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#TeilhabeIstKeinLuxus – aber unglaubwürdig aus dem Mund der Lebenshilfe

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Weiße Eingangstür, rechts Klingelschild „Lebenshilfe“, über der Tür grobes Holzbrett mit Nägeln, darauf die Aufschrift #TeilhabeIstKeinLuxus.
Lebenshilfe vs. Teilhabe
Foto: Ralph Milewski / KI generiert

Fladungen (kobinet) "#TeilhabeIstKeinLuxus" – unter diesem Hashtag haben auch die Lebenshilfe und ihre Selbstvertretung ihre Forderung gegen Kürzungen in der Eingliederungshilfe platziert. Die Forderung nach ihrem Erhalt ist legitim und notwendig. Widersprüchlich wird es dort, wo die Lebenshilfe sich diesen Hashtag aneignet. Denn sie steht mit ihren Sonderwelten seit Jahrzehnten für das Gegenteil von echter Teilhabe. In den Werkstätten der Lebenshilfe arbeiten Hunderttausende Menschen mit Behinderungen zu einem Lohn, der oft nicht mehr als ein Taschengeld ist. Für die meisten bleibt der Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt eine Illusion. Was als Förderung verkauft wird, ist in Wahrheit ein geschlossenes System, das Menschen vom regulären Arbeitsleben fernhält.

Auch beim Wohnen zeigt sich das gleiche Muster. Große Einrichtungen bündeln Menschen in Heimen oder Wohngruppen, schaffen kontrollierte Milieus und verhindern, dass sie selbstverständlich als Nachbarn, Mitmieter oder Kolleginnen sichtbar sind. Auf dem Papier bedeutet das Versorgung, in der Realität bedeutet es Ausgrenzung.

Selbst die Freizeit wird häufig in eigenen Strukturen organisiert. Reisen, Kulturangebote, Sportgruppen. Gut gemeint, aber abgeschlossen. Menschen mit Behinderungen verbringen ihre Freizeit miteinander, unter Aufsicht, aber nicht selbstverständlich inmitten der Gesellschaft.

Bei der Lebenshilfe bedeuten diese Forderungen zugleich die Sicherung der eigenen separierenden Strukturen. Werkstätten, Wohneinrichtungen und Freizeitangebote hängen direkt an der Finanzierung durch die Eingliederungshilfe. Wer dort laut „#TeilhabeIstKeinLuxus“ ruft, verteidigt also nicht nur Rechte, sondern auch das Fortbestehen eines Systems, das Menschen von der Gesellschaft trennt.

Unsere Gesellschaft hat für Menschen mit Behinderungen eine Art „Disney World“ geschaffen. Werkstätten, Heime, inklusive Projekte, Sonderveranstaltungen – sie wirken bunt und fürsorglich, sind aber inszenierte Welten, die Menschen von echter Teilhabe fernhalten. Diese Sonderwelten entlasten die Gesellschaft, weil sie den Alltag „frei“ von Behinderung halten. Sie beruhigen das Gewissen, weil man sagen kann, es werde sich doch gekümmert. Aber sie verhindern, dass Menschen mit Behinderungen selbstverständlich im Café, am Arbeitsplatz, im Kino oder im Wohnumfeld präsent sind.

Und wer meint, dass wenigstens Aktion Mensch den Unterschied macht, täuscht sich. Dort schweigt man nicht nur zu politischen Angriffen wie denen von Friedrich Merz und begnügt sich mit bunten Aktionstagen. Aktion Mensch ist selbst einer der größten Produzenten von Sonderwelten. Mit ihren Förderprogrammen entstehen zahllose Projekte, die zwar als „inklusiv“ etikettiert werden, in Wahrheit aber abgetrennte Räume bleiben. Auch hier wird Inklusion verwaltet und inszeniert, statt sie in der Gesellschaft durchzusetzen.

#TeilhabeIstKeinLuxus – diesen Hashtag sollte sich die Lebenshilfe selbst über die Tür nageln.

Lesermeinungen

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4 Lesermeinungen
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Johanne van der med
11.09.2025 11:25

Die Mitarbeiter in Werkstätten bekommen gar keinen Lohn, sondern ein kleines Entgelt. Wenn man korrekt sein möchte, sollte man auch die Miete und den Anteil der Grundsicherung in dieses Entgelt einrechnen, dann ist das gar nicht so wenig. aber klar, die sollen mal auf dem allgemeienn Arbeitsmarkt arbeiten, vermutlich in Minijobs oder bei Mindestlohn, dafür sich dann selbst eine Wohnung suchen, einen Job finden, die Soialversicherung selbst zahlen. Das bekommen sie bestimmt hin, weil sie völlig ohne Grund in Werkstätten arbeiten. Eine kritische Einstufung von Werkstätten ist gut und schön, die Behindertenbewegung belügt sich aber gerne selbst, wenn sie denkt, jeder Mitarbeitende in WFBM wollte aus dem System raus oder könne problemlos im normalen Leben klarkommen. BTW habe ich für die Aktion Mensch und ndie Lebenshilfe 0 Sympathie, sie bauen tatsächlich auf Exklusion auf. Das heißt aber nicht, dass die WFBM abgeschafft gehört, wenn man sie nicht vernünftig ersetzen kann.

Stephan Laux
Antwort auf  Johanne van der med
11.09.2025 18:58

Wann wird das endlich einmal klar???
Weder Ralph Milewski noch andere mir bekannte Aktivist*innen oder Protagonist*innen der Behindertenbewegung fordern eine Abschaffung der WfbM!

Uns stört das Schild „Inklusion“, das über diesen Sondereinrichtungen hängt.
Wenn sich durchsetzt, dass die Deutungshoheit des Begriffes der Aktion Mensch überlassen wird, dann könnte man es auch gleich lassen und uns auf den Stand von 1980 einigen.

Das Problem ist nur, dass einige Teile der Gesellschaft sich anscheinend gerne auf einen Stand vor 1945 einigen würden oder auf den des Mittelalters.

Stephan Laux

M. Guenter
Antwort auf  Johanne van der med
11.09.2025 19:29

Ja, ´sehe ich auch so! Die WfbM ist für zehntausende Menschen, der Ort, an dem sie ihre Fähigkeiten niederschwellig einsetzen könne,ohne sich zu sehr gebunden und damit zu sehr gestresst zu fühlen und dann es einfach lassen.
Ähnlich erlebe ich es – in Hessen – bei en Tagesstätten für psychische „Kranke“ – wenn ich da mit meinem BTHG-konformen Geschwurbel ala „Welche Ziele haben sie denn?“ auftauche, taucht ein Viertel der Leistungsberechtigten ab….die wollen da ein Mittagessen, Menschen treffen (und sei es am Aschenbecher vor der Tür) und einen, der ihnen sagt. Hör mal, die Post solltest du im eigenen Interesse doch mal beantworten.

Bzgl. der Lebenshilfe, wäre ich nicht so radikal. Die haben sich einfach in ihren – wohlmeinenden – Positionen verloren! 1994 hatten die einen großen Fachkongress zu Thema Selbstbestimmung, aber immer noch geben die Eltern vor, was ihr „Kind“ braucht – und die sitzen in den Aufsichträten und co.
Und statt 15000 Stunden „Freizeitassistenz“, wird nun als Wirtschaftunternehmen eine Bühne bespielt, da Umsätze generiert, die 10, 20 oder noch mehr Millionen € umfasst…
Beschäftigte Mitarbeiter sind „Geiseln“ dieses System – aber wie schon Georg Feuer vor Jahrzehnten feststellte – in Abgrenzung zum Satz: „Nicht alles gutgemeint ist, ist gut“: „Manches, was gutgemeint ist, kann auch ausgesprochen schlecht sein“…

Uwe Heineker
Antwort auf  Johanne van der med
11.09.2025 22:28

„Werkstätten müssen sich zu Integrationsbetrieben weiterentwickeln, in denen sowohl Menschen mit als auch ohne Behinderung einen ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden Arbeitsplatz finden und volle Arbeitnehmerrechte haben. Das haben schon die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – als Werkstattbeschäftigte selbst – des 1. Alternativen Werkstättentages 1988 gefordert! Die Umwandlung in Integrationsbetriebe sollte schrittweise erfolgen und spätestens in zehn Jahren abgeschlossen sein.“ Diese schon seinerzeit richtungsweisende Kernforderung der „Deutzer Erklärung“ aus dem Jahr 2006 (!) wurde von der Politik bis heutzutage völlig ignoriert – und, wie peinlich, sogar ihre eigene darin zitierte Aussage aus dem Koalitionsvertrag: https://t1p.de/wfbm – soviel auch mal als zum historischen Teil zum Thema – besagte Erklärung wurde übrigens von mir als beschlussvorlage entworfen