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Inklusive Kunstausstellung? Zwischen Empfehlung und Zuschreibung – Der Kritiker erscheint als „Störer“

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
Ein Ölgemälde zeigt eine Leinwand auf einer Staffelei. Darauf ein Kreis aus bunten Farbklecksen, die nach unten verlaufen, darunter das Wort „INKLUSION“. Davor liegen Farbpalette und Pinsel.
Inklusion in der Kunst
Foto: Ralph Milewski / KI generiert

Fladungen (kobinet) Bereits einige Wochen vor der aktuellen Situation hatte ich Kontakt mit der Vorsitzenden eines regionalen Kunstvereins aufgenommen. Anlass war eine Ausschreibung, die als "inklusive Kunstausstellung" angekündigt wurde. Im Einladungstext wurden ausdrücklich Kunstschaffende mit Migrationshintergrund oder Behinderung hervorgehoben. Ich habe daraufhin nachgefragt, welche Überlegungen hinter dieser Verknüpfung stehen. Warum werden so unterschiedliche Gruppen zusammengeführt, als ob sie strukturell zusammengehörten? Und was genau versteht man unter einer "inklusiven Kunstausstellung"? Ich fragte zudem nach ganz praktischen Bedingungen einer möglichen Mitgliedschaft. Gibt es barrierefreie Toiletten? Wie ist der Zugang zum Gebäude gestaltet? Und wie können Menschen mit körperlichen Einschränkungen die vorgesehenen Arbeitsstunden im Verein leisten? Eine schriftliche Antwort blieb jedoch aus – stattdessen kam nur der ausweichende Hinweis, man könne das telefonisch besprechen.

Vor diesem Hintergrund erreichte mich einige Zeit später dieselbe Ausschreibung über den privaten Weg. Eine Künstlerkollegin leitete sie direkt an mich weiter mit dem Hinweis „Vielleicht ist das etwas für dich.“ Auffällig war dabei, dass sie die Ausschreibung auf ihren öffentlichen Kanälen nicht geteilt hatte, obwohl sie auf Facebook sonst regelmäßig Ausstellungen, politische Aufrufe oder private Inhalte verbreitet. Auf Instagram wiederum postet sie fast ausschließlich eigene Ausstellungen, darunter auch eine mehrmonatige Beteiligung an genau dem Ort, um den es hier ging. Dass sie nun diese Ausschreibung öffentlich nicht verbreitete, sondern selektiv nur an mich weiterleitete, empfand ich nicht als neutrale Empfehlung, sondern als Zuschreibung. „Das ist etwas für dich, weil du in die adressierte Zielgruppe fällst.“

Als ich darauf sachlich reagierte und meine Bedenken äußerte, bekam ich keine inhaltliche Antwort, sondern Abwehr. „Kommt nicht wieder vor, dass ich etwas weiterleite.“ Damit war die Diskussion beendet. Statt über das Format und seine strukturellen Probleme zu sprechen, stand plötzlich ihr persönliches Befinden im Vordergrund. Meine Kritik wurde nicht als legitime Reflexion verstanden, sondern als Angriff auf ihre gute Absicht.

Genau hier zeigt sich ein bekanntes Muster. Fremdzuschreibung und Opfer-Täter-Umkehr. Wer auf paternalistische Mechanismen hinweist, läuft Gefahr, als undankbar, zu streng oder negativ wahrgenommen zu werden. Die Verantwortung wird verschoben – der Kritiker erscheint als „Störer“, während die eigentliche Handlung, die selektive Weiterleitung, aus dem Blickfeld verschwindet.

Hinzu kam ein weiteres Detail. Als Beleg für ihr Verständnis von Inklusion verwies die Kollegin auf ihre Enkel, die eine Inklusionsschule besuchen. Das ist keine Expertise, sondern eine Anekdote. Solche Stellvertreter-Erfahrungen schaffen emotionale Nähe, ersetzen aber keine strukturelle Auseinandersetzung. Statt über Machtverhältnisse und Teilhabebedingungen zu sprechen, landet man plötzlich auf der familiären Ebene und die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet.

Für mich bleibt diese Erfahrung exemplarisch. Zwischen echter Einladung zur Teilhabe und paternalistischer Zuschreibung liegt ein sehr schmaler Grat. Ausschreibungen, die bestimmte Gruppen gesondert hervorheben, schaffen automatisch eine Asymmetrie. Die einen nehmen neutral teil, die anderen erscheinen als „förderbedürftig“. Wer diesen Mechanismus kritisiert, gerät leicht in die Rolle des Undankbaren. Doch genau diese Debatte ist notwendig, wenn wir nicht nur über symbolische Vielfalt sprechen wollen, sondern über wirkliche Teilhabe.

Disclaimer: Dieser Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder und entspricht ggf. nicht der Haltung der Redaktion der kobinet-nachrichten.

Lesermeinungen

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Silvia Hauser
21.08.2025 11:21

Zu der Frage, wieso die Adressierung an „Migranten und Behinderte“?
Antwort: In der demographischen Auflistung hierzulande sozial benachteiligter, anteilsmäßig minoritärer, marginalisierter und diskriminierter Bevölkerungsgruppen oder Milieus rangieren Migranten und Behinderte an letzter Stelle, sie sind quasi die Schlusslichter. Diese soziale Tatsache reflektierend will man mit der Ausschreibung diesen gesellschaftlich Abgeschlagenen und de facto Ausgeschlossenen etwas „Gutes“ tun. Sie also dennoch integrieren und inkludieren.
Mit „Migranten“ ist in diesem Zusammenhang nicht eigentlich das gute Viertel „postmigrantischer Deutscher“ addressiert (Was mit dem Etikett Migranten hier offenbar in der Schwebe gelassen wird).
Vielmehr dürften die in einem gesellschaftlich unsicheren Geflüchtetenstatus Festhängenden gemeint sein, die sich noch nicht wirklich dazugehörigFühlenden und von vielen auch noch nicht als dazugehörig betrachteten Migranten. Was die Behinderten angeht, so dürften nicht die ins bundesrepuplkanische Establishment Aufgestiegenen gemeint seinn, die politisch, sozial und kulturell in entsprechende Elitepositionen aufgenommen oder kooptiert wurden (etwa der blinde Galerist Johann König oder die VdK Präsidentin Verena Bentele).
Auch auf Basis dieser soziologischen Ausgangsbedingungen müsste nun die von Ralph begonnene Disussion, Problematisierung und inklusionspolitischeBewertung weitergeführt werden. Durch weitere Kommentierung an dieser Stelle oder besser noch durch ein kobinet-Spezial in Sascha Langs IGEL-Podcast. Wie wäre was?

Hans-Willi Weis