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Gutes Krummsein, schlechtes Krummsein

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Mehrere unterschiedlich geformte, teils stark gebogene Gehstöcke aus Holz stehen nebeneinander vor neutralem Hintergrund. Jeder Stock wirkt individuell gewachsen und symbolisiert Verschiedenheit.
Krumm: Zwischen Körper und Moral
Foto: Ralph Milewski / KI

Fladungen (kobinet) Kants krummes Holz Immanuel Kant schreibt, der Mensch sei aus krummem Holz gemacht. Nichts ganz Gerades könne daraus gezimmert werden. Gemeint ist keine körperliche Eigenschaft, sondern eine anthropologische Einsicht. Der Mensch ist widersprüchlich, begrenzt, moralisch nie vollkommen. Entscheidend ist, dass diese Krummheit universal ist. Sie betrifft alle. In der aktuellen Debatte um Ableismus, angestoßen unter anderem durch Hans-Willi Weis’ Bezug auf das krumme Holz im Zusammenhang mit dem Menschenbild, lohnt es sich, diese Metapher genauer zu betrachten. Sprachliche Nähe Das Wortfeld ist älter als Kant. Krumm bedeutet gebogen, vom geraden Maß abweichend. Aus derselben Bedeutungswelt stammt auch der Begriff Krüppel. Historisch bezeichnete er den gekrümmten oder verstümmelten Körper. Die Nähe ist sprachgeschichtlich nachvollziehbar, auch wenn Kant sie nicht beabsichtigte. Interessant ist nicht die Absicht, sondern die Parallele.

Die Moral im Wort

Das Wort „krumm“ ist im Deutschen nicht neutral. Man dreht ein krummes Ding, man nimmt jemandem etwas krumm, man spricht von krummen Geschäften. Krumm steht nicht nur für ungerade, sondern für falsch, schief, moralisch zweifelhaft. Die Sprache selbst verknüpft Form und Wertung. Wenn Kant vom krummen Holz spricht, beschreibt er anthropologische Unvollkommenheit. Im alltäglichen Sprachgebrauch jedoch ist Krummheit längst moralisch codiert. Gerade diese sprachliche Überlagerung macht die Parallele brisant.

Die doppelte Krummheit

Wenn alle Menschen aus krummem Holz sind, dann ist Krummheit kein Sonderfall. Sie ist die Bedingung des Menschseins. Trotzdem funktioniert die Gesellschaft, als gäbe es zwei Formen von Krummheit. Eine allgemeine und akzeptierte. Und eine besondere, markierte.

Moralische Unvollkommenheit wird verallgemeinert. Niemand gilt als aus dem Menschsein herausfallend, weil er widersprüchlich, egoistisch oder fehlbar ist. Diese Form der Krummheit ist normal. Sie ist sogar Voraussetzung politischer und rechtlicher Ordnung. Der Mensch ist nicht vollkommen, also braucht er Regeln.

Körperliche Abweichung hingegen wird individualisiert. Sie wird gemessen, kategorisiert, begutachtet, verwaltet. Hier ist Krummheit nicht anthropologische Konstante, sondern Abweichung vom Maß. Aus der allgemeinen Begrenztheit wird eine spezielle Eigenschaft bestimmter Menschen.

Von der Metapher zur Hierarchie

So entsteht eine asymmetrische Ordnung. Wir alle sind moralisch unvollkommen. Einige sind zusätzlich körperlich unvollkommen. Die universelle Krummheit entlastet die Mehrheit. Die sichtbare Krummheit markiert die Minderheit.

Das Problem liegt nicht in der Metapher selbst. Kant wollte keine Hierarchie begründen. Er wollte zeigen, dass Vollkommenheit kein realistischer Ausgangspunkt politischer Theorie ist. Doch die Kultur, in der diese Metapher wirkt, kennt seit Jahrhunderten eine Wertung zwischen gerade und krumm. Gerade steht für Norm, Maß, Richtigkeit. Krumm steht für Abweichung.

Das gerade Maß

Ist Krummheit universal, verliert sie den Charakter des Sonderfalls. Ist Begrenztheit die Bedingung aller, dann verliert das gerade Maß seinen Anspruch auf Natürlichkeit.

Die Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Krummsein ist keine philosophische Notwendigkeit. Sie ist eine soziale Entscheidung. Sie trennt zwischen einer Unvollkommenheit, die als menschlich gilt, und einer, die als defizitär behandelt wird.

Nicht die Krummheit erzeugt die Hierarchie, sondern das Maß, an dem sie gemessen wird.

Lesermeinungen

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1 Lesermeinung
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Silvia Hauser
19.02.2026 20:49

Danke, Ralph,

Dein differenziertes Aufzeigen der Begrenztheit und der Ambivalenzen von Kants Metapher ist erhellend und hilfreich. Vom Hinweis auf deren Herkunft aus der handwerklich-vorindustriellen Welt bis hin zu ihrer Interpretationsoffenheit sowohl in Richtung eines inklusiv radikalisierten Universalismus (worauf ich abgehoben habe), als auch nach der Seite einer partikularistisch einschränkenden und diskriminierenden Auslegung. Rasch werden die Genzen argumentativer Aufklärung zugunsten eines universlistisch inklusiven und also nicht ableistischen Menschenbild sichtbar. Darüber geht Teil 2 meiner Ausführungen nächste Woche.
Gruß
Hans-Willi