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Fladungen (kobinet)
Wenn das System wechselt und das Problem bleibt
Karsten Krampitz erzählt in seinem 2025 erschienenen Roman "Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung" von einem ungewöhnlichen Ort in der DDR. Junge Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen wollen nicht dort leben, wo die gesellschaftliche Ordnung sie vorgesehen hat. Gemeinsam mit nichtbehinderten Unterstützern entsteht auf einem alten Pfarrhof im thüringischen Hartroda eine Kommune. Menschen mit Behinderung, Pfleger, Musiker, Aussteiger und andere Unangepasste leben dort miteinander und versuchen, ihre eigenen Vorstellungen von Freiheit und Abhängigkeit zu verwirklichen.
Die Geschichte wirkt wie eine literarische Versuchsanordnung. Sie ist es nur zum Teil. Krampitz greift die reale Geschichte der Kommune Hartroda auf. Hinter einer seiner zentralen Figuren steht Matthias Vernaldi, der später zu einer wichtigen Stimme der deutschen Behindertenbewegung wurde. Wer vom Roman aus dieser tatsächlichen Geschichte folgt, stößt deshalb auf mehr als eine außergewöhnliche Episode aus der DDR. Hartroda führt zu einer Frage, die bis heute nicht beantwortet ist. Welchen Platz bekommt ein Mensch in einer Gesellschaft, wenn er dauerhaft auf andere angewiesen ist, kaum oder gar nicht arbeiten kann und sich damit den Vorstellungen von Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit und Produktivität entzieht?
Ein Platz war vorgesehen
Matthias Vernaldi kannte die Antwort der DDR auf diese Frage aus eigener Erfahrung. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in einer Einrichtung für körperbehinderte Kinder in Gotha. Die institutionelle Unterbringung bedeutete nicht einfach, an einem anderen Ort zur Schule zu gehen. Sie bedeutete die Trennung vom gewöhnlichen Alltag anderer Kinder, ein Leben innerhalb vorgegebener Abläufe und eine Versorgung, die sich zwangsläufig an den Möglichkeiten einer Institution orientierte. Auch der medizinische Umgang mit seinem Körper war von der Vorstellung geprägt, körperliche Abweichungen möglichst korrigieren zu müssen.
Dahinter musste keine ausdrückliche Feindseligkeit gegenüber Menschen mit Behinderung stehen. Genau das macht solche Strukturen so schwer greifbar. Eine Gesellschaft kann Menschen aussondern, während sie überzeugt ist, besonders gut für sie zu sorgen. Sie kann besondere Schulen, besondere Wohnformen, besondere Arbeitswelten und besondere Betreuungssysteme schaffen und dies mit Schutz, Förderung, medizinischer Notwendigkeit oder fachlicher Kompetenz begründen. Der behinderte Mensch wird dabei nicht verstoßen. Im Gegenteil. Es wird für ihn gesorgt. Er bekommt einen Platz. Nur hat er diesen Platz häufig nicht selbst gewählt.
Für junge Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf wurde diese Logik spätestens beim Übergang ins Erwachsenenleben unübersehbar. Für Vernaldi und andere stellte sich nicht die heute zumindest rechtlich selbstverständliche Frage, welche Unterstützung sie benötigen würden, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die vorhandenen Möglichkeiten liefen weitgehend darauf hinaus, innerhalb der Familie versorgt zu werden oder in einer Einrichtung zu leben. Hartroda entstand aus der Weigerung, diese Auswahl für eine wirkliche Wahl zu halten.
Nützlichkeit braucht keinen Kapitalismus
An dieser Stelle bekommt die Geschichte eine Bedeutung, die weit über die DDR hinausreicht. Ableismus wird häufig mit kapitalistischer Verwertungslogik erklärt. Der Zusammenhang liegt nahe. Eine Wirtschaftsordnung, in der Erwerbsarbeit, Effizienz, Konkurrenz und wirtschaftlicher Erfolg eine zentrale Rolle spielen, erzeugt einen starken Maßstab der Leistungsfähigkeit. Wer dauerhaft Unterstützung benötigt und nur eingeschränkt oder gar nicht am Erwerbsleben teilnehmen kann, gerät leicht auf die Seite der Kosten. Assistenz kostet Geld, Pflege kostet Geld, Barrierefreiheit kostet Geld. Aus einem Menschen mit Bedürfnissen kann eine finanzielle Belastung werden, über deren Umfang und Zumutbarkeit verhandelt wird. Das ist real und es wäre unsinnig, diesen Zusammenhang zu bestreiten. Aber er erklärt den Ursprung des Problems nicht.
Die DDR hatte die kapitalistische Wirtschaftsordnung beseitigt. Private Profitinteressen sollten gerade nicht darüber bestimmen, welchen gesellschaftlichen Wert ein Mensch besitzt. Trotzdem verschwanden die Kategorien von Leistung, Arbeitsfähigkeit und Produktivität nicht. Sie erhielten eine andere politische Begründung. Auch der Arbeiter-und-Bauern-Staat orientierte sich an einer Vorstellung gesellschaftlich anerkannter Leistung, in deren Mittelpunkt vor allem Arbeit und der sichtbare Beitrag zur Produktion standen.
Schon der Begriff der Produktivität ist dabei nicht neutral. Menschen mit Behinderung können gesellschaftlich, kulturell, politisch oder zwischenmenschlich vieles leisten, ohne dass diese Beiträge als Arbeit erfasst, bezahlt oder überhaupt als produktiv anerkannt werden. Produktivität ist deshalb nicht einfach eine objektiv feststellbare Eigenschaft eines Menschen. Eine Gesellschaft entscheidet mit darüber, welche Tätigkeiten sie als produktiv bewertet, welchen sie einen messbaren Wert zuschreibt und welche sie weitgehend unsichtbar macht.
Wer aufgrund einer schweren Behinderung nicht oder nur eingeschränkt in die jeweils anerkannte Form von Arbeit eingebunden werden konnte, galt damit schnell als jemand, von dem wenig gesellschaftliche Produktivität zu erwarten war. Das sagt möglicherweise weniger über den tatsächlichen Beitrag dieses Menschen zur Gesellschaft aus als über den Maßstab, mit dem dieser Beitrag gemessen wurde.
Genau darin liegt eine Verbindung zur Gegenwart. Heute kann dieser Maßstab stärker monetär geprägt sein, indem Erwerbsfähigkeit, Einkommen, Kosten und wirtschaftliche Verwertbarkeit in den Vordergrund treten. Menschen können zugleich gesellschaftlich etwas beitragen, Wissen weitergeben, Beziehungen tragen, politische oder kulturelle Arbeit leisten und dennoch als nicht erwerbsfähig gelten. Erst wenn Erwerbsfähigkeit mit Produktivität und Produktivität wiederum mit gesellschaftlichem Wert vermischt wird, entsteht jene Hierarchie, in der manche Menschen als Leistende und andere vor allem als Empfänger gesellschaftlicher Ressourcen erscheinen.
Das ist mehr als eine historische Randnotiz. Es setzt einer verbreiteten Erklärung eine deutliche Grenze. Wenn Nützlichkeitsdenken, institutionelle Separation und die Orientierung am leistungsfähigen Körper auch in einer Gesellschaft fortbestehen, die kapitalistische Profitlogik ausdrücklich überwunden hat, dann kann diese Profitlogik nicht die grundlegende Ursache des Ableismus sein.
Kapitalismus kann Ableismus verschärfen. Er kann ihm eine spezifische ökonomische Sprache geben und gesellschaftlichen Druck erhöhen. Er kann aus Unterstützung Kosten und aus Unterstützungsbedarf eine Belastung machen. Aber er hat die Unterscheidung zwischen dem gesellschaftlich als nützlich anerkannten und dem vermeintlich weniger nützlichen Menschen nicht erfunden. Und seine Abschaffung lässt diese Unterscheidung offenbar nicht automatisch verschwinden. Die DDR ist dafür kein theoretisches Gedankenexperiment. Sie hat es ausprobiert.
Hartroda war keine Systemleistung
Die Kommune Hartroda entstand nicht, weil der Sozialismus für Menschen mit schweren Behinderungen automatisch eine emanzipatorische Lebensform hervorgebracht hätte. Sie entstand gerade deshalb, weil die vorhandenen Strukturen diese Lebensform nicht vorsahen. Vernaldi und andere wollten weder dauerhaft von ihren Familien abhängig bleiben noch ihr Erwachsenenleben in einer Pflegeeinrichtung verbringen. Gemeinsam mit nichtbehinderten Menschen organisierten sie deshalb Unterstützung außerhalb der üblichen institutionellen Wege.
Man sollte daraus keine romantische Geschichte machen. Ein selbstbestimmtes Leben beseitigt keinen Unterstützungsbedarf. Wer Hilfe beim Aufstehen, Waschen, Anziehen, Essen oder bei anderen alltäglichen Verrichtungen benötigt, braucht diese Hilfe auch in einer Kommune. Abhängigkeit verschwindet nicht dadurch, dass man die Institution verlässt. Und wo Menschen voneinander abhängig sind, können Unzuverlässigkeit, Konflikte und Machtprobleme entstehen.
Hartroda veränderte deshalb nicht die Tatsache der Abhängigkeit. Es veränderte die Frage, wer über ihre Organisation bestimmen sollte. Das ist ein entscheidender Unterschied. Eine institutionelle Struktur beginnt bei dem, was sie anbieten kann. Sie besitzt Personal, Abläufe, Dienstpläne, Gebäude und Regeln. Der einzelne Mensch wird innerhalb dieser Struktur versorgt. Eine selbstbestimmte Unterstützung beginnt dagegen bei dem Leben, das ein Mensch führen möchte, und fragt anschließend, welche Hilfe dafür notwendig ist.
Genau diese Umkehrung war radikal. Nicht weil dadurch alle Probleme gelöst wurden, sondern weil der Mensch mit Unterstützungsbedarf nicht länger nur Gegenstand einer für ihn vorgesehenen Versorgung sein wollte.
Die freundliche Seite der Separation
Die Geschichte Hartrodas zeigt zugleich, dass Separation keine politische Ideologie und keinen offenen Hass benötigt. Auch ein fürsorgliches Menschenbild kann zu ihr führen. Wer überzeugt ist, Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf seien in einer spezialisierten Einrichtung am sichersten und am besten versorgt, kann mit besten Absichten eine Ordnung verteidigen, die diesen Menschen wesentliche Entscheidungen über ihr eigenes Leben entzieht.
Das ist die schwierige Seite der Behindertenfeindlichkeit. Sie kommt nicht immer als Feind daher. Offene Menschenfeindlichkeit ist vergleichsweise leicht zu erkennen. Wer Menschen mit Behinderung als minderwertig bezeichnet, ihnen Rechte abspricht oder ihren Lebenswert infrage stellt, macht seine Position sichtbar. Schwieriger wird es dort, wo Aussonderung als Fürsorge erscheint. Dort muss niemand behaupten, Menschen mit Behinderung seien weniger wert. Es genügt die Überzeugung, dass für sie andere Orte, andere Regeln und andere Lebensformen geeigneter seien.
So entsteht gute Aufbewahrung.
Die Menschen werden versorgt, vielleicht sogar hervorragend. Fachkräfte kümmern sich um sie, Gebäude werden angepasst, Tagesabläufe organisiert und erhebliche finanzielle Mittel bereitgestellt. Gerade deshalb kann die grundsätzliche Frage aus dem Blick geraten, warum diese Menschen überhaupt in einer eigenen gesellschaftlichen Struktur leben sollen.
Auch Aussonderung kostet Geld
Damit stößt man auf einen weiteren Widerspruch. Wenn Ableismus vor allem aus ökonomischer Verwertungslogik erklärt wird, müsste eine großzügige Finanzierung eigentlich einen wesentlichen Teil des Problems lösen. Das tut sie aber nicht zwangsläufig.
Auch Separation ist teuer. Pflegeeinrichtungen benötigen Gebäude und Personal. Förderschulen brauchen Lehrkräfte, Fahrdienste und besondere Infrastruktur. Werkstätten für behinderte Menschen benötigen Immobilien, Fachpersonal und Verwaltung. Eine Gesellschaft kann erhebliche Summen für Menschen mit Behinderung ausgeben und gleichzeitig ein hoch entwickeltes System ihrer Besonderung erhalten.
Die Höhe der Ausgaben sagt deshalb wenig darüber aus, wie selbstbestimmt Menschen leben können. Entscheidend ist, wofür diese Ressourcen verwendet werden. Man kann mit ihnen Sonderwelten finanzieren oder individuelle Unterstützung ermöglichen. Man kann Menschen an vorhandene Strukturen anpassen oder Strukturen an unterschiedliche Menschen.
Zwischen Geld und gesellschaftlicher Teilhabe liegt deshalb eine normative Entscheidung. Eine Gesellschaft muss zunächst beantworten, welches Leben sie Menschen mit Behinderung überhaupt zugesteht. Erst danach entscheidet sich, wofür sie ihre Ressourcen einsetzt. Das Menschenbild steht damit nicht einfach neben den materiellen Verhältnissen. Es beeinflusst, welche materiellen Verhältnisse geschaffen werden.
Das System verschwand und der Kampf blieb
Die DDR verschwand 1990. Damit verschwand auch das politische und wirtschaftliche System, innerhalb dessen Vernaldi und die anderen Bewohner Hartrodas ihre Selbstbestimmung erkämpft hatten. Für Vernaldi war die Auseinandersetzung damit nicht beendet.
Er zog später nach Berlin und organisierte sein Leben mit persönlicher Assistenz. Er wurde selbst Arbeitgeber seiner Assistenten und engagierte sich politisch für bessere Bedingungen der Assistenz und für die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung. Aus dem Konflikt mit der institutionellen Ordnung der DDR wurde ein Konflikt mit Behörden, Kostenträgern und politischen Entscheidungen einer liberalen, kapitalistischen Demokratie.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, DDR und Bundesrepublik gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung würde die erheblichen Unterschiede hinsichtlich politischer Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, individuellen Rechten und Möglichkeiten gesellschaftlicher Gegenwehr ignorieren. Gerade diese Unterschiede machen Vernaldis Biografie interessant.
Das System änderte sich grundlegend. Das Recht auf Selbstbestimmung wurde erheblich stärker. Die gesellschaftlichen Möglichkeiten veränderten sich. Trotzdem musste ein Mensch mit hohem Unterstützungsbedarf weiterhin darum kämpfen, dass seine Selbstbestimmung nicht an Kosten, Zuständigkeiten oder Vorstellungen angemessener Versorgung scheiterte. Der Systemwechsel verbesserte Bedingungen. Er beseitigte das Grundproblem nicht.
Die falsche Hoffnung auf die richtige Ordnung
Vielleicht ist deshalb die Suche nach der einen politischen oder wirtschaftlichen Ursache selbst Teil des Problems. Sie verspricht eine Klarheit, die die Geschichte nicht hergibt. Wenn Ableismus aus dem Kapitalismus entsteht, müsste seine Überwindung das Problem grundsätzlich lösen. Wenn er vor allem eine Erscheinung rechter Politik ist, müsste eine demokratische oder linke Mehrheit zumindest den wesentlichen Teil des Problems beseitigen können. Die historische Erfahrung spricht dagegen.
Kapitalistische Gesellschaften können Menschen nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit beurteilen. Sozialistische Gesellschaften können sie nach gesellschaftlich anerkannter Produktivität beurteilen. Medizin kann Körper nach Vorstellungen von Gesundheit und Normalität einordnen. Pädagogik kann besondere Bildungswege mit besonderem Förderbedarf begründen. Sozialpolitik kann Sonderstrukturen schaffen, weil sie Versorgung sicherstellen möchte. Familien können aus Sorge Entscheidungen übernehmen, die ein Mensch selbst treffen möchte.
Diese Dinge sind nicht dasselbe. Ihre Ursachen, ihre Machtverhältnisse und ihre Folgen müssen auseinandergehalten werden. Aber sie können an einem bestimmten Punkt zum gleichen Ergebnis führen. Ein Mensch wird nicht zuerst als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft betrachtet, das Unterstützung benötigt. Seine Behinderung wird zum Grund dafür, ihm einen besonderen gesellschaftlichen Platz zuzuweisen. Deshalb kann die Antwort nicht einfach lauten, wir müssten nur das richtige System schaffen.
Wenn es eng wird
Das wird besonders relevant, wenn gesellschaftliche Ressourcen tatsächlich knapper werden. Wirtschaftliche Krisen, Krieg, demografische Veränderungen, Personalmangel oder politische Verteilungskämpfe können den Druck auf soziale Leistungen erheblich erhöhen. Dann besteht selbstverständlich die Gefahr, dass Rechte, die in guten Zeiten selbstverständlich erscheinen, plötzlich wieder unter Finanzierungsvorbehalt geraten.
Aber auch eine solche Krise beantwortet nicht die entscheidende Frage. Sie erklärt vielleicht, warum weniger verteilt werden kann. Sie erklärt noch nicht, nach welchen Kriterien verteilt wird und bei wem zuerst Einschränkungen als zumutbar erscheinen.
Wenn eine Gesellschaft in einer Krise beginnt, Selbstbestimmung gegen Effizienz abzuwägen, persönliche Assistenz als Luxus zu betrachten oder institutionelle Unterbringung wieder als vernünftige Lösung zu entdecken, entstehen diese Vorstellungen nicht notwendig erst in der Krise. Möglicherweise waren sie längst vorhanden. Die Krise kann etwas anderes tun. Sie kann die Hemmungen beseitigen, die ihre praktische Durchsetzung bislang begrenzt haben.
Dann wäre wirtschaftlicher Druck nicht die Ursache des zugrunde liegenden Menschenbildes. Er wäre der Verstärker, unter dem dieses Menschenbild deutlicher sichtbar wird.
Was Hartroda uns hinterlässt
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung der Geschichte hinter Krampitz’ Roman. Hartroda erzählt nicht davon, dass Sozialismus gescheitert und Kapitalismus deshalb die bessere Antwort sei. Ebenso wenig beweist die fortbestehende Benachteiligung im Kapitalismus die Überlegenheit einer sozialistischen Ordnung. Die Geschichte verweigert gerade diese bequeme Auflösung.
Matthias Vernaldi musste unter sehr unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen immer wieder dieselbe grundlegende Forderung stellen. Er wollte nicht, dass andere aus seinem Unterstützungsbedarf ableiteten, wie und wo er zu leben habe. Er wollte Unterstützung, ohne dafür die Verfügung über sein eigenes Leben abzugeben.
Genau darin liegt möglicherweise die tiefere Konstante. Gesellschaften unterscheiden sich erheblich darin, welche Rechte sie gewähren, welche Ressourcen sie bereitstellen und wie viel Gegenwehr sie ermöglichen. Trotzdem können sehr unterschiedliche Ordnungen Vorstellungen davon hervorbringen oder übernehmen, welcher Körper normal ist, welcher Mensch leistungsfähig sein sollte, welche Abhängigkeit akzeptabel ist und wer einen besonderen Platz benötigt.
Kapitalismus kann diese Vorstellungen benutzen. Sozialismus konnte sie benutzen. Medizin kann sie benutzen. Fürsorge kann sie benutzen. Rechte Politik kann sie radikalisieren und die demokratische Mitte kann sie in gut gemeinten Strukturen verwalten.
Das bedeutet nicht, dass alles gleich ist. Es bedeutet etwas Unbequemeres. Vielleicht wechseln die Systeme leichter als das Bild vom Menschen, das in ihnen weiterlebt.
Weitere Teile der Essayreihe
Teil I: Ableismus - jenseits der Systeme
Teil II: Ableismus - jenseits der Systeme II – Warum ist unser Menschenbild so, wie es ist?





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