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Sie wünschen uns wieder „den guten Tod“

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Jennifer Sonntag mit Führhund Paul
Jennifer Sonntag mit Führhund Paul
Foto: privat

Halle (kobinet)

Mit einem besorgtem Blick auf die am 6. September 2026 anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sich die in Halle wohnende Journalistin Jennifer Sonntag an eine Kolumne erinnert, die sie Anfang 2026 für das Magazin für Endlichkeitskultur "Drunter + Drüber" zum Schwerpunktthema "Gesellschaft und Tod" verfasst hat. Nachdem das Magazin der Veröffentlichung ihres Beitrags zugestimmt hat, hat Jennifer Sonntag diese Kolumne nicht zuletzt angesichts der hohen Umfragewerte der AfD den kobinet-nachrichten verbunden mit der Hoffnung, "noch einige Rechtsabbieger aus unseren Reihen irgendwie zurückholen zu können", zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Sie wünschen uns wieder "den guten Tod"

Kolumne von Jennifer Sonntag

Als wir in Halle für das Bundesteilhabegesetz demonstrierten, tönte es vom Straßenrand: "Geht zurück in eure Anstalt!" und "Bei Adolf hätte man sowas ver…". Über die Anstalt musste ich ja noch lachen. Woher wussten die, dass ich beim MDR arbeitete? Ironieschalter aus. Da wünschten uns alte Männer zurück ins Gas – Männer, die selbst bald auf ein Pflegeheim angewiesen sein könnten und die sich mit ihrer politischen Gesinnung die eigene soziale Absicherung abwählten.

Meine Jugend war von den Baseballschlägerjahren geprägt. Plötzlich fühlte ich mich zurückversetzt in eine Zeit, in der Tötungsabsichten gegenüber bestimmten Menschen auf offener Straße propagiert wurden. Damals ging es für mich als Punkerin darum, mich gegen Rassismus zu positionieren. Meine schleichende Behinderung verdrängte ich so stark, dass ich mich selbst nicht als Teil einer Personengruppe ertrug, die von den Nazis in großem Stil vernichtet wurde. Heute bin ich von mehreren Beeinträchtigungen betroffen und häufig mit Ableismus konfrontiert. Dass ich mich nicht als behindert definieren wollte, lag auch daran, dass behindertenfeindliches Gedankengut immer in den Hirnen der Leute rumorte, nur sprach man es nicht öffentlich aus.

"Früher hätte man sowas ver…" – wo soll dieser Satz hinführen? Die Pöbeleien vom Straßenrand hielt ich anfangs für skandalöse Ausnahmen. Doch inzwischen fallen sie "Berufenen" regelmäßiger und ungehinderter aus den Gesichtern: auch mal wenn sie eine Person mit Blindenführhund sehen, behinderten Menschen im Restaurant begegnen oder behinderten Kindern in einer Ausstellung. Und es sind längst nicht nur alte Männer. Aber auch weniger harter Tobak lässt mich besorgt zurück, wie kürzlich die Aussage nach einer Vernissage: "Warum wollen die ganzen Minderheiten jetzt auch irgendwelche Rechte haben und alle sichtbar sein?" Mich meine man ja nicht persönlich, versichern mir regelmäßig A*D-Fans in meinem Umfeld. Man kenne mich seit meiner Kindheit, kenne meine Eltern – und deshalb habe das mit mir "natürlich nichts zu tun". Aber wie kann das nichts mit mir zu tun haben?

"Du verteidigst doch die ganzen Gestörten", fasste kürzlich jemand mein Engagement als Inklusionsaktivistin zusammen und warf Straftäter*innen mit behinderten Menschen in einen Topf. Ich arbeite seit Jahrzehnten mit behinderten Menschen, und keiner davon ist jemals mit einem Auto in einen Weihnachtsmarkt gefahren. Bei Rassismus funktioniert es längst: "Alle Ausländer sind Kriminelle!" Folgerichtig: "Alle psychisch Erkrankten verüben Terroranschläge." Behinderte Menschen sind für viele mysteriöse Wesen, deren Lebenswelt man nicht versteht – jahrzehntelang in Sondersysteme abgeschoben. Da muss man schon ziemlich "gestört" sein, um den Twist zu gefährlichen Straftäter*innen hinzubekommen. Aber was man nicht kennt, macht Angst. Ein dankbares Argument für die Rechtsabbiegenden, denn wir wissen, was "zu Adolfs Zeiten" mit psychisch kranken Menschen passierte. Und dabei vergisst "Mann" ganz schnell den eigenen Sohn, der gerade hart mit einer Depression kämpft. Für dessen Therapieplatz setze ich mich als Inklusionsaktivistin selbstverständlich gern ein.

"Euthanasie ist die Lösung", stand auf dem Stein, der im Mai 2024 auf eine Wohneinrichtung der Lebenshilfe Mönchengladbach geworfen wurde. Der Anschlag bezog sich auf das Euthanasieprogramm im Nationalsozialismus und die "Aktion T4". Kurz darauf bettete der damalige Kassenärzte-Chef Sachsens, Klaus Heckemann, eine ähnlich belastete Vokabel – vermeintlich smarter, aber nicht weniger verwerflich – in seine medizinischen Visionen ein und sprach von einer "Eugenik in ihrem besten und humansten Sinn". Unter dem Deckmantel der Eugenik verübten die Nazis Massenmorde an behinderten Menschen zum Zweck der sogenannten Erb- und Rassenhygiene. Der Mann wurde abgesägt. Was macht das mit mir als behinderter Frau? Ich weiß noch, dass ich meine Bestürzung über die Wiedergeburt dieser Begrifflichkeiten mit einer Organisation teilte, in der ich Mitglied war und die sich in meiner Region für behinderte Menschen engagiert. Statt Solidarität erntete ich überwiegend das Feedback, solche Themen seien Privatsache. Ich fand das bigott und sehr symbolisch.

Ein anderes Thema, das sich einerseits tatsächlich zutiefst privat und andererseits extrem politisch anfühlt, ist die Pränataldiagnostik. Hier bin ich auch in meiner Positionierung zwischen Feministin und Inklusionsaktivistin hin- und hergerissen. Natürlich bin ich dafür, dass jede Frau eine Schwangerschaft abbrechen kann, die sie unzumutbar belastet. In meiner Identität als behinderter Mensch fühle ich mich jedoch angezweifelt, wenn der Grund eines Abbruchs allein das vermeintlich unperfekte Kind ist. Rassistische oder sexistische Motive legitimieren schließlich auch keine Pränataldiagnostik. Mütter könnten sich also nicht allein deshalb gegen ein Kind entscheiden, weil es schwarz oder weiß, Mädchen oder Junge ist. Wird eine Trisomie erkannt, ist das jedoch möglich. Eine mir nahestehende Person sagte einmal zu mir, ohne es böse zu meinen: "Zu deiner Zeit gab es ja leider diese Früherkennung noch nicht." Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Jetzt verstand ich, warum sich so viele Menschen mit Behinderung durch die Kassenzulassung der Tests in ihrer Existenz bedroht fühlten. Wie verändert das unsere Gesellschaft, wenn Mütter unter Druck geraten und Menschen selektiert werden? Und was bedeutet das zukünftig für Eltern, die sich bewusst für ein behindertes Kind entscheiden? Da gibt es auf der Straße Blicke, die sagen: "Sowas kann man doch heutzutage verhindern, das kostet uns alle Geld." Von der anderen Seite der Zeitachse geschaut, gibt es auch schon die passenden Argumente. Während man bereits im Vorfeld vermeintliche Kostenfaktoren abtreibt, kann man den alten Ballast unversorgt absterben lassen. So stellte CDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck in Frage, ob teure Medikamente für Hochbetagte überhaupt noch sinnvoll seien – und hatte damit nicht nur die individuelle, sondern insbesondere die finanzielle Verträglichkeit im Blick.

Auch wenn dieser Vorschlag abgewiesen wurde, gibt es bestimmten Personengruppen gegenüber fortwährend Benachteiligung und Ausgrenzung im Gesundheitssystem, was schwere Folgen haben kann. So sind viele Medizinprodukte und Arztpraxen nicht barrierefrei und für Menschen mit Behinderung nicht zugänglich. Ich selbst wurde von mehreren Kliniken aufgrund meiner Behinderung gar nicht erst aufgenommen, obwohl sie einen Versorgungsauftrag hatten. Das brachte mich in eine lebensbedrohliche Lage. Ich wurde aussortiert, weil Ärztinnen und Pflegepersonal sich aus Unwissenheit oder wegen fehlender inklusiver Therapieoptionen keine blinde Patientin zumuten wollten. Während der Pandemie hatten viele Menschen mit Behinderung die berechtigte Sorge, trotz relevanter Heilungschancen allein aufgrund ihrer Beeinträchtigung bei Versorgungsnotständen gar nicht erst berücksichtigt zu werden. Wir lernten das Wort Triage kennen. Wenn die Kapazitäten nicht für alle reichten, würde die reale Überlebenschance behinderter Menschen von ungeschulten Ärztinnen vielleicht verkannt werden. So musste der Gesetzgeber eine Regelung finden, die sicherstellte, dass Menschen mit Behinderungen im Falle einer Triage nicht diskriminiert werden. Diese kam 2022 auf Drängen behinderter Menschen ins Infektionsschutzgesetz. Drei Jahre später wurde sie wieder gekippt, da Ärzt*innen Verfassungsbeschwerde dagegen eingelegt hatten. Das Triage-Gesetz soll nun Ländersache werden, was wieder neue Fragen und Unsicherheiten aufwirft.

Dass Menschen mit Behinderungen in Katastrophen-, Krisen- und Kriegssituationen oft besonders ins Hintertreffen geraten, macht mir natürlich große Angst. Das liegt nicht allein an der Wucht der Ereignisse, sondern auch daran, dass wir in Sicherheitskonzepte häufig nicht eingeplant werden und Schutzmaßnahmen nicht inklusiv sind. Die Barrierefreiheit von Warnsystemen, die Zugänglichkeit zu Evakuierungswegen und die Nutzbarkeit von Notunterkünften wird in Bezug auf behinderte Menschen oft erst im Nachhinein hinterfragt. Hinzu kommt auch hier die Unwissenheit von Verantwortlichen, die schon im regulären Alltag keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen haben und in einer solchen Situation kein angemessenes Wissen dazu abrufen können. So entstehen blinde Flecken im Katastrophenschutz, die im Ernstfall tödlich sein können. Die Frage ist hier also nicht die reale Überlebenschance, sondern ob man überhaupt mitgedacht wird. Ich wurde einmal in einem brennenden Gebäude vergessen, weil ich als blinde Person die ausgeschilderten Fluchtwege nicht sah und der Feueralarm so laut war, dass ich meine akustische Orientierung verlor. Beispielhaft für Deutschland sind die Tode der behinderten Menschen im Lebenshilfehaus Sinzig, die 2021 der Flut im Ahrtal zum Opfer fielen, was nach Expertenaussagen zu vermeiden gewesen wäre.

Doch Menschen mit Behinderungen werden nicht nur in Krisen- oder Katastrophensituationen oft übersehen, sie sind auch überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen. Eine Pflegekraft tötete 2021 im Oberlinhaus in Potsdam vier Menschen mit Behinderungen und verletzte eine weitere Person schwer. Viele, mit denen ich darüber sprechen wollte, hatten überhaupt nichts davon mitbekommen. Das war bei anderen Morden nicht so. Was Behindertenrechtsaktivist*innen erschütterte, waren solche Medienberichte oder Stimmen aus der Bevölkerung, die von "Erlösung" oder "Überlastung" sprachen. Diese Relativierungen machten deutlich, wie tief der Gedanke verankert ist, dass Menschen wie wir von unserem "Leid" befreit werden müssten. Bei mir blieb gerade durch das Verständnis mancher Mitmenschen für die Überforderung der Pflegekraft das Gefühl, dass die Tode der behinderten Opfer weniger betrauernswert sind. Das Rechercheprojekt "Ableismus tötet" weist seither immer wieder darauf hin, dass diese Gewalt kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems ist.

Wenn nach der Tötung behinderten Lebens Gedanken an "Erlösung" aufkommen, dann ist der Schritt zur Debatte über aktive Sterbehilfe oder assistierten Suizid erschreckend kurz. Wir Behindertenrechtsaktivist*innen weisen seit Jahren darauf hin, dass dieses Thema für uns nicht nur eine Frage der Selbstbestimmung und freiwilligen Entscheidung ist. In einer Gesellschaft, in der Menschen sich als Belastung empfinden, kann diese Form des Ablebens schnell zur sozial erwünschten Lösung werden. Viele Menschen ohne Behinderungen denken über Sterbehilfe nach, sollten sie im Alter einmal schwerbehindert sein. Struktureller und internalisierter Ableismus kann auch hier tödliche Folgen haben. Hinter einer vermeintlich autonomen Wahl kann der Druck stehen, nicht zum Aufwand für die Gesellschaft werden zu wollen. Die Frage danach, was und wen wir uns zukünftig noch leisten können, wird politisch und medial lauter. Bei allem Respekt vor den individuellen Abwägungen eines jeden Betroffenen sehe ich auch die Gefahr, dass behinderte Menschen als verzichtbar gelten könnten. Diese lebensbeendenden Optionen dürfen nicht zur Neuauflage alter Aussonderungsideologien missbraucht werden. Als ich noch als Sozialpädagogin tätig war, hörte ich einen Talkshow-Gast mit "Expertenhintergrund" über eine alte Frau berichten, die erblindet sei und deshalb keinen Lebenssinn mehr sah. Er fand Sterbehilfe hier absolut legitim und dachte vermutlich auch an sich in so einer Lage. Ich arbeitete zu dieser Zeit mit spät erblindeten Menschen und fragte mich, welches Signal eine solche Aussage an ähnlich Betroffene senden würde. War hier nicht statt Sterbehilfe erstmal Lebenshilfe angezeigt? Und wie freiwillig ist eine Entscheidung für einen assistierten Suizid tatsächlich, wenn ein Mensch aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung in unerträgliche Not gerät, wie aktuell in schweren Fällen von ME/CFS?

Was mir extreme Sorgen bereitet, sind Unwissenheit und Gleichgültigkeit, nicht allein die Pöbeleien vom Straßenrand. Mir ist bewusst, dass der Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft nicht ableistisch sein möchte und sich auch nicht so einordnen würde. Doch wir sollten uns gerade in unbequemen Situationen selbst auch immer wieder internalisierten Mustern und Glaubenssätzen stellen. "Ableismus tötet" und er zeigt sich eben auch darin, wie und ob wir über Tode behinderter Menschen sprechen und welche Wertschätzung wir deren Leben entgegenbringen. Wenn es im wahrsten Wortsinn "drunter und drüber" geht, gerät eine Gesellschaft schnell moralisch ins Wanken. Wenn es brennt und eng wird, werden alte Narrative hervorgeholt und Menschen werden versehentlich oder ganz bewusst vergessen. Eine zeitgemäße Endlichkeitskultur muss deshalb zuerst diese Zusammenhänge aufarbeiten. Erst dann können wir wirklich darüber sprechen, wie wir leben und wie wir sterben wollen.

Link zum Magazin Drunter + Drüber

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