Menu Close

Behinderte bitte draußen bleiben! Status der digitalen Barrierefreiheit der Kommunen in Deutschland

Schriftzug inclusion tech lab
Logo des inclusion tech lab.
Foto: inclusion tech lab

Berlin (kobinet) Diese Ankündigung des Inclusion-Technology-Lab geben wir hier wieder.

Bundesweiter Test: Atlas-digitale-Barrierefreiheit.de stellt Ergebnisse vor

Zum ersten Mal testeten Menschen mit Behinderungen die digitale Barrierefreiheit der rund 11.000 kommunalen Internetseiten in Deutschland. Besonders ist dabei, dass alle kommunalen Internetseiten überprüft wurden und dass die Überprüfung durch echte Menschen und nicht durch ein Computerprogramm erfolgte.



Kommunale Internetseiten sind wichtig für Menschen mit Behinderungen, da dort lokal staatliche Leistungen zugänglich sein sollten. Wenn die Internetseite nicht barrierefrei ist, dann müssen Menschen mit Behinderungen „auf’s Amt“ kommen und brauchen dort einen barrierefreien Zugang.

Das Ergebnis der Untersuchung erschüttert: Nur rund 3 Prozent der kommunalen Internetseiten wurden von den Testern als barrierefrei wahrgenommen. Die Internetseite Atlas-digitale-Barrierefreiheit.de stellt die Ergebnisse vor.

Anhand von fünf Fragen testeten MitarbeiterInnen des Inklusionsunternehmens DasDies GmbH aus Unna in einem Testmarathon die Seiten aller Kommunen in Deutschland. Die DasDies ist eine Service-GmbH der AWO Rhein-Ruhr und beschäftige Menschen mit Behinderungen. Dabei stand in diesem Test nicht die technische Analyse der Internetseiten im Mittelpunkt, sondern das individuelle Erleben im Umgang mit den Seiten. Jede kommunale Seite in Deutschland wurde von einem Menschen mit Behinderung untersucht. Dabei wurden folgende immer gleichen fünf Kriterien genutzt:

  1. Kann man die Schriftgröße ändern?
  2. Gibt es eine Vorlesefunktion?
  3. Gibt es ein Angebot in Leichter Sprache?
  4. Wird das Thema Barrierefreiheit auf der Seite erwähnt?
  5. Kann man in drei Minuten erfahren, wo man einen Termin zur Verlängerung seines Personalausweises vereinbaren kann?

Für jedes erfüllte Kriterium gab es einen Punkt, eine Kommune konnte mit ihrer Internetseite somit maximal fünf Punkte erzielen. „Ich hatte ja schon geahnt, dass die Ergebnisse ernüchternd sein werden, aber dass das so schlimm ist, das hätte ich nicht gedacht,“ so Miriam Langhoff, MitarbeiterIn der DasDies, nach dem Testmarathon. Nach Auswertung aller rund 11.000 Kommunen in Deutschland erreichten lediglich 3 Prozent die maximale Punktzahl von 5 Punkten. Insgesamt 7 Prozent landeten bei 0 Punkten. Das sind rund 770 Kommunen in Deutschland, die digital für Menschen mit Behinderungen gar nicht erreichbar sind.

Bundesweit wurden im Schnitt nur 37 Prozent der möglichen Punkte erreicht. Dabei wurde die Lösung der Frage 5, Personalausweis in 3 Minuten finden, mit Abstand am häufigsten erfüllt, nämlich zu 84 Prozent. Die Antwort auf Frage 3 nach der Leichten Sprache war das Kriterium mit dem schlechtesten Ergebnis – nur 11 Prozent der Seiten im Bundesdurchschnitt erfüllen diese Anforderung. Flankierend wurden alle Seiten durch einen sogenannten „crawler“ untersucht, ein Computerprogramm, das die technischen Kriterien digitaler Barrierefreiheit überprüft. Die Ergebnisse des crawlers waren nicht in jedem Einzelfall deckungsgleich mit dem Erleben der Menschen mit Behinderungen, aber in Summe waren seine Ergebnisse ebenfalls ernüchternd. Auch hier wurde den Kommunen ein deutlicher Nachbesserungsbedarf attestiert.

Über die Internetseite www.atlas-digitale-barrierefreiheit.de, Atlas-Suche, kann ab dem 27.06.2024 jeder die Testergebnisse einsehen und seine eigene Gemeinde aufrufen. Die Nutzung ist kostenfrei.

Warum dies berichtenswert ist:

  1. Es gibt gesetzliche Vorgaben der digitalen Barrierefreiheit gegen die Kommunen verstoßen. Kommunen untergraben den Rechtsstaat, wenn sie sich nicht an Gesetze halten.
  2. Es gab noch nie eine Erhebung der Barrierefreiheit aller Kommunen in Deutschland. Bisher wurden nur Stichproben untersucht. Im Atlas digitale Barrierefreiheit kann sich niemand verstecken. Jede Kommune wurde überprüft.
  3. Es gab noch nie eine Erhebung bei der Menschen mit Behinderungen eine so große Anzahl an Internetseiten händisch überprüft haben. Der Missstand ist so eklatant, dass wir nicht aufgehört haben, bis alle Kommunen überprüft wurden. Wenn Sie darüber berichten, dann hat sich der Aufwand vielleicht auch gelohnt. Dann kann es dazu kommen, dass sich Dinge verbessern und kommunale Internetseiten zugänglicher werden.

Inclusion Technology Lab e.V.

Und zum Vergleich sei auf den amtlichen Jahresbericht 2023 der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik (BFIT) hingewiesen: Ein Blick hinter die Barrieren der digitalen Barrierefreiheit
Mache sich jede/r selbst ein Bild.

Nachgetragen am 06.07.2024
Beitrag zum Thema bei netzpolitik.org https://netzpolitik.org/2024/barrierefreiheit-wie-ein-atlas-in-die-irre-fuehrt

Bei uns erschienen zum Thema barrierefreie Webseiten bisher auch diese Artikel:

Der Irrglaube der Ämter, barrierefreie Webseiten zu haben am 18.07.2022

Teil 2 zum Irrglauben der Ämter, barrierefreie Websites zu haben am 22.08.2022

und aus der Cringe-Serie

Kein Cringe: Klarer Jahresbericht der Bundesfachstelle Barrierefreiheit am 27.05.2022

Interview mit der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik BFIT-Bund am 22.03.2022

Wenn es nicht so traurig wär mit der BFIT-Bund, ich könnte nur noch lachen am 15.02.2022

Cringe: Die „hohe“ Mathematik der Überwachungsstelle BFIT-Bund am 07.01.2022

Cringe: Barrierefreiheit der Barrierefreiheitsüberwacher BFIT-Bund am 13.12.2021

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
1 Lesermeinung
Neueste
Älteste
Sabrina Mevis
20.06.2024 12:15

Eine Vorlesefunktion hat heutzutage jedes Smartphone und jeder PC. Wir raten explizit davon ab, eigene Vorlesefunktionen auf Webseiten oder in Apps einzusetzen, weil diese in der Regel nicht vernünftig funktionieren. So eine Frage hat in einem Barrierefreiheits-Test nichts zu suchen, nichts für ungut. Das klingt mir eher nach einer PR-Aktion dieser Firma, zu subjektiv und nicht auf Basis der BITV. Studien sollten einen empirischen Charkter haben, das sehe ich hier nicht.