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Welttag des Hörens: visuelle Kraft der Gebärdensprache als Fundament für gleichberechtigte Teilhabe

Logo des Landesverband Bayern der Gehörlosen
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Foto: Landesverband Bayern der Gehörlosen

München (kobinet) Am Welttag des Hörens, der am 3. März begangen wurde, wurde die Bedeutung des Hörens weltweit in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Unter dem nationalen Motto "Klingt nach Leben!" und dem globalen Schwerpunkt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) "From communities to classrooms: hearing care for all children" (auf Deutsch: "Von der Gemeinschaft bis in die Klassenzimmer: Hörvorsorge für alle Kinder") wurde primär über technische Innovationen und Prävention informiert. Der Landesverband Bayern der Gehörlosen (LVBYGL) verdeutlichte an diesem Tag: Für gehörlose Menschen ist nicht die medizinische Reparatur eines Defizits entscheidend, sondern die Anerkennung als sprachliche Minderheit, die die Welt mit den Augen hört.

Das Konzept der „Augenmenschen“

Gehörlose Menschen definieren sich als „Augenmenschen“. Die visuelle Wahrnehmung ist für sie kein bloßer Ersatz für das Hören, sondern eine eigenständige und hochgradig effiziente Modalität. Unter optimalen Bedingungen, wie klaren Sichtlinien und guten Lichtverhältnissen, bietet die visuelle Kommunikation einen Informationsgehalt, der der auditiven Wahrnehmung Hörender absolut gleichwertig ist.

Sprachdeprivation statt „Hördefizit“

Mit großer Sorge betrachtet der Landesverband aktuelle Darstellungen – auch seitens der WHO –, die behaupten, unversorgtes Hören führe zwangsläufig zu Beeinträchtigungen der kognitiven und sozialen Entwicklung. Diese Sichtweise verkennt die sprachwissenschaftliche Realität: Nicht das fehlende Gehör ist die Ursache für Entwicklungsverzögerungen, sondern die sogenannte Sprachdeprivation – der fehlende Zugang zu einer vollwertigen, barrierefreien Sprache in der frühen Kindheit. Wenn Kindern der frühe Zugang zur Gebärdensprache verwehrt wird, werden sie der Sprache beraubt, was die eigentliche Gefahr für ihre kognitive und soziale Entfaltung darstellt. Wahre Hörvorsorge muss daher immer auch die Sicherstellung des sprachlichen Inputs über die Deutsche Gebärdensprache beinhalten.

Die Grenzen des Lippenlesens und die kognitive Belastung

Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, Gehörlose könnten problemlos alles von den Lippen ablesen. In der Realität sind lediglich ca. 30 % des Gesagten tatsächlich visuell erfassbar. Die restlichen 70 % müssen durch kognitive Höchstleistungen, Kontextwissen und Kombination erschlossen werden. Diese dauerhafte Anstrengung führt oft zu einer massiven kognitiven Erschöpfung, der sogenannten Lippenlese-Fatigue, welche die Konzentrationsfähigkeit im Alltag erheblich einschränkt, heißt es in der Presseinformation des Landesverband Bayern der Gehörlosen.

Hörvorsorge und Technik als bilinguale Chance

Hörvorsorge, Hörtraining sowie technische Hilfsmittel wie Hörgeräte oder Cochlea-Implantate (CI) sind wichtige Bausteine der Versorgung. Sie entfalten ihr volles Potenzial zur Förderung der gleichberechtigten Teilhabe jedoch erst dann, wenn sie konsequent mit der Gebärdensprache kombiniert werden. Ohne die visuelle Sicherheit der Gebärdensprache bleibt die rein akustische Information oft lückenhaft und führt zu Missverständnissen. Eine bilinguale Förderung ist daher die Voraussetzung dafür, dass technische Hilfen ihr Ziel erreichen können – ohne Gebärdensprache ist eine umfassende Kommunikation nicht denkbar.

Deutsche Gebärdensprache: Eine Sprache in vier Dimensionen

Die seit 2002 gesetzlich anerkannte Deutsche Gebärdensprache (DGS) bietet die notwendige sprachliche Barrierefreiheit. Sie ist eine vollwertige Sprache mit einer komplexen Grammatik, die den dreidimensionalen Raum nutzt. Durch die Verortung von Personen und Objekten im Gebärdenraum (Loci) und die Nutzung einer imaginären Zeitlinie – die vierte Dimension – ermöglicht sie eine hochpräzise Informationsübermittlung.

Das bimodal-bilinguale Modellprojekt „2Bi“ in Bayern

Ein wegweisender Schritt zur Vermeidung von Sprachdeprivation und zur Förderung der Mehrsprachigkeit ist das bayerische Modellprojekt „2Bi“ (bimodal-bilingual). In diesem Projekt werden die Deutsche Gebärdensprache und die deutsche Sprache (in Laut- und Schriftsprache) gleichberechtigt nebeneinander als Unterrichtssprachen verwendet. Das Projekt wird vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus getragen und vollständig durch den Freistaat Bayern finanziert.

Die Erprobungsphase läuft über die Schuljahre 2024/25 und 2025/26 an der Musenbergschule in München sowie der Dr.-Karl-Kroiß-Schule in Würzburg, wobei mit den ersten Klassen begonnen wurde. Das Ziel von 2Bi ist eine erfolgreiche Mehrsprachigkeit, die den Kindern unabhängig von ihrem individuellen Hörstatus „drei Schlüssel zur Welt“ gibt: Gebärden, Sprechen und Schreiben. Wissenschaftlich begleitet und auf seine Wirksamkeit evaluiert wird das Vorhaben durch den Lehrstuhl für Sonderpädagogik (Förderschwerpunkt Hören & Kommunikation) der LMU München unter der Leitung von Prof. Dr. Laura Avemarie.

Hören allein ist kein Garant für Teilhabe. Wahre gleichberechtigte Teilhabe in Bayern gelingt nur durch die Anerkennung und Förderung der Gebärdensprache als Erstsprache und Identitätsmerkmal einer stolzen sprachlichen und kulturellen Minderheit, heißt es in der Presseinformation des Landesverband Bayern der Gehörlosen.