Halle (kobinet)
Am 6. September 2026 ist die Landes-Wahl in Sachsen-Anhalt.
Das nennt man: Landtags-Wahl.
Bei einer Landtags-Wahl wählen die Bürger das Landes-Parlament.
Im Landes-Parlament arbeiten Politiker aus einem Bundes-Land.
Die Politiker machen Gesetze für das Bundes-Land.
Die Wahl ist alle 5 Jahre.
Die Journalistin Jennifer Sonntag wohnt in Halle.
Eine Journalistin schreibt Texte oder Berichte für Zeitung, Radio oder Internet.
Jennifer Sonntag hat eine Kolumne geschrieben.
In einer Kolumne schreibt der Autor seine eigene Meinung.
Jennifer Sonntag hat die Kolumne Anfang 2026 geschrieben.
Die Kolumne erschien im Magazin Drunter und Drüber.
Das Magazin beschäftigt sich mit dem Thema Tod.
Das Thema der Kolumne war: Gesellschaft und Tod.
Das Magazin hat der Veröffentlichung zugestimmt.
Veröffentlichung bedeutet: Alle Menschen können etwas lesen oder sehen.
Deshalb stellt Jennifer Sonntag den Text jetzt auch hier zur Verfügung.
Sie hofft: Die Menschen denken nach. Und sie handeln anders.
Sie wünschen uns wieder den guten Tod
Kolumne von Jennifer Sonntag
Wir haben in Halle für das Bundes-Teilhabe-Gesetz demonstriert.
Das Bundes-Teilhabe-Gesetz ist ein Gesetz in Deutschland.
Das Gesetz hilft Menschen mit Behinderung.
Bei einer Demonstration treffen sich viele Menschen.
Die Menschen zeigen ihre Meinung auf der Straße.
Vom Straßen-Rand riefen Menschen: Geht zurück in eure Anstalt!
Andere sagten: Zu Zeiten von Adolf Hitler hätte man solche Menschen getötet.
Adolf Hitler war der Anführer der Nazis in Deutschland.
Das war in den Jahren 1933 bis 1945.
National-Sozialismus ist eine menschen-feindliche Welt-Ansicht.
Nazis glaubten an den National-Sozialismus.
Damit meinten sie: In der Zeit des National-Sozialismus hätte man behinderte Menschen getötet.
Das sagten alte Männer.
Vielleicht brauchen sie selbst bald Pflege.
Das ist ein Widerspruch.
Meine Jugend war von den Baseball-Schläger-Jahren geprägt.
In den Baseball-Schläger-Jahren griffen rechte Gruppen viele Menschen an.
Das war in den 1990er Jahren.
Plötzlich fühlte ich mich wie damals, in den 1990er Jahren.
Damals wurde offen auf der Straße zu Mord aufgerufen.
Ich war damals Punkerin und kämpfte gegen Rassismus.
Meine eigene Behinderung verdrängte ich sehr stark.
Ich wollte mich nicht als behinderten Menschen sehen.
Ein Grund war: Behinderten-feindliches Denken war immer da.
Die Menschen sprachen es nur nicht offen aus.
Ich selbst bin blind.
Heute bin ich von mehreren Beeinträchtigungen betroffen.
Beeinträchtigungen sind Probleme mit dem Körper oder dem Denken.
Deshalb kann die Person manche Dinge nicht so gut machen wie andere.
Ich erlebe heute häufig Ableismus.
Ableismus bedeutet: Menschen werden wegen einer Behinderung schlechter behandelt.
Das ist ungerecht.
Zu Zeiten von Adolf Hitler hätte man sowas ver… – was soll dieser Satz bedeuten?
Solche Aussagen kommen immer häufiger.
Und sie kommen von immer mehr Menschen.
Nicht nur von alten Männern.
Auch jüngere Menschen äußern sich so.
Nach einer Ausstellungs-Eröffnung sagte jemand: Warum wollen Minderheiten jetzt auch Rechte?
Eine Ausstellungs-Eröffnung ist der erste Tag einer Ausstellung.
Minderheiten sind kleine Gruppen von Menschen.
Sie unterscheiden sich von der Mehrheit durch Sprache, Herkunft oder Glauben.
Manche Menschen aus meinem Umfeld wählen die AfD.
Sie sagen mir oft: Das gilt nicht für dich persönlich.
Sie kennen mich seit meiner Kindheit.
Aber wie kann das nichts mit mir zu tun haben?
Jemand sagte kürzlich: Du verteidigst doch die ganzen Gestörten.
Diese Person verwechselte behinderte Menschen mit Straftätern.
Ein Straftäter hat ein Gesetz gebrochen.
Ich arbeite seit Jahrzehnten mit behinderten Menschen.
Keiner von ihnen hat je einen Anschlag gemacht.
Solche falschen Vergleiche machen Angst.
Das ist politisch gewollt.
Die Gesellschaft schob behinderte Menschen jahrzehntelang in Sonder-Systeme ab.
Sonder-Systeme sind getrennte Einrichtungen nur für behinderte Menschen.
Diese Menschen lebten dort getrennt vom Rest der Gesellschaft.
Viele Menschen kennen behinderte Menschen deshalb nicht.
Was man nicht kennt, macht Angst.
Diese Angst nutzen manche politisch aus.
Wir wissen, was in der Zeit der Nazis mit behinderten Menschen passierte.
Sie wurden ermordet.
Im Mai 2024 warf jemand einen Stein auf eine Wohn-Einrichtung der Lebens-Hilfe Mönchengladbach.
Die Lebens-Hilfe ist ein Verein.
Der Verein hilft Menschen mit Lern-Schwierigkeiten.
Auf dem Stein stand: Euthanasie ist die Lösung.
Euthanasie bedeutet hier: Das Töten von Menschen, die als schwach oder krank gelten.
Die Nazis nutzten dieses Wort, als sie behinderte Menschen ermordeten.
Das war ein Angriff auf Menschen mit Behinderung.
Dieser Begriff erinnert an den Massen-Mord an behinderten Menschen.
Massen-Mord bedeutet: Sehr viele Menschen werden getötet.
Kurz danach sprach ein Arzt-Vertreter in Sachsen von Eugenik im humansten Sinn.
Eugenik ist eine gefährliche Idee.
Sie besagt: Nur bestimmte Menschen sollen Kinder bekommen dürfen.
Die Nazis nutzten diese Idee, um behinderte Menschen zu ermorden.
Der Mann wurde danach abgelöst.
Ich teilte meine Bestürzung mit einer Organisation für behinderte Menschen.
Bestürzung bedeutet: Man ist sehr erschrocken und traurig über etwas.
Die Antwort war: Das sei Privat-Sache.
Ein anderes Thema ist die Pränatal-Diagnostik.
Pränatal-Diagnostik bedeutet: Untersuchungen vor der Geburt.
Ärzte prüfen dabei: Ist das Baby gesund?
Manche Untersuchungen zeigen: Das Kind hat eine Behinderung.
Ich bin Feministin.
Feministin bedeutet: Ich kämpfe dafür, dass Frauen und Männer gleiche Rechte haben.
Ich bin auch Inklusions-Aktivistin.
Inklusions-Aktivistin bedeutet: Ich setze mich dafür ein, dass behinderte Menschen gleichberechtigt leben können.
Ich bin für das Recht auf Schwangerschafts-Abbruch.
Schwangerschafts-Abbruch bedeutet: Eine Frau beendet ihre Schwangerschaft.
Das Baby wird dann nicht geboren.
Aber ich fühle mich angezweifelt.
Das passiert, wenn der Grund allein eine Behinderung des Kindes ist.
Eine mir nahestehende Person sagte einmal: Als du geboren wurdest, gab es diese Untersuchungen noch nicht.
Dann wärst du vielleicht nicht geboren worden.
Dieser Satz traf mich sehr tief.
Jetzt verstand ich viele Menschen mit Behinderung besser.
Sie fühlen sich durch solche Tests in ihrer Existenz bedroht.
Existenz bedeutet: Das eigene Recht, zu leben und da zu sein.
Wie verändert unsere Gesellschaft sich, wenn Menschen ausgewählt werden?
Eine Gesellschaft ist eine Gruppe von Menschen, die zusammen leben.
Manche Menschen schauen behinderte Kinder an.
Ihr Blick sagt: Das müsste es heute nicht mehr geben.
Gemeint ist: Kinder mit Behinderung müssten nicht geboren werden.
Manche fragen: Sollen sehr alte Menschen noch teure Medikamente bekommen?
Ein CDU-Politiker stellte diese Frage öffentlich.
Ihm waren die Kosten wichtiger als der einzelne Mensch.
Das gilt für Kinder vor der Geburt.
Und das gilt für sehr alte Menschen.
Viele Arzt-Praxen und Kranken-Häuser sind nicht barriere-frei.
Barriere-frei bedeutet: Alle Menschen können einen Ort nutzen. Auch Menschen mit Behinderung kommen gut durch.
Ich wurde von mehreren Kliniken nicht aufgenommen.
Kliniken sind große Kranken-Häuser.
Das brachte mich in eine lebens-bedrohliche Lage.
Ich bin blind und wurde trotzdem abgewiesen.
Der Grund war Unwissenheit.
Oder es fehlten Möglichkeiten für inklusive Behandlung.
Während der Pandemie hatten viele behinderte Menschen große Angst.
Bei einer Pandemie werden viele Menschen krank.
Die Krankheit gibt es weltweit.
Sie befürchteten: Bei einer Triage werden wir nicht berücksichtigt.
Triage bedeutet: Ärzte wählen aus, wer zuerst Hilfe bekommt.
Das passiert, wenn nicht alle gleichzeitig behandelt werden können.
Der Bundes-Tag musste handeln.
Er schuf eine neue Regel.
Die Regel sollte Diskriminierung verhindern.
Diskriminierung bedeutet: Eine Person wird ungerecht behandelt.
Die Person wird schlechter behandelt als andere Menschen.
Der Bundes-Tag fügte diese Regel 2022 ins Infektions-Schutz-Gesetz ein.
Das Infektions-Schutz-Gesetz ist eine Regel vom Staat.
Die Regel soll Menschen vor ansteckenden Krankheiten schützen.
3 Jahre später strich der Bundes-Tag die Regel wieder.
Ärzte hatten dagegen geklagt.
Nun soll jedes Bundes-Land selbst entscheiden.
Das schafft neue Unsicherheiten für behinderte Menschen.
In Krisen und Katastrophen werden behinderte Menschen oft vergessen.
Katastrophen sind sehr gefährliche Lagen.
Das können zum Beispiel Überschwemmungen oder große Brände sein.
Sicherheits-Konzepte denken oft nicht an behinderte Menschen.
Sicherheits-Konzepte sind Pläne für den Notfall.
Sie zeigen, was zu tun ist, wenn eine Gefahr entsteht.
Warn-Systeme sind oft nicht barriere-frei.
Warn-Systeme sind Geräte oder Meldungen, die vor Gefahren warnen.
Flucht-Wege sind oft nicht zugänglich.
Flucht-Wege sind besondere Wege in einem Gebäude.
Man nutzt sie, um bei Gefahr schnell nach draußen zu kommen.
Not-Unterkünfte sind oft nicht nutzbar für alle.
Das kann im Ernstfall tödlich sein.
Ich selbst wurde einmal in einem brennenden Gebäude vergessen.
Als blinde Person konnte ich die ausgeschilderten Flucht-Wege nicht sehen.
Der Feuer-Alarm war so laut, dass ich meine Orientierung verlor.
2021 starben behinderte Menschen bei der Flut im Ahrtal.
Sie lebten in einem Lebens-Hilfe-Haus in Sinzig.
Experten sagten: Diese Tode wären vermeidbar gewesen.
Behinderte Menschen sind auch viel häufiger von Gewalt betroffen als andere.
2021 tötete eine Pflege-Kraft im Oberlin-Haus in Potsdam 4 Menschen mit Behinderung.
Eine Pflege-Kraft ist ein Mensch, der andere Menschen pflegt.
Sie hilft zum Beispiel beim Waschen, Essen oder bei Medikamenten.
Viele Menschen bekamen das gar nicht mit.
Bei anderen Morden wäre das anders gewesen.
Manche sprachen von Erlösung oder Überlastung der Pflege-Kraft.
Erlösung bedeutet hier: jemand wird von Schmerz oder Leid befreit.
Diese Aussagen zeigen: Manche Menschen glauben, behinderte Menschen müssten von ihrem Leid befreit werden.
Mir blieb das Gefühl: Die Tode der behinderten Opfer werden als weniger schlimm angesehen.
Es gibt das Recherche-Projekt mit dem Namen Ableismus tötet.
Recherche bedeutet: genaues Nachforschen und Sammeln von Informationen.
Dieses Projekt macht immer wieder auf solche Fälle aufmerksam.
Diese Gewalt ist kein Einzel-Fall.
Das zeigt: Unsere Gesellschaft hat ein tiefes Problem mit Behinderung.
Manche nennen den Tod behinderter Menschen Erlösung.
Das ist gefährlich nah an der Sterbe-Hilfe-Debatte.
Sterbe-Hilfe bedeutet: Man hilft einem Menschen dabei zu sterben.
Das passiert, wenn ein Mensch selbst sterben möchte.
Behinderten-Rechts-Aktivisten warnen seit Jahren davor.
Behinderten-Rechts-Aktivisten kämpfen für die Rechte von behinderten Menschen.
Sie wollen, dass behinderte Menschen fair behandelt werden.
Manche Menschen fühlen sich als Last für die Gesellschaft.
Dann kann Sterbe-Hilfe wie eine Lösung wirken.
Eine Wahl kann frei wirken.
Aber manchmal steht Druck dahinter.
Dieser Druck lautet: Ich will keine Belastung für die Gesellschaft sein.
Ich arbeitete früher als Sozial-Pädagogin.
Eine Sozial-Pädagogin hilft anderen Menschen bei Problemen im Leben.
Damals hörte ich einen Talkshow-Gast.
Eine Talkshow ist eine Fernseh-Sendung.
Menschen reden dort über ein Thema.
Er war Experte.
Er sprach über eine alte Frau.
Die Frau war erblindet.
Sie sah keinen Lebens-Sinn mehr.
Lebens-Sinn bedeutet: Ein Mensch weiß, warum sein Leben wichtig ist.
Der Experte fand Sterbe-Hilfe hier absolut richtig.
Das sendet ein schlechtes Signal an Menschen in ähnlicher Lage.
Zuerst hätte man der Frau helfen sollen zu leben.
Sterbe-Hilfe war keine gute Antwort.
Ich arbeitete damals mit spät erblindeten Menschen.
Ich kannte ihre Situation gut.
Unwissenheit und Gleichgültigkeit bereiten mir extreme Sorgen.
Gleichgültigkeit bedeutet: Etwas ist jemandem egal.
Die Person interessiert sich nicht dafür, was mit anderen passiert.
Die meisten Menschen möchten nicht ableistisch sein.
Aber wir alle haben unbewusste Denk-Muster.
Unbewusste Denk-Muster sind Gedanken, die man ohne es zu merken gelernt hat.
Wir müssen uns diesen Mustern stellen.
Das ist manchmal unbequem.
Ableismus tötet.
Er zeigt sich darin, wie wir über den Tod behinderter Menschen sprechen.
Er zeigt sich darin, ob wir ihr Leben wertschätzen.
Wenn es der Gesellschaft schlecht geht, suchen manche Menschen einen Feind.
Dann werden oft schwache Gruppen angegriffen.
Dann werden Menschen vergessen oder bewusst ausgeschlossen.
Wir müssen zuerst diese Zusammenhänge verstehen.
Dann können wir gut über Tod sprechen.
Endlichkeits-Kultur bedeutet: Wie eine Gesellschaft mit dem Thema Tod umgeht.
Es geht darum, wie wir über Sterben sprechen und denken.
Erst wenn wir diese Zusammenhänge verstehen, können wir wirklich sprechen.
Dann können wir sprechen: Wie wollen wir leben?
Und dann können wir sprechen: Wie wollen wir sterben?
Foto: privat
Halle (kobinet)
Mit einem besorgtem Blick auf die am 6. September 2026 anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sich die in Halle wohnende Journalistin Jennifer Sonntag an eine Kolumne erinnert, die sie Anfang 2026 für das Magazin für Endlichkeitskultur "Drunter + Drüber" zum Schwerpunktthema "Gesellschaft und Tod" verfasst hat. Nachdem das Magazin der Veröffentlichung ihres Beitrags zugestimmt hat, hat Jennifer Sonntag diese Kolumne nicht zuletzt angesichts der hohen Umfragewerte der AfD den kobinet-nachrichten verbunden mit der Hoffnung, "noch einige Rechtsabbieger aus unseren Reihen irgendwie zurückholen zu können", zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
Sie wünschen uns wieder "den guten Tod"
Kolumne von Jennifer Sonntag
Als wir in Halle für das Bundesteilhabegesetz demonstrierten, tönte es vom Straßenrand: "Geht zurück in eure Anstalt!" und "Bei Adolf hätte man sowas ver…". Über die Anstalt musste ich ja noch lachen. Woher wussten die, dass ich beim MDR arbeitete? Ironieschalter aus. Da wünschten uns alte Männer zurück ins Gas – Männer, die selbst bald auf ein Pflegeheim angewiesen sein könnten und die sich mit ihrer politischen Gesinnung die eigene soziale Absicherung abwählten.
Meine Jugend war von den Baseballschlägerjahren geprägt. Plötzlich fühlte ich mich zurückversetzt in eine Zeit, in der Tötungsabsichten gegenüber bestimmten Menschen auf offener Straße propagiert wurden. Damals ging es für mich als Punkerin darum, mich gegen Rassismus zu positionieren. Meine schleichende Behinderung verdrängte ich so stark, dass ich mich selbst nicht als Teil einer Personengruppe ertrug, die von den Nazis in großem Stil vernichtet wurde. Heute bin ich von mehreren Beeinträchtigungen betroffen und häufig mit Ableismus konfrontiert. Dass ich mich nicht als behindert definieren wollte, lag auch daran, dass behindertenfeindliches Gedankengut immer in den Hirnen der Leute rumorte, nur sprach man es nicht öffentlich aus.
"Früher hätte man sowas ver…" – wo soll dieser Satz hinführen? Die Pöbeleien vom Straßenrand hielt ich anfangs für skandalöse Ausnahmen. Doch inzwischen fallen sie "Berufenen" regelmäßiger und ungehinderter aus den Gesichtern: auch mal wenn sie eine Person mit Blindenführhund sehen, behinderten Menschen im Restaurant begegnen oder behinderten Kindern in einer Ausstellung. Und es sind längst nicht nur alte Männer. Aber auch weniger harter Tobak lässt mich besorgt zurück, wie kürzlich die Aussage nach einer Vernissage: "Warum wollen die ganzen Minderheiten jetzt auch irgendwelche Rechte haben und alle sichtbar sein?" Mich meine man ja nicht persönlich, versichern mir regelmäßig A*D-Fans in meinem Umfeld. Man kenne mich seit meiner Kindheit, kenne meine Eltern – und deshalb habe das mit mir "natürlich nichts zu tun". Aber wie kann das nichts mit mir zu tun haben?
"Du verteidigst doch die ganzen Gestörten", fasste kürzlich jemand mein Engagement als Inklusionsaktivistin zusammen und warf Straftäter*innen mit behinderten Menschen in einen Topf. Ich arbeite seit Jahrzehnten mit behinderten Menschen, und keiner davon ist jemals mit einem Auto in einen Weihnachtsmarkt gefahren. Bei Rassismus funktioniert es längst: "Alle Ausländer sind Kriminelle!" Folgerichtig: "Alle psychisch Erkrankten verüben Terroranschläge." Behinderte Menschen sind für viele mysteriöse Wesen, deren Lebenswelt man nicht versteht – jahrzehntelang in Sondersysteme abgeschoben. Da muss man schon ziemlich "gestört" sein, um den Twist zu gefährlichen Straftäter*innen hinzubekommen. Aber was man nicht kennt, macht Angst. Ein dankbares Argument für die Rechtsabbiegenden, denn wir wissen, was "zu Adolfs Zeiten" mit psychisch kranken Menschen passierte. Und dabei vergisst "Mann" ganz schnell den eigenen Sohn, der gerade hart mit einer Depression kämpft. Für dessen Therapieplatz setze ich mich als Inklusionsaktivistin selbstverständlich gern ein.
"Euthanasie ist die Lösung", stand auf dem Stein, der im Mai 2024 auf eine Wohneinrichtung der Lebenshilfe Mönchengladbach geworfen wurde. Der Anschlag bezog sich auf das Euthanasieprogramm im Nationalsozialismus und die "Aktion T4". Kurz darauf bettete der damalige Kassenärzte-Chef Sachsens, Klaus Heckemann, eine ähnlich belastete Vokabel – vermeintlich smarter, aber nicht weniger verwerflich – in seine medizinischen Visionen ein und sprach von einer "Eugenik in ihrem besten und humansten Sinn". Unter dem Deckmantel der Eugenik verübten die Nazis Massenmorde an behinderten Menschen zum Zweck der sogenannten Erb- und Rassenhygiene. Der Mann wurde abgesägt. Was macht das mit mir als behinderter Frau? Ich weiß noch, dass ich meine Bestürzung über die Wiedergeburt dieser Begrifflichkeiten mit einer Organisation teilte, in der ich Mitglied war und die sich in meiner Region für behinderte Menschen engagiert. Statt Solidarität erntete ich überwiegend das Feedback, solche Themen seien Privatsache. Ich fand das bigott und sehr symbolisch.
Ein anderes Thema, das sich einerseits tatsächlich zutiefst privat und andererseits extrem politisch anfühlt, ist die Pränataldiagnostik. Hier bin ich auch in meiner Positionierung zwischen Feministin und Inklusionsaktivistin hin- und hergerissen. Natürlich bin ich dafür, dass jede Frau eine Schwangerschaft abbrechen kann, die sie unzumutbar belastet. In meiner Identität als behinderter Mensch fühle ich mich jedoch angezweifelt, wenn der Grund eines Abbruchs allein das vermeintlich unperfekte Kind ist. Rassistische oder sexistische Motive legitimieren schließlich auch keine Pränataldiagnostik. Mütter könnten sich also nicht allein deshalb gegen ein Kind entscheiden, weil es schwarz oder weiß, Mädchen oder Junge ist. Wird eine Trisomie erkannt, ist das jedoch möglich. Eine mir nahestehende Person sagte einmal zu mir, ohne es böse zu meinen: "Zu deiner Zeit gab es ja leider diese Früherkennung noch nicht." Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Jetzt verstand ich, warum sich so viele Menschen mit Behinderung durch die Kassenzulassung der Tests in ihrer Existenz bedroht fühlten. Wie verändert das unsere Gesellschaft, wenn Mütter unter Druck geraten und Menschen selektiert werden? Und was bedeutet das zukünftig für Eltern, die sich bewusst für ein behindertes Kind entscheiden? Da gibt es auf der Straße Blicke, die sagen: "Sowas kann man doch heutzutage verhindern, das kostet uns alle Geld." Von der anderen Seite der Zeitachse geschaut, gibt es auch schon die passenden Argumente. Während man bereits im Vorfeld vermeintliche Kostenfaktoren abtreibt, kann man den alten Ballast unversorgt absterben lassen. So stellte CDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck in Frage, ob teure Medikamente für Hochbetagte überhaupt noch sinnvoll seien – und hatte damit nicht nur die individuelle, sondern insbesondere die finanzielle Verträglichkeit im Blick.
Auch wenn dieser Vorschlag abgewiesen wurde, gibt es bestimmten Personengruppen gegenüber fortwährend Benachteiligung und Ausgrenzung im Gesundheitssystem, was schwere Folgen haben kann. So sind viele Medizinprodukte und Arztpraxen nicht barrierefrei und für Menschen mit Behinderung nicht zugänglich. Ich selbst wurde von mehreren Kliniken aufgrund meiner Behinderung gar nicht erst aufgenommen, obwohl sie einen Versorgungsauftrag hatten. Das brachte mich in eine lebensbedrohliche Lage. Ich wurde aussortiert, weil Ärztinnen und Pflegepersonal sich aus Unwissenheit oder wegen fehlender inklusiver Therapieoptionen keine blinde Patientin zumuten wollten. Während der Pandemie hatten viele Menschen mit Behinderung die berechtigte Sorge, trotz relevanter Heilungschancen allein aufgrund ihrer Beeinträchtigung bei Versorgungsnotständen gar nicht erst berücksichtigt zu werden. Wir lernten das Wort Triage kennen. Wenn die Kapazitäten nicht für alle reichten, würde die reale Überlebenschance behinderter Menschen von ungeschulten Ärztinnen vielleicht verkannt werden. So musste der Gesetzgeber eine Regelung finden, die sicherstellte, dass Menschen mit Behinderungen im Falle einer Triage nicht diskriminiert werden. Diese kam 2022 auf Drängen behinderter Menschen ins Infektionsschutzgesetz. Drei Jahre später wurde sie wieder gekippt, da Ärzt*innen Verfassungsbeschwerde dagegen eingelegt hatten. Das Triage-Gesetz soll nun Ländersache werden, was wieder neue Fragen und Unsicherheiten aufwirft.
Dass Menschen mit Behinderungen in Katastrophen-, Krisen- und Kriegssituationen oft besonders ins Hintertreffen geraten, macht mir natürlich große Angst. Das liegt nicht allein an der Wucht der Ereignisse, sondern auch daran, dass wir in Sicherheitskonzepte häufig nicht eingeplant werden und Schutzmaßnahmen nicht inklusiv sind. Die Barrierefreiheit von Warnsystemen, die Zugänglichkeit zu Evakuierungswegen und die Nutzbarkeit von Notunterkünften wird in Bezug auf behinderte Menschen oft erst im Nachhinein hinterfragt. Hinzu kommt auch hier die Unwissenheit von Verantwortlichen, die schon im regulären Alltag keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen haben und in einer solchen Situation kein angemessenes Wissen dazu abrufen können. So entstehen blinde Flecken im Katastrophenschutz, die im Ernstfall tödlich sein können. Die Frage ist hier also nicht die reale Überlebenschance, sondern ob man überhaupt mitgedacht wird. Ich wurde einmal in einem brennenden Gebäude vergessen, weil ich als blinde Person die ausgeschilderten Fluchtwege nicht sah und der Feueralarm so laut war, dass ich meine akustische Orientierung verlor. Beispielhaft für Deutschland sind die Tode der behinderten Menschen im Lebenshilfehaus Sinzig, die 2021 der Flut im Ahrtal zum Opfer fielen, was nach Expertenaussagen zu vermeiden gewesen wäre.
Doch Menschen mit Behinderungen werden nicht nur in Krisen- oder Katastrophensituationen oft übersehen, sie sind auch überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen. Eine Pflegekraft tötete 2021 im Oberlinhaus in Potsdam vier Menschen mit Behinderungen und verletzte eine weitere Person schwer. Viele, mit denen ich darüber sprechen wollte, hatten überhaupt nichts davon mitbekommen. Das war bei anderen Morden nicht so. Was Behindertenrechtsaktivist*innen erschütterte, waren solche Medienberichte oder Stimmen aus der Bevölkerung, die von "Erlösung" oder "Überlastung" sprachen. Diese Relativierungen machten deutlich, wie tief der Gedanke verankert ist, dass Menschen wie wir von unserem "Leid" befreit werden müssten. Bei mir blieb gerade durch das Verständnis mancher Mitmenschen für die Überforderung der Pflegekraft das Gefühl, dass die Tode der behinderten Opfer weniger betrauernswert sind. Das Rechercheprojekt "Ableismus tötet" weist seither immer wieder darauf hin, dass diese Gewalt kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems ist.
Wenn nach der Tötung behinderten Lebens Gedanken an "Erlösung" aufkommen, dann ist der Schritt zur Debatte über aktive Sterbehilfe oder assistierten Suizid erschreckend kurz. Wir Behindertenrechtsaktivist*innen weisen seit Jahren darauf hin, dass dieses Thema für uns nicht nur eine Frage der Selbstbestimmung und freiwilligen Entscheidung ist. In einer Gesellschaft, in der Menschen sich als Belastung empfinden, kann diese Form des Ablebens schnell zur sozial erwünschten Lösung werden. Viele Menschen ohne Behinderungen denken über Sterbehilfe nach, sollten sie im Alter einmal schwerbehindert sein. Struktureller und internalisierter Ableismus kann auch hier tödliche Folgen haben. Hinter einer vermeintlich autonomen Wahl kann der Druck stehen, nicht zum Aufwand für die Gesellschaft werden zu wollen. Die Frage danach, was und wen wir uns zukünftig noch leisten können, wird politisch und medial lauter. Bei allem Respekt vor den individuellen Abwägungen eines jeden Betroffenen sehe ich auch die Gefahr, dass behinderte Menschen als verzichtbar gelten könnten. Diese lebensbeendenden Optionen dürfen nicht zur Neuauflage alter Aussonderungsideologien missbraucht werden. Als ich noch als Sozialpädagogin tätig war, hörte ich einen Talkshow-Gast mit "Expertenhintergrund" über eine alte Frau berichten, die erblindet sei und deshalb keinen Lebenssinn mehr sah. Er fand Sterbehilfe hier absolut legitim und dachte vermutlich auch an sich in so einer Lage. Ich arbeitete zu dieser Zeit mit spät erblindeten Menschen und fragte mich, welches Signal eine solche Aussage an ähnlich Betroffene senden würde. War hier nicht statt Sterbehilfe erstmal Lebenshilfe angezeigt? Und wie freiwillig ist eine Entscheidung für einen assistierten Suizid tatsächlich, wenn ein Mensch aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung in unerträgliche Not gerät, wie aktuell in schweren Fällen von ME/CFS?
Was mir extreme Sorgen bereitet, sind Unwissenheit und Gleichgültigkeit, nicht allein die Pöbeleien vom Straßenrand. Mir ist bewusst, dass der Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft nicht ableistisch sein möchte und sich auch nicht so einordnen würde. Doch wir sollten uns gerade in unbequemen Situationen selbst auch immer wieder internalisierten Mustern und Glaubenssätzen stellen. "Ableismus tötet" und er zeigt sich eben auch darin, wie und ob wir über Tode behinderter Menschen sprechen und welche Wertschätzung wir deren Leben entgegenbringen. Wenn es im wahrsten Wortsinn "drunter und drüber" geht, gerät eine Gesellschaft schnell moralisch ins Wanken. Wenn es brennt und eng wird, werden alte Narrative hervorgeholt und Menschen werden versehentlich oder ganz bewusst vergessen. Eine zeitgemäße Endlichkeitskultur muss deshalb zuerst diese Zusammenhänge aufarbeiten. Erst dann können wir wirklich darüber sprechen, wie wir leben und wie wir sterben wollen.
Foto: privat
Halle (kobinet)
Mit einem besorgtem Blick auf die am 6. September 2026 anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sich die in Halle wohnende Journalistin Jennifer Sonntag an eine Kolumne erinnert, die sie Anfang 2026 für das Magazin für Endlichkeitskultur "Drunter + Drüber" zum Schwerpunktthema "Gesellschaft und Tod" verfasst hat. Nachdem das Magazin der Veröffentlichung ihres Beitrags zugestimmt hat, hat Jennifer Sonntag diese Kolumne nicht zuletzt angesichts der hohen Umfragewerte der AfD den kobinet-nachrichten verbunden mit der Hoffnung, "noch einige Rechtsabbieger aus unseren Reihen irgendwie zurückholen zu können", zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
Sie wünschen uns wieder "den guten Tod"
Kolumne von Jennifer Sonntag
Als wir in Halle für das Bundesteilhabegesetz demonstrierten, tönte es vom Straßenrand: "Geht zurück in eure Anstalt!" und "Bei Adolf hätte man sowas ver…". Über die Anstalt musste ich ja noch lachen. Woher wussten die, dass ich beim MDR arbeitete? Ironieschalter aus. Da wünschten uns alte Männer zurück ins Gas – Männer, die selbst bald auf ein Pflegeheim angewiesen sein könnten und die sich mit ihrer politischen Gesinnung die eigene soziale Absicherung abwählten.
Meine Jugend war von den Baseballschlägerjahren geprägt. Plötzlich fühlte ich mich zurückversetzt in eine Zeit, in der Tötungsabsichten gegenüber bestimmten Menschen auf offener Straße propagiert wurden. Damals ging es für mich als Punkerin darum, mich gegen Rassismus zu positionieren. Meine schleichende Behinderung verdrängte ich so stark, dass ich mich selbst nicht als Teil einer Personengruppe ertrug, die von den Nazis in großem Stil vernichtet wurde. Heute bin ich von mehreren Beeinträchtigungen betroffen und häufig mit Ableismus konfrontiert. Dass ich mich nicht als behindert definieren wollte, lag auch daran, dass behindertenfeindliches Gedankengut immer in den Hirnen der Leute rumorte, nur sprach man es nicht öffentlich aus.
"Früher hätte man sowas ver…" – wo soll dieser Satz hinführen? Die Pöbeleien vom Straßenrand hielt ich anfangs für skandalöse Ausnahmen. Doch inzwischen fallen sie "Berufenen" regelmäßiger und ungehinderter aus den Gesichtern: auch mal wenn sie eine Person mit Blindenführhund sehen, behinderten Menschen im Restaurant begegnen oder behinderten Kindern in einer Ausstellung. Und es sind längst nicht nur alte Männer. Aber auch weniger harter Tobak lässt mich besorgt zurück, wie kürzlich die Aussage nach einer Vernissage: "Warum wollen die ganzen Minderheiten jetzt auch irgendwelche Rechte haben und alle sichtbar sein?" Mich meine man ja nicht persönlich, versichern mir regelmäßig A*D-Fans in meinem Umfeld. Man kenne mich seit meiner Kindheit, kenne meine Eltern – und deshalb habe das mit mir "natürlich nichts zu tun". Aber wie kann das nichts mit mir zu tun haben?
"Du verteidigst doch die ganzen Gestörten", fasste kürzlich jemand mein Engagement als Inklusionsaktivistin zusammen und warf Straftäter*innen mit behinderten Menschen in einen Topf. Ich arbeite seit Jahrzehnten mit behinderten Menschen, und keiner davon ist jemals mit einem Auto in einen Weihnachtsmarkt gefahren. Bei Rassismus funktioniert es längst: "Alle Ausländer sind Kriminelle!" Folgerichtig: "Alle psychisch Erkrankten verüben Terroranschläge." Behinderte Menschen sind für viele mysteriöse Wesen, deren Lebenswelt man nicht versteht – jahrzehntelang in Sondersysteme abgeschoben. Da muss man schon ziemlich "gestört" sein, um den Twist zu gefährlichen Straftäter*innen hinzubekommen. Aber was man nicht kennt, macht Angst. Ein dankbares Argument für die Rechtsabbiegenden, denn wir wissen, was "zu Adolfs Zeiten" mit psychisch kranken Menschen passierte. Und dabei vergisst "Mann" ganz schnell den eigenen Sohn, der gerade hart mit einer Depression kämpft. Für dessen Therapieplatz setze ich mich als Inklusionsaktivistin selbstverständlich gern ein.
"Euthanasie ist die Lösung", stand auf dem Stein, der im Mai 2024 auf eine Wohneinrichtung der Lebenshilfe Mönchengladbach geworfen wurde. Der Anschlag bezog sich auf das Euthanasieprogramm im Nationalsozialismus und die "Aktion T4". Kurz darauf bettete der damalige Kassenärzte-Chef Sachsens, Klaus Heckemann, eine ähnlich belastete Vokabel – vermeintlich smarter, aber nicht weniger verwerflich – in seine medizinischen Visionen ein und sprach von einer "Eugenik in ihrem besten und humansten Sinn". Unter dem Deckmantel der Eugenik verübten die Nazis Massenmorde an behinderten Menschen zum Zweck der sogenannten Erb- und Rassenhygiene. Der Mann wurde abgesägt. Was macht das mit mir als behinderter Frau? Ich weiß noch, dass ich meine Bestürzung über die Wiedergeburt dieser Begrifflichkeiten mit einer Organisation teilte, in der ich Mitglied war und die sich in meiner Region für behinderte Menschen engagiert. Statt Solidarität erntete ich überwiegend das Feedback, solche Themen seien Privatsache. Ich fand das bigott und sehr symbolisch.
Ein anderes Thema, das sich einerseits tatsächlich zutiefst privat und andererseits extrem politisch anfühlt, ist die Pränataldiagnostik. Hier bin ich auch in meiner Positionierung zwischen Feministin und Inklusionsaktivistin hin- und hergerissen. Natürlich bin ich dafür, dass jede Frau eine Schwangerschaft abbrechen kann, die sie unzumutbar belastet. In meiner Identität als behinderter Mensch fühle ich mich jedoch angezweifelt, wenn der Grund eines Abbruchs allein das vermeintlich unperfekte Kind ist. Rassistische oder sexistische Motive legitimieren schließlich auch keine Pränataldiagnostik. Mütter könnten sich also nicht allein deshalb gegen ein Kind entscheiden, weil es schwarz oder weiß, Mädchen oder Junge ist. Wird eine Trisomie erkannt, ist das jedoch möglich. Eine mir nahestehende Person sagte einmal zu mir, ohne es böse zu meinen: "Zu deiner Zeit gab es ja leider diese Früherkennung noch nicht." Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Jetzt verstand ich, warum sich so viele Menschen mit Behinderung durch die Kassenzulassung der Tests in ihrer Existenz bedroht fühlten. Wie verändert das unsere Gesellschaft, wenn Mütter unter Druck geraten und Menschen selektiert werden? Und was bedeutet das zukünftig für Eltern, die sich bewusst für ein behindertes Kind entscheiden? Da gibt es auf der Straße Blicke, die sagen: "Sowas kann man doch heutzutage verhindern, das kostet uns alle Geld." Von der anderen Seite der Zeitachse geschaut, gibt es auch schon die passenden Argumente. Während man bereits im Vorfeld vermeintliche Kostenfaktoren abtreibt, kann man den alten Ballast unversorgt absterben lassen. So stellte CDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck in Frage, ob teure Medikamente für Hochbetagte überhaupt noch sinnvoll seien – und hatte damit nicht nur die individuelle, sondern insbesondere die finanzielle Verträglichkeit im Blick.
Auch wenn dieser Vorschlag abgewiesen wurde, gibt es bestimmten Personengruppen gegenüber fortwährend Benachteiligung und Ausgrenzung im Gesundheitssystem, was schwere Folgen haben kann. So sind viele Medizinprodukte und Arztpraxen nicht barrierefrei und für Menschen mit Behinderung nicht zugänglich. Ich selbst wurde von mehreren Kliniken aufgrund meiner Behinderung gar nicht erst aufgenommen, obwohl sie einen Versorgungsauftrag hatten. Das brachte mich in eine lebensbedrohliche Lage. Ich wurde aussortiert, weil Ärztinnen und Pflegepersonal sich aus Unwissenheit oder wegen fehlender inklusiver Therapieoptionen keine blinde Patientin zumuten wollten. Während der Pandemie hatten viele Menschen mit Behinderung die berechtigte Sorge, trotz relevanter Heilungschancen allein aufgrund ihrer Beeinträchtigung bei Versorgungsnotständen gar nicht erst berücksichtigt zu werden. Wir lernten das Wort Triage kennen. Wenn die Kapazitäten nicht für alle reichten, würde die reale Überlebenschance behinderter Menschen von ungeschulten Ärztinnen vielleicht verkannt werden. So musste der Gesetzgeber eine Regelung finden, die sicherstellte, dass Menschen mit Behinderungen im Falle einer Triage nicht diskriminiert werden. Diese kam 2022 auf Drängen behinderter Menschen ins Infektionsschutzgesetz. Drei Jahre später wurde sie wieder gekippt, da Ärzt*innen Verfassungsbeschwerde dagegen eingelegt hatten. Das Triage-Gesetz soll nun Ländersache werden, was wieder neue Fragen und Unsicherheiten aufwirft.
Dass Menschen mit Behinderungen in Katastrophen-, Krisen- und Kriegssituationen oft besonders ins Hintertreffen geraten, macht mir natürlich große Angst. Das liegt nicht allein an der Wucht der Ereignisse, sondern auch daran, dass wir in Sicherheitskonzepte häufig nicht eingeplant werden und Schutzmaßnahmen nicht inklusiv sind. Die Barrierefreiheit von Warnsystemen, die Zugänglichkeit zu Evakuierungswegen und die Nutzbarkeit von Notunterkünften wird in Bezug auf behinderte Menschen oft erst im Nachhinein hinterfragt. Hinzu kommt auch hier die Unwissenheit von Verantwortlichen, die schon im regulären Alltag keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen haben und in einer solchen Situation kein angemessenes Wissen dazu abrufen können. So entstehen blinde Flecken im Katastrophenschutz, die im Ernstfall tödlich sein können. Die Frage ist hier also nicht die reale Überlebenschance, sondern ob man überhaupt mitgedacht wird. Ich wurde einmal in einem brennenden Gebäude vergessen, weil ich als blinde Person die ausgeschilderten Fluchtwege nicht sah und der Feueralarm so laut war, dass ich meine akustische Orientierung verlor. Beispielhaft für Deutschland sind die Tode der behinderten Menschen im Lebenshilfehaus Sinzig, die 2021 der Flut im Ahrtal zum Opfer fielen, was nach Expertenaussagen zu vermeiden gewesen wäre.
Doch Menschen mit Behinderungen werden nicht nur in Krisen- oder Katastrophensituationen oft übersehen, sie sind auch überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen. Eine Pflegekraft tötete 2021 im Oberlinhaus in Potsdam vier Menschen mit Behinderungen und verletzte eine weitere Person schwer. Viele, mit denen ich darüber sprechen wollte, hatten überhaupt nichts davon mitbekommen. Das war bei anderen Morden nicht so. Was Behindertenrechtsaktivist*innen erschütterte, waren solche Medienberichte oder Stimmen aus der Bevölkerung, die von "Erlösung" oder "Überlastung" sprachen. Diese Relativierungen machten deutlich, wie tief der Gedanke verankert ist, dass Menschen wie wir von unserem "Leid" befreit werden müssten. Bei mir blieb gerade durch das Verständnis mancher Mitmenschen für die Überforderung der Pflegekraft das Gefühl, dass die Tode der behinderten Opfer weniger betrauernswert sind. Das Rechercheprojekt "Ableismus tötet" weist seither immer wieder darauf hin, dass diese Gewalt kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems ist.
Wenn nach der Tötung behinderten Lebens Gedanken an "Erlösung" aufkommen, dann ist der Schritt zur Debatte über aktive Sterbehilfe oder assistierten Suizid erschreckend kurz. Wir Behindertenrechtsaktivist*innen weisen seit Jahren darauf hin, dass dieses Thema für uns nicht nur eine Frage der Selbstbestimmung und freiwilligen Entscheidung ist. In einer Gesellschaft, in der Menschen sich als Belastung empfinden, kann diese Form des Ablebens schnell zur sozial erwünschten Lösung werden. Viele Menschen ohne Behinderungen denken über Sterbehilfe nach, sollten sie im Alter einmal schwerbehindert sein. Struktureller und internalisierter Ableismus kann auch hier tödliche Folgen haben. Hinter einer vermeintlich autonomen Wahl kann der Druck stehen, nicht zum Aufwand für die Gesellschaft werden zu wollen. Die Frage danach, was und wen wir uns zukünftig noch leisten können, wird politisch und medial lauter. Bei allem Respekt vor den individuellen Abwägungen eines jeden Betroffenen sehe ich auch die Gefahr, dass behinderte Menschen als verzichtbar gelten könnten. Diese lebensbeendenden Optionen dürfen nicht zur Neuauflage alter Aussonderungsideologien missbraucht werden. Als ich noch als Sozialpädagogin tätig war, hörte ich einen Talkshow-Gast mit "Expertenhintergrund" über eine alte Frau berichten, die erblindet sei und deshalb keinen Lebenssinn mehr sah. Er fand Sterbehilfe hier absolut legitim und dachte vermutlich auch an sich in so einer Lage. Ich arbeitete zu dieser Zeit mit spät erblindeten Menschen und fragte mich, welches Signal eine solche Aussage an ähnlich Betroffene senden würde. War hier nicht statt Sterbehilfe erstmal Lebenshilfe angezeigt? Und wie freiwillig ist eine Entscheidung für einen assistierten Suizid tatsächlich, wenn ein Mensch aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung in unerträgliche Not gerät, wie aktuell in schweren Fällen von ME/CFS?
Was mir extreme Sorgen bereitet, sind Unwissenheit und Gleichgültigkeit, nicht allein die Pöbeleien vom Straßenrand. Mir ist bewusst, dass der Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft nicht ableistisch sein möchte und sich auch nicht so einordnen würde. Doch wir sollten uns gerade in unbequemen Situationen selbst auch immer wieder internalisierten Mustern und Glaubenssätzen stellen. "Ableismus tötet" und er zeigt sich eben auch darin, wie und ob wir über Tode behinderter Menschen sprechen und welche Wertschätzung wir deren Leben entgegenbringen. Wenn es im wahrsten Wortsinn "drunter und drüber" geht, gerät eine Gesellschaft schnell moralisch ins Wanken. Wenn es brennt und eng wird, werden alte Narrative hervorgeholt und Menschen werden versehentlich oder ganz bewusst vergessen. Eine zeitgemäße Endlichkeitskultur muss deshalb zuerst diese Zusammenhänge aufarbeiten. Erst dann können wir wirklich darüber sprechen, wie wir leben und wie wir sterben wollen.





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