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Aktion Mensch schlägt Alarm: Gesellschaftlicher Zusammenhalt bröckelt – Menschen mit Behinderung trifft es zuerst

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Foto: Aktion Mensch

Bonn (kobinet) Menschen mit Behinderung erleben in nahezu allen Lebensbereichen weniger Zugehörigkeit als die Gesamtbevölkerung. Sie verfügen seltener über stabile Unterstützungsnetzwerke und nehmen die Gesellschaft deutlich stärker als gespalten wahr. Das belegt eine Studie der Aktion Mensch unter Menschen mit Behinderung zu ihren Erfahrungen in Bezug auf Teilhabe, Vertrauen und Demokratie. Inhaltlich orientiert sich die Erhebung an der bevölkerungsrepräsentativen Zusammenhaltsstudie von ARD, ZDF und Deutschlandradio, um die Ergebnisse, mit denen der Gesamtbevölkerung vergleichen zu können. Denn: "Wer wissen will, wie es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt steht, muss auf diejenigen schauen, die strukturell benachteiligt werden und damit marginalisiert sind. Die Befragung zeigt: Inklusion ist kein Nischenthema, sondern zentral für eine stabile Demokratie. Wo Menschen sich nicht zugehörig fühlen, gerät der Zusammenhalt insgesamt unter Druck", erklärte Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch.

Stärkere Wahrnehmung gesellschaftlicher Risiken 

Menschen mit Behinderung blicken mit größerer Sorge auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts: Zwischen 85 und 89 Prozent stimmen den Aussagen zu, dass der Zusammenhalt gefährdet ist, die Gesellschaft auseinanderdriftet und Ungleichheit ein zentrales Problem darstellt. Damit liegen die Werte deutlich über denen der Gesamtbevölkerung (76 bis 80 Prozent). „Wenn eine große Bevölkerungsgruppe so deutlich mehr Spaltung wahrnimmt, ist das kein individuelles Empfinden, sondern ein klares Warnsignal an uns alle – an die Zivilgesellschaft ebenso wie an die Politik“, ordnet Christina Marx die Ergebnisse ein. Jedoch bleibt die aktuelle politische Chance zur Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) hinter den Erwartungen von Menschen mit Behinderung zurück. „Der vorliegende Entwurf verfehlt zentrale Anforderungen an gleichberechtigte Teilhabe, Chancengerechtigkeit und verbindliche Barrierefreiheit und droht damit, das Vertrauen in die politische Umsetzung weiter zu schwächen“, so Marx.

Hohe Zustimmung zur Demokratie – aber wachsende Unzufriedenheit 

Obgleich das Vertrauen in die demokratische Grundordnung hoch bleibt, zeigt sich eine deutliche Lücke bei der Bewertung ihrer Umsetzung: 91 Prozent der Menschen mit Behinderung befürworten die Demokratie im Vergleich zu 85 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Doch weniger als ein Drittel (29 Prozent) sind mit ihrem Funktionieren zufrieden (versus 34 Prozent). Diese Ergebnisse verdeutlichen: Die Befragten stehen klar zur Demokratie, jedoch erleben viele im Alltag, dass Teilhabe noch längst nicht gleichberechtigt funktioniert. Eine solche Lücke kann Vertrauen langfristig gefährden.

Weniger Zugehörigkeit im Alltag 

Die Studie zeigt: Inklusion scheitert bereits oft im Alltag – dort, wo Zugehörigkeit eigentlich entstehen müsste. So erleben nur gut ein Drittel (35 Prozent) der Menschen mit Behinderung einen starken Zusammenhalt in der Nachbarschaft, im Vergleich zu fast der Hälfte (48 Prozent) der Gesamtbevölkerung. Auch im Arbeits-, Schul- oder Universitätskontext fühlen sich die Befragten weniger zugehörig. „In nahezu allen Lebensbereichen, so auch im Familien- und Freundeskreis, liegt das erlebte Zugehörigkeitsgefühl deutlich unter dem Niveau der Gesamtbevölkerung. Und wer weniger Rückhalt erlebt, hat auch strukturell schlechtere Chancen auf Teilhabe – das ist gesellschaftlich und politisch nicht hinnehmbar“, so Marx.

Politischer Handlungsauftrag: Zugehörigkeit sichern 

Die Sozialorganisation warnt: Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht von selbst, er muss aktiv gestaltet werden. „Eine stabile Demokratie braucht echte Teilhabe für alle. Deshalb muss Inklusion als zentrale Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt verpflichtend in allen politischen Entscheidungen verankert werden – wie etwa bei der aktuellen Reform des BGG, das alle Akteur*innen in die Pflicht nehmen muss, Inklusion und Barrierefreiheit umzusetzen. Wir brauchen konkrete Ziele für mehr Zugehörigkeit: in Nachbarschaften, im Arbeitsleben und vor allem in der politischen Umsetzung“, fordert Marx.

Zusatzinformationen:  

  • Für die Studie „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ hat die Aktion Mensch gemeinsam mit dem Sozialforschungsinstitut Ipsos in der Zeit vom 11. bis 15. Juli 2025 bundesweit 607 Menschen mit Beeinträchtigung online befragt. Beteiligt haben sich die Mitglieder der sogenannten Teilhabe-Community, dem ersten Umfrage-Panel im deutschsprachigen Raum, das ausschließlich aus Menschen mit Beeinträchtigung besteht. Weitere Informationen zur Teilhabe-Community: www.aktion-mensch.de/teilhabe-community. Basis der Befragung war die Zusammenhaltsstudie, initiiert von ARD, ZDF und Deutschlandradio, in der zentrale Fragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Gesamtbevölkerung untersucht wurden. Die Ergebnisse beider Erhebungen wurden durch den Hamburger Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, der am Leibniz‑Institut für Medienforschung (Hans‑Bredow‑Institut) angesiedelt ist, miteinander vergleichen. Dieser Vergleich und die Einordnung, eröffnen einen wertvollen Blick darauf, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt erlebt wird – und wo Unterschiede, Brüche und besondere Herausforderungen sichtbar werden.
  • Die vollständige Studie „Gesellschaftlicher Zusammenhalt – Teilhabeerfahrungen und Teilhabeerwartungen von Menschen mit Beeinträchtigung“ finden Sie unter www.aktion-mensch.de/zusammenhalt.
  • Die gezielte Stärkung inklusiver Sozialräume, wie zum Beispiel im Programm „Inklusion vor Ort“ von der Aktion Mensch zeigen, wie durch lokale Netzwerke Begegnung und Zugehörigkeit im Alltag konkret wachsen kann. Solche Ansätze gilt es strukturell zu stärken und in die Fläche zu bringen. Weiterführende Informationen zu unseren Initiativen für mehr Inklusion im Sozialraum finden Sie unter: www.aktion-mensch.de/kommune-inklusiv

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