Fladungen (kobinet)
Vor einigen Wochen habe ich eine Frau angeschrieben.
Sie leitet einen Kunst-Verein in der Region.
Der Verein hatte eine Ausstellung geplant.
Sie nannten es inklusive Kunst-Ausstellung.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen machen mit.
Niemand wird ausgeschlossen.
In der Einladung stand etwas Besonderes.
Menschen mit Behinderung sollten mitmachen.
Menschen mit Migrations-Hintergrund sollten auch mitmachen.
Migrations-Hintergrund bedeutet: Eine Person kommt aus einem anderen Land.
Oder die Eltern kommen aus einem anderen Land.
Ich habe gefragt: Warum macht ihr das so?
Warum fasst ihr diese Menschen zusammen?
Menschen mit Behinderung sind ganz verschieden.
Menschen aus anderen Ländern sind auch ganz verschieden.
Was ist eine inklusive Kunst-Ausstellung?
Das wollte ich wissen.
Ich habe auch nach praktischen Dingen gefragt.
Gibt es barriere-freie Toiletten?
Barriere-frei bedeutet: Alle Menschen können etwas nutzen.
Zum Beispiel: Menschen im Rollstuhl können in das Gebäude.
Wie kommt man in das Gebäude?
Können Menschen mit körperlichen Einschränkungen im Verein mitarbeiten?
Eine schriftliche Antwort bekam ich nicht.
Die Frau sagte nur: Wir können telefonieren.
Das war ausweichend.
Ausweichend bedeutet: Eine Person gibt keine klare Antwort.
Die Person will nicht direkt antworten.
Später bekam ich dieselbe Ausschreibung noch einmal.
Ausschreibung bedeutet: Ein Verein sucht Künstler für eine Ausstellung.
Sie schreiben eine Anzeige.
In der Anzeige steht: Das suchen wir.
Eine Künstler-Kollegin schickte sie mir.
Sie schrieb dazu: Vielleicht ist das etwas für dich.
Das fand ich merkwürdig.
Die Kollegin teilt sonst viele Sachen auf Facebook.
Sie teilt Ausstellungen und politische Aufrufe.
Aber diese Ausschreibung hat sie nicht öffentlich geteilt.
Sie hat sie nur mir geschickt.
Auf Instagram zeigt sie ihre eigenen Ausstellungen.
Sie hatte auch schon eine Ausstellung an diesem Ort.
Aber diese Ausschreibung hat sie dort nicht gezeigt.
Ich dachte: Sie schickt mir das nur.
Das ist eine Zuschreibung.
Zuschreibung bedeutet: Man sagt über eine Person etwas Bestimmtes.
Zum Beispiel: Du bist behindert.
Also ist das etwas für dich.
Das ist oft nicht richtig.
Sie denkt: Das ist etwas für dich.
Du gehörst zu der Ziel-Gruppe.
Ziel-Gruppe bedeutet: Bestimmte Menschen.
Für diese Menschen ist etwas gemacht.
Ich habe meine Bedenken gesagt.
Ich war sachlich.
Aber sie hat nicht sachlich geantwortet.
Sie hat sich verteidigt.
Sie sagte: Ich leite nie wieder etwas weiter.
Das Gespräch war beendet.
Wir haben nicht über das Problem geredet.
Stattdessen war sie beleidigt.
Sie dachte: Ich wollte nur helfen.
Aber ich wurde kritisiert.
Das ist ein bekanntes Muster.
Menschen mit Behinderung werden in eine Rolle gedrängt.
Wenn sie das kritisieren werden sie als undankbar gesehen.
Die Verantwortung wird umgedreht.
Der Kritiker ist der Störer.
Die eigentliche Handlung wird vergessen.
Die Kollegin sagte noch etwas.
Sie hat Enkel in einer Inklusions-Schule.
Das sollte zeigen: Ich kenne mich aus.
Aber das ist keine Fach-Kenntnis.
Fach-Kenntnis bedeutet: Eine Person hat viel über ein Thema gelernt.
Sie weiß viel darüber.
Sie ist ein Experte.
Das ist nur eine persönliche Geschichte.
Solche Geschichten schaffen Gefühle.
Aber sie ersetzen nicht das Wissen.
Wir müssen über Macht sprechen.
Wir müssen über Teilhabe sprechen.
Nicht über Familie.
Diese Erfahrung zeigt ein Problem.
Es gibt einen Unterschied zwischen echter Einladung und paternalistischer Zuschreibung.
Paternalistisch bedeutet: Jemand entscheidet für dich.
Du hast keine andere Wahl.
Die Person behandelt dich wie ein kleines Kind.
Ausschreibungen für bestimmte Gruppen schaffen ein Problem.
Manche Menschen nehmen normal teil.
Andere erscheinen als förder-bedürftig.
Förder-bedürftig bedeutet: Eine Person braucht Hilfe.
Die Person kann etwas nicht alleine schaffen.
Das ist nicht gleich-berechtigt.
Gleich-berechtigt bedeutet: Alle Menschen haben die gleichen Rechte.
Niemand ist mehr wert als andere Menschen.
Wer das kritisiert wird schnell als undankbar gesehen.
Aber diese Debatte ist wichtig.
Wir wollen nicht nur so tun als ob.
Wir wollen wirkliche Teilhabe.
*Hinweis: Das ist die persönliche Meinung des Autors.
Es ist nicht die Meinung der kobinet-Redaktion.*

Foto: Ralph Milewski / KI generiert
Fladungen (kobinet) Bereits einige Wochen vor der aktuellen Situation hatte ich Kontakt mit der Vorsitzenden eines regionalen Kunstvereins aufgenommen. Anlass war eine Ausschreibung, die als "inklusive Kunstausstellung" angekündigt wurde. Im Einladungstext wurden ausdrücklich Kunstschaffende mit Migrationshintergrund oder Behinderung hervorgehoben. Ich habe daraufhin nachgefragt, welche Überlegungen hinter dieser Verknüpfung stehen. Warum werden so unterschiedliche Gruppen zusammengeführt, als ob sie strukturell zusammengehörten? Und was genau versteht man unter einer "inklusiven Kunstausstellung"? Ich fragte zudem nach ganz praktischen Bedingungen einer möglichen Mitgliedschaft. Gibt es barrierefreie Toiletten? Wie ist der Zugang zum Gebäude gestaltet? Und wie können Menschen mit körperlichen Einschränkungen die vorgesehenen Arbeitsstunden im Verein leisten? Eine schriftliche Antwort blieb jedoch aus – stattdessen kam nur der ausweichende Hinweis, man könne das telefonisch besprechen.
Vor diesem Hintergrund erreichte mich einige Zeit später dieselbe Ausschreibung über den privaten Weg. Eine Künstlerkollegin leitete sie direkt an mich weiter mit dem Hinweis „Vielleicht ist das etwas für dich.“ Auffällig war dabei, dass sie die Ausschreibung auf ihren öffentlichen Kanälen nicht geteilt hatte, obwohl sie auf Facebook sonst regelmäßig Ausstellungen, politische Aufrufe oder private Inhalte verbreitet. Auf Instagram wiederum postet sie fast ausschließlich eigene Ausstellungen, darunter auch eine mehrmonatige Beteiligung an genau dem Ort, um den es hier ging. Dass sie nun diese Ausschreibung öffentlich nicht verbreitete, sondern selektiv nur an mich weiterleitete, empfand ich nicht als neutrale Empfehlung, sondern als Zuschreibung. „Das ist etwas für dich, weil du in die adressierte Zielgruppe fällst.“
Als ich darauf sachlich reagierte und meine Bedenken äußerte, bekam ich keine inhaltliche Antwort, sondern Abwehr. „Kommt nicht wieder vor, dass ich etwas weiterleite.“ Damit war die Diskussion beendet. Statt über das Format und seine strukturellen Probleme zu sprechen, stand plötzlich ihr persönliches Befinden im Vordergrund. Meine Kritik wurde nicht als legitime Reflexion verstanden, sondern als Angriff auf ihre gute Absicht.
Genau hier zeigt sich ein bekanntes Muster. Fremdzuschreibung und Opfer-Täter-Umkehr. Wer auf paternalistische Mechanismen hinweist, läuft Gefahr, als undankbar, zu streng oder negativ wahrgenommen zu werden. Die Verantwortung wird verschoben – der Kritiker erscheint als „Störer“, während die eigentliche Handlung, die selektive Weiterleitung, aus dem Blickfeld verschwindet.
Hinzu kam ein weiteres Detail. Als Beleg für ihr Verständnis von Inklusion verwies die Kollegin auf ihre Enkel, die eine Inklusionsschule besuchen. Das ist keine Expertise, sondern eine Anekdote. Solche Stellvertreter-Erfahrungen schaffen emotionale Nähe, ersetzen aber keine strukturelle Auseinandersetzung. Statt über Machtverhältnisse und Teilhabebedingungen zu sprechen, landet man plötzlich auf der familiären Ebene und die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet.
Für mich bleibt diese Erfahrung exemplarisch. Zwischen echter Einladung zur Teilhabe und paternalistischer Zuschreibung liegt ein sehr schmaler Grat. Ausschreibungen, die bestimmte Gruppen gesondert hervorheben, schaffen automatisch eine Asymmetrie. Die einen nehmen neutral teil, die anderen erscheinen als „förderbedürftig“. Wer diesen Mechanismus kritisiert, gerät leicht in die Rolle des Undankbaren. Doch genau diese Debatte ist notwendig, wenn wir nicht nur über symbolische Vielfalt sprechen wollen, sondern über wirkliche Teilhabe.
Disclaimer: Dieser Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht ggf. nicht der Haltung der Redaktion der kobinet-nachrichten.

Foto: Ralph Milewski / KI generiert
Fladungen (kobinet) Bereits einige Wochen vor der aktuellen Situation hatte ich Kontakt mit der Vorsitzenden eines regionalen Kunstvereins aufgenommen. Anlass war eine Ausschreibung, die als "inklusive Kunstausstellung" angekündigt wurde. Im Einladungstext wurden ausdrücklich Kunstschaffende mit Migrationshintergrund oder Behinderung hervorgehoben. Ich habe daraufhin nachgefragt, welche Überlegungen hinter dieser Verknüpfung stehen. Warum werden so unterschiedliche Gruppen zusammengeführt, als ob sie strukturell zusammengehörten? Und was genau versteht man unter einer "inklusiven Kunstausstellung"? Ich fragte zudem nach ganz praktischen Bedingungen einer möglichen Mitgliedschaft. Gibt es barrierefreie Toiletten? Wie ist der Zugang zum Gebäude gestaltet? Und wie können Menschen mit körperlichen Einschränkungen die vorgesehenen Arbeitsstunden im Verein leisten? Eine schriftliche Antwort blieb jedoch aus – stattdessen kam nur der ausweichende Hinweis, man könne das telefonisch besprechen.
Vor diesem Hintergrund erreichte mich einige Zeit später dieselbe Ausschreibung über den privaten Weg. Eine Künstlerkollegin leitete sie direkt an mich weiter mit dem Hinweis „Vielleicht ist das etwas für dich.“ Auffällig war dabei, dass sie die Ausschreibung auf ihren öffentlichen Kanälen nicht geteilt hatte, obwohl sie auf Facebook sonst regelmäßig Ausstellungen, politische Aufrufe oder private Inhalte verbreitet. Auf Instagram wiederum postet sie fast ausschließlich eigene Ausstellungen, darunter auch eine mehrmonatige Beteiligung an genau dem Ort, um den es hier ging. Dass sie nun diese Ausschreibung öffentlich nicht verbreitete, sondern selektiv nur an mich weiterleitete, empfand ich nicht als neutrale Empfehlung, sondern als Zuschreibung. „Das ist etwas für dich, weil du in die adressierte Zielgruppe fällst.“
Als ich darauf sachlich reagierte und meine Bedenken äußerte, bekam ich keine inhaltliche Antwort, sondern Abwehr. „Kommt nicht wieder vor, dass ich etwas weiterleite.“ Damit war die Diskussion beendet. Statt über das Format und seine strukturellen Probleme zu sprechen, stand plötzlich ihr persönliches Befinden im Vordergrund. Meine Kritik wurde nicht als legitime Reflexion verstanden, sondern als Angriff auf ihre gute Absicht.
Genau hier zeigt sich ein bekanntes Muster. Fremdzuschreibung und Opfer-Täter-Umkehr. Wer auf paternalistische Mechanismen hinweist, läuft Gefahr, als undankbar, zu streng oder negativ wahrgenommen zu werden. Die Verantwortung wird verschoben – der Kritiker erscheint als „Störer“, während die eigentliche Handlung, die selektive Weiterleitung, aus dem Blickfeld verschwindet.
Hinzu kam ein weiteres Detail. Als Beleg für ihr Verständnis von Inklusion verwies die Kollegin auf ihre Enkel, die eine Inklusionsschule besuchen. Das ist keine Expertise, sondern eine Anekdote. Solche Stellvertreter-Erfahrungen schaffen emotionale Nähe, ersetzen aber keine strukturelle Auseinandersetzung. Statt über Machtverhältnisse und Teilhabebedingungen zu sprechen, landet man plötzlich auf der familiären Ebene und die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet.
Für mich bleibt diese Erfahrung exemplarisch. Zwischen echter Einladung zur Teilhabe und paternalistischer Zuschreibung liegt ein sehr schmaler Grat. Ausschreibungen, die bestimmte Gruppen gesondert hervorheben, schaffen automatisch eine Asymmetrie. Die einen nehmen neutral teil, die anderen erscheinen als „förderbedürftig“. Wer diesen Mechanismus kritisiert, gerät leicht in die Rolle des Undankbaren. Doch genau diese Debatte ist notwendig, wenn wir nicht nur über symbolische Vielfalt sprechen wollen, sondern über wirkliche Teilhabe.
Disclaimer: Dieser Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht ggf. nicht der Haltung der Redaktion der kobinet-nachrichten.





Zu der Frage, wieso die Adressierung an „Migranten und Behinderte“?
Antwort: In der demographischen Auflistung hierzulande sozial benachteiligter, anteilsmäßig minoritärer, marginalisierter und diskriminierter Bevölkerungsgruppen oder Milieus rangieren Migranten und Behinderte an letzter Stelle, sie sind quasi die Schlusslichter. Diese soziale Tatsache reflektierend will man mit der Ausschreibung diesen gesellschaftlich Abgeschlagenen und de facto Ausgeschlossenen etwas „Gutes“ tun. Sie also dennoch integrieren und inkludieren.
Mit „Migranten“ ist in diesem Zusammenhang nicht eigentlich das gute Viertel „postmigrantischer Deutscher“ addressiert (Was mit dem Etikett Migranten hier offenbar in der Schwebe gelassen wird).
Vielmehr dürften die in einem gesellschaftlich unsicheren Geflüchtetenstatus Festhängenden gemeint sein, die sich noch nicht wirklich dazugehörigFühlenden und von vielen auch noch nicht als dazugehörig betrachteten Migranten. Was die Behinderten angeht, so dürften nicht die ins bundesrepuplkanische Establishment Aufgestiegenen gemeint seinn, die politisch, sozial und kulturell in entsprechende Elitepositionen aufgenommen oder kooptiert wurden (etwa der blinde Galerist Johann König oder die VdK Präsidentin Verena Bentele).
Auch auf Basis dieser soziologischen Ausgangsbedingungen müsste nun die von Ralph begonnene Disussion, Problematisierung und inklusionspolitischeBewertung weitergeführt werden. Durch weitere Kommentierung an dieser Stelle oder besser noch durch ein kobinet-Spezial in Sascha Langs IGEL-Podcast. Wie wäre was?
Hans-Willi Weis