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Inklusion als Showformat – Was Aktion Mensch wirklich veranstaltet

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roter Schriftzug
Ein Los für das gute Gewissen
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Der 1. FC Köln wirbt aktuell mit dem Slogan "Zusammen laut für Inklusion". Gemeinsam mit der Aktion Mensch setzt der Verein auf einen Aktionsspieltag, ein Fanfest mit Mitmachaktionen und ein Rahmenprogramm rund um inklusive Sportarten wie Blinden- oder Amputiertenfußball. Die begleitende Kommunikation spricht von Sichtbarkeit, Begegnung und Vielfalt und davon, ein starkes Zeichen zu setzen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass das, was hier als Inklusion verkauft wird, in Wirklichkeit ein weiteres gut verpacktes Sonderformat ist.

Im Zentrum steht wie so oft die Aktion Mensch, eine Organisation, die es über Jahre hinweg verstanden hat, Inklusion zur medialen Erzählung zu machen. Immer wieder tritt sie als Partnerin bei öffentlichkeitswirksamen Projekten auf, die strukturell alle demselben Muster folgen. Menschen mit Behinderung dürfen auftreten, teilnehmen und sich zeigen, aber sie gestalten nicht mit. Es sind Veranstaltungen für das Publikum, nicht für die Teilhabe.

Dass dabei Begriffe wie „Doppelpass“, „große Bühne“ oder „Zusammen laut“ gewählt werden, ist bezeichnend. Es geht um Kommunikation, nicht um Veränderung. Um Darstellung, nicht um Teilgabe. Inklusion wird als Event inszeniert, in diesem Fall im Stadion. Wer mitläuft, wer klatscht, wer beim Fanfest mitmacht, soll als inkludiert gelten. Doch sobald der Spieltag vorbei ist, kehren die üblichen Verhältnisse zurück. Es bleibt bei getrennten Systemen, exklusiven Entscheidungsstrukturen und symbolischer Repräsentation ohne strukturelle Beteiligung.

Ein Rückblick auf Werder Bremen macht das deutlich. Auch dort arbeitet man mit Aktion Mensch zusammen. Auch dort gab es einen Inklusionsspieltag mit Fanaktionen und medienwirksamer Begleitung. Und ja, Werder hebt sich in einem Punkt positiv ab. In der Reaktion auf Kritik war man gesprächsbereit, selbstreflexiv und transparent. Es wurde eingeräumt, dass nicht alles, was als inklusiv bezeichnet wird, etwa die Special Olympics, diesem Anspruch tatsächlich gerecht wird. Es gibt kontinuierliche Angebote wie ein inklusives Fanradio, Menschen mit Behinderung sind als Volunteers oder Angestellte im Einsatz. Aber auch hier gilt: Es bleibt ein Nebenschauplatz. Die Kernstruktur des Vereins ist nicht inklusiv umgebaut, sondern ergänzt.

In Wahrheit unterscheiden sich viele dieser Formate kaum von den Paralympics oder Special Olympics, nur im Kleinformat. Es geht um ein eigenes Spielfeld, einen eigenen Spieltag, eine eigene Bühne, organisiert, gerahmt und moderiert von Menschen ohne Behinderung. Was als Inklusion etikettiert wird, ist in vielen Fällen wohlwollend inszenierte Separation. Die gesellschaftlichen Strukturen bleiben unangetastet. Das Regelwerk gilt weiterhin nur für die Nichtbehinderten. Die anderen bekommen ihre symbolische Beteiligung für die Dauer eines Events.

Dass die Kampagne „FC-Doppelpass“ heißt, erinnert unfreiwillig an den „Doppelwumms“ des Altkanzlers. Große Geste, starke Rhetorik, schwacher struktureller Gehalt. Auch hier bleibt unklar, wer eigentlich wem den Ball zuspielt und wer immer nur zuguckt.

Ausgerechnet Aktion Mensch steht im Zentrum dieses Problems. Sie ist nicht bloß Partnerin oder Unterstützerin solcher Projekte, sie ist deren Mitgestalterin, Legitimatorin und Finanziererin. Über Jahre hinweg hat sie ein Fördermodell aufgebaut, das strukturell auf Sonderlösungen und Außendarstellung setzt, auf Projekte statt Prozesse, auf Repräsentation statt Machtverlagerung. Die Kampagnenlogik dominiert. Es zählt, was sichtbar ist, nicht was verändert wird.

Genau daraus entsteht ein zweites Problem. Diese Inszenierungen dienen nicht nur dem Image der Partnervereine, sondern auch dem Geschäftsmodell von Aktion Mensch selbst. Die Soziallotterie lebt davon, dass sich Menschen emotional berühren lassen durch Kampagnenmotive, Aktionsspieltage und Bildsprachen. Die Lose, die verkauft werden, finanzieren die Formate, die zur Loskaufmotivation beitragen. Es ist ein geschlossener Kreislauf. Je berührender die Ausnahme dargestellt wird, desto höher die Spendenbereitschaft. Doch genau das ist das Gegenteil von Gleichberechtigung.

Strukturelle Inklusion verkauft sich nicht. Sie ist weder spektakulär noch emotional verlässlich inszenierbar. Ein Mensch, der ganz selbstverständlich Teil einer Organisation ist, passt nicht in die Rolle des symbolischen Empfängers von Hilfe. Deshalb bleibt Inklusion bei Aktion Mensch oft eine gut verpackte Erzählung, aber keine reale Umverteilung von Einfluss, Ressourcen oder Verantwortung.

Solange das so bleibt, ist Aktion Mensch nicht nur Teil des Problems, sie profitiert aktiv von ihm.

Und doch gäbe es realistische Wege, wenn man sie endlich ernst nähme.

Echte Inklusion im Sport bedeutet nicht, Menschen einzuladen, sondern Strukturen umzubauen. Nicht jedes eigene Format ist automatisch ein Sonderweg. Eine Blindenmannschaft ist dann kein Sonderformat, wenn sie gleichberechtigt in den Vereinsbetrieb eingebettet ist, dieselbe Ressourcenbasis, dieselbe Sichtbarkeit und dieselbe institutionelle Unterstützung erhält. Auch eine Jugendmannschaft mit Inklusionsprofil kann inklusiv sein, solange sie nicht ausgegliedert, sondern mitgedacht ist. Entscheidend ist nicht, ob es Unterschiede gibt, sondern wie diese Unterschiede verankert sind, als legitimer Teil des Ganzen oder als Ausnahmefall am Rand.

Menschen mit Behinderung bringen oft spezifische Anforderungen mit. Das ist unstrittig. Doch Inklusion heißt nicht, Angebote bereitzustellen, die angenommen werden dürfen. Es heißt, gemeinsam zu gestalten, auf Augenhöhe. Es heißt, Menschen mit Behinderung nicht nur als Empfängerinnen und Empfänger, sondern als Mitverantwortliche zu sehen, als Trainerinnen, als Vorstandsmitglieder, als Projektleiterinnen. Nicht Repräsentation, sondern Teilgabe. Nicht Bühne, sondern Struktur.

Inklusion beginnt nicht mit Sichtbarkeit, sondern mit geteilter Verantwortung. Sie braucht keine Leuchttürme, sondern offene Räume. Und sie braucht den Mut, Macht abzugeben. Wer das versteht, wird nicht laut für Inklusion werben müssen. Er wird sie einfach leben.

Lesermeinungen

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Sabrina Mevis
11.07.2025 18:32

Nun ja, es ist kein Geheimnis, dass die Aktion Mensch vor allem eine Lotterie, dann eine Förderorganisation und last but not least zunehmend eine PR-Organisation ist. Erinnert sich noch jemand an die lange zurückliegenden Einfach-Für-Alle-Kongresse oder die Zukunftskonferenz 2013? Seitdem hat man vieles zurückgebaut, auch sinnvolle Veranstaltungsformate. Oder Die Gesellschafter, langweiliger Name, interessantes Projekt.
Jetzt geht es scheinbar nur noch um PR, siehe den Barrierefreiheits-Test von Onlineshops, wo im Prinzip die Pfennigparade die Arbeit gemacht hat und man sich in der PR von Google sonnt.