Kassel (kobinet)
Das schreibt die Redaktion:
Ich bin eine Frau mit Behinderung.
Ich schreibe über meine Erfahrungen mit Selbst-Vertretung.
Selbst-Vertretung bedeutet: Menschen sprechen selbst für sich.
Sie sagen selbst, was sie brauchen und wollen.
Ich setze mich stark für Selbst-Vertretung ein.
Ich helfe behinderten Menschen dabei.
Die kobinet-nachrichten veröffentlichen meinen Beitrag.
Die Redaktion veröffentlicht ihn ohne meinen Namen.
So entstehen mir keine Nachteile.
Wir bekommen oft Berichte von behinderten Menschen.
Diese Menschen haben bei Entscheidungen mitgemacht.
Das nennt man Beteiligungs-Prozesse.
Es gibt feste Schritte und Regeln.
So können Menschen bei Entscheidungen mitmachen.
Diese Menschen haben viel Zeit und Kraft eingesetzt.
Sie haben ihre Erfahrungen eingebracht.
Erfahrungen sind Dinge, die man selbst erlebt hat.
Oft haben sie das kostenlos getan.
Sie hatten Mut und haben ehrlich berichtet.
Viele waren danach sehr enttäuscht.
Niemand hat auf ihre Stimmen gehört.
Viele Menschen kennen diese Erfahrungen.
Dieser Beitrag soll euch Mut machen.
Engagiert euch trotzdem für Selbst-Vertretung.
Eure Meinungen sind wichtig und wertvoll.
Jetzt schreibt die Autorin selbst:
Wenn Selbst-Vertretung unbequem wird
Ich schreibe über das, was ich gelernt habe.
Vielleicht könnt ihr etwas davon mitnehmen.
Ich bin eine Expertin aus eigener Erfahrung.
Das ist eine Person, die ein Thema aus ihrem eigenen Leben kennt.
Ich habe mich lange für Selbst-Vertretung eingesetzt.
Ich habe Verantwortung übernommen.
Verantwortung bedeutet: Ich habe meine Aufgaben ernst genommen.
Ich habe mich selbst um Probleme gekümmert.
Ich habe andere Menschen mit Behinderung unterstützt.
Ich habe viel Zeit und Kraft in Projekte gesteckt.
Ich habe dabei etwas Wichtiges gelernt.
Selbst-Vertretung wird schwer, wenn sie unbequem wird.
Menschen einzubeziehen ist einfach.
Aber nur, wenn sie immer zustimmen.
Es wird schwieriger, wenn sie Fragen stellen.
Es wird schwieriger, wenn sie Barrieren benennen.
Eine Barriere ist ein Hindernis.
Die Barriere ist im Weg und verhindert Teil-Habe.
Teil-Habe bedeutet: Man macht bei etwas mit.
Man gehört dazu.
Es wird schwieriger, wenn Menschen Entscheidungen hinterfragen.
Eine Entscheidung bedeutet: Man wählt eine Möglichkeit aus.
Genau das habe ich erlebt.
Ich habe in einem Projekt intensiv mitgearbeitet.
Ich war in den Arbeits-Strukturen dabei.
Strukturen bedeutet: Es gibt feste Regeln und Abläufe.
Alle wissen, wie etwas funktioniert.
Ich habe andere Menschen mit Erfahrung unterstützt.
Für mich war das keine Schein-Beteiligung.
Schein-Beteiligung bedeutet: Menschen werden eingeladen.
Aber ihre Meinung zählt nicht wirklich.
Es sieht nur so aus, als würden sie mitmachen dürfen.
Ich wollte wirklich etwas verändern.
Der Blick behinderter Menschen sollte stärker zählen.
Blick bedeutet hier: Wie jemand etwas sieht und erlebt.
Jeder Mensch kann Dinge anders sehen.
Deshalb habe ich Probleme offen angesprochen.
Ich habe nach Beteiligungs-Möglichkeiten gefragt.
Ich habe auf Barrieren hingewiesen.
Ich habe Entscheidungen hinterfragt.
Man sagte mir: Meine Kritik koste zu viele Mittel.
Kritik bedeutet: Man sagt, dass etwas nicht gut ist.
Man nennt die Probleme.
Mittel bedeutet hier: Zeit, Geld und Kraft.
Aber Kritik ist keine Verschwendung.
Kritik ist etwas Wertvolles.
Organisationen können aus Kritik lernen.
Eine Organisation ist eine Gruppe von Menschen.
Sie arbeiten gemeinsam an einem Ziel.
Das gilt, wenn sie offen dafür sind.
Was mich sehr verletzt hat
Mit der Zeit veränderte sich mein Platz in den Strukturen.
Ich wurde von Treffen ausgeschlossen.
Andere haben Entscheidungen getroffen.
Sie haben mir nicht erklärt, warum.
Ich fühlte mich nicht mehr als gleichberechtigte Beteiligte.
Gleichberechtigt bedeutet: Alle Menschen haben dieselben Rechte.
Niemand darf benachteiligt werden.
Das war sehr schmerzhaft für mich.
Ich hatte diesen Menschen vertraut.
Ich dachte, wir arbeiten gemeinsam an einem Ziel.
Das Ziel war: Mehr Selbst-Bestimmung für behinderte Menschen.
Selbst-Bestimmung bedeutet: Man entscheidet selbst über sein Leben.
Niemand anders entscheidet für einen.
Doch am Ende hatte ich ein anderes Gefühl.
Meine Beteiligung war nur erwünscht, wenn ich zustimmte.
Beteiligung bedeutet: Man macht bei etwas aktiv mit.
Ich fühlte mich wie Abfall behandelt.
Das bedeutet: Man hat mich einfach weggeworfen.
Ich war plötzlich nichts mehr wert.
Das ist eine harte Aussage.
Aber sie beschreibt mein persönliches Erleben.
Ich greife niemanden an.
Wir müssen über solche Erfahrungen sprechen.
Deshalb erzähle ich das.
Was bedeutet echte Beteiligung?
Echte Beteiligung bedeutet nicht: Menschen liefern Erfahrungen.
Andere entscheiden dann, was damit passiert.
Menschen mit eigener Erfahrung müssen widersprechen dürfen.
Sie müssen Fragen stellen dürfen.
Sie müssen Entscheidungen kritisieren dürfen.
Das macht sie nicht schwierig.
Das macht sie zu Expertinnen und Experten.
Expertinnen und Experten aus eigener Erfahrung kennen bestimmte Themen aus ihrem Leben.
Ihr besonderes Wissen ist wertvoll.
Besonderes Wissen nennt man auch Expertise.
Expertise bedeutet: Man kennt sich auf einem Gebiet sehr gut aus.
Ihre Kenntnisse sind wichtig.
Was ich euch mitgeben möchte
Vielleicht macht ihr ähnliche Erfahrungen wie ich.
Dann sollt ihr das wissen:
Ihr seid nicht zu schwierig, weil ihr Fragen stellt.
Ihr seid nicht undankbar, wenn ihr Barrieren ansprecht.
Kritisch sein ist wichtig.
Ihr seid keine Belastung, wenn ihr eure Rechte einfordert.
Menschen mit eigener Erfahrung sollten auch offen sein.
Sie sollten die eigene Meinung manchmal hinterfragen.
Beteiligung bedeutet nicht: immer Recht haben.
Aber es gibt einen großen Unterschied.
Verschiedene Meinungen sind wertvoll.
Gemeinsam nach Lösungen suchen ist wertvoll.
Das nennt man: gemeinsames Lösen von Problemen.
Man sucht gemeinsam nach Lösungen.
Man macht es besser, statt es zu verschlimmern.
Wer kritisch ist, darf nicht an den Rand gedrängt werden.
Das ist falsch.
Ich habe etwas Wichtiges gelernt.
Ich sichere meine Beteiligung jetzt besser ab.
Absprachen sollen klar sein.
Absprachen bedeutet: Alle sagen, was sie planen.
Alle halten ihr Wort.
Beteiligungs-Möglichkeiten sollen offen genannt werden.
Organisationen sollen Entscheidungen begründen.
Sie sollen erklären, warum sie so entschieden haben.
Vernetzt euch mit anderen Menschen.
Vernetzt bedeutet: Viele Gruppen kennen sich und arbeiten zusammen.
Sie helfen sich gegenseitig.
Seid nicht von einzelnen Organisationen abhängig.
Unser besonderes Wissen gehört uns.
Diese Expertise gehört nicht einer Organisation.
Sie gehört uns.
Was Organisationen daraus lernen können
Meine Erfahrungen sind auch eine Botschaft an Organisationen.
Organisationen sollen sich wichtige Fragen stellen.
Was passiert, wenn Beteiligte widersprechen?
Wie offen sind Beteiligungs-Entscheidungen?
Offen bedeutet hier: Alle können sehen und verstehen, wie Entscheidungen getroffen werden.
Was passiert, wenn Beteiligung scheitert?
Eine gute Beteiligungs-Struktur erkennt man nicht an der Zahl der eingeladenen Menschen.
Beteiligungs-Struktur bedeutet: Es gibt feste Regeln, wie Menschen mitmachen können.
Es geht darum, wie mit Menschen umgegangen wird.
Besonders dann, wenn sie anderer Meinung sind.
Selbst-Vertretung muss ernst genommen werden.
Das bedeutet auch: Kritische Meinungen müssen erlaubt sein.
Beteiligung muss etwas verändern können.
Zum Beispiel: Regeln oder Abläufe in einer Organisation.
Ich bleibe stark – trotz schlechter Erfahrungen
Meine Erfahrungen haben mein Vertrauen stark beschädigt.
Danach habe ich vielen Menschen weniger vertraut.
Aber ich glaube weiter an Selbst-Vertretung.
Ich glaube weiter an das besondere Wissen aus eigener Erfahrung.
Im Gegenteil: Ich bin heute noch stärker davon überzeugt.
Wir brauchen Strukturen, in denen behinderte Menschen wirklich mitentscheiden.
Das ist meine feste Überzeugung.
Eine Überzeugung ist eine feste Meinung.
Man glaubt sehr stark daran, dass etwas richtig ist.
Dafür brauchen wir offene Regeln.
Offene Regeln bedeutet: Alle können sehen, wie Entscheidungen getroffen werden.
Das nennt man auch Transparenz.
Wir brauchen verlässliche Absprachen.
Verlässliche Absprachen bedeutet: Alle sagen, was sie planen.
Alle halten ihr Wort.
Wir brauchen klar erklärte Entscheidungen.
Klar erklärt bedeutet: Die Gründe sind leicht zu verstehen.
Wir brauchen Schutz davor, dass man jemanden einfach ausschließt.
Das wäre ungerecht.
Ungerecht bedeutet: Es gibt keinen guten Grund dafür.
Wir brauchen Anerkennung für unsere Arbeit.
Anerkennung bedeutet: Andere Menschen respektieren unsere Arbeit.
Sie sehen, was wir leisten.
Beteiligung muss etwas verändern können.
Zum Beispiel: Regeln oder Abläufe in einer Organisation.
Ich mache weiter
Ich hätte mir mehr Offenheit gewünscht.
Ich hätte mir klare Absprachen gewünscht.
Und einen besseren Umgang mit Kritik.
Ja, ich bin verletzt.
Aber diese Verletzung soll nicht das letzte Wort haben.
Deshalb erzähle ich meine Geschichte.
Ich will anderen Menschen Mut machen.
Ich will niemanden abschrecken.
Wenn ihr kritische Fragen stellt, ist eure Meinung trotzdem wichtig.
Wenn eine Organisation euch nicht mehr einlädt: Euer Wissen bleibt wertvoll.
Wir brauchen Beteiligung, die auch Nein sagen darf.
Wir brauchen Beteiligung, die Fragen stellen und widersprechen darf.
Echte Teil-Habe bedeutet: Alle Menschen entscheiden gemeinsam.
Niemand hat allein das letzte Wort.
Dafür setze ich mich weiterhin ein.
Foto: ht
Kassel (kobinet)
"Wenn Selbstvertretung unbequem wird: Was ich gelernt habe und was andere daraus mitnehmen können", so lautet der Titel eines Beitrags einer behinderten Frau, die sich in der Selbstvertretung behinderter Menschen engagiert. Die kobinet-nachrichten veröffentlichen diesen Beitrag anonym, weil wir nicht wollen, dass der Betroffenen zukünftig Nachteile entstehen. Wir veröffentlichen diesen Beitrag vor allem, weil wir immer wieder Erfahrungsberichte von behinderten Menschen bekommen, die sich in sogenannten Partizipationsprozessen engagieren, die ihre Erfahrungen engagiert und viel zu oft kostenfrei eingebracht haben, die all ihren Mut zusammengenommen haben und ihre Sicht der Dinge, ihr Erlebtes, geschildert haben. Und die zum Teil unendlich frustriert waren, dass diese Beteiligungsprozesse wenig gebracht haben und ihre Stimmen viel zu häufig ignoriert wurden. Der folgende Beitrag spricht daher sicherlich einigen aus dem Herzen, will aber Mut machen, sich trotzdem in der Selbstvertretung zu engagieren und unseren Stimmen Wirkung zu verleihen.
Wenn Selbstvertretung unbequem wird: Was ich gelernt habe und was andere daraus mitnehmen können
Von einer Expertin aus eigener Erfahrung
Ich habe mich lange mit Überzeugung für Selbstvertretung eingesetzt. Ich habe Verantwortung übernommen, andere Menschen mit eigener Erfahrung unterstützt und viel Zeit und Herzblut in gemeinsame Projekte investiert. Dabei habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass Menschen mit eigener Erfahrung nicht nur angehört werden, sondern tatsächlich mitgestalten können. Ich habe aber auch etwas anderes gelernt: Selbstvertretung wird besonders dann auf die Probe gestellt, wenn sie unbequem wird.
Denn es ist relativ einfach, Menschen einzubeziehen, solange sie zustimmen. Schwieriger wird es, wenn sie Fragen stellen, Barrieren benennen, Entscheidungen kritisch hinterfragen oder sagen: "So funktioniert Beteiligung für mich nicht." Genau diese Erfahrung habe ich gemacht.
Ich war nicht nur in einem Projekt dabei - ich habe mich intensiv eingebracht. Ich war in Arbeitsstrukturen des Projekts tätig, unterstützte andere Menschen mit eigener Erfahrung und arbeitete an gemeinsamen Themen und Positionen mit. Für mich war das keine symbolische Beteiligung. Ich wollte Verantwortung übernehmen und dazu beitragen, dass die Perspektive von Menschen mit eigener Erfahrung in diesem Themenfeld stärker berücksichtigt wird.
Deshalb habe ich Probleme angesprochen, wenn ich welche gesehen habe. Ich habe nach Beteiligungsmöglichkeiten gefragt, auf Barrieren hingewiesen und Entscheidungen hinterfragt. Dabei wurde mir unter anderem vermittelt, dass kritische Anliegen zu viele Ressourcen binden könnten. Kritik ist keine Verschwendung von Ressourcen. Sie kann eine Ressource sein, wenn eine Organisation bereit ist, daraus zu lernen.
Der schmerzhafte Punkt
Mit der Zeit hatte ich zunehmend den Eindruck, dass sich mein Platz in den Strukturen veränderte. Ich erlebte Ausschlüsse, für mich nicht nachvollziehbare Entscheidungen und Situationen, in denen ich mich nicht mehr als gleichberechtigt Beteiligte fühlte. Das war besonders schmerzhaft, weil ich diesen Menschen und Strukturen zunächst vertraut hatte. Ich hatte geglaubt, dass wir gemeinsam an einem Ziel arbeiten: daran, dass Menschen mit Behinderungen mehr Selbstbestimmung und Einfluss erhalten.
Irgendwann blieb bei mir jedoch das Gefühl zurück, dass meine Beteiligung vor allem dann erwünscht war, solange sie in die bestehenden Strukturen passte. Nach allem, was ich investiert hatte, fühlte es sich für mich schließlich an, als wäre ich wie Abfall entsorgt worden. Das ist eine harte Formulierung. Aber sie beschreibt mein persönliches Erleben. Ich erzähle das nicht, um einzelne Menschen öffentlich anzugreifen, sondern weil ich glaube, dass wir über solche Erfahrungen sprechen müssen.
Was bedeutet echte Beteiligung?
Für mich hat sich dadurch eine grundlegende Frage verändert: Was bedeutet Beteiligung eigentlich, wenn eine Selbstvertreterin zwar eingeladen wird, ihre Kritik aber irgendwann zum Problem wird? Echte Beteiligung kann nicht bedeuten, dass Menschen ihre Erfahrungen liefern und anschließend andere entscheiden, was daraus gemacht wird. Menschen mit eigener Erfahrung müssen widersprechen, Fragen stellen, Entscheidungen kritisieren und Barrieren benennen dürfen. Sie müssen auch sagen können, wenn Beteiligung aus ihrer Sicht nicht funktioniert. Das macht sie nicht schwierig. Das macht sie zu Expert*innen aus eigener Erfahrung.
Was ich anderen mitgeben möchte
Wenn ihr ähnliche Erfahrungen macht, möchte ich euch etwas mitgeben: Lasst euch nicht einreden, dass ihr zu schwierig seid, nur weil ihr Fragen stellt. Wenn ihr eine Barriere ansprecht, seid ihr nicht undankbar. Wenn ihr einer Entscheidung widersprecht, seid ihr nicht automatisch destruktiv. Wenn ihr eure Rechte einfordert, seid ihr keine Belastung. Natürlich sollten auch Menschen mit eigener Erfahrung bereit sein, die eigene Position zu hinterfragen. Beteiligung bedeutet nicht, immer Recht zu haben. Aber zwischen konstruktiver Auseinandersetzung und dem Gefühl, wegen kritischer Stimmen an den Rand gedrängt zu werden, besteht ein entscheidender Unterschied.
Ich habe deshalb gelernt, meine eigene Beteiligung stärker abzusichern: Absprachen sollten nachvollziehbar sein, Beteiligungsmöglichkeiten transparent und Entscheidungen begründet. Außerdem ist es wichtig, sich miteinander zu vernetzen und nicht von einzelnen Organisationen oder Personen abhängig zu sein. Unsere Expertise aus eigener Erfahrung gehört nicht einer Organisation. Sie gehört uns.
Was Organisationen daraus lernen können
Meine Erfahrungen sind deshalb nicht nur eine Botschaft an andere Menschen mit eigener Erfahrung. Auch Organisationen, Projekte und Fachverbände sollten sich fragen: Was passiert, wenn Beteiligte widersprechen? Wie transparent sind Beteiligungsentscheidungen? Und welche Möglichkeiten gibt es, wenn Beteiligung scheitert? Die Qualität einer Beteiligungsstruktur zeigt sich nicht daran, wie viele Menschen eingeladen werden. Sie zeigt sich daran, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie anderer Meinung sind. Wer Selbstvertretung ernst nimmt, muss auch die unbequemen Stimmen aushalten.
Aus Verletzung darf Stärke entstehen
Meine Erfahrungen haben mein Vertrauen erschüttert. Aber sie haben mir nicht meinen Glauben an die Bedeutung von Selbstvertretung und an die Expertise aus eigener Erfahrung genommen. Im Gegenteil. Ich bin heute noch überzeugter davon, dass wir Strukturen brauchen, in denen Menschen mit eigener Erfahrung tatsächlich Einfluss nehmen können. Dafür brauchen wir Transparenz, klare Regeln, verlässliche Kommunikation, nachvollziehbare Entscheidungen und Schutz vor willkürlichem Ausschluss. Wir brauchen angemessene Rahmenbedingungen und Anerkennung für die Arbeit von Menschen mit eigener Expertise. Beteiligung ist nicht dazu da, bestehende Strukturen bequemer zu machen. Sie muss sie verändern können.
Ich mache weiter
Ich hätte mir gewünscht, dass manches anders gelaufen wäre. Ich hätte mir mehr Transparenz, offene Kommunikation und einen anderen Umgang mit Kritik gewünscht. Und ja: Ich bin verletzt. Aber ich möchte nicht, dass diese Verletzung das letzte Wort bekommt. Deshalb erzähle ich meine Geschichte – nicht, um andere abzuschrecken, sondern um Mut zu machen.
Wenn eure Stimme unbequem wird, heißt das nicht, dass sie weniger wert ist. Wenn sich eine Tür schließt, bedeutet das nicht, dass eure Expertise endet. Wir brauchen eine Beteiligung, die nicht nur dann willkommen ist, wenn sie Ja sagt. Sie muss auch Nein sagen, Fragen stellen und widersprechen dürfen – und trotzdem dazugehören. Echte Teilhabe bedeutet für mich nicht, eingeladen zu werden, damit andere über uns entscheiden, sondern gemeinsam Macht und Verantwortung zu teilen. Und dafür werde ich mich weiterhin einsetzen.
Foto: ht
Kassel (kobinet)
"Wenn Selbstvertretung unbequem wird: Was ich gelernt habe und was andere daraus mitnehmen können", so lautet der Titel eines Beitrags einer behinderten Frau, die sich in der Selbstvertretung behinderter Menschen engagiert. Die kobinet-nachrichten veröffentlichen diesen Beitrag anonym, weil wir nicht wollen, dass der Betroffenen zukünftig Nachteile entstehen. Wir veröffentlichen diesen Beitrag vor allem, weil wir immer wieder Erfahrungsberichte von behinderten Menschen bekommen, die sich in sogenannten Partizipationsprozessen engagieren, die ihre Erfahrungen engagiert und viel zu oft kostenfrei eingebracht haben, die all ihren Mut zusammengenommen haben und ihre Sicht der Dinge, ihr Erlebtes, geschildert haben. Und die zum Teil unendlich frustriert waren, dass diese Beteiligungsprozesse wenig gebracht haben und ihre Stimmen viel zu häufig ignoriert wurden. Der folgende Beitrag spricht daher sicherlich einigen aus dem Herzen, will aber Mut machen, sich trotzdem in der Selbstvertretung zu engagieren und unseren Stimmen Wirkung zu verleihen.
Wenn Selbstvertretung unbequem wird: Was ich gelernt habe und was andere daraus mitnehmen können
Von einer Expertin aus eigener Erfahrung
Ich habe mich lange mit Überzeugung für Selbstvertretung eingesetzt. Ich habe Verantwortung übernommen, andere Menschen mit eigener Erfahrung unterstützt und viel Zeit und Herzblut in gemeinsame Projekte investiert. Dabei habe ich gelernt, wie wichtig es ist, dass Menschen mit eigener Erfahrung nicht nur angehört werden, sondern tatsächlich mitgestalten können. Ich habe aber auch etwas anderes gelernt: Selbstvertretung wird besonders dann auf die Probe gestellt, wenn sie unbequem wird.
Denn es ist relativ einfach, Menschen einzubeziehen, solange sie zustimmen. Schwieriger wird es, wenn sie Fragen stellen, Barrieren benennen, Entscheidungen kritisch hinterfragen oder sagen: "So funktioniert Beteiligung für mich nicht." Genau diese Erfahrung habe ich gemacht.
Ich war nicht nur in einem Projekt dabei - ich habe mich intensiv eingebracht. Ich war in Arbeitsstrukturen des Projekts tätig, unterstützte andere Menschen mit eigener Erfahrung und arbeitete an gemeinsamen Themen und Positionen mit. Für mich war das keine symbolische Beteiligung. Ich wollte Verantwortung übernehmen und dazu beitragen, dass die Perspektive von Menschen mit eigener Erfahrung in diesem Themenfeld stärker berücksichtigt wird.
Deshalb habe ich Probleme angesprochen, wenn ich welche gesehen habe. Ich habe nach Beteiligungsmöglichkeiten gefragt, auf Barrieren hingewiesen und Entscheidungen hinterfragt. Dabei wurde mir unter anderem vermittelt, dass kritische Anliegen zu viele Ressourcen binden könnten. Kritik ist keine Verschwendung von Ressourcen. Sie kann eine Ressource sein, wenn eine Organisation bereit ist, daraus zu lernen.
Der schmerzhafte Punkt
Mit der Zeit hatte ich zunehmend den Eindruck, dass sich mein Platz in den Strukturen veränderte. Ich erlebte Ausschlüsse, für mich nicht nachvollziehbare Entscheidungen und Situationen, in denen ich mich nicht mehr als gleichberechtigt Beteiligte fühlte. Das war besonders schmerzhaft, weil ich diesen Menschen und Strukturen zunächst vertraut hatte. Ich hatte geglaubt, dass wir gemeinsam an einem Ziel arbeiten: daran, dass Menschen mit Behinderungen mehr Selbstbestimmung und Einfluss erhalten.
Irgendwann blieb bei mir jedoch das Gefühl zurück, dass meine Beteiligung vor allem dann erwünscht war, solange sie in die bestehenden Strukturen passte. Nach allem, was ich investiert hatte, fühlte es sich für mich schließlich an, als wäre ich wie Abfall entsorgt worden. Das ist eine harte Formulierung. Aber sie beschreibt mein persönliches Erleben. Ich erzähle das nicht, um einzelne Menschen öffentlich anzugreifen, sondern weil ich glaube, dass wir über solche Erfahrungen sprechen müssen.
Was bedeutet echte Beteiligung?
Für mich hat sich dadurch eine grundlegende Frage verändert: Was bedeutet Beteiligung eigentlich, wenn eine Selbstvertreterin zwar eingeladen wird, ihre Kritik aber irgendwann zum Problem wird? Echte Beteiligung kann nicht bedeuten, dass Menschen ihre Erfahrungen liefern und anschließend andere entscheiden, was daraus gemacht wird. Menschen mit eigener Erfahrung müssen widersprechen, Fragen stellen, Entscheidungen kritisieren und Barrieren benennen dürfen. Sie müssen auch sagen können, wenn Beteiligung aus ihrer Sicht nicht funktioniert. Das macht sie nicht schwierig. Das macht sie zu Expert*innen aus eigener Erfahrung.
Was ich anderen mitgeben möchte
Wenn ihr ähnliche Erfahrungen macht, möchte ich euch etwas mitgeben: Lasst euch nicht einreden, dass ihr zu schwierig seid, nur weil ihr Fragen stellt. Wenn ihr eine Barriere ansprecht, seid ihr nicht undankbar. Wenn ihr einer Entscheidung widersprecht, seid ihr nicht automatisch destruktiv. Wenn ihr eure Rechte einfordert, seid ihr keine Belastung. Natürlich sollten auch Menschen mit eigener Erfahrung bereit sein, die eigene Position zu hinterfragen. Beteiligung bedeutet nicht, immer Recht zu haben. Aber zwischen konstruktiver Auseinandersetzung und dem Gefühl, wegen kritischer Stimmen an den Rand gedrängt zu werden, besteht ein entscheidender Unterschied.
Ich habe deshalb gelernt, meine eigene Beteiligung stärker abzusichern: Absprachen sollten nachvollziehbar sein, Beteiligungsmöglichkeiten transparent und Entscheidungen begründet. Außerdem ist es wichtig, sich miteinander zu vernetzen und nicht von einzelnen Organisationen oder Personen abhängig zu sein. Unsere Expertise aus eigener Erfahrung gehört nicht einer Organisation. Sie gehört uns.
Was Organisationen daraus lernen können
Meine Erfahrungen sind deshalb nicht nur eine Botschaft an andere Menschen mit eigener Erfahrung. Auch Organisationen, Projekte und Fachverbände sollten sich fragen: Was passiert, wenn Beteiligte widersprechen? Wie transparent sind Beteiligungsentscheidungen? Und welche Möglichkeiten gibt es, wenn Beteiligung scheitert? Die Qualität einer Beteiligungsstruktur zeigt sich nicht daran, wie viele Menschen eingeladen werden. Sie zeigt sich daran, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie anderer Meinung sind. Wer Selbstvertretung ernst nimmt, muss auch die unbequemen Stimmen aushalten.
Aus Verletzung darf Stärke entstehen
Meine Erfahrungen haben mein Vertrauen erschüttert. Aber sie haben mir nicht meinen Glauben an die Bedeutung von Selbstvertretung und an die Expertise aus eigener Erfahrung genommen. Im Gegenteil. Ich bin heute noch überzeugter davon, dass wir Strukturen brauchen, in denen Menschen mit eigener Erfahrung tatsächlich Einfluss nehmen können. Dafür brauchen wir Transparenz, klare Regeln, verlässliche Kommunikation, nachvollziehbare Entscheidungen und Schutz vor willkürlichem Ausschluss. Wir brauchen angemessene Rahmenbedingungen und Anerkennung für die Arbeit von Menschen mit eigener Expertise. Beteiligung ist nicht dazu da, bestehende Strukturen bequemer zu machen. Sie muss sie verändern können.
Ich mache weiter
Ich hätte mir gewünscht, dass manches anders gelaufen wäre. Ich hätte mir mehr Transparenz, offene Kommunikation und einen anderen Umgang mit Kritik gewünscht. Und ja: Ich bin verletzt. Aber ich möchte nicht, dass diese Verletzung das letzte Wort bekommt. Deshalb erzähle ich meine Geschichte – nicht, um andere abzuschrecken, sondern um Mut zu machen.
Wenn eure Stimme unbequem wird, heißt das nicht, dass sie weniger wert ist. Wenn sich eine Tür schließt, bedeutet das nicht, dass eure Expertise endet. Wir brauchen eine Beteiligung, die nicht nur dann willkommen ist, wenn sie Ja sagt. Sie muss auch Nein sagen, Fragen stellen und widersprechen dürfen – und trotzdem dazugehören. Echte Teilhabe bedeutet für mich nicht, eingeladen zu werden, damit andere über uns entscheiden, sondern gemeinsam Macht und Verantwortung zu teilen. Und dafür werde ich mich weiterhin einsetzen.





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