Menu Close

Kultouren – Wer oder was wird hier „sichtbar“?

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
Schwarz-weiß-Foto eines Ausstellungsraums mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten. Eine Person steht halb verdeckt im Schatten vor einem Bild an der Wand. Ein heller Lichtkegel fällt auf ein leeres Holzpaneel und ein Schild, das kaum lesbar ist.
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Im BR24-Beitrag zur Führung "Inklusion, Bildung, Sichtbarkeit: Nürnberger Führungen für alle" heißt es: "Eines unserer Ziele ist es, dass Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich im Stadtbild vorkommen." Kurz darauf folgt die Feststellung, dass sie zwar zur Gesellschaft gehörten, man sie jedoch kaum sehe. Diese Beobachtung bleibt jedoch vollkommen unkommentiert. Es wird nicht gefragt, warum das so ist, welche gesellschaftlichen oder institutionellen Strukturen diese Unsichtbarkeit erzeugen und stabilisieren und wem sie möglicherweise nützt. Stattdessen verweist Projektleiterin Diana Löffler direkt auf das eigene Angebot und betont, dass bei den Touren Menschen mit und ohne Behinderung teilnehmen können. Damit wird die benannte Unsichtbarkeit nicht als Ausdruck eines systemischen Ausschlusses verstanden, sondern zu einem Problem fehlender Begegnung umgedeutet. Sichtbarkeit erscheint nicht als politische oder strukturelle Frage, sondern als etwas, das sich durch symbolische Teilnahmeformate beiläufig beheben ließe.

Genau hier liegt der blinde Fleck des gesamten Projekts. Die Feststellung, dass Menschen mit Behinderung kaum zu sehen seien, bleibt bei einem symptomatischen Befund stehen, ohne Ursachenforschung, ohne strukturelle Analyse. Sichtbarkeit wird als Defizit benannt, aber nicht als das Resultat jahrzehntelanger Segregation durch Förderschulen, Werkstätten, Sondereinrichtungen, institutionelle Wohnformen, mangelnde Barrierefreiheit und ableistische Leitbilder. Wer heute nicht im Stadtbild erscheint, wurde gestern und vorgestern aus ihm verdrängt durch politische Entscheidungen, durch organisatorische Zuständigkeiten, durch sozialstaatliche Logiken.

Das Projekt „Kultouren für alle“, das unter anderem von Aktion Mensch gefördert wird, reiht sich damit in eine lange Reihe symbolischer Inklusionsprojekte ein, die Sichtbarkeit inszenieren, aber keine strukturellen Veränderungen anstoßen. In der Projektbeschreibung heißt es, dass „unsere Kultour-Tandems zukünftig mit ihren inklusiven Führungsangeboten ganz selbstverständlich zum Stadtalltag gehören“ sollen. Ein Anspruch, der im Widerspruch steht zur eigenen Praxis, die klar projektbasiert und temporär bleibt, mit punktuellen Veranstaltungen und dem Ziel, Begegnung zu ermöglichen, nicht aber Räume zu öffnen oder Machtverhältnisse zu verändern.

Was durch Formate wie „Kultouren für alle“ sichtbar wird, sind jedoch nicht die tatsächlich Unsichtbaren, sondern jene, die ohnehin schon Teil der öffentlichen Wahrnehmung sind. Engagierte, sprechfähige, institutionell eingebundene Menschen mit Behinderung, die längst in Gremien, Projekten oder Ehrenämtern vertreten sind. Sichtbar gemacht wird hier nicht das Verborgene, sondern das Repräsentable, eine Form von Behinderung, die anschlussfähig ist, freundlich wirkt, nicht stört. Wer tatsächlich systemische Unsichtbarkeit abbauen will, müsste sich mit denjenigen beschäftigen, die weder in der Innenstadt noch in den Erzählungen über Inklusion vorkommen. Menschen in Werkstätten, in besonderen Wohnformen, in Einrichtungen am Rand der Stadt, ohne Lobby, ohne Plattform. Sie fehlen in diesen Projekten nicht zufällig. Sie wurden über Jahrzehnte durch politische und institutionelle Entscheidungen an genau diese Orte gedrängt. Sichtbarkeit, die diese Realität nicht thematisiert, ist keine Intervention, sondern Affirmation. Sie zeigt, was gezeigt werden darf, und lässt das Unsichtbare unsichtbar bleiben.

Damit ist nicht gesagt, dass solche Angebote grundsätzlich abzulehnen sind. Führungen wie diese können im besten Fall Räume öffnen, Perspektiven erweitern und Kontakt ermöglichen. Doch sie entfalten ihr Potenzial nur, wenn sie nicht bloß gut gemeint, sondern auch gut durchdacht sind. Genau daran fehlt es hier. Es mangelt nicht am Engagement, sondern an der Reflexion. Ohne die Bereitschaft, die tieferliegenden Ursachen für die gesellschaftliche Unsichtbarkeit zu benennen und zu problematisieren, bleibt die Intervention an der Oberfläche.

Der zentrale Widerspruch dabei: Aktion Mensch, Hauptförderer des Projekts, gehört selbst zu den Institutionen, die seit Jahren durch das Sponsoring von Sonderformaten und Parallelstrukturen zur Stabilisierung der Exklusion beitragen. Wo Inklusion draufsteht, ist nicht automatisch auch Systemkritik drin. Wenn inklusive Stadtführungen dazu dienen, das Bild von Fortschritt zu vermitteln, ohne die Ursachen der Unsichtbarkeit ernsthaft zu hinterfragen, dann ist auch dieses Projekt, trotz seiner guten Absichten, ein Teil des Problems. Es entlastet das System, macht strukturelle Fragen zu Begegnungsfragen und erzeugt Sichtbarkeit als dekorative Intervention.

Die notwendige Anschlussfrage an Diana Löffler und die Akademie CPH müsste deshalb lauten, was sie konkret gegen die strukturelle Unsichtbarmachung von Menschen mit Behinderung tun. Und ob es dafür reicht, einmal im Quartal eine Führung anzubieten. Wer ernsthaft Inklusion meint, muss das System verändern, nicht nur die Kulisse, in der es sich selbst feiert.

Denn genau das geschieht hier. Eine Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung kaum sieht, weil sie diese systematisch ausgrenzt, stilisiert einzelne Begegnungen zu Fortschritt. Doch solche symbolischen Gesten ersetzen keine strukturelle Reform. Sichtbarkeit darf nicht zur dekorativen Geste verkommen, die das bestehende System der Trennung affirmiert, statt es zu hinterfragen. Wer Teilhabe wirklich will, darf sich nicht mit punktueller Beteiligung begnügen. Es braucht einen Bruch mit den Sonderwegen, nicht ihre ästhetisierte Fortsetzung.

Wer Sichtbarkeit wirklich meint, muss Ausschlüsse sichtbar machen. Wer Inklusion fordert, darf Separation nicht dulden. Und wer Begegnung organisiert, sollte dabei nicht die Machtverhältnisse vergessen, die überhaupt erst dafür sorgen, dass solche Begegnung als besonders gelten muss.