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15.000 Polstertüten rollen pro Woche

Mitarbeiter hantiert am Ende eines Förderbandes Papierrollen weg
In einer Produktionslinie von Karopack Meißen
Foto: Andrea Djifroudi

MEISENHEIM (kobinet)

"Seit vier Jahren ist unsere Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen in Meisenheim auf dem Gelände des Bodelschwingh Zentrums Partner von Karopack. Was als kleiner Testlauf begann, ist mittlerweile ein solides wirtschaftliches Standbein für den Betrieb. Denn die nachhaltigen und umweltfreundlichen Verpackungspolster, die hier von den Beschäftigten hergestellt werden, sind gefragt. Gingen vor zwei Jahren schon monatlich 10.000 mit den weißen gekreuzten Schwertern von Meißner Porzellan am Glan vom Band, rollen heute wöchentlich 15.000 Polstertüten mit den Emblemen der verschiedensten Industriekunden per Lkw vom Hof der Werkstatt. Dazu zählen Firmen aus der Kosmetikbranche ebenso wie Maschinenbauer und andere Industriekunden. Sie alle vertrauen ihre Waren den Verpackungspolstern an, damit diese sicher und heil beim Kunden ankommen. Die Beschäftigten der Werkstatt und natürlich auch Betriebsleiter Rüdiger Fett macht das stolz." So heißt es in einer Presseinformation der Stiftung kreuznacher Diakonie.

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Uwe Heineker
01.08.2026 12:06

15.000 Polstertüten pro Woche: Wenn industrielle Wertschöpfung auf staatlich alimentierte Armut trifft

Die Jubelmeldung über die WfbM der Stiftung kreuznacher Diakonie in Meisenheim entlarvt bei genauer Betrachtung die fundamentale Doppelmoral des deutschen Werkstättensystems. Was als Erfolg verkauft wird, ist keine reine „therapeutische Beschäftigung“, sondern knallharte, marktfähige Massenproduktion für namhafte Industriekunden.

Drei analytische Fakten zur Realität dieses Geschäftsmodells:

  1. Echte industrielle Wertschöpfung vs. Almosen-Entlohnung: 15.000 Polstertüten pro Woche für Kosmetikkonzerne, Maschinenbauer und Porzellanmanufakturen sind eine erhebliche wirtschaftliche Leistung. Doch während der Betrieb ein „solides wirtschaftliches Standbein“ feiert, bleiben die ausführenden Beschäftigten rechtlich im Sonderstatus der „arbeitnehmerähnlichen Person“ gefangen – abgespeist mit durchschn. 220 Euro im Monat.
  2. Verdeckte Subventionierung der Industrie: Freie Unternehmen nutzen die billige Infrastruktur der Werkstätten, um nachhaltige Verpackungen zu Tiefstpreisen herstellen zu lassen. Der Staat und die Steuerzahler füttern diese Niedrigstlohn-Produktion auf, indem sie die resultierende Armut mit Grundsicherung zustopfen.
  3. Konstruierte Abhängigkeit statt Übergang in den Arbeitsmarkt: Wenn eine Produktionslinie derart stabil und nachgefragt läuft, stellt sich die entscheidende Frage: Warum wird dieser Arbeitsbereich nicht ausgegliedert und in eine Inklusionsfirma oder in reguläre Arbeitsverhältnisse auf dem ersten Arbeitsmarkt umgewandelt? Die Antwort liegt auf der Hand: Werkstattträger können auf profitabel arbeitende Beschäftigte nicht verzichten, wenn sie ihr eigenes Sonderwelten-System wirtschaftlich konsolidieren wollen.

In meinem Buch „2031 – Deutschland, die Welt blickt auf dich!“ benenne ich genau diese Praxis beim Namen: Es ist ein eklatanter Verstoß gegen Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention.
Arbeit, die industriellen Maßstäben genügt, muss auch nach regulären arbeitsrechtlichen Maßstäben entlohnt werden. Schluss mit der Umwandlung von Menschenrechten in profitable Träger-Geschäftsmodelle!

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