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Wenn Selbstvertretung unbequem wird: Was ich gelernt habe und was andere daraus mitnehmen können

drei rote Ausrufezeichen
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Foto: ht

Kassel (kobinet)

"Wenn Selbstvertretung unbequem wird: Was ich gelernt habe und was andere daraus mitnehmen können", so lautet der Titel eines Beitrags einer behinderten Frau, die sich in der Selbstvertretung behinderter Menschen engagiert. Die kobinet-nachrichten veröffentlichen diesen Beitrag anonym, weil wir nicht wollen, dass der Betroffenen zukünftig Nachteile entstehen. Wir veröffentlichen diesen Beitrag vor allem, weil wir immer wieder Erfahrungsberichte von behinderten Menschen bekommen, die sich in sogenannten Partizipationsprozessen engagieren, die ihre Erfahrungen engagiert und viel zu oft kostenfrei eingebracht haben, die all ihren Mut zusammengenommen haben und ihre Sicht der Dinge, ihr Erlebtes, geschildert haben. Und die zum Teil unendlich frustriert waren, dass diese Beteiligungsprozesse wenig gebracht haben und ihre Stimmen viel zu häufig ignoriert wurden. Der folgende Beitrag spricht daher sicherlich einigen aus dem Herzen, will aber Mut machen, sich trotzdem in der Selbstvertretung zu engagieren und unseren Stimmen Wirkung zu verleihen.

Wenn Selbstvertretung unbequem wird: Was ich gelernt habe und was andere daraus mitnehmen können

Von einer Expertin aus eigener Erfahrung

Ich habe mich lange mit Überzeugung für Selbstvertretung eingesetzt. Ich habe Verantwortung übernommen, andere Menschen mit eigener Erfahrung unterstützt und viel Zeit und Herzblut in gemeinsame Projekte investiert. Dabei habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass Menschen mit eigener Erfahrung nicht nur angehört werden, sondern tatsächlich mitgestalten können. Ich habe aber auch etwas anderes gelernt: Selbstvertretung wird besonders dann auf die Probe gestellt, wenn sie unbequem wird.

Denn es ist relativ einfach, Menschen einzubeziehen, solange sie zustimmen. Schwieriger wird es, wenn sie Fragen stellen, Barrieren benennen, Entscheidungen kritisch hinterfragen oder sagen: "So funktioniert Beteiligung für mich nicht." Genau diese Erfahrung habe ich gemacht.

Ich war nicht nur in einem Projekt dabei - ich habe mich intensiv eingebracht. Ich war in Arbeitsstrukturen des Projekts tätig, unterstützte andere Menschen mit eigener Erfahrung und arbeitete an gemeinsamen Themen und Positionen mit. Für mich war das keine symbolische Beteiligung. Ich wollte Verantwortung übernehmen und dazu beitragen, dass die Perspektive von Menschen mit eigener Erfahrung in diesem Themenfeld stärker berücksichtigt wird.

Deshalb habe ich Probleme angesprochen, wenn ich welche gesehen habe. Ich habe nach Beteiligungsmöglichkeiten gefragt, auf Barrieren hingewiesen und Entscheidungen hinterfragt. Dabei wurde mir unter anderem vermittelt, dass kritische Anliegen zu viele Ressourcen binden könnten. Kritik ist keine Verschwendung von Ressourcen. Sie kann eine Ressource sein, wenn eine Organisation bereit ist, daraus zu lernen.

Der schmerzhafte Punkt

Mit der Zeit hatte ich zunehmend den Eindruck, dass sich mein Platz in den Strukturen veränderte. Ich erlebte Ausschlüsse, für mich nicht nachvollziehbare Entscheidungen und Situationen, in denen ich mich nicht mehr als gleichberechtigt Beteiligte fühlte. Das war besonders schmerzhaft, weil ich diesen Menschen und Strukturen zunächst vertraut hatte. Ich hatte geglaubt, dass wir gemeinsam an einem Ziel arbeiten: daran, dass Menschen mit Behinderungen mehr Selbstbestimmung und Einfluss erhalten.

Irgendwann blieb bei mir jedoch das Gefühl zurück, dass meine Beteiligung vor allem dann erwünscht war, solange sie in die bestehenden Strukturen passte. Nach allem, was ich investiert hatte, fühlte es sich für mich schließlich an, als wäre ich wie Abfall entsorgt worden. Das ist eine harte Formulierung. Aber sie beschreibt mein persönliches Erleben. Ich erzähle das nicht, um einzelne Menschen öffentlich anzugreifen, sondern weil ich glaube, dass wir über solche Erfahrungen sprechen müssen.

Was bedeutet echte Beteiligung?

Für mich hat sich dadurch eine grundlegende Frage verändert: Was bedeutet Beteiligung eigentlich, wenn eine Selbstvertreterin zwar eingeladen wird, ihre Kritik aber irgendwann zum Problem wird? Echte Beteiligung kann nicht bedeuten, dass Menschen ihre Erfahrungen liefern und anschließend andere entscheiden, was daraus gemacht wird. Menschen mit eigener Erfahrung müssen widersprechen, Fragen stellen, Entscheidungen kritisieren und Barrieren benennen dürfen. Sie müssen auch sagen können, wenn Beteiligung aus ihrer Sicht nicht funktioniert. Das macht sie nicht schwierig. Das macht sie zu Expert*innen aus eigener Erfahrung.

Was ich anderen mitgeben möchte

Wenn ihr ähnliche Erfahrungen macht, möchte ich euch etwas mitgeben: Lasst euch nicht einreden, dass ihr zu schwierig seid, nur weil ihr Fragen stellt. Wenn ihr eine Barriere ansprecht, seid ihr nicht undankbar. Wenn ihr einer Entscheidung widersprecht, seid ihr nicht automatisch destruktiv. Wenn ihr eure Rechte einfordert, seid ihr keine Belastung. Natürlich sollten auch Menschen mit eigener Erfahrung bereit sein, die eigene Position zu hinterfragen. Beteiligung bedeutet nicht, immer Recht zu haben. Aber zwischen konstruktiver Auseinandersetzung und dem Gefühl, wegen kritischer Stimmen an den Rand gedrängt zu werden, besteht ein entscheidender Unterschied.

Ich habe deshalb gelernt, meine eigene Beteiligung stärker abzusichern: Absprachen sollten nachvollziehbar sein, Beteiligungsmöglichkeiten transparent und Entscheidungen begründet. Außerdem ist es wichtig, sich miteinander zu vernetzen und nicht von einzelnen Organisationen oder Personen abhängig zu sein. Unsere Expertise aus eigener Erfahrung gehört nicht einer Organisation. Sie gehört uns.

Was Organisationen daraus lernen können

Meine Erfahrungen sind deshalb nicht nur eine Botschaft an andere Menschen mit eigener Erfahrung. Auch Organisationen, Projekte und Fachverbände sollten sich fragen: Was passiert, wenn Beteiligte widersprechen? Wie transparent sind Beteiligungsentscheidungen? Und welche Möglichkeiten gibt es, wenn Beteiligung scheitert? Die Qualität einer Beteiligungsstruktur zeigt sich nicht daran, wie viele Menschen eingeladen werden. Sie zeigt sich daran, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie anderer Meinung sind. Wer Selbstvertretung ernst nimmt, muss auch die unbequemen Stimmen aushalten.

Aus Verletzung darf Stärke entstehen

Meine Erfahrungen haben mein Vertrauen erschüttert. Aber sie haben mir nicht meinen Glauben an die Bedeutung von Selbstvertretung und an die Expertise aus eigener Erfahrung genommen. Im Gegenteil. Ich bin heute noch überzeugter davon, dass wir Strukturen brauchen, in denen Menschen mit eigener Erfahrung tatsächlich Einfluss nehmen können. Dafür brauchen wir Transparenz, klare Regeln, verlässliche Kommunikation, nachvollziehbare Entscheidungen und Schutz vor willkürlichem Ausschluss. Wir brauchen angemessene Rahmenbedingungen und Anerkennung für die Arbeit von Menschen mit eigener Expertise. Beteiligung ist nicht dazu da, bestehende Strukturen bequemer zu machen. Sie muss sie verändern können.

Ich mache weiter

Ich hätte mir gewünscht, dass manches anders gelaufen wäre. Ich hätte mir mehr Transparenz, offene Kommunikation und einen anderen Umgang mit Kritik gewünscht. Und ja: Ich bin verletzt. Aber ich möchte nicht, dass diese Verletzung das letzte Wort bekommt. Deshalb erzähle ich meine Geschichte – nicht, um andere abzuschrecken, sondern um Mut zu machen.

Wenn eure Stimme unbequem wird, heißt das nicht, dass sie weniger wert ist. Wenn sich eine Tür schließt, bedeutet das nicht, dass eure Expertise endet. Wir brauchen eine Beteiligung, die nicht nur dann willkommen ist, wenn sie Ja sagt. Sie muss auch Nein sagen, Fragen stellen und widersprechen dürfen – und trotzdem dazugehören. Echte Teilhabe bedeutet für mich nicht, eingeladen zu werden, damit andere über uns entscheiden, sondern gemeinsam Macht und Verantwortung zu teilen. Und dafür werde ich mich weiterhin einsetzen.

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