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Ableismus jenseits der Systeme II

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Ableismus jenseits der Systeme
Ableismus jenseits der Systeme
Foto: Ralph Milewski / KI

Fladungen (kobinet)

Warum ist unser Menschenbild so, wie es ist?

In meinem Essay "Ableismus jenseits der Systeme" bin ich der Frage nachgegangen, ob sich die fortdauernde Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung tatsächlich aus einem bestimmten politischen oder wirtschaftlichen System erklären lässt. Der historische Vergleich macht eine solche Erklärung schwierig. Menschen mit Behinderung wurden in kapitalistischen Gesellschaften separiert, aber ebenso im Realsozialismus. Sie wurden unter konservativen, sozialdemokratischen und sozialistischen Regierungen in Sonderstrukturen verwiesen. Rechte Ideologien haben ihre Abwertung bis zum Äußersten radikalisiert. Aber sie haben sie nicht erfunden.

Selbst die Bundesrepublik baute einen wesentlichen Teil ihres Sondersystems nicht in einer Phase eines vermeintlich entfesselten Kapitalismus auf, sondern in den Jahrzehnten der Sozialen Marktwirtschaft und des expandierenden Sozialstaates. Es wurde Geld ausgegeben. Es wurden Einrichtungen gebaut, Werkstätten geschaffen, Sonderschulen betrieben, Wohnheime finanziert und professionelle Hilfesysteme entwickelt. Menschen mit Behinderung wurden keineswegs einfach sich selbst überlassen. Man kümmerte sich um sie. Nur eben häufig woanders.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Eine Gesellschaft kann erhebliche Ressourcen für Menschen mit Behinderung aufwenden und sie gleichzeitig separieren. Ökonomische Verwertbarkeit allein erklärt dieses Verhalten nur unzureichend. Das damalige System war bereit, beträchtliche Mittel für Versorgung, Betreuung, Förderung und Beschäftigung auszugeben und schuf damit gleichzeitig jene Sonderwelten, deren Überwindung uns heute so schwerfällt.

Auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze existierte eine völlig andere Wirtschaftsordnung. Und auch dort galten Menschen mit Behinderung häufig als Menschen, für die besondere Einrichtungen, besondere Bildungswege und besondere Lebensräume vorgesehen waren. Zwei gegensätzliche Wirtschaftssysteme. Ähnliche Antworten auf Behinderung.

Deshalb führte mich die erste Untersuchung zum Menschenbild. Dort möchte ich weitermachen. Nicht weil die These vom Menschenbild unzureichend wäre, sondern weil sich aus ihr eine neue Frage ergibt: Warum ist unser Menschenbild so, wie es ist?

Nicht nur die Abweichung betrachten

Wer sich mit Ableismus beschäftigt, schaut verständlicherweise zunächst auf Menschen mit Behinderung. Wir untersuchen Diskriminierung, Ausgrenzung, Sonderstrukturen, mangelnde Selbstbestimmung und gesellschaftliche Barrieren. Wir fragen, weshalb ein Mensch als abweichend betrachtet wird und weshalb aus einer körperlichen, geistigen oder psychischen Eigenschaft gesellschaftliche Nachteile entstehen. Das ist notwendig.

Für die Ursachenfrage lohnt es sich jedoch, zusätzlich den Gegenpol zu betrachten. Dabei geht es nicht nur um die Unterscheidung zwischen "normal" und "nicht normal". Denn Menschen besitzen nicht lediglich Vorstellungen davon, was normal ist. Sie besitzen Vorstellungen davon, was ideal ist. Das ist etwas anderes.

Ein Mensch muss kein Hochleistungssportler sein, um als normal zu gelten. Trotzdem bewundern wir außergewöhnliche sportliche Leistung. Ein Mensch muss nicht außergewöhnlich intelligent sein, um gesellschaftlich als normal zu gelten. Trotzdem genießt hohe Intelligenz Ansehen. Ein Mensch muss keinem Schönheitsideal entsprechen, um als normal wahrgenommen zu werden. Trotzdem streben Millionen Menschen danach, schöner, schlanker, kräftiger oder jünger auszusehen.

Gesundheit, Stärke, Schönheit, Intelligenz, Leistungsfähigkeit, Selbstständigkeit, Erfolg und Status besitzen einen positiven Wert. Wir streben nach Idealen. Wir haben Präferenzen. Wir setzen Prioritäten. Das lässt sich kaum bestreiten.

Und sobald wir etwas aufwerten, entsteht zwangsläufig ein Gegenpol. Ein Ideal wäre kein Ideal, wenn ihm jede andere Ausprägung vollkommen gleichwertig gegenüberstünde. Wer Gesundheit für erstrebenswert hält, bevorzugt Gesundheit gegenüber Krankheit. Wer körperliche Leistungsfähigkeit bewundert, bewertet hohe Leistungsfähigkeit positiver als deren Verlust. Wer Schönheit idealisiert, unterscheidet zwischen mehr und weniger attraktiv. Das ist zunächst weder eine politische Ideologie noch ein Wirtschaftssystem. Es ist eine Bewertung.

Der ideale Mensch ist sehr alt

Wie alt solche Bewertungen sind, lässt sich schon an einem ziemlich offensichtlichen Beispiel sehen. Die Olympischen Spiele sind mehr als zweieinhalb Jahrtausende alt. Lange bevor es Kapitalismus, Sozialismus, moderne Parteien oder Nationalstaaten gab, traten Menschen gegeneinander an, um herauszufinden, wer schneller, stärker und leistungsfähiger war. Die Sieger wurden bewundert und ausgezeichnet.

Natürlich waren die antiken Olympischen Spiele etwas anderes als die modernen. Und selbstverständlich lässt sich aus ihnen keine vollständige Geschichte menschlicher Idealvorstellungen ableiten. Aber sie zeigen etwas Bemerkenswertes: Die Bewunderung außergewöhnlicher menschlicher Leistungsfähigkeit ist sehr viel älter als unsere modernen politischen Systeme.

Ähnliches lässt sich bei Schönheit, Stärke, Mut, Klugheit, Fruchtbarkeit, gesellschaftlichem Ansehen und anderen positiv bewerteten Eigenschaften beobachten. Die konkrete Gestalt des Ideals verändert sich. Kulturen und Epochen setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Was an einem Ort als schön gilt, kann anderswo anders bewertet werden. Was in einer Gesellschaft hohen Status signalisiert, kann hundert Jahre später bedeutungslos sein.

Aber die Unterschiede sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen offenbar immer wieder Vorstellungen davon entwickeln, wie ein besonders erstrebenswerter Mensch aussieht oder welche Eigenschaften besonders wünschenswert sind. Es gibt nicht das eine universelle Ideal. Aber es gibt immer wieder Idealisierung.

Die Ideale wechseln, die Bewertung bleibt

Körperfülle ist dafür ein schönes Beispiel. In bestimmten historischen Zusammenhängen konnte ein üppiger Körper positiv bewertet werden. Daraus könnte man schließen, menschliche Ideale seien vollkommen beliebig. Doch möglicherweise wurde dabei gar nicht Körperfülle als solche idealisiert. Sie konnte Wohlstand, Versorgungssicherheit oder gesellschaftlichen Status sichtbar machen. Wer sich reichlich ernähren konnte, zeigte damit auch, dass er über Ressourcen verfügte.

Heute kann ausgerechnet der durchtrainierte Körper eine ähnliche soziale Funktion übernehmen. Er kann Zeit, Geld, Disziplin, Ernährung, Freizeit und Zugang zu bestimmten Lebensbedingungen signalisieren. Das sichtbare Ideal kann sich also verändern oder sogar umkehren, während die darunterliegende Bewertung bestehen bleibt.

Menschen bewerten Eigenschaften nicht im luftleeren Raum. Sie bewerten sie unter ihren jeweiligen Lebensbedingungen. Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Attraktivität, Ressourcen, Sicherheit und Status können unterschiedlich gewichtet werden. Manchmal steht eines über dem anderen. Deshalb wäre es zu einfach, nach einem festen Katalog des idealen Menschen zu suchen.

Interessanter ist die Frage, warum Menschen überhaupt solche Ideale bilden und warum bestimmte grundlegende Eigenschaften in sehr unterschiedlichen kulturellen Varianten immer wieder positiv besetzt werden. Darauf wird es wahrscheinlich keine einzige Antwort geben.

Ein Teil dürfte kulturell gelernt sein. Ein Teil entsteht aus den jeweiligen gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Und es wäre zumindest plausibel, dass manche Präferenzen wesentlich ältere biologische und evolutionäre Grundlagen besitzen. Gesundheit, körperliche Funktionsfähigkeit, soziale Kompetenz, Ressourcensicherheit und möglicherweise bestimmte Attraktivitätsmerkmale konnten für Überleben, Kooperation und Fortpflanzung von Bedeutung sein, lange bevor Menschen politische Theorien entwickelten.

Das bedeutet nicht, dass Ableismus evolutionär programmiert wäre. Eine solche Behauptung wäre genauso kurzsichtig wie die Behauptung, Ableismus sei eine Erfindung des Kapitalismus. Es bedeutet lediglich, dass politische und wirtschaftliche Systeme nicht auf einer leeren Fläche entstehen. Sie werden von Menschen geschaffen, die bereits Präferenzen besitzen, Unterschiede wahrnehmen und Bewertungen vornehmen.

Der Mensch bewertet Menschen

Und damit wird das Problem größer als Ableismus. Menschen bewerten einander schließlich nicht nur anhand von Behinderung.

Sie bewerten Aussehen, Sprache, Herkunft, Kultur, Hautfarbe, Geschlecht, Alter, soziale Stellung, Bildung, Fähigkeiten, Verhalten und Zugehörigkeit. Die daraus hervorgegangenen Formen von Diskriminierung sind nicht identisch. Rassismus ist nicht Ableismus, Sexismus ist nicht Klassismus, Fremdenfeindlichkeit ist nicht Behindertenfeindlichkeit. Aber unter diesen unterschiedlichen Erscheinungsformen könnte ein gemeinsamer Mechanismus liegen.

Der Mensch nimmt Unterschiede nicht nur wahr. Er bewertet sie. Und Menschen beschränken diese Bewertung keineswegs zuverlässig auf einzelne Eigenschaften. Genau das wäre zwar moralisch wünschenswert, entspricht aber kaum dem, was wir über menschliches Verhalten wissen.

Wir bewerten nicht nur Schönheit. Attraktive Menschen können von ihrer Attraktivität gesellschaftlich profitieren. Wir bewerten nicht nur Bildung. Bildungsabschlüsse beeinflussen Status und Anerkennung. Wir bewerten nicht nur Erfolg. Erfolgreichen Menschen werden weitere positive Eigenschaften zugeschrieben. Wir bewerten nicht nur körperliche Leistungsfähigkeit. Sie beeinflusst, wie wir Menschen wahrnehmen.

Warum sollte ausgerechnet Behinderung von diesem Mechanismus ausgenommen sein? Wenn Gesundheit, Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit oder bestimmte körperliche Eigenschaften positiv bewertet werden, wäre es geradezu erstaunlich, wenn diese Bewertungen keinerlei Einfluss auf die Wahrnehmung derjenigen hätten, die dem jeweiligen Ideal besonders fernstehen.

Damit ist noch nicht erklärt, wie daraus ein Wohnheim, eine Werkstatt oder eine Förderschule entsteht. Aber wir befinden uns eine Ebene darunter. Beim Menschenbild, aus dem solche gesellschaftlichen Lösungen überhaupt plausibel werden können.

Der moralische Mensch ist ebenfalls ein Ideal

An dieser Stelle hilft es wenig, sich auf die Fähigkeit des Menschen zu Vernunft, Moral und Ethik zurückzuziehen. Natürlich besitzt der Mensch diese Fähigkeiten. Menschen können reflektieren. Sie können solidarisch handeln. Sie können ihre eigenen Vorurteile erkennen. Sie können Regeln schaffen, die Schwächere schützen. Sie können sich bewusst gegen ihre eigenen Interessen entscheiden.

Die Menschheitsgeschichte liefert allerdings wenig Anlass für die Annahme, dass Menschen dies dauerhaft und zuverlässig tun. Menschen haben andere Menschen versklavt, vertrieben, unterdrückt, ausgebeutet, entrechtet und ermordet. Sie haben Menschen nach Herkunft, Religion, Hautfarbe, Geschlecht, sozialem Stand und zahllosen anderen Merkmalen hierarchisiert. Und das geschah keineswegs ausschließlich innerhalb eines bestimmten Wirtschaftssystems oder einer einzigen politischen Ideologie.

Vielleicht ist deshalb auch der vernünftige, gerechte und moralisch handelnde Mensch eines unserer Idealbilder. Wir beschreiben damit weniger, wie Menschen immer sind, als vielmehr, wie sie sein sollen.

Menschenwürde, Gleichheitsrechte, Diskriminierungsverbote und Menschenrechte sind gerade deshalb so bedeutend, weil menschliches Verhalten ihre Grundsätze nicht automatisch hervorbringt. Wir brauchen Regeln, weil das richtige Verhalten nicht selbstverständlich ist. Wir brauchen Rechte, weil Macht begrenzt werden muss. Wir brauchen Diskriminierungsverbote, weil Menschen diskriminieren. Und wir brauchen die UN-Behindertenrechtskonvention nicht deshalb, weil die Gleichberechtigung behinderter Menschen ohnehin selbstverständlich funktioniert.

Vom Ideal zur Hierarchie

Damit lässt sich auch der Zusammenhang zwischen Ideal und Ableismus genauer beschreiben. Wenn Menschen Ideale entwickeln, entstehen Bewertungen. Was dem Ideal näherkommt, wird positiv wahrgenommen. Was ihm ferner liegt, erhält weniger von dieser positiven Bewertung. Das allein erklärt noch keinen Ableismus.

Aber Menschen leben nicht in philosophischen Modellen, in denen sich die Bewertung einer Eigenschaft sauber von der Bewertung der Person trennen lässt. Aus Bewertungen entstehen Anerkennung und Status. Aus Status entstehen gesellschaftliche Hierarchien. Aus Hierarchien können unterschiedliche Chancen, unterschiedliche Ressourcen und unterschiedliche Macht entstehen. Und irgendwann werden diese Bewertungen in Institutionen eingeschrieben.

Dann wird aus der Vorstellung, dass jemand besondere Unterstützung benötigt, die Vorstellung, er gehöre an einen besonderen Ort. Aus dem besonderen Ort entsteht eine Einrichtung. Aus Einrichtungen entsteht ein System. Und irgendwann erscheint dieses System selbstverständlich.

Das könnte erklären, weshalb völlig unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme bei Menschen mit Behinderung zu erstaunlich ähnlichen Lösungen gelangen konnten. Nicht weil diese Systeme identisch wären. Sondern weil sie von Menschen mit ähnlichen grundlegenden Bewertungsmustern geschaffen und betrieben wurden.

Systeme erfinden den Menschen nicht

Damit kommen wir zurück zum Kapitalismus. Kapitalismus ist für gesellschaftliche Entwicklungen selbstverständlich nicht bedeutungslos. Konkurrenz, Profitinteressen, ökonomische Verwertbarkeit, Arbeitsmärkte und Kostendruck können erheblichen Einfluss darauf haben, wie Menschen mit Behinderung behandelt werden. Ein Wirtschaftssystem kann vorhandene Bewertungen verstärken, ihnen neue Begründungen liefern und sie institutionalisieren.

Aber Einfluss ist nicht dasselbe wie Grundursache.

Wenn der Kapitalismus morgen verschwände, warum sollte der Mensch deshalb aufhören, andere Menschen zu bewerten? Warum sollte er keine Vorstellungen von Schönheit mehr besitzen? Warum sollte er Gesundheit nicht mehr Krankheit vorziehen? Warum sollte er keine Leistung mehr bewundern? Warum sollten Statusstreben, Gruppendenken, Vorurteile oder soziale Hierarchien verschwinden? Warum sollte er Menschen anderer Herkunft, Sprache oder Kultur plötzlich vollkommen wertfrei begegnen? Und warum sollte ausgerechnet Ableismus verschwinden?

Die Geschichte nichtkapitalistischer Gesellschaften liefert wenig Anlass für eine solche Hoffnung. Auch dort gab es Macht, Privilegien, Leistungsnormen, gesellschaftliche Hierarchien, Ausgrenzung und Separation. Die DDR brauchte keinen kapitalistischen Arbeitsmarkt, um Menschen nach Arbeitsfähigkeit zu unterscheiden und für Menschen mit Behinderung besondere Lebenswege vorzusehen.

Umgekehrt brauchte die alte Bundesrepublik keinen entfesselten Markt, um ihr Sondersystem auszubauen. Das geschah zu erheblichen Teilen während der Sozialen Marktwirtschaft und des sozialstaatlichen Ausbaus. Das ist gerade deshalb aufschlussreich, weil die Gesellschaft durchaus bereit war, Geld auszugeben. Sie finanzierte die Separation.

Das System als Verstärker und Übersetzer

Damit verschwinden politische und wirtschaftliche Systeme keineswegs aus der Verantwortung. Im Gegenteil. Sie entscheiden erheblich darüber, was aus vorhandenen menschlichen Bewertungen wird.

Eine Gesellschaft kann Konkurrenz fördern oder begrenzen. Sie kann ökonomische Leistungsfähigkeit zum entscheidenden Maßstab machen oder andere Formen menschlicher Tätigkeit anerkennen. Sie kann Unterschiede rechtlich absichern oder Diskriminierung verbieten. Sie kann Menschen separieren oder gemeinsame Strukturen schaffen. Sie kann Vorurteile politisch instrumentalisieren oder ihnen entgegentreten.

Und politische Ideologien können vorhandene Bewertungen bis ins Extreme radikalisieren. Die nationalsozialistische Vorstellung vom gesunden, starken und vermeintlich biologisch wertvollen Menschen ist dafür das drastischste deutsche Beispiel. Der Nationalsozialismus hat die menschliche Bewunderung von Gesundheit, Stärke und körperlicher Leistungsfähigkeit nicht erfunden. Diese Vorstellungen sind nachweislich sehr viel älter.

Er hat daraus etwas anderes gemacht. Er hat solche Bewertungen biologisiert, rassistisch aufgeladen und mit der Vorstellung eines erwünschten und unerwünschten Menschen verbunden. Aus einer Hierarchie von Eigenschaften wurde eine Hierarchie des Lebenswertes. Die Konsequenzen waren verbrecherisch.

Gerade daran lässt sich der Unterschied zwischen Grundmaterial und Ideologie erkennen. Eine Ideologie kann vorhandene Vorstellungen aufgreifen und daraus etwas Monströses machen. Aber sie muss diese Vorstellungen deshalb nicht geschaffen haben.

Vielleicht suchen wir zu spät nach der Ursache

Das ist möglicherweise das grundlegende Problem vieler Erklärungsversuche. Wir beginnen unsere Suche bei Erscheinungen, die historisch vergleichsweise jung sind: Kapitalismus. Sozialismus. Neoliberalismus. Rechte Parteien. Moderne Sozialpolitik. Institutionelle Behindertenhilfe.

Dann stellen wir fest, dass Ableismus innerhalb dieser Strukturen existiert, und erklären die jeweilige Struktur zur Ursache. Vielleicht beginnen wir einfach zu spät.

Menschen bewerteten Menschen lange bevor es diese Systeme gab. Sie entwickelten Vorstellungen von Schönheit, Stärke, Gesundheit, Klugheit, Erfolg und gesellschaftlichem Ansehen. Sie unterschieden zwischen Eigenem und Fremdem. Sie bildeten Gruppen und Hierarchien. Sie hatten Präferenzen und setzten Prioritäten. Und sie entwickelten Vorstellungen davon, wie ein Mensch sein sollte.

Das jeweilige politische oder wirtschaftliche System trifft später auf diesen Menschen. Es formt seine Vorstellungen. Es verändert sie. Es verstärkt manche und schwächt andere. Es übersetzt sie in Gesetze, Institutionen und gesellschaftliche Strukturen. Aber es erschafft sie nicht notwendig.

Jenseits der Systeme liegt der Mensch

Damit komme ich wieder zu meiner Ausgangsthese zurück. Ableismus ist nicht deshalb systemübergreifend, weil Systeme bedeutungslos wären. Er ist systemübergreifend, weil seine Grundlage möglicherweise tiefer liegt. Im Menschenbild.

Und dieses Menschenbild besteht nicht nur aus der Vorstellung davon, was normal und was abweichend ist. Es enthält ebenso eine Vorstellung davon, was erstrebenswert ist. Den idealen Menschen: gesund, stark, schön, intelligent, leistungsfähig, selbstständig, erfolgreich.

Die konkrete Zusammensetzung dieses Ideals verändert sich. Kulturen gewichten Eigenschaften unterschiedlich. Lebensbedingungen verändern Prioritäten. Gesellschaften schaffen neue Statussymbole und verwerfen alte. Aber Menschen hören deshalb nicht auf, Ideale zu bilden.

Und wo es Ideale gibt, gibt es Unterschiede in der Entfernung zu diesen Idealen. Wo Menschen Unterschiede bewerten, entstehen Hierarchien. Und wo Hierarchien entstehen, besteht die Gefahr, dass aus der unterschiedlichen Bewertung von Eigenschaften eine unterschiedliche Bewertung von Menschen wird.

Unsere zivilisatorischen Errungenschaften können diese Mechanismen begrenzen. Recht, Moral, Menschenwürde und Menschenrechte können bestimmen, welche Konsequenzen wir aus unseren Bewertungen gerade nicht ziehen dürfen. Aber wir sollten diese Errungenschaften nicht mit einer Beschreibung des Menschen verwechseln. Sie beschreiben den Anspruch, den wir an uns stellen. Nicht unbedingt das, was wir sind.

Vielleicht liegt genau darin die Erklärung dafür, warum Ableismus politische Revolutionen, Wirtschaftssysteme, gesellschaftliche Modernisierung und immer neue Reformen überleben konnte. Wir verändern die Systeme. Der Mensch, der sie erschafft, verändert sich wesentlich langsamer.

Und deshalb bleibt die entscheidende Frage nicht nur, welches System wir brauchen. Sie lautet auch, was wir mit einem Menschenbild anfangen, das sehr viel älter ist als jedes unserer Systeme.

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