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Ewiger Ableismus oder doch noch ein Weg, sich vom ableistischen Menschenbild zu befreien?

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Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
begutachtet das ableistische Menschenbild (Teil 1)
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Es wäre schön, wenn das ableistische Menschenbild verschwände wie ein mit Fingern in den Sand gezeichnetes Gesicht am Ufer des Meeres (in Anlehnung an das von Michel Foucault geprägte philosophische Denkbild). Dass dies irgendwann mit dem ableistischen Menschenbild geschieht, darauf sollten wir nicht hoffen, die Erwartung wäre illusorisch. Nicht einmal seine moralische Verurteilung und eine weltweite menschenrechtliche Sanktionierung haben zu nennenswerten oder gar verlässlichen Anzeichen geführt, das ableistische Menschenbild könnte über kurz oder lang im Verschwinden begriffen sein. Im Gegenteil. Das nunmehr bereits jahrzehntelang auf der Welt etablierte neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftssystem hat Strukturen, Institutionen und Verhaltensweisen installiert, die – ungeachtet moralischer Ächtung, gesetzlichen Verbots und juristischer Belangbarkeit ableistischer Diskriminierung – auf ihre Weise dafür sorgen, dass sich das ableistische Menschenbild verfestigt und perpetuiert.

Auf diese die Behinderten und ihren Aktivismus hart treffende soziale Tatsache habe ich auf kobinet wiederholt hingewiesen. Anknüpfend daran hat Ralph Milewski (siehe seinen Beitrag „Ableismus jenseits der Systeme“) auf das gesellschaftlich „systemunabhängige“ Auftreten und kulturgeschichtliche fortdauernde Vorhandensein des ableistischen Menschenbilds (bzw. ableistischer Menschenbilder) aufmerksam gemacht. Was mich wiederum zur provokanten Hypothese vom „ewigen Ableismus“ veranlasst hat. Dem von uns beiden geteilten behindertenpolitisch gewiss bitteren Befund der bisherigen Systemunabhängigkeit des Ableismus und seines Menschenbilds (siehe mein Kommentar unter Milewskis prägnanter Darlegung) sei fürs erste wenig bis „Nichts“ hinzuzufügen. Hier nun, woran ich bei diesem „wenig“ und dem „Nichts“ denke.

Aus „krummem Holz“ und dennoch mit einem „Wert und Zweck in sich“ ausgestattet

Wovon sprechen wir da? Vom Menschen, genauer von seiner „Würde“. Diese besitzt ein jedes Wesen, das einen Wert und Zweck in sich selbst hat. Menschen sprechen wir Würde zu nicht graduell, sondern unverkürzt oder ungeschmälert, von den Tagen ihres vorgeburtlichen Wachstums an bis ans Lebensende und darüber hinaus (wir bestatten die Toten). Und gleichviel in welcher körperlichen oder mentalen Verfassung sie sich befinden und an welchem Ort sie sich aufhalten. – Die Idee der uneingeschränkten und universellen Menschenwürde geht, was ihre präzise Formulierung betrifft, innerhalb unserer europäischen Geistesgeschichte auf den philosophischen Aufklärer Immanuel Kant zurück. Des näheren auf seinen „kategorischen Imperativ“.

Diese „unbedingte Forderung“ (über die Tatsache der Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung hinaus von keiner besonderen Bedingung abhängig und keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung bedürftig) hat Kant in seiner Moralphilosophie formuliert. Sein „kategorischer Imperativ“ setzt sich aus zwei Axiomen oder Grundsätzen zusammen, der „Gesetzesformel“ und der „Zweckeformel“. Die erste besagt in populär vereinfachter und verkürzter Form, „was du nicht willst, dass es dir geschieht, das tu auch niemand anderem an“. Die „Zweckeformel“ lautet, einen anderen Menschen nie nur als ein Mittel für eigene Zwecke zu gebrauchen, sondern ihn stets zugleich als einen „Zweck in sich“ oder Selbstzweck zu betrachten und in unserem Handeln zu respektieren.

Die wahrscheinlich größte Schwierigkeit für uns bei der Verwirklichung und vollständigen Beachtung dieser an uns gerichteten moralischen Forderung dürfte darin bestehen, bei unserem „Mittelgebrauch“ anderer Menschen (etwa bei der Besorgung und Sicherung des persönlichen Lebensunterhalts oder bei unserer sexuellen Befriedung) nicht eine Grenze zu überschreiten, wodurch wir die „Selbstzweckhaftigkeit“ des anderen Menschen verletzen oder missachten, seine „Würde antasten“. Für den Fall der antiken Sklaverei oder der mittelalterlichen Leibeigenschaft würden wir mit heutigen Augen betrachtet die Missachtung und Verletzung der Menschenwürde zweifellos als gegeben ansehen. Ebenso im Falle des „Infantizids“, der Kindstötung beim Vorliegen von Schwäche oder Gebrechen, körperlichen oder mentalen Einschränkungen, wie von den Spartanern im alten Griechenland praktiziert.

Wie jedoch verhält es sich heutzutage? Wie verhält es sich in der globalen Weltgesellschaft des Neoliberalismus an jener heiklen Grenze oder Nahtstelle, wo noch legitime Instrumentalisierung, moralisch noch gerechtfertigter Mittelgebrauch (in Kants Worten) und der Respekt vor menschlicher Selbstzweckhaftigkeit und eine unversehrte Menschenwürde in Widerspruch zueinander und in Konflikt geraten können? Und dies tatsächlich auf brisante und dramatische Weise geschieht durch neue, zuvor so noch nicht gekannte Formen moralisch höchst bedenklicher Instrumentalisierung des Menschen, seine Würde missachtender „Fremdverzweckung“. Regelrecht systemisch und strukturell dadurch, dass das neoliberale Menschenbild die Einzelnen, eine jede und einen jeden als „Humankapital“ betrachtet, ja definiert. Den Menschen in seiner Gänze als ein wirtschaftliches Mittel, ein gewinnmaximierendes Nutzungsgut begreift und behandelt. Nicht nur und nicht einmal primär andere das mit uns machen, in uns als „Humankapital investieren“, sondern indem wir uns vor allem selbst objektivieren und selber in unsereins als menschliches Kapital investieren. Uns selbstoptimieren, zur besten „Version unserer selbst“ machen. Wollen wir andernfalls nicht riskieren, im ökonomischen Wettbewerb der Humankapitalien unter die Räder zu kommen. Ein selbstausbeuterisches Rattenrennen, bei dem unsere Menschenwürde auf der Strecke bleibt.

Und wo behinderte und chronisch kranke Menschen besonders schlechte Karten haben. Wird ihnen doch ihre körperliche oder mentale „Normabweichung“ aufgrund einer unerbittlich einrastenden ableistischen Effizienzlogik zum Verhängnis. – Der in punkto Menschenbild eher mild und menschenfreundliche Aufklärer Kant meinte, „der Mensch ist aus einem so krummen Holze geschnitzt“, dass es einem aussichtslosen Unterfangen gleichkomme, daraus etwas Gerades oder gar Vollkommenes zimmern zu wollen. Um den Preis ihrer Menschenwürde sich auf einen eben solchen Holzweg zu begeben, dazu werden die heutigen Menschen vom neoliberalen Menschenbild, einem auf den Fetisch „Humankapital“ fixierten Mindset, zugleich verführt und gezwungen.

Nimmt man Kants Sinnbild vom „krummen Holz“ auch anthropologisch konzeptuell ernst, dann verbietet sich in einer universalistischen Betrachtungsperspektive das Aufstellen einer am menschlichen Fähigkeitsdurchschnitt festgemachten „Normalitätsnorm“, welche zwangsläufig die ableistische Abweichung zur Folge hat. Denn die klug gewählte Metapher vom krummen Holz universalistisch inklusiv augefasst und weitergedacht hieße, ausnahmslos alle Menschen, da sämtlich aus krummem Holz geschaffen, als einmalige und nichtsdestoweniger gleichwertige Individuen ansehen und sie jederzeit und allerorten achten. Wir Behinderte sollten dies als eine gute Nachricht begreifen, die Mut machen kann, uns dem Diktat neoliberaler Verhaltenserwartungen zu widersetzen und dem mit ihnen einhergehenden ableistischen Menschenbild desto energischer zu widersprechen, je mehr es sich im Zuge des neoliberal kompetitiven Zeitgeistes in den Köpfen so vieler Menschen beständig erneuert und verfestigt.
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Lesermeinungen

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1 Lesermeinung
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Johanne van der med
18.02.2026 08:39

Amen. Leider findet das ja auch in Kreisen statt, wo man sich angelibhc für Inklusion einsetzt, etwa im deutschen Accessibility Club. Der Moderator und ein Gast hatten sich über eine Person mit Behinderung gelästert, das Video ist leider nicht mehr auf Youtube. Es fällt auch auf, dass im Club nur Personen ohne Behinderung als Expert*Innen sprechen dürfen, behinderte dürfen bestenfalls eigene Erfahrungen berichten. Ähnliches bei der Barrierefreiheits-Konferenz des Rheinwerk-Verlages.