Versehen. Kein Missverständnis. Kein Kommunikationsfehler. Er ist eine gesellschaftliche Ordnung, in der Menschen mit Behinderung nicht als Teil der Norm gelten, sondern als Abweichung. Als Belastung. Als Sonderfall. Diese Ordnung wird nicht durch Gespräche auf Augenhöhe erschüttert, sondern durch politische Kämpfe, strukturelle Veränderungen und ein radikales Umdenken in allen gesellschaftlichen Bereichen. Auch und gerade in den Strukturen der Wohlfahrt, zu denen Aktion Mensch selbst gehört.

Solange sich die Organisation dieser Verantwortung entzieht, bleibt ihre Aufklärungsarbeit ein rhetorisches Feigenblatt. Der Text über Ableismus liest sich wie eine Gebrauchsanweisung für gute Manieren, nicht wie ein Aufruf zur Veränderung. Er erzieht zum richtigen Ton, nicht zur richtigen Haltung. Er schützt das Image, nicht die Betroffenen. Und genau darin zeigt sich ein Muster. Wer sich selbst als Teil der Lösung inszeniert, kann sich leicht von der Frage entlasten, ob man nicht auch Teil des Problems ist.

Lesermeinungen

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4 Lesermeinungen
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Silvia Hauser
09.07.2025 12:26

In ihrer keineswegs struktur- und systemkritischen, sondern lediglich personalisierenden, individualisierenden und moralisierenden Kritik am Ableismus, wie sie die Aktion Mensch auf ihrer Website vorträgt, so Ralph Milewski scharfsichtig, sind wir Behinderte ein selbstverständlicher, wertwoller und das soziale Leben bereichender Teil der Gesellschaft. Positiv also alles Mögliche, nur „weiterhin nicht Teil der Norm“, so Ralph Milewski. – Was hieße es für uns Behinderte, endlich „Teil der Norm“ zu sein oder zu werden?
Meine These: Anerkannter Teil des allgemeinen und insofern „normalen“, jedoch nicht so heißenden „Ableismus“. Des uns ideologisch auf das „Können“, die „Könnens-Konkurrenz“ verpflichtenden Neoliberalismus. Angeblich chancengleich, stehen alle mit ihrem je eigenen Können, ihren Fähigkeiten, auf dem Markt miteinander in Wettbewerb. Die neoliberale Leistungs- bzw. „Könnensgesellschaft“ hat, so die treffende Beobachtung des Philosophen Byung Chul Han, die Disziplinargesellschaft des herkömmlichen Kapitalismus abgelöst (diese Diziplinargesellschaft, die uns dies und jenes zu tun vorgeschrieben hat, sozusagen allen Beine gemacht hat, z.B Stechuhr). Intrinsisch motiviert, so stellen wir heute alle unser jeweils individuelles Können im Leistungsvergleich mit allen anderen rastlos unter Beweis – bis zur völligen Erschöpfung, bis zum Umfallen.
Hans-Willi Weis

Ralph Milewski
Antwort auf  Silvia Hauser
09.07.2025 13:47

Lieber Hans-Willi,

dein Beitrag öffnet eine wichtige zweite Ebene: die Kritik an der gesellschaftlichen Norm selbst, an ihrem neoliberalen, leistungsorientierten und selbstoptimierenden Charakter. Du fragst zurecht, ob es überhaupt wünschenswert ist, Teil der Norm zu werden, wenn diese Norm auf Konkurrenz und Verwertbarkeit basiert. Das ist eine fundamentale Frage, und ich teile deine Skepsis gegenüber dem Könnensdiskurs, der heute unter dem Etikett von Teilhabe oft mittransportiert wird.

Aber genau hier möchte ich ansetzen und etwas schärfen. Der Fehler liegt nicht im Wunsch nach Zugehörigkeit, sondern darin, dass Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft wird. Es kann und darf nicht sein, dass wir von vornherein ausgeschlossen bleiben, nur weil die gesellschaftliche Mitte problematische Anforderungen stellt. Denn wer draußen bleibt, hat nicht die Freiheit, sich dazu zu verhalten. Er oder sie hat keine Wahl, keine Stimme, keine gesellschaftliche Wirksamkeit.

Man kann sich nur selbstbestimmt abgrenzen, wenn man überhaupt Teil des Systems ist. Nur wer anerkannt ist, kann Einfluss nehmen. Nur wer gehört wird, kann Kritik äußern. Und nur wer Zutritt hat, kann entscheiden, wieder zu gehen oder die Räume umzubauen.

Erst hinein. Dann verändern. Dann, wenn nötig, wieder hinaus.

Was ich fordere, ist nicht Anpassung. Und schon gar nicht Unterwerfung. Ich fordere das Recht, überhaupt mitentscheiden zu dürfen, ob ich bleiben will, ob ich mich verweigere, ob ich etwas anderes vorschlage. Dieses Recht setzt Teilhabe voraus, nicht als Symbol, sondern als reale, machtvolle, gleichwertige Präsenz.

Solange Menschen mit Behinderung in Sonderwelten und Pseudostrukturen verankert bleiben, verliert jede Normkritik an Substanz. Denn sie wird dann nicht aus der Mitte heraus formuliert, sondern aus der zugewiesenen Randposition, und bleibt dadurch immer in der Defensive.

Deshalb meine klare Antwort: Ich will nicht in der Norm aufgehen. Aber ich will nicht von ihr ausgeschlossen bleiben, bevor ich überhaupt Stellung beziehen kann.

Herzliche Grüße
Ralph

Johanne van der med
08.07.2025 19:31

Ableismus  ist ein Begriff, dessen Sinn und Relevanz mir noch niemand schlüssig erklären konnte. Es geht vielmehr darum, sich Gründe auszudenken, warum man sich gerade beleidgt fühlen soll. Die Leitmedien basieren ja vor allem auf diesem Prinzip, dass hier kritisiert wird. Dass die Texte von Aktion Mensch weichgespült sind ist ja ein alter Hut. Man will halt niemandem auf die Füße treten und positioniert sich im Nirwana von Gemeinplätzen.

Werner Walter
08.07.2025 18:52

Diesem Text gebührt mein ganzer, wertschätzender Respekt. Bravo