In der Zeitung ZEIT gab es einen Artikel.
Der Autor heißt Jens Jessen.
Jessen schreibt: Die Linken sind schuld.
Schuld woran?
Die AfD wird stärker.
Das ist seine Meinung.
Jessen sagt etwas.
Die Linken reden zu viel über Vielfalt.
Vielfalt bedeutet: Alle Menschen sind verschieden.
Sie reden auch über Gender-Gerechtigkeit.
Gender-Gerechtigkeit bedeutet: Alle Geschlechter sind gleich wichtig.
Männer und Frauen sollen gleiche Rechte haben.
Andere Geschlechter auch.
Jessen sagt: Das hilft der AfD.
Ines Schwerdtner ist Chef-in der Linken-Partei.
Sie sagt: Das stimmt nicht.
Sie stimmt Jessen nicht zu.
Rechte und linke Politik-er streiten oft.
Das ist normal in der Politik.
Der Autor hat auch einen Text geschrieben.
Es ist eine Kolumne.
Eine Kolumne ist ein Text in der Zeitung.
Ein Autor schreibt seine Meinung.
Der Text war am 1. September auf kobinet.
Er kritisiert die Medien.
Er sagt: Die Medien wollen die Bürger erziehen.
Das ist schlecht für die Demokratie.
Demokratie bedeutet: Das Volk bestimmt mit.
Alle Menschen dürfen mit-entscheiden.
Manche Leute sagen: Der Text ist rechts.
Der Autor sagt: Das stimmt nicht.
Ich bin links.
Aber ich kritisiere trotzdem manche Sachen.
Das ist erlaubt.
Es gibt eine Gruppe.
Sie heißt: Krüppel gegen Rechts.
Was bedeutet rechts für diese Gruppe?
Sie meinen vor allem die AfD.
Die AfD behandelt behinderte Menschen schlecht.
Das nennt man diskriminieren.
Diskriminieren bedeutet: ungerecht behandeln.
Manche Menschen werden dann benachteiligt.
Das ist gegen das Grund-Gesetz.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Seltsame Frage? Nicht unbedingt, seitdem nach einem Artikel des ZEIT-Feuilletonisten Jens Jessen von Ende August in den politischen Feuilletons genau diese Frage hitzig diskutiert wird. Tenor des Artikels: Schuld am Aufstieg von Rechtsaußen sei die Linke selbst. Wokeness, Diversity und Gendergerechtigkeit seien das größte Geschenk, das die Linke der Rechten machen konnte. Die Co-Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, hat noch in derselben ZEIT-Ausgabe den Vorwurf Jessens zurückgewiesen. Zurzeit schaukelten sich wieder einmal rechte und linke Ränder gegenseitig hoch. Auch darüber, was es mit der politischen Mitte auf sich hat, wird in diesem Zusammenhang gestritten.
Mit der gerade aufkommenden Unklarheit und Verwirrung über die gängigen politischen Ortsbestimmungen hierzulande habe auch ich mich in Reaktionen auf meine Dissens-Kolumne vom 1. September konfrontiert gesehen. Darin kritisierte ich Erscheinungsformen einer die Bürger bevormundenden medialen Erziehungsdemokratie, ausgeübt durch einen hegemonialen schwarz-rot-grünen Mitteblock. Die Folge sei zunehmender Konformitätsdruck und abnehmende Meinungsdemokratie. Diese Stellungnahme wurde nun prompt als politisch rechts ausgelegt, obwohl ich in meinen Ausführungen die Begriffe „rechts“ und „links“ nicht verwendet habe und mich im Übrigen nach wie vor als politisch links verorte. Es besteht also offensichtlich Klärungs- und Verständigungsbedarf über die Begriffe „rechts“ und „links“ sowie über Zusammenhänge und mögliche Interdependenzen zwischen den so bezeichneten politischen Richtungen.
Jessens Kritik deckt sich in Teilen mit dem, was auch ich in meiner Kolumne beanstande. Anders als ich spricht er jedoch von „linken Diskurswächtern“ und meint in der Sache dennoch dasselbe wie ich, wenn er vom „Umerziehen-Wollen“ spricht oder von einem „akademischen Kleinbürgertum, das seine ideologische Diskursmacht durchsetzen möchte“. Übereinstimmend mit meiner Einschätzung ist auch seine Beobachtung: „Schalte ich den Deutschlandfunk ein, werde ich von morgens bis abends agitiert“ („oberlehrerhaft“ hieß es in meinem Text).
Naheliegend ist an dieser Stelle für mich die Frage: Wie definieren die „Krüppel gegen Rechts“ das „rechts“ in ihrem Namen? Gemeint ist damit im Wesentlichen die AfD beziehungsweise alle, die auf „gesichert rechtsextremistische“ Weise das in Grundgesetzartikel 3 garantierte Diskriminierungsverbot behinderter Menschen missachten. Darauf kann man sich formelhaft zurückziehen. Möchte man sich aber im eigenen Interesse in die gegenwärtige Debatte einschalten, scheint mir dazu mehr an politischer Argumentation in eigener Sache und Auseinandersetzung mit den Diskussionsbeiträgen anderer erforderlich. Wenn dazu von der Initiative etwas käme, würde dies kobinet-Lesende gewiss interessieren.
Umso mehr, als die Frage, was „rechts“ ist und wie damit umzugehen sei, heftig diskutiert wird. Ob man etwa – wie der progressiv oder eher links einzuordnende Per Leo als Erster vorgeschlagen hat – „mit Rechten reden“ sollte und wie es unlängst Boris Palmer in Tübingen unter lautstarken Protesten vorgemacht hat. Oder ob sich Liberale und Linke den Gesprächsavancen verweigern sollten, die ihnen ein offenbar rhetorisch hochbegabter Agitator der Rechten in den USA macht, der sich überdies als eine Art „compassionate right“ inszeniert, also den mitfühlenden Rechten performt und dem – wie mir aus der Ferne scheint – Sensibilität und Empathie nicht pauschal abgesprochen werden können. Die politisch motivierte, ob zu Recht oder zu Unrecht dem linken Lager zugerechnete Ermordung dieses Influencers in den USA dürfte Jens Jessen in seiner These bestärken, die Erfolge der politischen Rechten international gingen auf das Konto einer verfehlten, identitätspolitisch verkürzten und moralisch überheblichen Politik der Linken.
Jens Jessen in DER ZEIT:
https://www.zeit.de/2025/37/politische-extreme-polarisierung-linke-afd-protest

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Seltsame Frage? Nicht unbedingt, seitdem nach einem Artikel des ZEIT-Feuilletonisten Jens Jessen von Ende August in den politischen Feuilletons genau diese Frage hitzig diskutiert wird. Tenor des Artikels: Schuld am Aufstieg von Rechtsaußen sei die Linke selbst. Wokeness, Diversity und Gendergerechtigkeit seien das größte Geschenk, das die Linke der Rechten machen konnte. Die Co-Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, hat noch in derselben ZEIT-Ausgabe den Vorwurf Jessens zurückgewiesen. Zurzeit schaukelten sich wieder einmal rechte und linke Ränder gegenseitig hoch. Auch darüber, was es mit der politischen Mitte auf sich hat, wird in diesem Zusammenhang gestritten.
Mit der gerade aufkommenden Unklarheit und Verwirrung über die gängigen politischen Ortsbestimmungen hierzulande habe auch ich mich in Reaktionen auf meine Dissens-Kolumne vom 1. September konfrontiert gesehen. Darin kritisierte ich Erscheinungsformen einer die Bürger bevormundenden medialen Erziehungsdemokratie, ausgeübt durch einen hegemonialen schwarz-rot-grünen Mitteblock. Die Folge sei zunehmender Konformitätsdruck und abnehmende Meinungsdemokratie. Diese Stellungnahme wurde nun prompt als politisch rechts ausgelegt, obwohl ich in meinen Ausführungen die Begriffe „rechts“ und „links“ nicht verwendet habe und mich im Übrigen nach wie vor als politisch links verorte. Es besteht also offensichtlich Klärungs- und Verständigungsbedarf über die Begriffe „rechts“ und „links“ sowie über Zusammenhänge und mögliche Interdependenzen zwischen den so bezeichneten politischen Richtungen.
Jessens Kritik deckt sich in Teilen mit dem, was auch ich in meiner Kolumne beanstande. Anders als ich spricht er jedoch von „linken Diskurswächtern“ und meint in der Sache dennoch dasselbe wie ich, wenn er vom „Umerziehen-Wollen“ spricht oder von einem „akademischen Kleinbürgertum, das seine ideologische Diskursmacht durchsetzen möchte“. Übereinstimmend mit meiner Einschätzung ist auch seine Beobachtung: „Schalte ich den Deutschlandfunk ein, werde ich von morgens bis abends agitiert“ („oberlehrerhaft“ hieß es in meinem Text).
Naheliegend ist an dieser Stelle für mich die Frage: Wie definieren die „Krüppel gegen Rechts“ das „rechts“ in ihrem Namen? Gemeint ist damit im Wesentlichen die AfD beziehungsweise alle, die auf „gesichert rechtsextremistische“ Weise das in Grundgesetzartikel 3 garantierte Diskriminierungsverbot behinderter Menschen missachten. Darauf kann man sich formelhaft zurückziehen. Möchte man sich aber im eigenen Interesse in die gegenwärtige Debatte einschalten, scheint mir dazu mehr an politischer Argumentation in eigener Sache und Auseinandersetzung mit den Diskussionsbeiträgen anderer erforderlich. Wenn dazu von der Initiative etwas käme, würde dies kobinet-Lesende gewiss interessieren.
Umso mehr, als die Frage, was „rechts“ ist und wie damit umzugehen sei, heftig diskutiert wird. Ob man etwa – wie der progressiv oder eher links einzuordnende Per Leo als Erster vorgeschlagen hat – „mit Rechten reden“ sollte und wie es unlängst Boris Palmer in Tübingen unter lautstarken Protesten vorgemacht hat. Oder ob sich Liberale und Linke den Gesprächsavancen verweigern sollten, die ihnen ein offenbar rhetorisch hochbegabter Agitator der Rechten in den USA macht, der sich überdies als eine Art „compassionate right“ inszeniert, also den mitfühlenden Rechten performt und dem – wie mir aus der Ferne scheint – Sensibilität und Empathie nicht pauschal abgesprochen werden können. Die politisch motivierte, ob zu Recht oder zu Unrecht dem linken Lager zugerechnete Ermordung dieses Influencers in den USA dürfte Jens Jessen in seiner These bestärken, die Erfolge der politischen Rechten international gingen auf das Konto einer verfehlten, identitätspolitisch verkürzten und moralisch überheblichen Politik der Linken.
Jens Jessen in DER ZEIT:
https://www.zeit.de/2025/37/politische-extreme-polarisierung-linke-afd-protest





Interessant, wie unterschiedlich man „moralische Überheblichkeit“ doch definieren kann.
Bin ich moralisch überheblich, wenn ich für die Gleichberechtigung von Menschen argumentiere?
Kann sein.
Man kann mit mir gerne Diskussionen darüber führen, ob Frauen über ihre eigenen Körper verfügen können. Ob Behinderten ein Anspruch auf Teilhabe zusteht. Ob Schwule, Lesben oder Transsexuelle existieren dürfen.
Doch es gibt einen Punkt, an dem eine Diskussion beginnt, reale Auswirkungen auf Menschenleben zu haben. Die zugehörigen Menschen haben dann ein Recht, sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen.
Charlie Kirk hat nicht (nur) Diskussionen geführt. Er war Kopf von TPUSA (Turning Point USA), einer von führenden Konservativen (in D eher: Rechte) finanzierten Plattform, die:
-2016 eine „Watchlist“ betreibt, auf der „zu linke“ Professoren aufgeführt werden.
-2021 eine „School board watchlist“ betreibt, auf der Angehörige von School boards, die sich für Covid-Masken und gegen Rassismus einsetzen, namentlich und mit Foto aufgeführt werden.
-80 Busse mit Anhängern am 6. Januar 2021 zur Unterstützung eines versuchten Umsturzes der Regierung geschickt hat (um die „geklaute“ Wahl zurückzuholen).
Zur Illustration der moralischen Überheblichkeit Kirks einige Zitate (frei übersetzt):
-„Die Steinigung von Homosexuellen war Gottes perfektes Gesetz“
-„Transsexuelle sind für die Inflation verantwortlich“
-„Transgender sind ein Mittelfinger gegen Gott“
-„Menschen die transsexuellen Gesundheitsdienstleistungen erbringen sollten in einem Prozess ähnlich der Nürnberger Prozesse verurteilt werden“
-„Geschlechtsumwandlungen sind die Verstümmelung von Kindern“
-„Mein erster Gedanke wenn mein Pilot schwarz ist: Hoffentlich ist er qualifiziert“
-„Lehnt Feminismus ab, gebt euch euren Ehemännern hin“
-„Es gibt keine Trennung zwischen Staat und Kirche. Das haben sich sekulare Humanisten ausgedacht“
Diese Listen könnte ich weit über die Grenze des Vernünftigen weiterführen. Werde ich aber nicht.
Im Gegensatz zu Kirk verabscheue ich Gewalt in jeglicher Form. Im Gegensatz zu ihm erachte ich Todesopfer als Menschen, unabhängig ihrer Herkunft oder politischen Gesinnung. Als Reaktion auf den Tod von George Floyd durch Polizeigewalt nannte Kirk ihn einen „Drecksack“.
Warum schreibe ich das alles? Weil ein in den meisten Teilen der Welt Unbekannter hier zum Märtyrer einer Bewegung stilisiert wird, die für so ziemlich alles Schlechte auf dieser Welt steht.
Für Rückschritte in unserem gemeinsamen Zusammenleben.
Über die Positionen von Kirk diskutiert man nicht, man gibt sein Bestes, sie zu überwinden.
Dass in einer Publikation, die gegen die Marginalisierung einer gesellschaftlichen Randgruppe anschreibt eine so unfundierte Meinung niedergeschrieben wird, erachte ich als intellektuelle Bankrotterklärung.
Da ist sie wieder, die typisch linke moralische Überheblichkeit.
Kurz zur abschließenden Bewertung, über bestimmte Ansichten diskutiere man nicht, „man tue sein bestes, sie zu überwinden.“
Frage: Wie will man sie überwinden bei Menschen, die für solche Meinungen anfällig sind, ohne mit ihnen zu diskutieren, zu sprechen?
„Moralische Überheblichkeit“ ist der Vorwurf von Jens Jessen an die Woken, den ich so pauschal nicht teile. Auch mache ich die Woken schon gar nicht verantwortlich für den Aufstieg der Rechten. Gerade darum sollte diese Meinung diskutiert werden, weil sie nur argumentativ, miteinander sprechend, ausgeräumt werden kann. Wieso man sich auf einer Plattform für Marginalisierte daran nicht beteiligen sollte, will mir nicht einleuchten. Erlittene Kränkungen und seelische Verletzungen sollten uns, diesen Anspruch habe ich an mich, nicht vom Versuch und der Mühe, eines Dennoch- Miteinander-Redens abhalten.
Hans-Willi Weis