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Aktion Schichtende: Warum behinderte Menschen so wenig verdienen

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Foto: Netzwerk Artikel 3

Berlin (kobinet) Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) will mit der Aktion Schichtende in Werkstätten für behinderte Menschen für die verstärkte Nutzung des Budget für Arbeit für eine Beschäftigung behinderter Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt werben. An jedem vierten Arbeitstag eines Monats, wie heute am 6. Dezember 2023, weist die ISL darauf hin, dass an diesem Tag bei einer Beschäftigung von 6 Stunden pro Arbeitstag das durchschnittlich gezahlte Entgelt in einer Werkstatt für behinderte Menschen von 226 Euro pro Monat bereits von den behinderten Beschäftigten erwirtschaftet wäre, wenn diese Mindestlohn bekämen. Um behinderte Menschen zu ermutigen, den Schritt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu wagen, zeigt die ISL konkrete Beispiele auf, wo und wie dies bereits gelungen ist, weist aber auch auf Ungerechtigkeiten hin. Ein kürzlich erschienener Beitrag des NDR fasst gut zusammen, warum behinderte Menschen in Werkstätten so wenig verdienen.

„Warum verdienen Behinderte so wenig?“ So lautet der Titel eines knapp 10minütigen Rundfunkbeitrags der ARD, der auf der Internetseite des NDR eingestellt wurde. „Es gibt in Deutschland einen Billiglohnsektor. Da arbeiten Menschen für 1 bis 2 Euro die Stunde“, heißt es in der Einführung in die Thematik mit einem Blick in eine Werkstatt für behinderte Menschen.

Link zum Radiobeitrag

Während behinderte Menschen, die in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten, monatlich lediglich ein durchschnittliches Entgelt von 226 Euro bekommen, werden sie bei einer Beschäftigung im Rahmen des Budget für Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht nur sozialversicherungspflichtig beschäftigt, sondern erhalten natürlich auch mindestens den Mindestlohn, wie alle anderen Arbeitnehmer*innen auch. Trotz dieser alternativen Fördermöglichkeiten und klarer Ansagen des Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen, dass das System der Werkstätten zugunsten inklusiver Beschäftigungsmöglichkeiten dringend verändert werden muss, fließen weiterhin Milliarden in das Aussonderungssystem der Werkstätten für behinderte Menschen, kritisiert die ISL.

Um die Aufklärung behinderter Menschen über ihre Möglichkeiten zu unterstützten, betreibt die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) gemeinsam mit einigen Projektpartnern seit kurzem ein Projekt mit dem Titel „Budgetkompetenz – Initiative zum Budget für Arbeit und Ausbildung“. „Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit unseren erfahrenen Projektpartnern auf diesem Gebiet einen einfacheren Zugang zum Budget für Arbeit oder Ausbildung ermöglichen. Wir wollen eine kompetente Beratung für die praktische Umsetzung anbieten und behinderte Menschen dazu befähigen, auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu gelangen,“ fasst es Wiebke Schär, Projektleiterin bei der ISL zusammen. Sie betont weiter: „Zudem wendet sich das Modellprojekt an Arbeitgeber*innen, die sozialversicherungspflichtige Arbeits- bzw. Ausbildungsplätze im Rahmen der Budgets verwirklichen wollen. Besondere Aufmerksamkeit wird auf Betriebe gelegt, die Werkstattbeschäftigte bereits auf Außenarbeitsplätzen beschäftigen.“ Bestehende Unterstützungsangebote für Fachdienste oder Beratungsstellen erhalten zudem Informationen, Schulungsangebote und Praxisbeispiele, um die Umsetzung der Budgets zu fördern. Für Budgetnutzer*innen wird eine Interessenvertretung im Sinne des Peer-Supports aufgebaut. Komplettiert werden die Projektangebote durch eine Informations- und Vernetzungsplattform.

Das Budget für Arbeit ist für Menschen gedacht, die aufgrund ihrer Behinderung bisher nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten, weil sie entweder voll erwerbsgemindert bzw. werkstattberechtigt sind. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, ihr Recht aus Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) wahrzunehmen, als behinderter Mensch Arbeit frei wählen zu dürfen und seinen Lebensunterhalt durch Arbeit selbst zu verdienen.

Das Projekt wird aus Mitteln des Ausgleichsfonds gefördert und ist auf vier Jahre ausgelegt. Projektpartner sind Access (Erlangen), die Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstützte Beschäftigung (BAG UB), BBD Neuss und integra Lübeck.

Link zu weiteren Infos zum Budget für Arbeit: www.budgetfuerarbeit.de

Hintergrund:

Bei einer Beschäftigung von 6 Stunden pro Tag bei einem Mindestlohn von 12 Euro werden in vier Arbeitstagen 288 Euro erwirtschaftet. In der Werkstatt für behinderte Menschen liegt das durchschnittlich ausgezahlte Monatsentgelt bei 226 Euro. Selbst unter Berücksichtigung der Sozialabgaben wäre damit nach vier Tagen Schichtende.

Die ISL weist zudem auch auf den Roman „Zündeln an den Strukturen“, der sich mit der Situation behinderter Menschen in und vor allem mit Alternativen zur Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt, hin, über den der österreichische Online-Nachrichtendienst BIZEPS vor kurzem eine Rezension veröffentlicht hat.

Link zur BIZEPS-Rezension des Romans

Link zum Roman

Link zum kobinet-Bericht zur Aktion Schichtende vom 7. November 2023

Link zum kobinet-Bericht zur Aktion Schichtende vom 6. Oktober 2023

Link zum kobinet-Bericht zur Aktion Schichtende vom 6. September 2023

Link zum kobinet-Bericht zur Aktion Schichtende vom 4. August 2023