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Quoten sind kein Beweis für Inklusion – Warum die Sprache im SZ-Artikel das eigentliche Problem verschleiert

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
Baustelleschild in gelb mit der Aufschrift
Dauerbaustelle "Inklusion"
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Inklusion bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich und gleichberechtigt zusammenleben und arbeiten. Sie bedeutet Teilhabe ohne Vorbedingungen, ohne Sonderstrukturen und ohne Zwangsmechanismen. In Deutschland wird der Begriff aber zunehmend für Dinge verwendet, die mit echter Inklusion nichts zu tun haben. Er dient als Etikett für gesetzliche Pflichten, Quotenregelungen oder finanzielle Ausgleichszahlungen, obwohl diese lediglich Verwaltungsinstrumente sind. Die aktuelle Recherche von Süddeutscher Zeitung, "andererseits" und "FragDenStaat" zeigt diese begriffliche Schieflage sehr deutlich.

In den Artikeln wird von „vermeideter Inklusion“ gesprochen oder davon, dass Unternehmen „mit Inklusion Geld verdienen“. Diese Wortwahl ist grundlegend falsch. Eine gesetzliche Quote, auch wenn sie von allen Unternehmen lückenlos erfüllt würde, ist kein Beweis für gelebte Inklusion. Sie ist ein Zwangsinstrument, das ohne gesellschaftlichen Haltungswandel nötig geworden ist. Selbst die perfekte Umsetzung wäre nicht gleichbedeutend mit Teilhabe, sondern lediglich ein Zeichen dafür, dass man Menschen gesetzlich in Unternehmen hineinzwingt, weil sie dort nicht selbstverständlich willkommen sind.

Diese Unterscheidung ist zentral. Das heißt nicht, dass solche Zwangsmaßnahmen grundsätzlich falsch wären. Sie können notwendig sein, um Diskriminierung zu begrenzen oder überhaupt erstmal Sichtbarkeit und Zugang zu schaffen. Aber sie sind keine Lösung für Inklusion, sondern lediglich ein Notbehelf. Als Ersatz für Haltung, Strukturwandel und gelebte Selbstverständlichkeit dürfen sie nicht missverstanden werden.

Wenn Medien diesen Mechanismus unter dem Begriff Inklusion verhandeln, entsteht ein doppelter Schaden. Zum einen wird suggeriert, dass gesetzliche Erfüllung von Quoten schon Fortschritt wäre. Zum anderen wird der eigentliche Anspruch des Begriffs entwertet. Inklusion beschreibt einen Zustand, in dem solche Gesetze überflüssig sind, weil gleiche Chancen selbstverständlich geworden sind. Indem man Verwaltung und Zwang mit Inklusion verwechselt, verschiebt man die Bedeutung in Richtung von Zahlen und Formalien und entfernt sich vom ursprünglichen Ziel.

Besonders bemerkenswert ist, dass auch ein Magazin wie „andererseits“, das sich selbst als inklusiv versteht und investigative Recherchen zu Behinderung und Gesellschaft liefert, denselben Begriff in diesem Kontext übernimmt. „andererseits“ arbeitet mit einem inklusiven Redaktionsansatz, Menschen mit und ohne Behinderung machen gemeinsam Journalismus. Gerade deshalb fällt auf, dass auch hier das Vokabular nicht präzise bleibt. Das Magazin wollte vermutlich aufzeigen, wie weit Deutschland von echter Inklusion entfernt ist. Die gewählte Formulierung führt aber dazu, dass Quotenregelungen sprachlich mit Inklusion gleichgesetzt werden, selbst wenn sie nur erzwungene Mindestbeteiligung sind.

Wenn man aber alles Inklusion nennt – selbst Zwangsmaßnahmen, Symbolpolitik oder bloße Pflichterfüllung – dann wird der Begriff unverbindlich und beliebig. Und wenn der Begriff beliebig wird, gibt es auch kein Ziel mehr, auf das man hinarbeiten könnte. Denn ohne klare Begriffsgrenzen verschwindet die Vision von gleichberechtigter Teilhabe als politisch-moralische Zielmarke. Es bleibt dann bei einem Verwaltungshandeln, das sich selbst legitimiert, ohne je über sich hinauszuwollen.

Sprache schafft Realität. Wenn wir Zwang, Verwaltung und Ausgleichszahlungen Inklusion nennen, verschleiern wir, dass echte Teilhabe fehlt. Wir verschieben den Maßstab, bis das Wort nichts mehr bedeutet. Eine Gesellschaft, die auf Quoten angewiesen ist, hat keine Inklusion erreicht. Sie verwaltet Diskriminierung, statt sie zu überwinden.

Inklusion wäre erst dann Realität, wenn gesetzliche Pflichten nicht mehr gebraucht würden und Menschen selbstverständlich gleichberechtigt in allen gesellschaftlichen Bereichen vertreten wären. Solange man aber jede Maßnahme, jeden bürokratischen Akt und jede Kompensationsregelung mit diesem Wort versieht, wird der eigentliche Anspruch systematisch entwertet – selbst von Medien, die sich als inklusiv verstehen.

Lesermeinungen

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2 Lesermeinungen
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M. Guenter
31.07.2025 19:19

Hmm,

ich weiß nicht so recht, ob das, was dieser Meinugsbeitrag kritisieren will, von ihm auch richtig abgebildet wird:

  • „Inklusion beschreibt einen Zustand, in dem solche Gesetze überflüssig sind, weil gleiche Chancen selbstverständlich geworden sind.“
  • „Wenn man aber alles Inklusion nennt – selbst Zwangsmaßnahmen, Symbolpolitik oder bloße Pflichterfüllung – dann wird der Begriff unverbindlich und beliebig. Und wenn der Begriff beliebig wird, gibt es auch kein Ziel mehr, auf das man hinarbeiten könnte.“
  • „Sprache schafft Realität. Wenn wir Zwang, Verwaltung und Ausgleichszahlungen Inklusion nennen, verschleiern wir, dass echte Teilhabe fehlt.“
  • „Eine Gesellschaft, die auf Quoten angewiesen ist, hat keine Inklusion erreicht.“

Was mir hier fehlt, ist einfach die Darstellung von Optionen! Unklar ist auch, auf welchen Inklusionsbegriff zurückgeriffen wird – schaue ich mir die UNBRK an, dann sehe ich dieses Problem nicht. Da geht es „nur“ um Chancengleichheit. Hier sollte man mal beim üblichen Sprachgebrauch bleiben, wie ihn insbesondere der Sport bietet – in so mancher Sportart gibt es das Handicap….

Wenden wir den Fokus mal aufs Grundsätzliche – Inklusion ist ja, wie der Beitrag unterschlägt – keinesfalls eine Sache „für/mit Behinderten“, dann müsste man ernstgenommen sich die Frage stellen: Wie sieht denn eine inklusive Gesellschaft aus? Und um eine solche zu erreichen – mal abgesehen von der Frage, ob nicht jeder von uns da eine eigene Vorstellung zu hat – denke ich, dass wir noch eine Weile beim „antianarchistischen Ansatz“, also einer Welt mit Gesetzen bleiben werden wollen/müssen…
Nebenbei wird in keiner Stelle reflektiert, warum „unser“ Arbeitsmarkt so exklusiv ist, dass jährlich Zehntausende „durch’s Raster“ fallen und dabei so „krank“ werden, dass für sie eine Teilhabe an diesem „System“ nicht mehr erreichbar ist!
Sorry, ohne die gesellschaftliche Realität anzuerkennen, verkommt Inklusion eben nur zu einer „Sprachhülse“, die behauptet die Realität zu kritisieren und moralinsauer auftritt…

Silvia Hauser
Antwort auf  M. Guenter
01.08.2025 15:11

Seit ihr auf einmal allesamt „Hirnficker“? So hieß bei uns geistig jung gebliebenen Altachtundsechzigern, wenn Diskutierende sich im Formalismus und in Abstraktionen verbeißen. Also alle mal die Kiefermuskulatur entspannen! Und der folgende Kalauer hilft auch: Gefragt „gibt es ein Leben ohne, neben oder nach der Inklusion?“ Antworte ich, „im Prinzip ja, es ist nur ziemlich exklusiv, aber man gönnt sich ja sonst nichts“.
Grüße von Hans-Willi Weis