
Foto: Ralph Milewski
Fladungen (kobinet) 2009 (UN-BRK, Ratifizierung durch Deutschland am 26. März 2009) Als Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifizierte, war das Versprechen groß: Teilhabe, Selbstbestimmung, strukturelle Veränderungen. "Inklusion" war das Wort der Stunde – ein Begriff, der nicht weniger meinte als eine radikale Neuausrichtung gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Weg von Fürsorge, hin zu Rechten. Weg von Sonderwegen, hin zu einem gemeinsamen, gleichberechtigten Leben aller. Doch nur wenige Jahre später war das Wort kaum wiederzuerkennen.
2011–2013 (Beginn landesweiter Schulgesetzänderungen, z. B. NRW Inklusionsgesetz 2013; KMK-Empfehlungen zur inklusiven Bildung 2011)
Was in den frühen 2010er-Jahren begann, war ein semantischer Umbau. Mit der schulischen Inklusion als Türöffner übernahmen Ministerien, NGOs und Wohlfahrtsverbände das neue Schlagwort – nicht als Ausdruck politischer Neuverteilung, sondern als Etikett für administrative Anpassung. Bestehende Integrationsmaßnahmen wurden einfach umbenannt. Barrierefreiheit wurde zur Inklusion erklärt. Förderzentren hießen plötzlich inklusive Einrichtungen, ohne dass sich an den Ausschlüssen etwas änderte.
ab 2014 (u. a. Start der Inklusionskampagnen von Aktion Mensch: #MissionInklusion, Inklusionsbarometer der Aktion Mensch ab 2014)
Parallel dazu entdeckten große Organisationen das Thema als PR-Ressource. Aktion Mensch, Lebenshilfe, Caritas, kommunale Träger: Alle starteten Projekte, Wettbewerbe, Kampagnen. Wer von Inklusion sprach, zeigte sich modern, aufgeschlossen, zukunftsfähig. Und je häufiger der Begriff verwendet wurde, desto leerer wurde er. Inklusion wurde ein Wohlfühlwort – für alles, was nett gemeint ist. Es ging plötzlich um Zugänge, um Perspektivwechsel, um Empathie. Was fast nie thematisiert wurde: Macht. Teilhabe im Sinne von Mitgestaltung. Die Frage, wer entscheidet.
Ab 2016 (sichtbarer Bedeutungswandel in Selbstvertretungsinitiativen und Medienberichterstattung; kaum noch kritische Infragestellungen in Leitmedien oder durch große Akteure der Behindertenbewegung)
Stattdessen wurde „Inklusion“ zunehmend zu einem moralischen Imperativ – gut gemeint, aber politisch entschärft. Und dieser Bedeutungsverlust wurde nicht nur von außen vorangetrieben. Auch innerhalb der Behindertenbewegung übernahmen viele Akteur:innen das neue Framing – sei es aus strategischer Anpassung oder schleichender Vereinnahmung. Heute finden sich nur noch selten Stimmen, die sich explizit gegen diese Entpolitisierung wenden. Selbst etablierte Plattformen wie die kobinet-nachrichten oder bekannte Persönlichkeiten wie Raúl Krauthausen tragen durch die weitgehend unkommentierte Weiterverbreitung offizieller Narrative – etwa in Newslettern oder Social-Media-Beiträgen – zur Normalisierung der verwässerten Bedeutung bei. Inklusion erscheint dadurch weniger als ein politischer Kampfbegriff, denn als wohlklingende Einladung zur Teilnahme. Aus einem Anspruch ist ein Angebot geworden.
heute (zunehmende Entpolitisierung im öffentlichen Diskurs, sichtbar u. a. durch sprachliche Gleichsetzung von Barrierefreiheit, Diversität und Inklusion in Medien, Werbung und Politik)
Das Ergebnis ist ein sprachliches Trugbild: Es wirkt, als wäre die Gesellschaft auf einem inklusiven Weg – während die realen Machtverhältnisse weitgehend stabil geblieben sind. Menschen mit Behinderungen sind nach wie vor vor allem Empfänger von Einladungen. Es sind selten sie selbst, die Agenden setzen oder Räume definieren. Inklusion wird organisiert – aber nicht gemeinsam verhandelt. Sie bleibt ein Angebot, kein Recht. Eine Zuschreibung, keine Aushandlung.
aktuelle Gegenwart (Sprachwandel und Bedeutungsglättung auch in offiziellen Dokumenten und Aktionsplänen, z. B. Aktionspläne auf Bundes- und Länderebene)
Was bleibt, ist Frustration. Denn wer heute auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs verweist, gilt schnell als Fundamentalist. Wer sagt, dass Inklusion mit Machtverschiebung zu tun hat, erntet Unverständnis oder wird in die Ecke der Ewigkritischen gestellt. Dabei war genau das die Grundlage der Konvention: Dass Menschen mit Behinderungen nicht länger Objekte von Maßnahmen, sondern Subjekte politischer Gestaltung sein sollen.
gesellschaftlicher Rückblick (analog zu Entwicklungen bei Begriffen wie „Gender“, „Diversität“, „Teilhabe“, vgl. kritische Diskurse in Soziologie, Disability Studies, Politikwissenschaft)
Die Umdeutung des Begriffs „Inklusion“ folgt damit einem bekannten Muster. Wie andere einst politisch aufgeladene Begriffe – Gleichstellung, Diversität, Teilhabe – wurde auch er einer marktfähigen, anschlussfähigen Semantik unterworfen. Aus dem politischen Projekt wurde ein Lifestyle. Aus dem Recht ein Zugang. Aus der Forderung ein freundliches Angebot.
persönliche Schlussfolgerung
Wer das kritisiert, wird oft allein gelassen. Denn die große Koalition der Inklusionsfreundlichkeit ist breit, gut finanziert und medienwirksam. Sie braucht keine Störungen, keine Radikalität, keine unbequemen Fragen. Aber wer wirklich Inklusion will, wird um diese Fragen nicht herumkommen: Wer spricht? Wer entscheidet? Und wer darf widersprechen?
Solange diese Fragen ausgeklammert bleiben, bleibt Inklusion ein Etikett – freundlich gemeint, aber politisch folgenlos.
Zum Nachtisch Satire gefällig?
REWE setzt starkes Zeichen für Inklusion – Rollstuhlfahrer dürfen jetzt offiziell einkaufen
KÖLN (kobinet) – In einer feierlichen Pressemitteilung gab die REWE Group heute bekannt, dass in über zehn ihrer rund 3.800 Märkte in Deutschland Menschen im Rollstuhl „nun endlich barrierearm einkaufen dürfen“. Die Aktion ist Teil der unternehmensweiten Inklusionsoffensive „Dabei sein ist alles – auch beim Wocheneinkauf“ und wird von einem eigenen Logo begleitet: ein stilisierter Einkaufswagen mit Rampe.
Besonders stolz ist REWE auf die baulichen Fortschritte: „In ausgesuchten Pilotfilialen ist es uns gelungen, den Eingangsbereich fast ebenerdig zu gestalten“, erklärt Inklusionsbeauftragte Silke Treppendorf. „Zudem können Rollstuhlfahrende – unter Begleitung – inzwischen bis zu den Sonderangeboten im hinteren Bereich des Ladens vordringen.“ Die Kassenzone sei laut REWE „bereits in weiten Teilen anfahrbar“, man arbeite jedoch noch an einer Lösung für die oft unüberwindbaren Prospektständer.
Im Rahmen eines Aktionstags mit dem Titel „Inklusion beginnt am Kühlregal“ wurde einer Testperson sogar gestattet, eigenständig eine Dose Cola aus dem unteren Regal zu entnehmen. „Es war ein bewegender Moment“, so Marktleiter Thomas B., „nicht nur für die Betroffene, sondern auch für unsere Belegschaft.“ Ein Teil des Teams ließ sich zur Feier des Tages fotografieren – gemeinsam mit der Rollstuhlfahrerin, aber mit ausreichend Abstand, um die Privatsphäre zu wahren.
Die Deutsche Telekom, bereits als Partner beim Special Hockey bekannt, zeigte sich beeindruckt und kündigte an, das REWE-Inklusionsmodell als Web-Dokumentation auf MagentaTV zu begleiten. Johannes B. Kerner sei „vielleicht verfügbar“.
Im Anschluss an die Aktion plant REWE, auch über den Einsatz von Einkaufswagen mit Sprachsteuerung für Menschen mit „besonderen kognitiven Herausforderungen“ nachzudenken. Ein erster Prototyp reagiert bereits auf das Kommando „Haribo“. Bis 2035 soll außerdem „mindestens eine Filiale vollständig barrierefrei“ sein. Das Projekt trägt den Arbeitstitel: REWE – Der Markt der Möglichkeiten.
Branchenweit wird bereits geprüft, wie man aus alltäglichem Zugang ein gesellschaftliches Leuchtturmprojekt machen kann
Gar nicht so weit weg von der Realität, oder? Ich denke jeder Supermarkt verdient einen Inklusions-Preis. Und am Inklusions-Aktions-Tag darf jeder mal einen Rollifahrer durch den Markt schieben – und selbst erleben: eine Begegnung der besonderen Art … natürlich auf Augenhöhe.




