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Unter Hinweis auf kommende „Kriegskrüppel“ beschleunigten Barriereabbau fordern?

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
auf eine behindertenpolitische Versuchung
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Wie krass oder zynisch wäre denn das, dies behindertenpolitisch zu fordern? Um einer die Bevölkerung auf Kriegstüchtigkeit trimmenden Regierungspolitik moralisch Druck zu machen.

Eine behindertenpolitische Versuchung könnte man sagen, bei der im Moment noch nicht absehbar ist, ob und wieweit im Behindertenaktivismus Bereitschaft besteht, ihr tatsächlich nachzugeben. Gedanklich jedenfalls scheint es einige bereits zu beschäftigen, wie man dem IGEL-Podcast zum Monatsrückblick April entnehmen konnte. Sascha Lang hat in einem anderen IGEL-Podcast (vom 17. Mai mit Jennifer Sonntag) nochmals darauf Bezug genommen, freilich ohne sich selber dafür auszusprechen: „Wir investieren gerade in Krieg“, so seine Wiedergabe, „wie will ich denn Menschen begeistern – es gibt so viele, die anscheinend ihren Wehrpflichtbogen nicht zurückgeschickt haben, weil sie nicht in die Armee wollen – ja, wer will denn heute in eine deutsche Armee kommen, wenn er eventuell in einem Krieg gehen muss und als Mensch mit Behinderung zurückkommt und er weiß, dass der Staat seine Bedürfnisse nicht mehr abdecken kann, weil er sie abgeschafft hat, als zu teuer oder zu belastbar reduziert hat …“

Sind wir damit endlich soweit, dass das Thema Krieg und Kriegsvorbereitung behindertenpolitisch nicht länger beschwiegen und tabuisiert wir? Wünschenswert wäre es. Umso mehr als ich bislang vergeblich mit eigenen Beiträgen versucht habe, darüber ein behindertenpolitische Debatte anzuregen. Dabei mangelt es nicht an Diskussionsanlässen. Einer davon ist der jetzt auch hier zulande jährlich zelebrierte Veteranentag, auch diesmal wieder um die Junimitte mit dem nötigen Tammtamm begangen. Zumal das pathosgedrängte Veteranentagsnarrativ uns mit dem, was ich hier soeben eine „behindertenpolitische Versuchung“ genannt habe, unausweichlich, weil sozusagen mit geballter Ladung, konfrontiert. Das nunmehr alljährliche Spektakel für unsere behindertenpolitischen Zwecke strategisch zu instrumentalisieren, allen voran das leidige Thema Barrierefreiheit.

So wie dies der amerikanischen Behindertenbewegung (wenn auch in einem nicht unbedingt vergleichbaren politischen und soziokulturellen Kontext und Klima) 1990 im Zusammenhang mit der Verabschiedung des „Americans With Disabilities Act“ gelungen ist. In der damaligen US-amerikanischen Öffentlichkeit machte es besonderen Eindruck, dass Kriegsversehrte Vietnamveteranen Teil des behindertenpolitischen Kampfes für Behindertenrechte und Inklusion gewesen sind. Eine nicht zu unterschätzende Trumpfkarte gewissermaßen. Ein besonders eindrückliches Bild anlässlich der Abstimmung über den ADA war das der zwischen den übrigen behinderten Demonstranten und Demonstrantinnen die Stufen zum Capitol hinauf robbenden Kriegsveteranen. Keine Rolle spielte in diesem Augenblick offensichtlich der szenisch und medial nicht mitrepräsentierte, vielmehr gänzlich ausgeblendete Umstand, dass der Vietnamkrieg (wie andere Kriegsabenteuer der USA davor und danach) in der amerikanischen Geschichte und Politik völkerrechtlich und moralisch ein überaus zweifelhaftes, um nicht zu sagen desaströses Unternehmen gewesen ist.

Zurück zu unserem, der Behinderten wie der Nichtbehinderten, Hier und Heute. „In der Gesellschaft ändert sich auf jeden Fall das Verhältnis zum Militär bzw. es soll sich ändern“, so der Kriegs- und Kriegsvorbereitungsgegner Ole Nymoen kürzlich im Radio, “ das ist das ja, was ausgelobt ist, … weshalb die Regierung jetzt zum Beispiel so etwas wie den Veteranentag ins Leben gerufen hat. Damit man wie in den USA eine Bevölkerung hat, die sagt, „thank you for your service!“ Ohne sich die Frage zu stellen, was habe ich eigentlich von diesem Dienst.
Ich war letztes Jahr zum ersten Mal in Amerika und war doch etwas entgeistert, wenn man beim Baseballspiel sieht, wie Leute dort den Vietnamkriegsveteranen zujubeln und sagen „thank you for your service“. Also man hat dort ein Volk erzogen, das fernab der Frage, was habe ich eigentlich davon oder war das richtig, die einfach nur sagen, super, danke dafür, dass du in den Krieg gezogen bist für das eigene Land. Und das ist die Ideologie, die man auch hierzulande heranziehen will …“

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