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Krauthausens Schambekundung und der fragwürdige Zweck dieser „Selbstinszenierung“

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
irritiert über Raulkrauthausens Fernandes-Ulmen-Statement
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Krauthausens eilige Distanzierung in der Causa Christian Ulmen (Neue Norm vom 23.03. 2026) atmet weniger solidarischen Widerstandsgeist gegen das Patriarchat, als dass sie den fragwürdigen Geist demonstrativer Anpassung und Unterwerfung unter eine wokistische Verhaltensnorm verströmt. – Dabei ist er ehrlich und realistisch genug, einzuräumen, dass der Social-Media-Kontext, in dem er sich bewegt und als eine prominente Stimme wahrgenommen und gehört wird, kein Sprechen zulässt, das nicht auch selbstinszenatorisch ist: Lediglich "nicht bloße Selbstinszenierung" will sein Statement sein, wo es ohne Selbstinszenierung gar nicht geht.

Doch wenn sein Sprechen auch keine „bloße Selbstinszenierung“ ist, so vermag gerade sein performativer (mithin sein inszenatorischer) Gestus nicht davon zu überzeugen, dass sein Inhalt, wie von Krauthausen beansprucht, in erster Linie „Solidarität“ zum Ausdruck bringt. Die Sprache und ihr Tonfall zeigen etwas anderes, sie verraten, Krauthausens Statement erfüllt vielmehr einen äußerst fragwürdigen Zweck. Eben den der peniblen und rigiden Normanpassung, einer mittels permanenter peinlicher Selbstprüfung betriebenen und sichergestellten Unterwerfung unter ein wokes Korrektheitsregime im Denken und Sprechen.

Was finde ich daran fragwürdig? Und zwar so sehr, dass ich hier auf kobinet Krauthausens öffentliches Scham- und Schuldbekenntnis nicht unkommentiert lassen möchte. Weil das von Krauthausen zum Ausdruck gebrachte Selbstverständnis – das eines kulturkämpferischen Wokismus – nach meinem Dafürhalten unverträglich ist mit dem Selbstverständnis einer demokratischen Debattenkultur. Uns auf der abschüssigen Bahn einer bereits zu beobachtenden Klimavergiftung des öffentlichen Diskurses nur weiter und beschleunigt ins Rutschen geraten lässt. – Zum Kommentieren herausgefordert fühle ich mich auch deshalb, weil das bei Krauthausen sprechende „Ich“ (dieses sich unter Bekenntniszwang setzende, sich selbstbezichtigende Mea-Culpa-Ich gleichsam) sich als strenges Vorbild und verbindlichendes Modell dem Kollektiv eines „cis-männlichen Wir“ geradezu moralerpresserisch aufdrängt, aufnötigt.

Wo Krauthausens Ich sich schuldig bekennt und künftig sich zu korrigieren versichert

„Ich bin kein Opfer“, so Krauthausen in seiner Erklärung, „im Gegenteil“, sagt er und bekennt damit implizit seine Täterschaft, denn das Gegenteil von Opfer-sein heißt Täter-sein. Was hat er getan? „Ich habe sicher auch schon mal Schilderungen von FLINTA-Personen relativiert oder abgelenkt mit Sätzen wie …“, und er zählt ein paar Beispiele auf. „Und dafür schäme ich mich“, so fährt er fort, „denn die Scham muss wirklich die Seite wechseln.“ So seine programmatische Übernahme der von Gisele Pelicot an weibliche Leidensgenossinnen ausgegebene Devise. Und bezüglich dieses Seitenwechsels sieht er sich selbst auch schon auf einem guten Weg: „Ich lerne dauernd dazu, weil ich mit feministischen FLINTA-Personen zusammenarbeite.“ Dann wechselt er vom Ich zum „Wir“ (ob er nur das Wir seines FLINTA-Personen-Arbeitsteams meint, wird nicht klar) und postuliert: „Wir dürfen die Aufklärung und Sensibilisierung nicht nur den Betroffenen überlassen, auch die Verantwortung muss die Seite wechseln.“

Doch Krauthausens cis-männliche Täterschaft erstreckt sich sich ihm zufolge nicht nur auf seine Relativierungs- bzw. Ablenkungsmanöver im Fall misogyner Äußerungen oder frauenverächtlichen Verhaltens anderer. Vielmehr sieht er sich im Sinne cis-männlicher Mittäterschaft, so verstehe ich ihn, unmittelbar selber in die Sache Christian Ulmen verstrickt. Wozu er sich dabei konkret bekennt, sich schuldig bekennt, lässt sich am besten mit dem (nicht juristisch verwertbare) Terminus Kontaktschuld benennen. „Auch ich“, sagt Krauthausen im Stil eines verbalen Outing, „hatte berufliche Berührungspunkte mit Ulmen. Wir arbeiteten ein paar Tage an einer Radioshow und zwei TV-Sendungen zusammen. Und ja, es beschämt mich zutiefst, wie sehr ich mich täuschen konnte. Seit Bekanntwerden des Missbrauchs, frage ich mich, ob es Signale gab, die ich hätte sehen müssen.“

Ja, lautet die Antwort seiner kritischen Selbstbefragung. Nachträglich entdeckt er nämlich ein Indiz – ich weiß nicht, ob er so weit gehen würde zu sagen, für Ulmens kriminelle Energie –, das ihn hätte stutzig machen und – das spricht er nicht aus, seine Worte insinuieren es jedoch – zur sofortigen Beendigung der Zusammenarbeit veranlassen müssen. „Ja, der Humor seiner Formate war grenzüberschreitend, nicht immer, aber oft genug. Wie konnte ich das hinnehmen?“

Diese nachträglich Bußfertigkeit mit der unerbittlichen Selbstprüfung und verbaler Zerknirschung reicht Krauthausen noch nicht. Ihm reicht auch nicht das Aus-dem-Netz-Nehmen der gemeinsam mit Ulmen erstellten Inhalte, „aller gemeinsam produzierten Inhalte, auf die ich Einfluss habe, habe ich offline genommen“. Krauthausens absolutistisches Über-Ich, auf Perfektion in Wokeness gepolt, lässt nicht locker: “ Aber das reicht nicht. Es wäre zu bequem, darin eine Konsequenz zu sehen.“ Konsequent wäre es, bei sich absolute Sicherheit anzustreben, dass so etwas nie wieder vorkommt: „Wie stelle ich sicher, dass ich mich in einer ähnlichen Situation nicht wieder so entscheide?“

Schlussendlich legt Krauthausen die Latte, an der er sein lupenreines Bündnispartnerverhalten, sein „echtes Allyship“ mit FLINTA-Personen gemessen sehen will – die Messlatte, die er auch für alle anderen vorgibt –, so hoch wie es nicht höher geht. Wieviel an mental installiertem Kontrollzwang, Überwachung und Durchleuchtung der Psyche anderer, ständiges Nachforschen im privaten und öffentlichen kommunikativen Zusammenleben und gegebenenfalls Anzeige- bzw. Denunziationsbereitschaft wären erforderlich, um einem Anspruch wie dem folgenden nachzukommen und annähernd zu genügen? „Ich möchte Menschen, die sich nicht mit ihrem internalisierten Sexismus auseinandersetzen, sondern ihn verharmlosen, decken oder selbst betreiben, keine Plattform bieten.“
(wird fortgesetzt)

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Silvia Hauser
15.04.2026 10:47

Hier ein Kommentar von einem prominenten Medienmann (FOCUS vom 15.04.2026)

Markus Lanz empfindet Mitleid mit Christian Ulmen: „Auf der Ebene dieser medialen Dimension“

Dabei betont Lanz, er würde in keiner Weise an der Berichterstattung zweifeln. Zugleich hofft Lanz, dass Ulmen Unterstützung im privaten Umfeld erhält: „Ich hoffe, dass er wenigstens einen Freund hat, der ihn anruft und fragt, wie es ihm geht.“

Markus Lanz übt Kritik an gesellschaftlicher Zuspitzung

Grundsätzlich hält Lanz die öffentliche Diskussion für notwendig, sieht aber auch Risiken. Er warnt davor, dass die Debatte zu pauschalen Urteilen führen könnte: „Wie sollen Väter mit ihren Söhnen über das Thema sprechen, wenn Männer pauschal nur noch als Problembären beschrieben werden?“ Für ihn sei entscheidend, dass gesellschaftlicher Austausch weiterhin ohne Vorverurteilung möglich bleibe.

Markus Lanz sieht Parallele zu eigener Erfahrung

Lanz zieht zudem eine Verbindung zu seiner eigenen Vergangenheit. Die Dynamik öffentlicher Empörung erinnere ihn an die Zeit nach seinem Aus bei „Wetten, dass..?“. Damals sei er „plötzlich der Buhmann der Nation“ gewesen – vor allem, weil er nicht Thomas Gottschalk gewesen sei.“ Der „Mechanismus“ der Wut, insbesondere in sozialen Medien, gleiche sich aus seiner Sicht in beiden Fällen – auch wenn die Hintergründe völlig unterschiedlich seien.