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Aktion Mensch als Instanz des modernen Empowerments

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
roter Schriftzug
Ein Los für das gute Gewissen
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Aktion Mensch ist heute einer der größten Anbieter von Empowerment Formaten in Deutschland, speziell im Bereich Behinderung und sozialer Teilhabe. Sie entwickeln Seminare, geben Workshops, produzieren Leitfäden, veröffentlichen Newsletter und modellieren ganze kommunale Programme. Sie bestimmen maßgeblich, wie Empowerment aussieht, wie es gelehrt wird und wofür es eingesetzt werden soll. Aktion Mensch ist damit nicht nur Teil des Systems, sie ist eine seiner zentralen Instanzen.

Und genau das macht die Sache so brisant.

Was nach Selbstermächtigung klingt, ist in Wahrheit ein durchstrukturiertes Lernprogramm, das nicht politisches Handeln ermöglicht, sondern Systemverträglichkeit trainiert. Menschen sollen nicht lernen, Strukturen zu verändern, sondern nur, wie man sich in ihnen bewegt, ohne sie infrage zu stellen. Empowerment wird so zu einem pädagogischen Werkzeug und nicht zu einem politischen.

Wenn ausgerechnet jene Institutionen, die das bestehende Gefüge stabilisieren, gleichzeitig definieren, wie Empowerment funktioniert, muss man die Frage stellen, wer davon profitiert, wenn Menschen empowert werden und wozu.

Von hier aus wird klar, dass der Begriff von Grund auf neu betrachtet werden muss.

Empowerment als Anleitung zur Anpassung

Vom Kampfbegriff zur Dienstleistung

Empowerment ist ein Versprechen. Es klingt nach Aufbruch, nach Selbstbestimmung, nach dem Recht, die eigenen Interessen zu formulieren, ohne um Erlaubnis zu bitten. Der Begriff stammt aus Bewegungen, die sich nie in Seminarräumen trafen. Empowerment war kein Workshop, sondern eine Praxis, die an den Rändern der Gesellschaft entstand. Wer sich empowered hat, tat das im Konflikt und nicht nach einem Lehrplan.

Heute sieht die Realität anders aus. Empowerment wird als Dienstleistung angeboten. Es gibt Seminarpakete, Coachings, Referentinnen und Evaluationsbögen. Es gibt Förderrichtlinien, Zertifikate und Teilnahmebescheinigungen. Empowerment ist ein Format. Es wird geplant, ausgeschrieben, finanziert und abgerechnet. Selbstermächtigung findet nicht mehr statt, sie wird vermittelt. An genau diesem Punkt wird der Begriff entkernt.

Empowerment ohne Machtabgabe

Denn was bedeutet Empowerment, wenn diejenigen, die es anbieten, zugleich die Strukturen vertreten, die Teilhabe verhindern. Empowerment wird heute überwiegend von großen Organisationen organisiert, von Aktion Mensch, Wohlfahrtsverbänden und Trägern sozialer Dienste. Ausgerechnet jene Institutionen, die in einem System arbeiten, das Menschen durch Programme verwaltet, erklären den Menschen, wie sie sich befreien sollen. Man bietet Selbstbestimmung an, ohne Macht abzugeben.

Anpassung statt Veränderung

In dieser Logik ist Empowerment ein pädagogisches Konzept geworden. Die Menschen sollen lernen, wie man im bestehenden System zurechtkommt. Sie sollen wissen, wie man Anträge stellt, wie man Forderungen formuliert, die kompatibel sind mit Förderlogiken, wie man die eigene Erfahrung in eine Sprache übersetzt, die für Verwaltung und Politik verwertbar ist. Empowerment bedeutet heute nicht, den Raum zu verändern. Empowerment bedeutet, den Raum besser zu verstehen, damit man sich darin bewegen kann. Das ist nicht Befreiung, das ist Anpassung.

Empowerment als kontrollierter Dialog von oben

Man erkennt das an einer einfachen Frage. Wer bestimmt, worüber gesprochen wird. Wer legt fest, welche Themen in einem Empowerment Seminar behandelt werden. Wer sitzt vorne, wer hört zu. Wer wird bezahlt, wer nicht. Wer bewertet am Ende, ob das Seminar erfolgreich war.

Die Antwort ist immer dieselbe. Empowerment ist ein Angebot von oben. Die Selbstermächtigung wird in eine Form gebracht, die für das System unschädlich ist. Widerstand wird zur Methode, Beteiligung zur Übungseinheit.

Das Missverständnis Netzwerk

Das Gleiche gilt für Vernetzung. Netzwerke gelten heute als Kern von Empowerment, als Beweis dafür, dass Menschen sich organisieren. Doch diese Netzwerke entstehen nicht aus eigenem Interesse und eigener Analyse. Sie sind nicht die Antwort auf Ausschluss, sondern ein gesteuertes Angebot.

Wer sich vernetzt, vernetzt sich mit denen, die das Format anbieten. Man lernt die Strukturen kennen, die schon existieren, lokale Träger, Förderinstitutionen, Verbände, die seit Jahrzehnten auf dieselbe Weise arbeiten. Das Netzwerk ist kein Werkzeug der Unabhängigkeit, sondern ein Aufnahmeritual. Man wird nicht Partner, sondern Teilnehmer. Man wird nicht Teil eines Kollektivs, sondern Bestandteil einer Organisationslogik, die nie darauf ausgelegt war, Macht zu teilen.

Die Illusion besteht darin, das Netzwerk als eigene Ressource zu erleben. In Wahrheit wird man in ein bestehendes Gefüge integriert, das festlegt, wer spricht, wem zugehört wird und welche Kritik zulässig ist.

Empowerment als Konditionierung

Genau an diesem Punkt zeigt sich, wie weit die Entkernung reicht. Das, was als Empowerment verkauft wird, ist oft nichts anderes als eine Konditionierung zur Systemverträglichkeit. Man wird nicht ermutigt, Strukturen zu hinterfragen, sondern darauf vorbereitet, in ihnen zu funktionieren.

Man lernt, wie man sich in Förderlogiken bewegt, ohne anzuecken.
Man lernt, wie man Kritik so formuliert, dass sie verwertbar bleibt.
Man lernt, wie man sich in ein Netzwerk einpasst, das nicht geschaffen wurde, um Macht zu teilen.

Es ist eine paradoxe Ermächtigung. Man darf stärker werden, solange man die Architektur nicht berührt. Man darf Forderungen stellen, solange sie kompatibel bleiben. Was als Befähigung erscheint, ist die freundlichste Form der Vereinnahmung. Man optimiert sich selbst, aber nicht die Verhältnisse.

Soziale Kompetenz statt politischer Wirkmacht

Die Formel ist perfide logisch. Empowerment ersetzt politische Praxis durch soziale Kompetenz. Statt Strukturen zu verändern, werden Menschen dazu befähigt, sich in diesen Strukturen zu behaupten. Das Ergebnis ist nicht Selbstbestimmung, sondern Selbsteffizienz. Man lernt, sich besser zu artikulieren, aber man übernimmt nicht die Macht, die eigenen Bedingungen zu bestimmen. Man lernt, wie man teilnimmt, nicht wie man gestaltet.

Empowerment wird zu einer Technik, die das System stabilisiert und nicht zu einer Praxis, die es infrage stellt.

Gleichheit durch Moderation statt Machtverschiebung

Man sieht es deutlich am Beispiel der Aktion Mensch. Die Organisation bietet Empowerment Schulungen an und vermittelt den Eindruck, Menschen würden damit befähigt, auf Augenhöhe zu diskutieren. Was nach Gleichberechtigung klingt, führt in Wahrheit dazu, dass diese Augenhöhe moderiert wird. Sie entsteht nicht aus Machtverteilung, sondern aus Anleitung.

Man gestaltet Beziehungen, aber nicht Strukturen. Menschen sollen lernen, sich zu artikulieren, aber die Bühne gehört weiterhin denjenigen, die sie bereitstellen.

Domestizierter Widerstand

Der Effekt ist doppelt. Zuerst entsteht die Illusion, Menschen hätten die Möglichkeit, selbstbestimmt zu handeln. Dann entsteht eine stille Norm. Empowerment gilt als gelungen, wenn die Intervention kompatibel bleibt mit der Logik der Organisation.

Kritik, die das System infrage stellt, gilt als unprofessionell oder emotional. Empowerment wird zur Domestizierung von Widerstand. Der Aktivismus, der daraus entsteht, protestiert ohne zu stören, fordert ohne zu konfrontieren und kämpft ohne Konsequenzen einzufordern.

Warum echte Selbstermächtigung nicht förderfähig ist

Echte Selbstermächtigung ist riskant. Sie braucht Konflikt, Autonomie und Unabhängigkeit von den Strukturen, die sie herausfordert. Sie entsteht nicht in Seminaren, sondern in Praxen der Selbstorganisation. Sie ist unbequem, unkoordiniert und nicht steuerbar. Genau deshalb passt sie nicht in Förderlogiken.

Wer Empowerment fördert, will Empowerment kontrollieren. Doch in dem Moment, in dem Empowerment planbar, evaluierbar und politisch anschlussfähig wird, ist es keine Selbstermächtigung mehr. Es ist ein pädagogisches Angebot.

Empowerment zurückholen

Wenn man Empowerment ernst nimmt, muss man es aus den Händen der Institutionen nehmen, die es zur Methode gemacht haben. Empowerment ist keine Vorbereitung auf Teilhabe. Empowerment ist Teilhabe. Es ist der Moment, in dem Menschen nicht gefragt werden, ob sie teilnehmen dürfen, sondern entscheiden, wie die Bedingungen aussehen, unter denen alle teilnehmen können.

Empowerment ist nicht die Kunst, Forderungen höflich zu formulieren. Empowerment ist die Kunst, Machtverhältnisse zu verschieben.

Die freundlichste Form der Kontrolle

Solange Empowerment ein Angebot bleibt, das von oben organisiert wird, ist es nichts anderes als die freundlichste Form der Kontrolle.

Lesermeinungen

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2 Lesermeinungen
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Sabrina Mevis
13.12.2025 14:46

So ist es leider: Die Aktion Mensch hat sich zum Sprecher der Inklusion gemacht, gestützt durch die Wohlfahrtsverbände und ein paar Behindertenvertretungen, die an ihrem Tropf hängen und sich von ihr abhängig gemacht haben. Ausnahme ist die ISL. Die Aktion Mensch definiert, was Inklusion ist durch ihre glibrig-süßen Inklusionskampagnen. Währneddessen fördert sie fleißig Exklusion durch große Wohneinheiten, Behindertenwerkstätten und Accessibility Overlays. Und sie ist unbelehrbar, muss ich nach 10 Jahren Kontakt mit ihr sagen.

Oliver Gruber
12.12.2025 20:39

Hallo Herr Milewski,

starker Text. Er bringt genau das auf den Punkt, was ich selbst seit Jahren sehe: Empowerment wird heute nicht gelebt, sondern verwaltet. Es geht nicht darum, Menschen wirklich selbstständig zu machen, sondern darum, sie systemkompatibel zu halten. Nett, freundlich – aber ohne echte Veränderung.

Das, was früher aus echter Erfahrung, Konflikt und Eigenkraft entstanden ist, wird heute als Seminar verkauft. Man soll lernen, wie man sich im System bewegt, nicht wie man Strukturen hinterfragt. Das ist keine Befreiung, das ist Anpassung.
Nicht im Formular, nicht im Workshop.
Und genau diese geteilte Sichtweise kommt aus Liebe zum System – nicht dagegen.
Weil man will, dass es sich weiterentwickelt, nicht festfährt.

Ich feiere diesen Beitrag, weil er ausspricht, was viele spüren:
Man kann Menschen nicht empowern, indem man sie dafür anmeldet.

Echte Selbstermächtigung passiert draußen, im echten Leben, in Momenten, wo man aufhört, sich kleinzumachen.

Danke für diesen klaren Blick. Passt zu dem, was ich selbst immer wieder sage:
Freiheit entsteht, wenn wir aufhören, um Erlaubnis zu bitten.

Herzliche Grüße

Oliver Gruber