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Ottmar Miles-Paul will mit Roman Ich will raus Mut zur Inklusion machen

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Cover des Romans Ich will Raus von Ottmar Miles-Paul und Helen Weber
Cover des Romans Ich will Raus von Ottmar Miles-Paul und Helen Weber
Foto: Olivia Vieweg

Kassel (kobinet) Anfang Januar 2026 hat Ottmar Miles-Paul seinen zweiten Roman veröffentlicht und am 14. Januar, wird dieser im Rahmen einer Lesung im Dunkeln mit seiner Leseassistentin Sabine Lohner in seiner Heimatstadt Kassel um 18:00 Uhr in den Räumen des Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) in der Samuel-Beckett-Anlage 6 in 34119 Kassel vorgestellt. Was sich hinter dem vielsagenden Roman-Titel "Ich will raus: Von der Exklusion zur Inklusion" verbirgt, was Ottmar Miles-Paul angetrieben hat, seinen zweiten Roman zu schreiben und natürlich, worum es in dem Reportage-Roman geht, darüber sprach kobinet-Redakteur Hartmut Smikac mit Ottmar Miles-Paul.

kobinet-nachrichten: „Ottmar Miles-Paul kann es nicht lassen: Er nutzt jedes verfügbare Genre, um behinderten Menschen mehr Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Einrichtungen zu ermöglichen. Dafür lief er schon einen Marathon, verbrachte eine Nacht in der Bannmeile des Bundestags, sprang in die Spree, leitete Empowerment-Kurse und produziert unermüdlich kobinet-nachrichten zur Behindertenpolitik.“ Das schreibt Prof. Dr. Sigrid Arnade unter anderem im Geleitwort zu Ihrem neuen Roman. Was hat Sie angetrieben, einen zweiten Roman zu schreiben?

Ottmar Miles-Paul: Mit meinem ersten Roman „Zündeln an den Strukturen“ wollte ich das ausgrenzende Werkstättensystem anhand konkreter Geschichten behinderter Menschen beleuchten. Bei Lesungen wurde ich oft gefragt, wie es mit den Charakteren des Romans und wie es mit der Enthinderungsgruppe, die sich für Veränderungen einsetzt, weiterging. Andererseits beobachte ich, dass sich in Deutschland in Sachen Inklusion sehr wenig tut, wenn es darum geht, dass Menschen aus Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln und statt in Wohneinrichtungen mitten in der Gesellschaft leben können und die hierfür nötige Unterstützung bekommen. Auch in Sachen schulische Inklusion scheint die Entwicklung eine Schnecke zu sein. Die Nachfragen und die schleppende Entwicklung der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention haben mich bewogen, noch einmal in die Tasten zu hauen und einen zweiten Roman zu schreiben, der nun endlich zum Start des Jahres 2026 veröffentlicht werden konnte.

kobinet-nachrichten: Mit dem Titel „Ich will raus: Von der Exklusion zur Inklusion“ geben Sie bereits ein klares Statement ab, worum es gehen sollte bzw. worum es im Roman geht. Welchen Aufhänger haben Sie für die Ich will raus-Bewegung gewählt, die im Roman beschrieben wird?

Ottmar Miles-Paul: Helen Weber ist, ähnlich wie im ersten Roman, eine Schlüsselfigur im Roman. Sie wird dabei sogar zur fiktiven Mitautorin. Die Rollstuhlnutzerin, die sich in der Enthinderungsgruppe engagiert, wird in die renommierte Sendung Menschenrechte konkret nach Berlin eingeladen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass der Roman im Jahr 2034 spielt. Denn dann gilt die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland bereits 25 Jahre. Und das soll in der Sendung begangen, aber auch von einem kritischen Recherche-Bericht über die Verquickungen von Einrichtungsbetreibern und der Politik begleitet, werden. Helen Weber hat selbst den Schritt aus dem Wohnheim in eine eigene Wohnung und aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt mit Hilfe des Budgets für Arbeit geschafft. Sie will darüber und von der Ich will raus-Bewegung in der Sendung berichten. Doch dann kommt vieles anders als erwartet, denn ein radikalisierter Inklusionsgegner verübt einen Anschlag. Wie Helen Weber durch diesen Anschlag kommt und ob der Täter gefasst wird, das ist eine zentrale Handlungslinie des Romans.

kobinet-nachrichten: Und wo kommt dabei der Gedanke des „Ich will raus“ zum Tragen?

Ottmar Miles-Paul: Das entwickelt sich aus einem anderen Strang des Romans. Denn die Enthinderungsgruppe und Helen Weber, die den Anschlag überlebt, so viel sei verraten, machen sich Gedanken darüber, wie sie ihre Geschichte und vor allem die Geschichten von vielen behinderten Menschen, die den Weg raus aus Einrichtungen hin zu einem inklusiveren Leben geschafft haben, erzählen können. Da der Roman im Jahr 2034 spielt, wird immer wieder zurückgeblickt, wie sich die Ich will raus-Bewegung entwickelt hat und welche Rolle dabei die Ich will raus-Pat*innen spielen.

kobinet-nachrichten: Das war sicherlich nicht so leicht, dies aus der Perspektive von 2034 zu schildern?

Ottmar Miles-Paul: Einerseits doch, denn so konnte ich die Entwicklungen nach der Veröffentlichung des ersten Romans über einen längeren Zeitraum schildern. Herausfordernd war ein Bild zu skizzieren, wie sich die Behindertenpolitik bis dahin entwickelt hat. So wie die Dinge derzeit stehen, gab es dabei natürlich einige Tiefpunkte, aber ich will mit dem Roman auch Hoffnung machen. Deshalb habe ich positive Möglichkeiten aufgezeigt. Das Schreiben bzw. Beschreiben dieser Entwicklungen hat mir vor allem Spaß gemacht und mich zum Nachdenken geführt, wie wir mit politischen Herausforderungen umgehen und uns gegenseitig unterstützen können beziehungsweise könnten

kobinet-nachrichten: Und was hat das mit den Pat*innen oder wie Sie es bezeichnen, den Ich will raus-Pat*innen genau auf sich?

Ottmar Miles-Paul: Auf die Diskussion bezüglich der Idee der Ich will raus-Pat*innen und des Ansatzes, dass die Behindertenbewegung eine Befreiungsbewegung ist beziehungsweise sein sollte, bin ich bei den Lesungen schon sehr gespannt. Die Idee ist recht einfach: Wir wissen inzwischen, wie schwierig es für diejenigen ist, die Werkstätten oder Wohneinrichtungen verlassen wollen, das zu schaffen. Hierfür braucht es eine gute und wie ich finde oft auch unabhängige Unterstützung. Denn es ist nicht einfach, wenn jemand sagt „Ich will raus“. Aber genau dieser Wunsch, wenn behinderte Menschen diesen haben, muss meiner Meinung nach gehört und unterstützt werden. Und hier kommen die Ich will raus-Pat*innen, Persönliche Zukunftsplanung und ein breites Netzwerk ins Spiel. Helen Weber und ihre Freunde von der Enthinderungsgruppe haben da einiges im Roman zu erzählen.

kobinet-nachrichten: Sie haben die Lesungen angesprochen. Die erste steht schon am 14. Januar 2026 in Kassel an und ist sogar eine Lesung im Dunkeln. Wie kam es dazu und was erwartet die Besucher*innen?

Ottmar Miles-Paul: Eine Lesung im Dunkeln ist für mich eine absolute Premiere. Ich war noch nicht einmal Zuhörer bei einer solchen Lesung. Ich liebe neue Herausforderungen, bin aber froh, dass ich dabei mit Sabine Lohner jemand an der Seite habe, die schon einige Lesungen im Dunkeln durchgeführt hat. Sie kann das nämlich, weil sie selbst blind ist und den Text an ihrem Braillecomputer mit den Händen abliest. Sie braucht also kein Licht zum Lesen. Das nutzen wir, um den Teilnehmenden ein anderes Wahrnehmungserlebnis zu bieten. Denn im Dunkeln kann man oft besser Zuhören, wenn man nicht von den visuellen Reizen abgelenkt ist. Ich freue mich also sehr darauf, zumal ich mit Sabine Lohner schon viele Lesungen zum ersten Roman durchführen durfte, die fanden allerdings im Hellen statt. Eingeladen hat uns der in Kassel ansässige Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab), der dort ein Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen betreibt. Mandy Müller, die beim neuen Projekt des Vereins „Aktiv Teilhabe gestalten“ beschäftigt ist, hat entscheidend die Organisation der Veranstaltung übernommen.

kobinet-nachrichten: Der Roman umfasst 304 Seiten und es war sicherlich viel Arbeit ein solches Werk zu schreiben. Was erhoffen Sie sich von der Veröffentlichung dieses Romans.

Ottmar Miles-Paul: Es war wirklich sehr viel Arbeit und erforderte ein gutes Durchhaltevermögen bis zum Schluss. Mit dem ersten Roman „Zündeln an den Strukturen“ wollte ich die Diskussion um das System der Werkstätten für behinderte Menschen und vor allem für Alternativen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aus einem anderen Blickwinkel ankurbeln. Mit den 24 Lesungen, die hierzu durchgeführt wurden, ist einiges in Gang gekommen und konnten auch Menschen erreicht werden, die sich bisher keine Gedanken darüber gemacht haben, dass das Durchschnittsentgelt in Werkstätten nur ca. 226 Euro im Monat beträgt und die Vermittlungsquote auf den allgemeinen Arbeitsmarkt mit 0,35 Prozent im Jahr beschämend niedrig ist. Das hat einige Aktivitäten ausgelöst. Mit diesem Roman möchte ich die Diskussion weiterführen und auch auf den Wohnbereich ausweiten, wobei schulische Inklusion genauso wichtig ist. Vor allem möchte ich die Idee der Ich will raus-Pat*innen verstärkt diskutieren und eine Bresche dafür schlagen, dass wir behinderte Menschen gezielt unterstützen, wenn sie raus aus aussondernden Einrichtungen wollen. Dieses Wunsch- und Wahlrecht wird nämlich viel zu oft unterdrückt, hinausgezögert oder gar verhindert.

kobinet-nachrichten: Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg.

Link zum Bezug des Romans

Link zu weiteren Infos zum Roman „Ich will raus: Von der Exklusion zur Inklusion“ und zu anstehenden Lesungen

Link zu weiteren Infos zum Roman „Zündeln an den Strukturen“

Link zum kobinet-Bericht über die Lesung im Dunkeln am 14. Januar 2026 in Kassel

Link zum Hinweis auf das Erscheinen des neuen Romans Ich will raus in den kobinet-nachrichten vom 7. Januar 2026