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„Weltschmerz trifft auf schöne Zukunft“, im Ernst? Hört sich nach Ablenkungsmanöver an

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
ist diesmal auf Behinderten-Peers gerichtet
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet) Wer um das gegenwärtige Politikdesaster, dem insbesondere benachteiligte und marginalisierte Menschen schutzlos preisgegeben sind, lieber herumreden möchte, statt die Dinge beim Namen zu nennen, redet von "Weltschmerz" und dem Wolkenkuckucksheim einer "schönen Zukunft". Ich hoffe, ich liege falsch mit meiner Befürchtung, die für heute Abend um 18 Uhr angesetzte Konferenz "Weltschmerz trifft auf schöne Zukunft" könnte auf eben dieses Ausweich- und Verdrängungsmanöver hinauslaufen.

Denn: Was die „politischen Herausforderungen“ sind, mit denen sich Behinderte derzeit konfrontiert sehen und wodurch „mehr Austausch und Vernetzung“ zustande kommen kann – darüber zu diskutieren, ist dringender als je. Und am dringlichsten, weil mit einer direkten Gefährdung von Leib und Leben einhergehend, erscheint mir die Beantwortung der Frage: Wie sich verhalten angesichts dessen, was ich die „kiegsdienstliche Mobilmachung“ nenne (die Politik spricht von „kriegstüchtig werden“ oder „Krieg können“). Wo dergestalt die menschliche Existenz auch unmittelbar physisch infrage steht, es um „Sein oder Nichtsein“ geht, wird alles Übrige zweitrangig, rückt in den Hintergrund. So für uns Behinderte bzw. den behindertenpolitischen Aktivismus und dessen Agenda, die Frage, „auf welche Weise der Politik mehr Druck machen, dass der Bundestag endlich die Neufassung des BGG verabschiedet“.

Die von den politisch Herrschenden betriebene Kriegsvorbereitungspolitik gehört daher meines Erachtens in den Vordergrund und in den Mittelpunkt der aktuellen politischen Diskussion und Debatte unter Behinderten. Alle nicht diesbezüglichen behindertenpolitischen Fragestellungen erachte ich demgegenüber für sekundär. – In der Hauptsache gilt es, sich zwischen zwei gegensätzlichen Einstellungen und Verhaltensweisen in dieser existenziellen Angelegenheit zu entscheiden. Zwischen Ablehnung jedweder Kriegsvorbereitung und der Teilnahmeverweigerung an ihr auf der einen Seite und Zustimmung zur Kriegsertüchtigung und praktischer Beteiligung daran auf der anderen Seite (Mitmachen nach Maßgabe der je individuellen Möglichkeiten und Grenzen, etwa der beschränkten Ressourcen auch eines behinderten Menschen). Allein schon um als weitgehend ohnmächtig Betroffene an den politischen Entwicklungen nicht zu verzweifeln oder daran irre zu werden, sollten wir einander unsere Gedanken und Gefühle mitteilen, die uns in diesem Zusammenhang unweigerlich bedrängen, gleichviel zu welcher Positionsentscheidung wir letztendlich neigen.

Was ich meine Behinderten-Peers fragen möchte

Meine Postion ist die des Widersprechens, „den Masters of War ins Wort fallen“ lautet meine Devise, mit der ich auch andere dazu auffordern möchte, bei der „kriegsdienstlichen Mobilmachung“ sich der mehrheitspolitisch von ihnen erwarteten persönlichen Kriegsertüchtigung zu verweigern. Damit scheine ich in der Behindertencommunity allein auf weiter Flur zu stehen. Seitens meiner wenigen persönlichen Kontakte zu Behindertenpeers, vor allem aber auf den von mir frequentierten behindertenpolitischen Social-Media-Kanälen, vernehme ich hinsichtlich Krieg und Kriegsvorbereitung nur ein konstantes Schweigen. Ein beklemmendes Schweigen, das „dich fertig macht“, wie man so sagt. Entsprechend elend geht es mir. Also von wegen „diffuser Weltschmerz“, ich weiß, was mir politisch Schmerzen verursacht und wer sie mir mit zufügt. – Was ich folglich meine Behinderten-Peers auf der Hamburger Konferenz als allererstes fragen möchte, wäre

  • Sofern ihr euch als politische Subjekte versteht und nicht in eine politikferne Parallelwelt abgetaucht seid, wie geht es euch in dieser „sicherheits- und verteidigungspolitisch“ aufgeheizten Atmosphäre? Wo ohne Unterlass von Bewaffnung, Munitionsbeschaffung, milliardenschweren Rüstungsinvestitionen die Rede ist? Der Besitz eigener Atomwaffen „für unser Land“ nicht länger ein Tabu sein dürfe. Wir uns auf „einen Krieg wie zu Zeiten unserer Eltern und Großeltern“ einstellen und vorbereiten sollten – einen Krieg also mit Abermillionen von Toten, Traumatisierten, Kriegsversehrten. Mit Zerstörungen und Schäden in unserer unmittelbaren Lebenswelt, von deren Ausmaß uns jüngst der Gaza-Krieg einen Eindruck vermittelt.
  • Was denkt und fühlt ihr bei alledem? Was geht euch als Erstes durch den Kopf, sobald von „kriegstüchtig werden“, von „Maßnahmen für den Bevölkerungsschutz“ die Rede ist? Weil wir „längst von innen und außen angegriffen werden“. Spürt ihr Druck im Kopf, Beklemmung in der Brust? Kommen euch Gedanken wie, was mache ich, wenn plötzlich meine Behindertenassistenz ausfällt, nicht zu mir nach Hause kommen kann, weil „etwas passiert ist“, das öffentliche Verkehrssystem zusammengebrochen ist. Auf einmal kein Strom mehr da ist, kein Radio und auch kein Handy funktioniert.
  • Oder könnt ihr mit derlei Eventualitäten einigermaßen gelassen umgehen, da ihr vorbereitet seid, „entsprechend vorgesorgt“ habt? Gemäß den Broschüreempfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe euren Evakuierungsrucksack gepackt und griffbereit habt. Beziehungsweise, falls ihr wegen Drohnen- und Raketenbeschuss oder „Kampfhandlungen“ draußen die Wohnung nicht verlassen könnt, genügend Grundnahrungsmittel und Getränke gehortet habt, um ohne fremde Hilfe einige Tage überleben zu können. Vielleicht habt ihr anders als ich das alles längst mit jemandem durchgesprochen?

Lesermeinungen

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Silvia Hauser
29.01.2026 19:23

Was ich als analoges Konferenztreffen missverstand, ist eine Online-Mitmachveranstaltung gewesen, organisiert und moderiert vom Sozialhelden-Teams. – Es begann mit Kleingruppen, in denen man einander sein momentanes Befinden und Anliegen mitteilte. Für mich Gelegenheit in der Dreiergruppe über meine Kriegsangst zu sprechen. Woraufhin mir die beiden Frauen sagten, es gehe ihen genauso, auch sie mache das „fix und fertig“. Das erste Mal für mich, das Behinderten-Peers das so deutlich aussprechen. Vielleicht muss nur einer anfangen, dann trauen sich auch andere.

Anschließend brachte ich ebendies auch in der Großgruppe zur Sprache. Ottmar Miles-Paul, der als behinderterpolitischer Auskunftgeber zugeschaltet war, widersprach: Was ihm davon täglich im Fernsehen als geballte Ladung entgegenkomme, reiche ihm und außerdem „zu komplex“ das Thema. Wir Behinderten müssten uns gerade in dieser Lage „Highlights“ verschaffen und uns auf „positive Erfahrungen fokussieren“. Mache ich übrigens auch, meine Highlights sind Musik und Meditation. Ich befürchte aber als regelrechte Verdrängungs- und Ablenkungsakrobatik betrieben, wie von Ott empgohhlen, geht das ins Auge und kann für jede und jeden von uns tödlich enden.

Vielleich hat es mit dem Holocoustgedenken dieser Tage zu tun, wenn mich der entsetzliche Gedanken nicht in Ruhe lässt, zwischen einer die Abgründigkeit, die Todes-und Vernichtungslogik heutiger Kriegsvorbereitungspolitik ausblendenden Verdrängungsmentalität und der verhängnisvollen Psychologie bei damaligen Opfern könnten gewisse Parallelen nicht ganz abwegig sein.
Mit verzweifelten Strategien positiven Denkenstäuschten sich Jüdinnen und Juden bisweilen selbst dann noch über das hinweg, was die Nazis mit ihnen vorhatten, als man sie in die Viehwaggons der Deportationszüge pferchte …

I.A. v. Hans-Willi Weis