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Abschied von drei starken behinderten Frauen

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Foto: ISL

Kassel (kobinet) Der November ist meist ein trüber und regnerischer Monat, ein Monat, in dem verstärkt an die Verstorbenen gedacht wird. Im November 2025 muss die Behindertenbewegung in verschiedenen Ländern Abschied von langjährig aktiven und prägenden behinderten Frauen nehmen, die die Behindertenbewegung entscheidend vorangebracht haben. Während die kobinet-nachrichten mit ihren begrenzten ehrenamtlichen und finanziellen Ressourcen leider nur eingeschränkt berichten können, wenn jemand aus der Behindertenbewegung gestorben ist, erinnert kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul heute an drei starke behinderte Frauen aus verschiedenen Ländern. Diese sind im Oktober gestorben und werden im November 2025 beigesetzt. Marita Boos-Waidosch aus Mainz ist am 1. Oktober 2025, Roswitha Schachinger aus Wien am 18. Oktober und Molly Holsapple aus Portland, Oregon in den USA in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober gestorben.

Bericht von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Marita Boos-Waidosch

Diejenigen, die schon einmal die schöne Stadt Mainz besucht haben oder die Gelegenheit dafür bekommen, wandeln dort an vielen Stellen auf den Spuren des langjährigen Engagements vieler behinderter Menschen für mehr Barrierefreiheit und Inklusion. Die am 1. Oktober 1953 geborene Marita Boos-Waidosch, die an ihrem 72. Geburtstag gestorben ist, war eine prägende Person, die das Stadtbild von Mainz entscheidend mitgeprägt hat. Beschwingt durch erste Erfolge und ihre Erfahrungen, die sie in den frühen 80er Jahren in den USA sammeln konnte, wirkte die Rollstuhlnutzerin u.a. 25 Jahre lang als Behindertenbeauftragte der Landeshauptstadt Mainz. Marita Boos-Waidosch war eine herzenswarme Menschenfängerin und hatte es vor allem auf junge behinderte Menschen abgesehen, die sie besonders zum Engagement ermunterte. Sie war maßgeblich beteiligt als in den 90er Jahren der Umschwung für barrierefreie Busse und Straßenbahnen in Mainz geschafft werden konnte. Sie hat mit anderen nach einer Lösung gesucht, um den Haupteingang des Staatstheaters barrierefrei zugänglich zu machen. Sie hat das Wirken des Mainzer Behindertenbeirats beflügelt und war für kurze Zeit sogar Landesbehindertenbeauftragte von Rheinland-Pfalz.

Ihr Netzwerk war enorm weit gespannt und so konnte sie immer wieder Impulse und Tipps geben, die behinderten Menschen so manche Türen öffneten. Mit ihrer meist roten Kleidung war Marita Boos-Waidosch ein fester Bestandteil des Mainzer Stadtbildes. Denn, wo was los war, da war sie dabei. Und ihr Interesse an der Kultur war unermüdlich. Während den letzten Jahren, als sie im Stadtrat für die Grünen aktiv war, war daher auch die Kulturpolitik einer ihrer Schwerpunkte, dabei ging es natürlich auch um barrierefreie Teilhabe. Und Marita Boos-Waidosch konnte sich aufregen. Aufregen darüber, wenn die Barrierefreiheit nicht berücksichtigt wurde, aufregen darüber, wenn behinderte Menschen ungerecht behandelt wurden. Und meist löste es etwas aus, wenn sie sich aufregte, denn sie ließ nicht locker – und das war auch gut so!

Natürlich war Marita Boos-Waidosch an der Gründung des Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (Zsl) Mainz in den frühen 90er Jahren maßgeblich beteiligt. Sie brachte immer wieder Referent*innen aus der US-amerikanischen Independent Living Bewegung und damit neue Impulse nach Mainz und Deutschland. Und wenn Empowerment-Schulungen in Mainz stattfanden, Marita Boos-Waidosch war immer für eine Stadtführung oder einen input zu haben. Denn sie war nicht nur eine Menschenfängerin und eine Strippenzieherin, sondern den einzelnen Menschen sehr zugewandt. Sie hatte viel zu erzählen, interessierte sich aber immer, wie es anderen geht. Marita Boos-Waidosch wird am 7. November beigesetzt. Am 18. November 2025 findet um 14:30 Uhr im Glashaus des Mainzer Staatstheater eine Gedenkveranstaltung für sie und ihr Wirken statt.

Roswitha Schachinger

Ebenfalls am Nachmittag des 18. November 2025 wird im Rahmen einer Veranstaltung Abschied von Roswitha Schachinger im Albert Schweitzer Haus in Wien genommen. Das Leben und Wirken von Roswitha Schachinger war von ihrem Engagement für die Selbstbestimmung und für die Rechte behinderter Menschen geprägt. Auch wenn sie sich ungern in die erste Reihe stellte, prägte sie über Jahrzehnte hinweg entscheidend die Aktivitäten der österreichischen Behindertenbewegung. Sie mischte bereits 1994 bei der Gründung des Wiener Zentrums für selbstbestimmtes Leben entscheidend mit. Die Vizepräsidentin des Österreichischen Behindertenrats, geschäftsführende Vorständin der in Wien ansässigen Assistenzgenossenschaft WAG und Preisträgerin des Dr.-Elisabeth-Wundsam-Hartig-Preises für selbstbestimmtes Leben, die am 21. November 1968 geboren wurde, verstarb am 18. Oktober 2025. Die Trauer über diesen Verlust einer liebevollen und engagierten Person reicht weit über die Grenzen Österreichs hinaus.

„Mit tiefer Betroffenheit und großem Respekt nehmen wir Abschied von Roswitha Schachinger, die nach langer, schwerer Krankheit am 18. Oktober 2025 im Alter von 56 Jahren verstorben ist. Bis zuletzt hat sie sich mit ganzer Kraft und unerschütterlicher Hingabe für die Anliegen und Rechte von Menschen mit Behinderungen eingesetzt. Roswitha Schachinger wurde in Niederösterreich geboren und war in Wien zu Hause. Sie lebte mit Persönlicher Assistenz und setzte sich bis zuletzt u. a. dafür ein, dass alle Menschen, die Persönliche Assistenz benötigen, diese auch bekommen“, heißt es in einem Beitrag des österreichischen Online-Nachrichtendienstes BIZEPS. Ihr Leitsatz war: „Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht – kein Privileg.“

Erst im November 2024 wurde Roswitha Schachinger, die auch Gründungsmitglied der Wiener Assistenzgenossenschaft (WAG) war, der Dr. Elisabeth Wundsam-Hartig-Preis für selbstbestimmtes Leben in der Kategorie „außergewöhnlicher persönlicher Einsatz zur Förderung der Selbstbestimmung behinderter Menschen“ verliehen. „Diese Auszeichnung würdigt ihr lebenslanges Engagement, mit dem sie unermüdlich für die Rechte, die Teilhabe und die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen eingetreten ist. Roswitha verband Klarheit mit Wärme. Sie konnte Missstände unerschrocken benennen und zugleich Hoffnung schenken. Viele Menschen haben durch sie gelernt, mit Haltung, Herz und Mut für ihre Überzeugungen einzustehen. Ihre Beharrlichkeit und ihr unerschütterlicher Glaube an Inklusion werden uns fehlen“, heißt es weiter im BIZEPS-Beitrag mit weiteren Informationen zum Leben und Wirken von Roswitha Schachinger.

Molly Holsapple

In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 2025 verstarb Molly Holsapple im Alter von 77 Jahren in der Nähe von Portland, Oregon in den USA. Molly Holsapple lebte mit Zerebralparese und einer Sehbehinderung. Was für andere ein Hindernis gewesen wäre, wandelte sie in Motivation um – in den Antrieb, die Welt für Menschen mit Behinderungen zu verbessern. Ihre Karriere begann vor über vierzig Jahren in einer großen Behinderteneinrichtung, dem Fairview Training Center, wo sie im Sommer als Freizeittherapeutin im orthopädischen Bereich arbeitete. Ihre persönlichen Werte stimmten mit dieser Großeinrichtung nicht überein. So entfachte sich ein Funke. Molly Holsapple widmete ihr weiteres Berufsleben der Verbesserung des Versorgungssystems für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Entwicklungsbeeinträchtigungen in Oregon. Ihr Fokus lag stets darauf, die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen durch personenzentrierte Ansätze und echte Selbstbestimmung zu steigern. Von den Anfängen der Schließung des Fairview Training Centers, über die Entwicklung von alternativen Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten mitten in der Gemeinde, Molly Holsapple war immer an der Seite behinderter Menschen. Sie war eine standhafte und leidenschaftliche Stimme, die sich für Systemveränderungen und die Deinstitutionalisierung einsetzte. 2011 besuchte die Aktivistin Deutschland und berichtete u.a. im rheinland-pfälzischen Sozialministerium über die Erfahrungen mit der Deinstitutionalisierung und Personenzentrierung in Oregon. Der Termin für die Gedenkveranstaltung für die lebenslustige Frau, die für sie durchgeführt wird, steht noch nicht fest.

Was bleibt?

Neben den vielen anderen behinderten Menschen, die die Behindertenbewegung in den verschiedenen Ländern geprägt haben und die wir vermissen, werden auch diese drei starke Frauen fehlen. Ihr Empowerment, nicht aufzugeben, ihre Ideen, ihre Erfahrungen und ihre Herzlichkeit und Menschlichkeit, dies wird uns fehlen. Es bleibt die Erinnerung derjenigen, die sie näher kannten oder von oder über sie gelesen bzw. gehört haben. Es bleibt die Idee, die sie geprägt und konsequent vorangetrieben haben, Die Idee eines selbstbestimmten Lebens behinderter Menschen in einer Welt, die Barrieren aus dem Weg räumt statt neue aufzubauen. Und es bleibt der Geist des Empowerment, der geprägt davon ist, dass wir uns gegenseitig unterstützen, dass wir gemeinsam viel erreichen können und dass wir unser Wissen weitergeben.

Es bleibt aber auch die Hoffnung. Die Hoffnung, dass jüngere behinderte Menschen nachkommen und die Behindertenbewegung neu beflügeln. Dass mehr behinderte Menschen rechtzeitig erkennen, dass die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte in Sachen Barrierefreiheit, Teilhabe und Assistenz kein Geschenk des Himmels oder von sonst jemand waren, sondern hart und mühsam Stück für Stück erkämpft wurden. Erkämpft von Menschen, wie Marita Boos-Waidosch, Roswitha Schachinger, Molly Holsapple und vielen vielen anderen. Errungenschaften, die nicht gesetzt sind, sondern jeden Tag neu gelebt und vor allem verteidigt werden müssen.

Es bleibt die Hoffnung auf das Engagement vieler anderer, denn diejenigen, die Wege bereitet haben, verlassen uns früher oder später bzw. erleben bereits, wie eingeschränkt ihre Kräfte sind. So wichtig und richtig der Slogan „Nichts über uns ohne uns ist“, so wichtig ist es, dass dieser von uns behinderten Menschen selbst immer wieder eingefordert und mit Leben gefüllt werden muss. Ganz im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention.