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Behindertenpolitische Fortschritte halten sich in Grenzen – Zwischenbilanz der Inklusion

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Abbild des Behindertenausweises vom Autor von 1988
BehidertenausweisHans-Willi Weis
Foto: Hans-Willi Weis

Staufen (kobinet) (Ein "Best of" Hans-Willi Weis) Mein Eindruck: Die Frage des "Nach der Inklusion", danach, was sie gebracht hat und wie weiter, möchte sich der behindertenpolitische Aktivismus nicht wirklich stellen. Dabei scheint sie mir die allerdringlichste. Um der absehbar zunehmenden Frustration innerhalb der Behindertenbewegung entgegenzuwirken und die erforderliche Neuorientierung vorzunehmen. In der gerade angebrochenen Zeitenwende-Ära, deren womöglich dauerhafte politische Rückschritte, auch bereits erreichte behindertenpolitische Fortschritte bedrohen, geschweige denn noch irgendein emanzipatorisches Vorankommen auf absehbare Zeit zulassen werden. So kann der Aktivismus, wenn er ehrlich ist, an diesem internationalen Behindertentag nur mit gedämpfter Stimmung und im Bewusstsein ihrer aktuellen Bedrohtheit die vergangenen Fortschritte feiern.

Kein demotauglicher Aktivist, bloß „intellektueller Analyst“, biete ich meine Zwischenbilanz vom Frühjahr dieses Jahres („After Inclusion – lotta continua“) hier noch einmal zur Diskussion an.
Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt das Sprichwort. Communityinternes Gaslighten schadet allen. Mutige Konfrontation mit schmerzlichen Tatsachen oder Einsichten könnte allen von Nutzen sein.

Was besagt „gestern, heute, morgen“? 10 Thesen zu Inklusion und Behindertenpolitik

1. „After inclusion“ ist heute, woraus für morgen folgt „lotta continua“. Gestern war der rund ein halbes Jahrhundert währende Kampf für die Inklusion behinderter Menschen (grob gerechnet beginnend mit dem Jahr 1970). – Behindertenpolitisch verleihe ich damit den Worten „gestern, heute, morgen“ (das Konferenzmotto) überhaupt erst einen Aussagesinn, sie erhalten ihre Bedeutung. Das behindertenpolitische Gestern unterscheidet sich vom behindertenpolitischen Heute. Und morgen steht behindertenpolitisch etwas anders an, als was zuvor dran war. Kein „weiter so“!

2. Das zuende gegangene Gestern und sein Kampf für Inklusion sind Vergangenheit. Sie fortsetzen wollen, führt zu nichts. Im Ergebnis bedeutet sie eine Erfolgsgeschichte und eine Niederlage. – Die zurückliegenden behindertenpolitischen Erfolge sind ein Grund zum Feiern (vgl. Anne Gersdorf im Aufzugspodcast mit Raul Krauthausen). Die Niederlage, das Nichterreichte, verlangt Ursachenforschung, eine veränderte behindertenpolitische Perspektive und eine entsprechende Anpassung der Formen des Aktivismus.

3. Die zu verzeichnende deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen behinderter Menschen ist zum Teil Folge der allgemeinen Hebung von Lebensstandards und Lebensqualität (medizinische Versorgung, Reha-Angebote, Hilfsmittel-Comfort etc.). Der Liberalisierung, Demokratisierung und Individualisierung westlicher Gesellschaften seit den 1970er Jahren verdankt sich ein Rückgang an sozialer Diskriminierung und eine größere Sensibilität für Benachteiligung und Ausschluss. – Auf behindertenpolitschen Aktivismus und Engagement gehen die Erfolge in den Bereichen Selbsthilfe, politische Repräsentation und Rechte für Behinderte (mit der Verabschiedung der UN-BRK als vorläufig krönendem Abschluss) zurück. Mindestens formalrechtlich scheint das Ziel der Inklusion gemäß menschenrechtlichen Maßstäben erreicht.

4. Zwischen Ideal und Wirklichkeit der Inklusion, rechtlichem Anspruch und Einlösung klafft dennoch eine Lücke. Empirisch nachweisbar und gefühlt kann von tatsächlicher Inklusion und voller Teilhabe behinderter Menschen als Regelfall nicht die Rede sein. Woran liegt das, was ist da los? – Die Antwort, es brauche behindertenpolitisch einen noch längeren Atem, linear müsse der bisherige Aktivismus verstärkt fortgesetzt werden, um irgendwann am Ziel vollständiger Barrierefreiheit und gleichberechtigter Teilhabe anzukommen, vermag nicht zu überzeugen und sie benennt nicht die eigentliche Ursache des Scheiterns.

5. Die Ursache für das behindertenpolitische Scheitern (das Inklusionsziel wirklich zu erreichen) liegt in der sozioökonomischen Struktur der Gesellschaft, in die behinderte Menschen inkludiert werden möchten. Diese Gesellschaft reproduziert permanent Exklusion und soziale Ungleichheit. Ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wettbewerbsstrukturen (kapitalistisches Gewinnstreben, Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt usw.) erneuern und vertiefen ständig Ungleichheiten und Formen von Ausschluss oder Nicht-Teilhabe. Die verursachenden strukturellen Mechanismen funktionieren auch unabhängig von ableistischen Vorurteilen und absichtlicher Diskriminierung oder Benachteiligung. Mithin ist die Aussage, „wir kommen von einer Tradition des Sortierens und bewegen uns in Richtung gesellschaftliche Inklusion“ (Andreas Winkel, Behindertenbeauftragter von Hessen, Gespräch mit Sascha Lang im IGEL-Podcast), soll sie eine Wirklichkeitsbeschreibung sein, unzutreffend und irreführend.

6. Zugänglichkeit oder Zugehörigkeit zu einem Sortier- bzw. Selektierbetrieb fordern, darauf läuft die Inklusionsforderung – auf ihre faktische Konsequenz hin gedacht – paradoxerweise hinaus. Der hauptsächliche und ausschlaggebende Ort, an dem sortiert (nach Tätigkeitsart und Aufgabenstellung, Einkommen und Entscheidungsbefugnis) und ausgelesen wird (hinsichtlich Schichtzugehörigkeit und Milieu, sozialer und kultureller Teilhabe), ist der sog. allgemeine Arbeitsmarkt. Die Crux mit dem Inklusionsbegriff: Als Zielbeschreibung für den gesellschaftlichen Zustand in den inkludiert man sich wiederfinden möchte, ist das Wort Inklusion unzutreffend, ja geradezu konträr, denn diese Gesellschaft ist nicht inklusiv (in das Leben der ihr angehörenden Individuen zentral und wesentlich prägenden Aspekten). Und als Befreiungsversprechen weckt Inklusion folglich irrige Erwartungen. – Was mit dem Paradigma Inklusion behindertenpolitisch innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse durchsetzbar und erreichbar ist, hat die Behindertenbewegung im zurückliegenden halben Jahrhundert im großen und ganzen durchgesetzt und erreicht. Mehr ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht drin. Denen das Erreichte nicht genügt und die behindertenpolitisch mehr wollen, die müssen die Perspektive wechseln und das Ziel (auch begrifflich) neu bestimmen. „After inclusion“ sollte wie ein Wegweiser in die einzuschlagende Richtung dieses behindertenpolitischen Perspektivwechsels gelesen werden.

7. Ein Aktivismus und eine Behindertenpolitik, die sich künftig mit Blick auf das Morgen, nicht auf die Verteidigung des behindertenpolitischen Status quo beschränken wollen, auf die Absicherung und Rettung des Erreichten in Anbetracht des Epochenbruchs (der behindertenpolitisch schwerwiegender als eine saisonale „Rolle rückwärts“ einzustufen ist), ein solcher Behindertenaktivismus wird sich zu einem anti-kapitalistischen „lotta continua“ entschließen müssen. Einen über gesellschaftliche Inklusion in die bestehenden Verhältnisse hinausgehenden Kampf für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung. Sie beginnt gut basisdemokratisch gesellschaftlich unten, auf sozial molekularer oder zellularer Vernetzungsebene, in primär analogen, offline-basierten und erst sekundär online-hergestellten Lebens-und Arbeitszusammenhängen. Konkrete Orte, wo persönliche Zukunftsplanung und gemeinsame, kollektiv egalitäre Zukunftsgestaltung Hand in Hand gehen. „Lotta continua“ means: Neustart Graswurzel-Solidarität!

8. „Wie geht Zusammensein“, so fragt die „antirace“ und Behindertenaktivistin Hadija Aruna-Oelker. Ihre Antwort verflüchtigt sich nicht ins Abstrakt-Allgemeine, sondern hält sich ans Konkret-Besondere (an lokal leibhafte Anwesenheit). „Zusammensein geht durch Arbeiten an einer Gesellschaft, in der Kümmern der Kern von Gemeinschaft ist, der Caring-Community im Sinne einer Gegenseitigkeit ohne Hierarchie, in der gilt, wenn Menschen sich umeinander und die Bedürfnisse aller kümmern, sich folglich auch um sich selbst sorgen.“ – Das auf Gegenseitigkeit beruhende Zusammensein in Caring-Communities (keine nach außen abgedichtete Blasen!) verkörpern die gelebte antikaptalistische Alternative zu neoliberalem Einzelkämpfertum und Selbstoptimierung.

9. Elefanten verdauen Igel. Ehe wir uns versehen, haben uns im lebensweltlichen und im beruflichen Alltag „elementare Formen aggressiver neoliberaler Transformation“ fest im Griff und justieren unser Denken und Handeln gemäß ihrer Logik. Auch vermeintlich „einfach gelebte Inklusion“ ereilt oft genug dieses Schicksal. Ein behinderter Mensch, der oder die es (auch dank Nachteilsausgleich, durch Reha-Technik und Assistenz) auf den „ersten Arbeitsmarkt“ geschafft hat, hat sich erfolgreich gegen andere (behinderte und nicht-behinderte) BewerberInnen durchgesetzt. Unter dem Gesichtspunkt der Chancengerechtigkeit durchaus begrüßenswert, aber auch nicht mehr, es entsteht dadurch keine substantiell inklusive Gesellschaft, das wirtschaftsliberale Konkurrenz- und Karrieresystem erzeugt weiterhin einige wenige Gewinner und immer zahlreichere Verlierer. – Daran ändern ritualisierte Formen von Behindertenprotest nichts, die formelhaft an der unklaren und zwiespältigen Inklusionsrhetorik festhalten (kritisch aufgezeigt von Ralph Milewski auf kobinet). Ungewollt bespielen sie die öffentliche Bühne eines mehrheitsgesellschaftlich gern gesehenen, aber strukturell folgenlosen Inklusionstheaters.

10. Der mächtigste Elefant und die verführerischste der „elementaren Formen aggressiver neoliberaler Transformation“ heißt Social Media. Dies hindert nicht, dass auch Einzelne aus dem Behindertenaktivismus auf Social Media punkten und über hohe Klickzahlen breite öffentliche Bekanntheit erlangen. Mit diesem Aufmerksamkeitsgewinn ist behindertenpolitisch nutzbarer Einfluss (Reichweite) verbunden, gewonnen um den Preis, das neoliberale Lotteriespiel mitgespielt zu haben. Und die sich durch behindertenpolitisches Training angeeignete Selbstermächtigung (Empowerment) genutzt zu haben, um mit der nötigen Energie und Aggressivität konkurrierende Mitspieler zu übertrumpfen und auszuschalten. Den wünschenswerten behindertenpolitischen Dialog unter AktivistInnen und den Transfer zur Basis fördert diese Form kompetitiver digitaler Öffentlichkeit nicht, im Gegenteil.

So schließen meine zehn „lotta continua“ (der Kampf geht weiter) -Thesen mit einer Ermunterung zu dialogischer Nachdenklichkeit. Im Anschluss an die feministische Black Empowerment Aktivistin und Autorin Belle Hooks erläutert Hadija Aruna-Oelker hinsichtlich eines solidarisches Zusammensein: Von der Erfahrungstatsache „Sprechen als Widerstand“ ausgehend, schrieb Hooks, dass „für Unterdrückte, Kolonisierte und Ausgebeutete die Bewegung vom Schweigen in die Rede eine Geste mutiger Aufsässigkeit sei. Sie beschrieb den Akt des Zurücksprechens, des talking back, der neues Leben schafft, Wachstum ermöglicht und dazu ermutigt, mit der eigenen Stimme gegen Diskriminierung und Formen der Unterdrückung anzukämpfen. Sie beschrieb ein Sprechen das über den reinen Akt des Widerspruchs hinausgeht. Eines, das dazu befähigt, alternative Erzählungen zu schaffen, die die vorherrschenden Vorstellungen über Menschen infrage stellen und neue Möglichkeiten des Denkens, Handeln und Seins aufzeigen. – Ziel diese Sprechens ist es, die eigenen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken zu artikulieren und gleichzeitig auf die Erfahrungen anderer zu hören. Es ist für mich eines der Gegenseitigkeit und des Verbündetseins, in Hooks Sinne eines, das Liebe einschließt. Ein Gefühl, das sich nicht nur in Beziehungen empfinden lässt, sondern sich auch in Kooperationen und Kollektiven wie unserer Gesellschaft umsetzen lässt.“ (Hadija Aruna-Oelker, Zusammensein, Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit, btb, 2024)