Staufen (kobinet)
Ich habe große Sorge um unsere Welt.
Die Politik bringt uns in Gefahr.
Überall auf der Welt gibt es Krieg.
Ich fühle mich sehr hilflos.
So hilflos wie noch nie in meinem Leben.
Ich bin 75 Jahre alt.
Früher dachten wir: Der Holocaust ist vorbei.
Holocaust bedeutet: Die Ermordung von Juden.
Die Nazis haben die Juden ermordet.
Wir dachten: So etwas passiert nie wieder.
Aber das war ein Irrtum.
Seit dem 7. Oktober 2023 wissen wir das.
An diesem Tag gab es ein Massaker.
Massaker bedeutet: Viele Menschen wurden getötet.
Auch in Europa gibt es wieder Krieg.
Menschen werden wieder verfolgt und getötet.
Das ist sehr gefährlich für behinderte Menschen.
Behinderte Menschen haben wenig Macht.
Sie können sich oft nicht wehren.
Dagmar Herzog ist Historikerin.
Historikerin bedeutet: Sie forscht über Geschichte.
Sie forscht über den Faschismus.
Faschismus bedeutet: Eine schlimme Diktatur.
Diktatur bedeutet: Eine Person bestimmt alles alleine.
Herzog erklärt eine wichtige Sache.
Behinderte Menschen wurden im Holocaust ermordet.
Das dürfen wir nicht vergessen.
Wessen Leben ist in Gefahr?
Niemand kann heute sicher sein.
Jeder kann Opfer werden.
Früher waren es Juden.
Und Sinti und Roma.
Sinti und Roma sind Menschen-Gruppen.
Die Nazis haben sie verfolgt.
Auch Homosexuelle wurden verfolgt.
Homosexuell bedeutet: Männer lieben Männer.
Oder Frauen lieben Frauen.
Und behinderte Menschen wurden verfolgt.
Könnte das wieder passieren?
Jüdische Menschen sind heute in Gefahr.
Auch muslimische Menschen sind nicht sicher.
Muslimisch bedeutet: Sie glauben an den Islam.
Vielleicht hat es schon angefangen.
Und wir haben es nicht bemerkt.
Die Grausamkeit ist nicht vorbei
Überall auf der Welt gibt es Mord.
Das ist ein schrecklicher Gedanke.
Aber wir müssen darüber nachdenken.
Sonst können wir das Schlimme nicht verhindern.
Auch behinderte Menschen sind in Gefahr.
Wir dürfen uns nicht zu sicher fühlen.
Ich wollte über die Gedenk-Stätte Hadamar schreiben.
Gedenk-Stätte bedeutet: Ein Ort zum Erinnern.
Die Gedenk-Stätte gibt es seit 40 Jahren.
Aber ich kann nicht mehr so schreiben.
Die Geschichte ist nicht vorbei.
Sie könnte wieder passieren.
Was in Hadamar geschah
Hadamar ist eine Stadt in Hessen.
Dort gab es eine Tötungs-Anstalt.
Tötungs-Anstalt bedeutet: Ein Ort zum Töten.
Die Nazis ermordeten dort behinderte Menschen.
Und chronisch kranke Menschen.
Chronisch krank bedeutet: Immer krank.
Die Nazis nannten das Euthanasie.
Euthanasie sollte bedeuten: Schöner Tod.
Aber das war eine Lüge.
Die Nazis sagten auch: Das Leben ist lebens-unwert.
Lebens-unwert bedeutet: Das Leben hat keinen Wert.
Aber jedes Leben hat einen Wert.
In Hadamar wurden 15.000 Menschen ermordet.
10.000 Menschen starben im Jahr 1941.
Sie wurden mit Gas getötet.
4.000 Menschen starben später.
Sie bekamen zu viele Medikamente.
Oder zu wenig zu essen.
Die Täter waren Ärzte und Kranken-Pfleger.
Sie arbeiteten in der Psychiatrie.
Psychiatrie bedeutet: Kranken-Haus für psychisch kranke Menschen.
Psychisch krank bedeutet: Die Seele ist krank.
Fast niemand wurde später bestraft.
Die Gedenk-Stätte gibt es seit 1984.
Können Nachbarn helfen?
Manchmal wehrten sich Menschen gegen die Nazis.
Familien versteckten ihre behinderten Angehörigen.
Nachbarn halfen dabei.
So wurden manche Menschen gerettet.
Aber das passierte nicht oft.
1943 gab es einen Protest in Berlin.
Frauen protestierten in der Rosen-Straße.
Ihre jüdischen Ehe-Männer waren verhaftet.
Verhaftet bedeutet: Die Polizei hat sie fest-genommen.
Die Frauen protestierten eine Woche lang.
Dann wurden die Männer frei-gelassen.
Der Protest hatte Erfolg.
Meine Tante Anni wurde auch gerettet.
Sie hatte eine geistige Behinderung.
Ein Arzt setzte sich für sie ein.
Die Nachbarn halfen auch.
So musste sie nicht in eine Anstalt.
Dort wäre sie ermordet worden.
Tante Anni lebte bei meinen Groß-Eltern.
Sie hatte einen Fahrrad-Unfall gehabt.
Dabei hatte sie sich am Kopf verletzt.
Deshalb hatte sie eine Behinderung.
Für die Nazis war ihr Leben lebens-unwert.
Aber sie überlebte.
Manchmal konnten Nachbarn also helfen.
Aber sie konnten die Nazi-Herrschaft nicht verhindern.
Sie hatten noch etwas Gewissen.
Gewissen bedeutet: Eine innere Stimme.
Sie sagt: Das ist gut oder schlecht.
Die Nazis hatten ihnen das Gewissen nicht nehmen können.
Aber auf die Nachbarn war nicht immer Verlass.
Wir sagen heute: Wehret den Anfängen.
Das bedeutet: Stoppt das Böse am Anfang.
Aber sind wir noch am Anfang?
Oder sind wir schon mitten drin?
Ich weiß es nicht.
Ich habe große Angst.
Ich mache mir auch persönliche Sorgen.
Ein Nachbar hat mich jahrelang bedroht.
Er war ein Nazi.
Er wollte mich fertig machen.
Und er wollte meine Begleiterin fertig machen.
Begleiterin bedeutet: Eine Person hilft mir.
Ich bin blind.
Der Nachbar machte das vor allen Leuten.
Niemand half uns.
Ein anderer Nachbar sagte: End-Lösung.
End-Lösung war ein Nazi-Wort.
Es bedeutete: Alle Juden töten.
Der Nachbar meinte: Wir sollen weg-ziehen.
Seitdem habe ich kein Vertrauen mehr.
Ich glaube nicht mehr an die Menschen.
Ich glaube nicht: Die Gesellschaft schützt mich.
Das macht mich sehr traurig.
Und sehr ängstlich.
Mehr über meine Erfahrung steht hier:
Der Artikel heißt: Psycho-Terror gegen einen behinderten Menschen.
Psycho-Terror bedeutet: Jemand macht einem Angst.
Das zeigt: Wir müssen den Anfängen wehren.
Sonst wird es schlimm.

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Es fällt mir zunehmend schwer, noch angemessene Worte zu finden für das Geschehen in einer im wörtlichen Sinne "mörderischen Zeit", in welche uns die Politik weltweit mehr und mehr und anscheinend unaufhaltsam hineinmanövriert. Politischer Resignation war ich in meinem fünfundsiebzigjährigen Leben noch nie derart nahe wie dieser Tage.
Bis vor wenigen Jahren noch konnte es scheinen, mit dem Holocoust-Gedenktag gedächten wir einer „schlimmen Zeit“, die immer weiter in eine von Vergessenheit bedrohte geschichtliche Vergangenheit von uns Heutigen weg rückt. Was für ein Irrtum, welch grausame Illusion! Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Hamas-Massakers (auf das ich mit meiner damaligen November-Kolumne reagiert habe, die im Folgenden unverändert noch einmal zu lesen ist) sind wir offensichtlich – und zwar auch in Europa und dessen geographischer Nähe – erneut in ein Zeitalter des Kriegs, der Genozide und der Menschheitsverbrechen eingetreten. Für gesellschaftlich benachteiligte und politisch ohnmächtige Gruppen, wozu auch das Gros behinderter Menschen zählt, bedeutet ein solcher Befund eine Art Super-Gau, ein größter anzunehmender Unfall.
Denn wie sehr hierzulande gerade auch das düsterste Kapitel der Behindertengeschichte im unmittelbaren Kontext der Holocoust-Historie spielt, darauf hat die deutsch-amerikanische Historikerin und Faschismus-Forscherin Dagmar Herzog soeben in einer vorzüglichen Folge von Raul Krauthausens Aufzugs-Podcast aufmerksam gemacht. Das spannende Gespräch ist eine sehr gute Vertiefung mit ergänzenden Hintergrundinformationen zu den Überlegungen meiner Kolumne. Bislang unerforschte, nicht weiter beachtete oder kaum bedachte geschichtliche Zusammenhänge rücken ins Blickfeld höchst aufschlussreich und von praktischem Nutzen für diejenigen, die trotz allem noch die Kraft haben, sich dem regressiven Sog der Zeitläufte zu widersetzen, tätigen Widerstand zu leisten gegen Zivilisationsbruch und Rückfall in die Barbarei.
Umgebracht werden. Wessen Leben ist als Nächstes bedroht?
Nur hoffen können, nicht umgebracht zu werden. Aber nie sicher sein können, dass es nicht doch geschieht. Was gestern undenkbar schien, ist heute möglich:
Als Angehörige einer minoritären, religiösen, sozialen oder physischen Merkmalsgruppe diskriminiert, verfolgt und umgebracht zu werden. Nicht irgendwo auf der Welt, überall, an jedem Ort. In Deutschland wie schon einmal in jener Zeit, die vor 90 Jahren begann. Als es unter den Minderheiten Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Behinderte traf. Könnte es wieder nach dieser Reihenfolge gehen? Dass jetzt erst einmal das jüdische Leben bedroht ist hierzulande. Wo bereits seit längerem auch das Leben von Muslimen nicht mehr sicher ist. – Sollte all dies Schreckliche schon begonnen haben und wir hatten es bislang nur noch nicht bemerkt?
Keine menschliche Grausamkeit für alle Zeit verbannt
Und das Morden längst im Gange. Ein schrecklicher Gedanke, der als Frage jedoch gedacht werden muss unter dem Eindruck des Entsetzlichen, das in der Welt geschieht. Und dessen vielleicht noch entsetzlichere Fortsetzung anders nicht aufgehalten werden kann, wenn wir den Gedanken weiterhin im Nebel lassen und den Kopf in den Sand stecken. Auch wir Behinderte, die wir uns zurzeit noch in relativer Sicherheit wiegen dürfen. Einer trügerischen womöglich.
Diesen fürchterlichen Gedanken lieber früher denken als zu spät, sage ich mir. Selbst auf die Gefahr hin, der Angst- oder Panikmache bezichtigt zu werden. – Eigentlich hatte ich für diese trübe Novemberkolumne einen historischen Rückblick auf 40 Jahre Gedenkstätte Hadamar vorgehabt. Doch die Gewissheit, das an diesem Ort im Gedächtnis Bewahrte gehöre ein für allemal der Geschichte an, ist bei mir mit einem Male weg. Und deshalb kann ich mittlerweile nicht länger darüber schreiben wie etwas im Giftschrank der Geschichte sicher Verwahrtes. Denn ich fürchte, diese Büchse der Pandora steht plötzlich wieder sperrangelweit offen.
Aber was heißt plötzlich? In den vergangenen Jahren haben sich für mich politisch und gesellschaftlich so viele vermeintliche Sicherheiten in Rauch aufgelöst, dass ich es hätte vorausahnen müssen. Orte des Schreckens wie das hessische Hadamar während der ersten Hälfte der 1940er Jahre haben, weltweit betrachtet, auch zuvor keineswegs der Geschichte angehört, sie waren und sind reale Gegenwart. Nichts aus dem Repertoire menschlicher Grausamkeit, so scheint es mir inzwischen, gehört selbst in den monströsesten Ausmaßen endgültig der Vergangenheit an.
Was im hessischen Hadamar geschah
Was im südhessischen Hanau im Februar 2020 geschehen ist, wissen hierzulande Befragte vielleicht eher als was im mittelhessischen Hadamar 1941 folgende geschah. Dieser Ortsname, eingetragen in der nationalsozialistischen Topographie des Terrors, steht für das NS-Mordprogramm an Behinderten und chronisch Kranken. Ideologisch verbrämt unter dem euphemistischen Begriff „Euthanasie“. Als „schönen Tod“ versuchte die Nazi-Propaganda die bürokratisch geplante und quasi industriell durchgeführte Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ zu rechtfertigen – ein weiterer Ausdruck aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ (so der Buchtitel von Dolf Sternberger) bzw. aus dem Jargon des „ewigen Faschismus“ (ein von Umberto Eco geprägter Terminus). „Lebensunwertes Leben“ und „Euthanasie“ waren die beiden Chiffren für das von den Nationalsozialisten in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplante und in Angriff genommene spezielle Tötungsprogramm mit der verwaltungstechnischen Kennziffer „T4“. Behinderte und chronisch Kranke konnten nicht länger hoffen, nicht ermordet zu werden. In der sogenannten „Anstalt Hadamar“ wurde zwischen 1941 und 1945 ein Teil des Mordprogramms umgesetzt.
Auf eine Schreckensbilanz von 15 000 Ermordeten hat es die Tötungsanstalt Hadamar gebracht. Über 10 000 im ersten Jahr 1941. Fabrikmäßig getötet durch Kohlenmonoxid-Vergiftung, Vergasungskammer und Krematorium bieten sich neben anderen grausigen Details dem Blick der Gedenkstättenbesucher dar. Mehr als 4000 Menschen starben in den darauffolgenden Jahren an Medikamentenüberdosierung und systematischer Mangelernährung. Die Täter und Täterinnen, vom Arzt bis zur Schreibkraft, rekrutierten sich aus dem Stammpersonal der vormaligen „Landesheilanstalt“, ein anderes Wort für psychiatrische Klinik. So gut wie niemand aus dem Kreis der tötungswilligen Vollstrecker wurde hinterher zur Rechenschaft gezogen. – Als vor nunmehr 40 Jahren die „Internationale Gedenkstätte Hadamar“ ins Leben gerufen wurde, waren seit den finsteren Tagen, da dort die Tötungsmaschinerie auf Hochtouren lief, bereits vier Jahrzehnte ins Land gegangen. So lange hat es offenbar gebraucht, bis die bundesrepublikanische Öffentlichkeit das Geschehen und seinen Ort für offiziell denkwürdig befunden hat.
Verlass auf Anwohnerschaft oder Nachbarn?
Dass die Nazis zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs ihrer Schreckensherrschaft bzw. am Ende des von ihnen organisierten Staatsterrors nicht alle Behinderten und chronisch Kranken umgebracht hatten, mag unter anderem auch daran gelegen haben, dass sich in Teilen der Bevölkerung Widerstand und Protest gegen ihre administrative Form der „Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ und der „Gesundung des deutschen Volkskörpers“ regte. Insbesondere wenn von den „Maßnahmen“ Betroffene unter ärztlicher Amtshilfe durch die Polizei oder Gestapo „abgeholt“ oder „abtransportiert“ werden sollten. Dann kam es vor, dass die betroffenen Familien sich wehrten und die gesuchten Personen versteckt haben. Nicht selten unterstützt von einer wachen Dorfgemeinschaft oder von aufgebrachten Nachbarn. Solche Berichte finden sich immer wieder. Wie häufig oder lediglich sporadisch dieser Art der Widersetzlichkeit das Schlimmste zu verhindern vermochte, dürfte schwer zu sagen sein. Doch für die vom Mordprogramm Bedrohten konnte darin ein gewisser Schutz liegen. Ich muss in diesem Zusammenhang immer wieder an den mutigen und ebenfalls erfolgreichen Widerstand der Frauen in der Berliner Rosenstraße denken. Frauen aus sog. Mischehen protestierten 1943 eine Woche lang öffentlich gegen die Inhaftierung ihrer jüdischen Ehemänner, die daraufhin freigelassen wurden.
Jene im Kontext der erinnerungspolitischen Aufarbeitung der NS-Diktatur des öfteren kolportierte Dorfgemeinschaft oder Nachbarschaft, die sich nicht jede NS-Behördenwillkür gefallen lassen wollte, rettete vermutlich auch meiner Tante Anni das Leben. Ein Arzt, der sich für sie einsetzte, als ihre „Einlieferung“ in eine „Anstalt“ auf der Kippe stand, muss überdies dazu beigetragen haben. Andernfalls hätte es die Tante Anni in meiner Kindheit und Jugend nicht gegeben. Sie hatte eine geistige Beeinträchtigung und lebte im Haus meiner Großeltern und war wie diese, ohne eine stärkere Auffälligkeit zu zeigen, ins Dorfleben der kleinen Hunsrückgemeinde integriert. Nach dem Tod der Großeltern in den 1960er Jahren übernahm mein Vater ihre Vormundschaft. Vom Schatten des Todes oder mindestens der Internierung, der in der „Hitler-Zeit“ über ihr schwebte, erfuhren meine Schwester und ich erst nach dem Tod unseres Vaters aus den Vormundschaftsunterlagen. Auch, dass ihre Behinderung die Folge eines Fahrradunfalls als Jugendliche war, ein Sturz, bei dem sie unglücklich auf dem Kopf gelandet war. Wodurch ihr Leben nach den Maßstäben des „Tausendjährigen Reichs“ ein „lebensunwertes“ geworden war.
Eine mutige Anwohnerschaft oder aufmerksame Nachbarn waren also in gewissen Situationen durchaus imstande NS-Bütteln Paroli zu bieten und dafür zu sorgen, dass sie unverrichteter Dinge abziehen mussten. Was sie allerdings in der Zeit davor nicht verhindert hatten, war die staatliche Etablierung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Was sich im nationalsozialistischen Alltag im Verhalten einer Dorfgemeinschaft oder der Nachbarn punktuell an Widerständigkeit zeigt, sind Reste von sozialem Gewissen und moralischem Ethos, das, was ihnen die Indoktrinierung und die NS-Barbarei an Zivilisiertheit bis dahin nicht hatte austreiben können.
Doch wie viel Verlass ist, insbesondere bei massiver staatlicher Repression, auf diese Restbestände an (mit heutigen Worten gesprochen) Zivilcourage und zivilgesellschaftlicher Widerstandsbereitschaft? Auch mit Blick darauf gefragt, was sich zur Zeit vor unseren Augen abspielt. – Ein zentrales Motiv unserer gesamten politischen Erinnerungskultur und von antitotalitären Gedenkstätten wie Hadamar ist das „Wehret den Anfängen!“ Haben wir es gegenwärtig noch mit „Anfängen“ zu tun? Wie viele von den kleinen Zivilisationsbrüchen müssen sich, national und international, ereignet haben, so dass wir nicht umhin können, uns zu fragen, ob wir nicht bereits mitten drin sind in einem Prozess, der auf einen großen globalen Zivilisationsbruch zuläuft und wir uns dies bislang bloß nicht haben eingestehen wollen?
Ist dies zu rabenschwarz gedacht und gefragt? Ich weiß es nicht, mein Pessimismus rührt zudem von persönlichen Erfahrungsparametern her. Da ich bereits von Tante Anni gesprochen habe, warum nicht noch ein Wort zu mir und meiner derzeit vergleichsweise geringeren Gefährdung.
Ein in der Wolle braun gefärbter Nachbar versuchte jahrelang mich und meine Blindenbegleiterin nicht zu ermorden, sondern „nur“ sozial und psychisch zu vernichten. Bisweilen unter den Augen der lokalen Öffentlichkeit, die keine Anstalten machte, sich schützend vor uns zu stellen. Kein „den Anfängen wehren“ seitens der Anwohnerschaft. Ein Nachbar verbündet sich mit dem Täter und ruft nach einer „Endlösung“. Wenn es uns in der Gasse nicht gefalle, müssten wir wegziehen. Vermutlich hat er nicht gemerkt, was er da gesagt hat. Das Wort von der „Endlösung“ wird ihm so herausgerutscht sein. Wie dem Aiwanger als Schüler die Nazi-Späße. – Das Wort Trauma fühlt sich abgegriffen an, aber seit dieser Erfahrung mit der kompletten Fehlanzeige an zivilgesellschaftlichem Beistand, ist endgültig etwas in mir zerbrochen. Der Glaube an die Verlässlichkeit basaler zivilisatorischer Standards in diesem Land.
P.S. Näheres zu der mich und meine Begleiterin traumatisierenden Erfahrungen an unserem Wohnort im deutschen Südwesten, im „biederen Ländle“, ist in meiner ersten Kolumne auf dem kobinet-Nachrichtenportal unter dem Titel „Es geschieht am helllichten Tag“ zu lesen. Ein erschreckendes Beispiel dafür, was geschieht oder geschehen kann, wenn man den Anfängen nicht wehrt, sondern sie gewähren lässt.

Foto: Hans-Willi Weis
Staufen (kobinet) Es fällt mir zunehmend schwer, noch angemessene Worte zu finden für das Geschehen in einer im wörtlichen Sinne "mörderischen Zeit", in welche uns die Politik weltweit mehr und mehr und anscheinend unaufhaltsam hineinmanövriert. Politischer Resignation war ich in meinem fünfundsiebzigjährigen Leben noch nie derart nahe wie dieser Tage.
Bis vor wenigen Jahren noch konnte es scheinen, mit dem Holocoust-Gedenktag gedächten wir einer „schlimmen Zeit“, die immer weiter in eine von Vergessenheit bedrohte geschichtliche Vergangenheit von uns Heutigen weg rückt. Was für ein Irrtum, welch grausame Illusion! Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Hamas-Massakers (auf das ich mit meiner damaligen November-Kolumne reagiert habe, die im Folgenden unverändert noch einmal zu lesen ist) sind wir offensichtlich – und zwar auch in Europa und dessen geographischer Nähe – erneut in ein Zeitalter des Kriegs, der Genozide und der Menschheitsverbrechen eingetreten. Für gesellschaftlich benachteiligte und politisch ohnmächtige Gruppen, wozu auch das Gros behinderter Menschen zählt, bedeutet ein solcher Befund eine Art Super-Gau, ein größter anzunehmender Unfall.
Denn wie sehr hierzulande gerade auch das düsterste Kapitel der Behindertengeschichte im unmittelbaren Kontext der Holocoust-Historie spielt, darauf hat die deutsch-amerikanische Historikerin und Faschismus-Forscherin Dagmar Herzog soeben in einer vorzüglichen Folge von Raul Krauthausens Aufzugs-Podcast aufmerksam gemacht. Das spannende Gespräch ist eine sehr gute Vertiefung mit ergänzenden Hintergrundinformationen zu den Überlegungen meiner Kolumne. Bislang unerforschte, nicht weiter beachtete oder kaum bedachte geschichtliche Zusammenhänge rücken ins Blickfeld höchst aufschlussreich und von praktischem Nutzen für diejenigen, die trotz allem noch die Kraft haben, sich dem regressiven Sog der Zeitläufte zu widersetzen, tätigen Widerstand zu leisten gegen Zivilisationsbruch und Rückfall in die Barbarei.
Umgebracht werden. Wessen Leben ist als Nächstes bedroht?
Nur hoffen können, nicht umgebracht zu werden. Aber nie sicher sein können, dass es nicht doch geschieht. Was gestern undenkbar schien, ist heute möglich:
Als Angehörige einer minoritären, religiösen, sozialen oder physischen Merkmalsgruppe diskriminiert, verfolgt und umgebracht zu werden. Nicht irgendwo auf der Welt, überall, an jedem Ort. In Deutschland wie schon einmal in jener Zeit, die vor 90 Jahren begann. Als es unter den Minderheiten Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Behinderte traf. Könnte es wieder nach dieser Reihenfolge gehen? Dass jetzt erst einmal das jüdische Leben bedroht ist hierzulande. Wo bereits seit längerem auch das Leben von Muslimen nicht mehr sicher ist. – Sollte all dies Schreckliche schon begonnen haben und wir hatten es bislang nur noch nicht bemerkt?
Keine menschliche Grausamkeit für alle Zeit verbannt
Und das Morden längst im Gange. Ein schrecklicher Gedanke, der als Frage jedoch gedacht werden muss unter dem Eindruck des Entsetzlichen, das in der Welt geschieht. Und dessen vielleicht noch entsetzlichere Fortsetzung anders nicht aufgehalten werden kann, wenn wir den Gedanken weiterhin im Nebel lassen und den Kopf in den Sand stecken. Auch wir Behinderte, die wir uns zurzeit noch in relativer Sicherheit wiegen dürfen. Einer trügerischen womöglich.
Diesen fürchterlichen Gedanken lieber früher denken als zu spät, sage ich mir. Selbst auf die Gefahr hin, der Angst- oder Panikmache bezichtigt zu werden. – Eigentlich hatte ich für diese trübe Novemberkolumne einen historischen Rückblick auf 40 Jahre Gedenkstätte Hadamar vorgehabt. Doch die Gewissheit, das an diesem Ort im Gedächtnis Bewahrte gehöre ein für allemal der Geschichte an, ist bei mir mit einem Male weg. Und deshalb kann ich mittlerweile nicht länger darüber schreiben wie etwas im Giftschrank der Geschichte sicher Verwahrtes. Denn ich fürchte, diese Büchse der Pandora steht plötzlich wieder sperrangelweit offen.
Aber was heißt plötzlich? In den vergangenen Jahren haben sich für mich politisch und gesellschaftlich so viele vermeintliche Sicherheiten in Rauch aufgelöst, dass ich es hätte vorausahnen müssen. Orte des Schreckens wie das hessische Hadamar während der ersten Hälfte der 1940er Jahre haben, weltweit betrachtet, auch zuvor keineswegs der Geschichte angehört, sie waren und sind reale Gegenwart. Nichts aus dem Repertoire menschlicher Grausamkeit, so scheint es mir inzwischen, gehört selbst in den monströsesten Ausmaßen endgültig der Vergangenheit an.
Was im hessischen Hadamar geschah
Was im südhessischen Hanau im Februar 2020 geschehen ist, wissen hierzulande Befragte vielleicht eher als was im mittelhessischen Hadamar 1941 folgende geschah. Dieser Ortsname, eingetragen in der nationalsozialistischen Topographie des Terrors, steht für das NS-Mordprogramm an Behinderten und chronisch Kranken. Ideologisch verbrämt unter dem euphemistischen Begriff „Euthanasie“. Als „schönen Tod“ versuchte die Nazi-Propaganda die bürokratisch geplante und quasi industriell durchgeführte Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ zu rechtfertigen – ein weiterer Ausdruck aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ (so der Buchtitel von Dolf Sternberger) bzw. aus dem Jargon des „ewigen Faschismus“ (ein von Umberto Eco geprägter Terminus). „Lebensunwertes Leben“ und „Euthanasie“ waren die beiden Chiffren für das von den Nationalsozialisten in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplante und in Angriff genommene spezielle Tötungsprogramm mit der verwaltungstechnischen Kennziffer „T4“. Behinderte und chronisch Kranke konnten nicht länger hoffen, nicht ermordet zu werden. In der sogenannten „Anstalt Hadamar“ wurde zwischen 1941 und 1945 ein Teil des Mordprogramms umgesetzt.
Auf eine Schreckensbilanz von 15 000 Ermordeten hat es die Tötungsanstalt Hadamar gebracht. Über 10 000 im ersten Jahr 1941. Fabrikmäßig getötet durch Kohlenmonoxid-Vergiftung, Vergasungskammer und Krematorium bieten sich neben anderen grausigen Details dem Blick der Gedenkstättenbesucher dar. Mehr als 4000 Menschen starben in den darauffolgenden Jahren an Medikamentenüberdosierung und systematischer Mangelernährung. Die Täter und Täterinnen, vom Arzt bis zur Schreibkraft, rekrutierten sich aus dem Stammpersonal der vormaligen „Landesheilanstalt“, ein anderes Wort für psychiatrische Klinik. So gut wie niemand aus dem Kreis der tötungswilligen Vollstrecker wurde hinterher zur Rechenschaft gezogen. – Als vor nunmehr 40 Jahren die „Internationale Gedenkstätte Hadamar“ ins Leben gerufen wurde, waren seit den finsteren Tagen, da dort die Tötungsmaschinerie auf Hochtouren lief, bereits vier Jahrzehnte ins Land gegangen. So lange hat es offenbar gebraucht, bis die bundesrepublikanische Öffentlichkeit das Geschehen und seinen Ort für offiziell denkwürdig befunden hat.
Verlass auf Anwohnerschaft oder Nachbarn?
Dass die Nazis zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs ihrer Schreckensherrschaft bzw. am Ende des von ihnen organisierten Staatsterrors nicht alle Behinderten und chronisch Kranken umgebracht hatten, mag unter anderem auch daran gelegen haben, dass sich in Teilen der Bevölkerung Widerstand und Protest gegen ihre administrative Form der „Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ und der „Gesundung des deutschen Volkskörpers“ regte. Insbesondere wenn von den „Maßnahmen“ Betroffene unter ärztlicher Amtshilfe durch die Polizei oder Gestapo „abgeholt“ oder „abtransportiert“ werden sollten. Dann kam es vor, dass die betroffenen Familien sich wehrten und die gesuchten Personen versteckt haben. Nicht selten unterstützt von einer wachen Dorfgemeinschaft oder von aufgebrachten Nachbarn. Solche Berichte finden sich immer wieder. Wie häufig oder lediglich sporadisch dieser Art der Widersetzlichkeit das Schlimmste zu verhindern vermochte, dürfte schwer zu sagen sein. Doch für die vom Mordprogramm Bedrohten konnte darin ein gewisser Schutz liegen. Ich muss in diesem Zusammenhang immer wieder an den mutigen und ebenfalls erfolgreichen Widerstand der Frauen in der Berliner Rosenstraße denken. Frauen aus sog. Mischehen protestierten 1943 eine Woche lang öffentlich gegen die Inhaftierung ihrer jüdischen Ehemänner, die daraufhin freigelassen wurden.
Jene im Kontext der erinnerungspolitischen Aufarbeitung der NS-Diktatur des öfteren kolportierte Dorfgemeinschaft oder Nachbarschaft, die sich nicht jede NS-Behördenwillkür gefallen lassen wollte, rettete vermutlich auch meiner Tante Anni das Leben. Ein Arzt, der sich für sie einsetzte, als ihre „Einlieferung“ in eine „Anstalt“ auf der Kippe stand, muss überdies dazu beigetragen haben. Andernfalls hätte es die Tante Anni in meiner Kindheit und Jugend nicht gegeben. Sie hatte eine geistige Beeinträchtigung und lebte im Haus meiner Großeltern und war wie diese, ohne eine stärkere Auffälligkeit zu zeigen, ins Dorfleben der kleinen Hunsrückgemeinde integriert. Nach dem Tod der Großeltern in den 1960er Jahren übernahm mein Vater ihre Vormundschaft. Vom Schatten des Todes oder mindestens der Internierung, der in der „Hitler-Zeit“ über ihr schwebte, erfuhren meine Schwester und ich erst nach dem Tod unseres Vaters aus den Vormundschaftsunterlagen. Auch, dass ihre Behinderung die Folge eines Fahrradunfalls als Jugendliche war, ein Sturz, bei dem sie unglücklich auf dem Kopf gelandet war. Wodurch ihr Leben nach den Maßstäben des „Tausendjährigen Reichs“ ein „lebensunwertes“ geworden war.
Eine mutige Anwohnerschaft oder aufmerksame Nachbarn waren also in gewissen Situationen durchaus imstande NS-Bütteln Paroli zu bieten und dafür zu sorgen, dass sie unverrichteter Dinge abziehen mussten. Was sie allerdings in der Zeit davor nicht verhindert hatten, war die staatliche Etablierung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Was sich im nationalsozialistischen Alltag im Verhalten einer Dorfgemeinschaft oder der Nachbarn punktuell an Widerständigkeit zeigt, sind Reste von sozialem Gewissen und moralischem Ethos, das, was ihnen die Indoktrinierung und die NS-Barbarei an Zivilisiertheit bis dahin nicht hatte austreiben können.
Doch wie viel Verlass ist, insbesondere bei massiver staatlicher Repression, auf diese Restbestände an (mit heutigen Worten gesprochen) Zivilcourage und zivilgesellschaftlicher Widerstandsbereitschaft? Auch mit Blick darauf gefragt, was sich zur Zeit vor unseren Augen abspielt. – Ein zentrales Motiv unserer gesamten politischen Erinnerungskultur und von antitotalitären Gedenkstätten wie Hadamar ist das „Wehret den Anfängen!“ Haben wir es gegenwärtig noch mit „Anfängen“ zu tun? Wie viele von den kleinen Zivilisationsbrüchen müssen sich, national und international, ereignet haben, so dass wir nicht umhin können, uns zu fragen, ob wir nicht bereits mitten drin sind in einem Prozess, der auf einen großen globalen Zivilisationsbruch zuläuft und wir uns dies bislang bloß nicht haben eingestehen wollen?
Ist dies zu rabenschwarz gedacht und gefragt? Ich weiß es nicht, mein Pessimismus rührt zudem von persönlichen Erfahrungsparametern her. Da ich bereits von Tante Anni gesprochen habe, warum nicht noch ein Wort zu mir und meiner derzeit vergleichsweise geringeren Gefährdung.
Ein in der Wolle braun gefärbter Nachbar versuchte jahrelang mich und meine Blindenbegleiterin nicht zu ermorden, sondern „nur“ sozial und psychisch zu vernichten. Bisweilen unter den Augen der lokalen Öffentlichkeit, die keine Anstalten machte, sich schützend vor uns zu stellen. Kein „den Anfängen wehren“ seitens der Anwohnerschaft. Ein Nachbar verbündet sich mit dem Täter und ruft nach einer „Endlösung“. Wenn es uns in der Gasse nicht gefalle, müssten wir wegziehen. Vermutlich hat er nicht gemerkt, was er da gesagt hat. Das Wort von der „Endlösung“ wird ihm so herausgerutscht sein. Wie dem Aiwanger als Schüler die Nazi-Späße. – Das Wort Trauma fühlt sich abgegriffen an, aber seit dieser Erfahrung mit der kompletten Fehlanzeige an zivilgesellschaftlichem Beistand, ist endgültig etwas in mir zerbrochen. Der Glaube an die Verlässlichkeit basaler zivilisatorischer Standards in diesem Land.
P.S. Näheres zu der mich und meine Begleiterin traumatisierenden Erfahrungen an unserem Wohnort im deutschen Südwesten, im „biederen Ländle“, ist in meiner ersten Kolumne auf dem kobinet-Nachrichtenportal unter dem Titel „Es geschieht am helllichten Tag“ zu lesen. Ein erschreckendes Beispiel dafür, was geschieht oder geschehen kann, wenn man den Anfängen nicht wehrt, sondern sie gewähren lässt.




