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Ableismus – Jenseits der Systeme

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Symbolische Szene mit zwei getrennten Seiten: links Menschen auf Zahnrädern vor einer Stadt, rechts ein Mann im Rollstuhl und eine Frau mit Gehstock auf isoliertem Boden, dazwischen ein tiefer Riss.
Ableismus jenseits der Systeme
Foto: Ralph Milewski / KI

Fladungen (kobinet) Die Frage, warum Menschen mit Behinderung in nahezu allen Gesellschaften als Problem, Ausnahme oder Belastung behandelt werden, wird meist mit Verweisen auf politische oder wirtschaftliche Systeme beantwortet. Mal gilt der Kapitalismus als Ursache, weil er Menschen nach Produktivität sortiere. Mal der Sozialismus, weil er den normierten Kollektivmenschen erzeuge. Mal die autoritäre Herrschaft, weil sie Abweichung nicht dulde. Doch je weiter der Blick wird, desto weniger trägt diese Zuordnung. Das Grundmuster, Bewertung nach Nützlichkeit, Heroisierung der Helfenden, Trennung der Abweichenden, erscheint unabhängig von der jeweiligen Ordnung. Vielleicht liegt der Ursprung nicht im System, sondern im Menschenbild selbst.

Die Konstante der Nützlichkeit

Gesellschaften entstehen aus praktischen Notwendigkeiten. Nahrung muss erzeugt, Sicherheit organisiert, Ordnung hergestellt werden. In diesem Rahmen wird der Mensch fast zwangsläufig nach seinem Beitrag beurteilt. Ob Ackerbau, Industrie, Planwirtschaft oder digitale Ökonomie, immer bildet sich ein Maßstab dessen, was als brauchbar gilt. Wer diesem Maßstab entspricht, wird integriert. Wer abweicht, wird versorgt, repariert oder ausgegrenzt.

Diese Logik ist älter als jede moderne Ideologie. Schon in vormodernen Gemeinschaften war Arbeitsfähigkeit Voraussetzung für Zugehörigkeit. Mit der Industrialisierung wurde sie systematisch vermessen. Medizin und Pädagogik entwickelten Kategorien, die bis heute wirken. förderfähig, arbeitsfähig, selbstständig, belastbar. Die Begriffe wandelten sich, das Prinzip blieb.

Behinderung erschien in diesem Raster nicht zuerst als Frage von Rechten, sondern von Funktion. Der Mensch wurde nicht gefragt, was er braucht, sondern ob er passt. Dieses Denken fand sich in monarchischen Staaten ebenso wie in sozialistischen Republiken, in liberalen Demokratien wie in autoritären Regimen. Systeme unterschieden sich im Ton, nicht im Grundschema.

Der Helfer als moralische Figur

Wo Abweichung als Last empfunden wird, wird der Umgang mit ihr zur moralischen Leistung. Religionen versprachen Seelenheil für Barmherzigkeit. Bürgerliche Gesellschaften lobten Wohltätigkeit. Sozialistische Staaten priesen den aufopfernden Kollektivmenschen. Moderne Kampagnen feiern den engagierten Freiwilligen.

Das Muster bleibt erstaunlich stabil. Der Wert des Helfenden steigt, der Wert des Geholfenen sinkt. Die Beziehung wird nicht als Begegnung, sondern als Bühne erzählt. Menschen mit Behinderung erscheinen weniger als Subjekte mit eigenen Interessen, sondern als Anlass für die Selbstinszenierung anderer. Diese Dramaturgie braucht kein bestimmtes Wirtschaftssystem. Sie funktioniert im Kloster, im Staatsbetrieb, im Ehrenamt und im Unternehmen gleichermaßen.

Systeme als Formen, nicht als Ursprung

Unterschiede zwischen Gesellschaften sind real. Autoritäre Staaten können Abweichung leichter verstecken und Widerstand unterdrücken. Demokratien ermöglichen Rechte und Gegenwehr. Wirtschaftssysteme liefern verschiedene Begründungen für Nützlichkeit, Gewinn, Planerfüllung, nationale Stärke oder Effizienz. Doch sie verändern vor allem die Sprache, nicht den Kern.

Die historische Erfahrung zeigt, ein anderes System beseitigt Ableismus nicht. Es kleidet ihn neu ein. Selbst dort, wo Gleichheit verkündet wurde, blieb die Norm des leistungsfähigen Körpers bestehen. Selbst dort, wo Fürsorge großgeschrieben wurde, blieb die Trennung von normal und abweichend. Selbst dort, wo Solidarität Programm war, blieb der behinderte Mensch Objekt von Maßnahmen.

Das Menschenbild als Drehpunkt

Wenn Systeme nur Varianten desselben Musters hervorbringen, muss der Blick auf das zugrunde liegende Menschenbild fallen. Dieses Bild ruht auf stillen Annahmen. Der Mensch wird zuerst als Funktionsträger gedacht. Abhängigkeit gilt als Defizit, nicht als Teil des Lebens. Normalität wird als messbar und verbindlich verstanden.

Aus diesen Annahmen folgt fast zwangsläufig Ablehnung des Nichtpassenden. Wer den Menschen als Leistungseinheit begreift, erlebt Behinderung als Störung. Wer Autonomie idealisiert, behandelt Hilfe als Ausnahme. Wer Normen verabsolutiert, verwaltet Abweichung.

Ableismus erscheint so weniger als Ideologie denn als kulturelle Gewohnheit. Er entsteht nicht erst durch Markt oder Plan, sondern durch die Angst vor Verletzlichkeit. Behinderung erinnert an Grenzen und Abhängigkeit, an das, was jeder werden könnte. Die Gesellschaft reagiert darauf mit Distanzierung, mal hart, mal freundlich, immer hierarchisch.

Konsequenzen

Wenn die Ursache im Menschenbild liegt, reicht Systemkritik allein nicht aus. Ein Wechsel der Wirtschaftsordnung oder Regierungsform kann Bedingungen verbessern, Rechte stärken, Barrieren abbauen. Er ersetzt jedoch nicht die notwendige Veränderung der Perspektive.

Ein anderer Ausgangspunkt wäre nötig. Der Mensch als Zweck in sich, nicht als Mittel. Abhängigkeit als Normalzustand, nicht als Ausnahme. Verschiedenheit als Ausgangslage, nicht als Abweichung.

Mit einer solchen Sicht verlöre auch das Heldenspektakel seinen Sinn. Hilfe wäre Alltag, nicht Bühne. Teilhabe wäre Recht, nicht Gnade.

Offene Frage

Ob Gesellschaften diesen Schritt gehen können, bleibt ungewiss. Zu stark ist die Versuchung, den Wert des Menschen aus seiner Verwertbarkeit abzuleiten. Zu bequem ist es, Helfende zu feiern statt Strukturen zu verändern. Doch überall dort, wo Betroffene selbst sprechen und handeln, beginnt das Muster aufzubrechen. Nicht durch ein neues System, sondern durch ein anderes Verhältnis zueinander.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, welches System verantwortlich ist, sondern welches Bild vom Menschen wir gelten lassen.

Dank und Epilog

Der Anstoß zu diesem Text entstand aus einem Satz von Hans-Willi Weis. Er formulierte die These, dass die neoliberale Ellbogen- und Egogesellschaft Verdrängungs- und Abwehrreflexe gegenüber allem Schwachen und Gebrechlichen förmlich triggere. Diese Beobachtung ließ mich innehalten. Nicht, um ihr zu widersprechen, sondern um sie weiterzudenken.

Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass die Spur zwar in die Gegenwart führt, aber dort nicht beginnt. Der Gedanke, dass Härte und Leistungsdruck Ablehnung verstärken, ist plausibel. Doch er erklärt nicht, warum ähnliche Muster auch dort existierten, wo es keinen Neoliberalismus gab, in anderen Zeiten, unter anderen Fahnen, mit gegensätzlichen Versprechen.

Aus diesem Impuls entstand der Versuch, den Blick zu weiten. Nicht um eine These zu entkräften, sondern um sie auf ihre Tragfähigkeit zu prüfen. Wenn Reflexe gegenüber Schwäche systemübergreifend auftreten, dann muss ihre Quelle tiefer liegen als in einer bestimmten Wirtschaftsform. Vielleicht berühren sie etwas Grundsätzlicheres, unsere Angst vor Abhängigkeit, unsere Gewohnheit, Menschen nach Nutzen zu sortieren, unser Bedürfnis nach Normalität.

Dieser Text ist daher kein Gegenentwurf, sondern eine Fortsetzung eines Gesprächs. Er verdankt sich einer Frage, die nicht bequem war, und einem Widerspruch, der zum Nachdenken zwang. Dafür danke ich. Denn ohne diesen Anstoß wäre der Blick vermutlich enger geblieben.

Lesermeinungen

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1 Lesermeinung
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Silvia Hauser
12.02.2026 12:53

Danke Ralph,
so geht Dialog der Verständigung per gedanklichem Zwiegesprach.

Deine über den gesellschaftlichen Gegenwartskontext hinaus weiterführende Aufklärung über die Genese des Ableismus. Der menschheitsgeschichtlich so weit zurückreicht, dass wir seine Entstehung gar icht ausmachen können und sich uns rückblickend ein „es ist noch nie anders denn ableistisch in menschlichen Gesellschaften zugegangen“. Quasi eine kulturanthropologische Konstante. Dem ist auf intellektuell-analytischer Ebene wenig bis Nichts hinzuzufügen. Bei dem „wenig“ denke ich an den philosophischen Aufklärer Kant und bei dem „Nichts“ an eine durch meditative Praxis mögliche spirituelle Befreiungserfahung jenseits von Denken und Sprechen.

Dazu demnächst mehr auf dieser Plattform.
Hans-Willi