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Die Fantasie vom normalen Volk – Die Ordnungsideologie der Mitte

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Bronzeskulptur eines aufgerichteten, nach oben gestreckten menschlichen Körpers mit weit ausgebreiteten Armen. Die Aufnahme zeigt die Figur aus der Untersicht, vor hellem Himmel und einem angedeuteten Baum im Hintergrund.
Die Fantasie vom normalen Körper
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) In der taz beschreibt die Historikerin Dagmar Herzog im Interview "Die Fantasie vom schönen Volk" die eugenische und sexuelle Ideologie der Rechten, insbesondere der AfD, als Fortsetzung einer alten, zutiefst deutschen Obsession. Es ist die Vorstellung vom schönen, starken, makellosen Körper, der sich über die Schwachen erhebt und an ihrer Erniedrigung Freude findet. Während Herzog überzeugend darlegt, wie sehr sich die Rechte an der Ästhetik und der Ideologie der NS-Zeit bedient, bleibt eine Frage offen: Welche Fantasie treibt die politische und gesellschaftliche Mitte an, jene, die vorgibt, das Gegenteil zu sein?

Die neue Bürgerlichkeit und das Moralprinzip der Sauberkeit

Die Mitte hat keinen Traum vom schönen Volk. Sie träumt vom normalen Volk.
Nicht von Kraft, sondern von Funktion. Nicht von Reinheit, sondern von Reibungslosigkeit.

In dieser Fantasie gilt der Mensch als gut, wenn er funktioniert: pflegeleicht, arbeitsfähig, unabhängig, planbar. Alles, was davon abweicht – Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Abhängigkeit, sichtbare Behinderung – stört die Ordnung des Normalen.

Es ist, wie Herzog sagt, nicht der Körper des Faschismus, sondern der Körper der Bürokratie: hygienisch, geregelt, versichert. Diese Mitte braucht keine Parolen. Sie braucht nur Verwaltung, Gutachten und Gesetze. Das Ergebnis ist dasselbe wie bei der Rechten, nur leiser. Menschen mit Behinderung verschwinden aus dem Alltag. Sie werden versorgt, verwahrt und verwaltet – mit besten Absichten.

Die Fantasie vom Normalen als demokratischer Konsens

Während die Rechten die Schwachen verhöhnen, erklärt die Mitte sie zu Fällen.
Sie spricht von Teilhabe und meint Kontrolle. Von Schutz und meint Separation.
Sie trennt nicht durch Hass, sondern durch Zuständigkeit.

Das klingt human, ist aber zutiefst technokratisch und ebenso entmenschlichend. In dieser Ordnung darf der schwerstbehinderte Mensch nicht einfach Bürger sein. Er ist ein Pflegefall, ein Kostenträger, ein Sozialobjekt. Und solange er in dieser Rolle bleibt, funktioniert das System reibungslos.

Das ist die Fantasie vom normalen Volk: eine Gesellschaft, die sich selbst als offen begreift, solange die Abweichung nicht stört.

Die Ästhetik des Unsichtbaren

Herzog spricht von der Einladung zur Schadenfreude als Kern faschistischer Körperpolitik.
Die Mitte hat ihre eigene Einladung: die Einladung zum Wegsehen.
Sie verwandelt das Sichtbare in Sonderwelten wie Werkstätten, Wohnheime und Inklusionsprojekte und beruhigt sich mit dem Gefühl, etwas Gutes zu tun.

Diese Disneywelt der Inklusion funktioniert, weil sie alle Rollen bereithält: die Fürsorglichen, die Engagierten, die Experten und die Unsichtbaren, die dazugehören dürfen, solange sie nicht sichtbar werden.

Vom guten Gewissen zur Ordnungsideologie

Was hier sichtbar wird, ist die Fortsetzung jener moralischen Mechanik, die ich in meinem Essay „Inklusion – die Geschichte des guten Gewissens“ beschrieben habe:
Ein System, das gelernt hat, sich durch Sprache zu reinigen, ohne seine Strukturen zu verändern.

Die Ordnungsideologie der Mitte ist das Ergebnis dieser Entwicklung.
Sie ersetzt Gewalt durch Verwaltung, Ausgrenzung durch Zuständigkeit und Diskriminierung durch Fürsorge.
Sie stabilisiert den gleichen Blick auf das Abweichende, nur in moderner, hygienischer Form.

Die Unsichtbaren im Alltag

Dass diese Ordnung nicht theoretisch ist, sondern gelebte Realität, habe ich in meinem Artikel „Wann haben Sie das letzte Mal einen schwerstbehinderten Menschen …“ beschrieben. Menschen mit schweren Behinderungen sind aus dem öffentlichen Raum weitgehend verschwunden. Nicht, weil sie aktiv ausgeschlossen werden, sondern weil die Gesellschaft Strukturen geschaffen hat, die sie gut aufgehoben halten.

Es ist dieselbe Logik: Das Abweichende bleibt fern, das Gewissen bleibt sauber. So funktioniert Ordnung als moralisch abgesicherte Abwesenheit.

Die bequeme Selbstentlastung

Die Mechanismen, die Herzog bei der Rechten analysiert, sind keine Randerscheinung. Sie sind strukturell verwandt mit dem, was ich in meinem Beitrag „Zwischen Analyse und Alibi“ über die Rezeption von Mandy Müllers Bachelorarbeit beschrieben habe.

Die gesellschaftliche Mitte zeigt auf die Rechten, um sich moralisch zu erhöhen und sich selbst als das Gegenteil zu inszenieren.
Teile der Behindertenbewegung zeigen auf die Rechten, weil sie der Mitte nichts mehr entgegensetzen können. Aus Ohnmacht, nicht aus Überzeugung.
In der Empörung über den rechten Hass versuchen sie, wenigstens symbolisch wieder Wirksamkeit zu erlangen.

Der rechte Hass fällt nicht auf neutralen Boden.
Er wächst auf dem Nährboden der Mitte, dort, wo er seinen Ursprung hat, wo Ordnung, Nützlichkeit und Kontrolle als moralische Werte gelten.
Was bei der Rechten als Aggression auftritt, existiert in der Mitte als Prinzip: als Sehnsucht nach einer funktionierenden, bereinigten Gesellschaft, in der Abweichung als Störung empfunden wird.

Die Rechten bringen dafür nur den Dünger.
Sie radikalisieren, was längst vorhanden ist.
Sie verwandeln gesellschaftlich akzeptierte Distanz in offene Abwertung und höflichen Ausschluss in aggressive Grenzziehung.
So entsteht keine neue Ideologie, sondern eine Enthemmung der alten.

Höflich, gesetzeskonform, moralisch abgesichert – so reproduziert die Mitte, was sie vorgibt zu bekämpfen.

Vom schönen zum normalen Volk

Die Parallelen sind unübersehbar. Beide Ideologien, die offene der Rechten und die stillschweigende der Mitte, dienen demselben Zweck:
Sie schaffen Distanz, sie sichern Ordnung, sie erhalten das Gefühl, wir seien richtig so, wie wir sind.

Die Rechte schreit: „Raus mit den Schwachen.“
Die Mitte lächelt: „Wir kümmern uns um sie an einem geeigneten Ort.“

Und genau darin liegt der Skandal. Während sich die Gesellschaft über die Grausamkeit der Rechten moralisch erhebt, führt sie die gleichen Strukturen fort, nur mit sozialpädagogischer Verpackung.

Die Anschlussfähigkeit der Mitte

Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr:
Die Rechten müssen keine neuen Ideen entwickeln.
Sie müssen nur das freilegen, was in der Mitte längst angelegt ist.
Die Ordnungsideologie der Mitte ist ihre Vorlage.

Alles ist vorbereitet: der Wunsch nach Übersicht, nach Kontrolle, nach Sauberkeit, nach Menschen, die funktionieren.
Die Rechten liefern nur die Erlaubnis, es endlich auszusprechen.
Sie müssen niemanden überzeugen, sie befreien.
Sie erlösen die Mitte von ihrem schlechten Gewissen.
Und in dem Moment, in dem Moral als Zwang empfunden wird, wird Enthemmung zur Befreiung.

Darum ist der Rechtsruck kein Bruch. Er ist eine Entfesselung.

Die Ordnungsideologie der Mitte

Vielleicht ist das der unbequemste Gedanke, den Herzogs Analyse provoziert:
Ordnungsideologien beginnen nicht erst dort, wo Hass offen wird.
Sie beginnen auch dort, wo Mitgefühl zur Strategie wird, um Ungleichheit zu stabilisieren.

Man muss Menschen nicht mehr sterilisieren oder ermorden, um sie unsichtbar zu machen.
Es genügt, sie als Sonderfall zu verwalten.

Die Fantasie vom normalen Volk ist keine Randerscheinung.
Sie ist das Fundament, auf dem autoritäres Denken wachsen kann – gepflegt, empathisch, effizient.
Während die Rechte Exklusion offen propagiert, praktiziert die Mitte sie strukturell: still, effizient und scheinbar human.

Eine Demokratie kann sich nur dann glaubwürdig empören, wenn sie erkennt, dass der Boden, auf dem die Rechten stehen, längst in ihrer eigenen Mitte bereitet wurde.

Fazit

Herzog hat recht. Der autoritäre Geist unserer Zeit ist vielschichtig, widersprüchlich und postmodern.
Aber seine stillste Form lebt mitten unter uns, dort, wo das Abweichende nicht gehasst, sondern strukturell entfernt wird.