Schuster bleib bei deinen Leisten!
So sagt man das normalerweise.
Ein Bekannter erzählt mir etwas.
Er ist jetzt Vorsitzender vom Behinderten-Beirat.
Das ist eine Gruppe von Menschen.
Diese Menschen beraten die Stadt oder das Land.
Sie sprechen für Menschen mit Behinderung.
Sie sorgen dafür, dass diese Menschen gehört werden.
Die Politiker in der Stadt sagen:
Behinderte Menschen sollen nur über ihre Sachen sprechen.
Zum Beispiel über Bordstein-Absenkungen.
Das sind tiefere Stellen am Bordstein.
Rollstuhl-Fahrer können dort besser über die Straße fahren.
Manche behinderte Menschen sprechen über andere Themen.
Dann werden sie eingeschüchtert.
Chilling effect bedeutet: Menschen sollen Angst bekommen.
Sie sollen etwas nicht tun.
Die Politiker sagen:
Hab Angst vor den Russen!
Ich bin ein behinderter Mensch.
Ich lasse mich nicht einschüchtern.
Ich spreche über viele Themen.
Nicht nur über Behinderten-Politik.
Ich beobachte die Politik und die Gesellschaft.
Das was ich sehe macht mir Sorgen.
Deshalb rede ich darüber.
Ich schweige nicht dazu.
Die Herrschenden wollen uns klein machen.
Herrschende bedeutet: Menschen mit viel Macht.
Sie bestimmen über andere Menschen.
Sie wollen dass wir nur über Bordsteine reden.
Sie wollen dass wir geistig klein bleiben.
Das wollen die Politiker vor Ort.
Das wollen auch die mächtigen Politiker in den großen Städten.
Liebe Mit-Behinderte:
Lasst euch nicht klein machen!
Lasst euch nicht einschüchtern!
Ja wir sind behindert.
Vor allem werden wir von anderen behindert.
Aber lasst euch deshalb nicht für dumm verkaufen.
Lasst euch nicht einreden:
Ihr könnt schwere Texte nicht verstehen.
Das stimmt nicht.
Ihr seid nicht dumm.
Hier kommt ein wichtiger Text.
Er stand zuerst in der kobinet Literatur-Beilage.
kobinet ist eine Internet-Zeitung für behinderte Menschen.
Unseren Kriegs-Herren ins Wort fallen
Bob Dylan ist ein berühmter Sänger.
Er hat ein Lied gemacht über Kriegs-Herren.
Kriegs-Herren bedeutet: Menschen mit viel Macht im Krieg.
Sie haben Soldaten unter sich.
Sie entscheiden über den Krieg.
Das Lied heißt Masters of War.
Masters of War ist englisch.
Das bedeutet: Herren des Krieges.
In dem Lied singt er gegen die Kriegs-Herren an.
Das Lied ist von 1963.
Heute ist das Lied wieder sehr aktuell.
Damals hat Dylan den Kriegs-Herren widersprochen.
Das ist die Art von Sängern und Dichtern.
Sie sprechen gegen den Krieg.
Andere Menschen müssten mehr tun.
Sie müssten die Kriegs-Herren aufhalten.
Viele Menschen müssten das zusammen machen.
Heute sprechen nur wenige Menschen gegen den Krieg.
Man hört sie fast nicht in den Medien.
Das macht mich fassungslos.
Das macht mich auch sprachlos.
Dylans Hoffnung hat sich nicht erfüllt
Dylans Lied endet mit einem besonderen Bild.
Dylan wünscht den Kriegs-Herren den Tod.
Er sagt: Ich hoffe ihr sterbt bald.
Ich werde eurem Sarg folgen.
Ich werde zusehen wie ihr begraben werdet.
Ich stehe an eurem Grab.
Ich will sicher sein dass ihr tot seid.
Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.
Es gibt immer noch Krieg auf der Welt.
Eine Zeit lang sah es besser aus.
Das war nach dem Kalten Krieg.
Kalter Krieg bedeutet: Ein großer Streit zwischen Ländern.
Die Länder haben nicht wirklich gekämpft.
Nach dem Kalten Krieg hofften viele Menschen:
Jetzt gibt es endlich Frieden.
Jetzt gibt es keine Kriege mehr.
Diese Hoffnung war falsch.
Das ist grausam für die Menschen.
Sie haben den Kalten Krieg erlebt.
Sie haben das Wettrüsten erlebt.
Wettrüsten bedeutet: 2 Länder bauen immer mehr Waffen.
Jedes Land will stärker sein als das andere.
Das ist wie ein Wett-Kampf mit Waffen.
Diese Menschen sind jetzt enttäuscht.
Denn es gibt wieder Krieg.
Es gibt wieder Aufrüstung.
Ich gehöre zur Nachkriegs-Generation.
Nachkriegs-Generation bedeutet: Menschen die nach einem Krieg geboren wurden.
Diese Menschen haben den Krieg nicht selbst erlebt.
Genauer: zur Nach-Zweite-Weltkriegs-Generation.
Manche Leute sagen schon:
Der Dritte Weltkrieg hat angefangen.
Ich finde es erschreckend:
Sogar Menschen aus meiner Generation denken jetzt anders.
Sie haben früher für den Frieden gekämpft.
Jetzt reden sie wie die Kriegs-Befürworter.
Kriegs-Befürworter bedeutet: Menschen die für einen Krieg sind.
Sie wollen dass ihr Land kämpft.
Sie haben ihre Friedens-Hoffnungen aufgegeben.
Sie sprechen jetzt die Sprache des Krieges.
Das kann ich nicht verstehen.
Vielleicht kann man das nicht mit dem Verstand verstehen.
Man müsste es mit der Seelen-Kunde erklären.
Anders ist es bei jüngeren Kriegs-Befürwortern.
Sie heißen zum Beispiel Carlos Masala und Christian Mölling.
Auch Florence Gaub gehört dazu.
Sie verdienen Geld mit dem Krieg.
Der Krieg macht sie berühmt.
Sie planen Rüstung und Krieg.
Sie sagen: Nur so können wir Kriege verhindern.
Das macht sie glücklich.
Christian Mölling war bei Markus Lanz im Fernsehen.
Das war an einem wichtigen Tag.
Kanzler Scholz hatte entschieden:
Deutschland liefert Leopard-Panzer an die Ukraine.
Mölling sagte: Jetzt sind wir alle glücklich.
Wer gehört alles zu den Kriegs-Herren?
Zum einen: Menschen in Denk-Fabriken.
Denk-Fabriken bedeutet: Organisationen die Ideen für die Politik entwickeln.
Diese Menschen arbeiten an Universitäten und Stiftungen.
Zum anderen: Journalisten und Medien-Leute.
Sie verbreiten die Ideen der Denk-Fabriken.
Sie sprechen jeden Tag im Radio und Fernsehen.
Andere Meinungen hört man fast nicht.
Zum Beispiel im Deutschland-Radio.
Das ist ein öffentlicher Radio-Sender.
Dort sprechen jeden Tag Kriegs-Befürworter.
Menschen mit anderen Meinungen kommen selten zu Wort.
Das ist auch in anderen Medien so.
Ein Journalisten-Militär-Komplex hat die Macht.
Der Italiener Gramsci nannte das Hegemonie.
Hegemonie bedeutet: Eine Gruppe hat die Macht über die Meinungen.
Sogar Intellektuelle denken jetzt pro Krieg.
Fast alle Linken und Progressiven denken jetzt pro Krieg.
Das zeigt: Der Zeit-Geist hat sich stark gedreht.
Die Kriegs-Herren von Bob Dylan waren anders.
Das waren nur gierige Bosse von Rüstungs-Firmen.
Und Politiker die Kriege wollten.
Dylan nannte sie senators and congressmen.
Das sind amerikanische Politiker.
In einem anderen Lied sang Dylan:
Your old world is rapidly fading.
Das bedeutet: Eure alte Welt verschwindet schnell.
Von diesen Kriegs-Herren sagte Dylan:
Ihr baut die großen Kanonen.
Ihr baut die tödlichen Flugzeuge.
Ihr baut alle Bomben.
Ihr versteckt euch hinter Mauern.
Ihr versteckt euch hinter Schreibtischen.
Ich kann eure Masken durchschauen.
Phrasen verbergen das wahre Gesicht des Krieges
Die Masken von heute sind andere.
Die Gesichter dahinter sind auch andere.
Es sind Menschen die nicht mit Krieg Geld verdienen.
Sie gehören nicht zum Militär-Industrie-Komplex.
Militär-Industrie-Komplex bedeutet: Militär und Rüstungs-Firmen arbeiten zusammen.
Diese Menschen gehören zur gesellschaftlichen Elite.
Sie wollen ihren privilegierten Status behalten.
Sie leben gut in der westlichen Gesellschaft.
Das sind Politiker und Menschen mit politischen Ämtern.
Das sind Menschen aus Medien und Wissenschaft.
Sogar viele Kultur-Schaffende gehören dazu.
Sie sind in einem Moral-Diskurs gefangen.
Dieser Diskurs lässt ihnen keine Wahl.
Er zwingt sie zu denken:
Putin greift unsere Freiheit an.
Deshalb müssen wir mit Krieg antworten.
Sie sagen: Es gibt keine andere Möglichkeit.
Tertium non datur ist Latein.
Das bedeutet: Ein drittes gibt es nicht.
Über andere Möglichkeiten soll nicht nachgedacht werden.
Andere Möglichkeiten werden moralisch schlecht gemacht.
Man nennt das Lumpenpazifismus.
Pazifismus bedeutet: Gegen Krieg sein.
Sie verbergen nicht sich selbst.
Sie verbergen die Realität.
Sie verbergen das wahre Gesicht des Krieges.
Sie nennen es Verteidigungs-Krieg.
Sie verbergen die Brutalität des Krieges.
Sie reden abstrakt über Freiheit und Menschen-Rechte.
Sie sagen: Wir müssen Zivilisations-Bruch mit Zivilisations-Bruch beantworten.
Zivilisations-Bruch bedeutet: Das Ende der Zivilisation.
Das ist der nackte Tatbestand von Krieg heute.
Aber das darf nicht gesagt werden.
Das ist ein Tabu.
Die Kriegs-Befürworter dürfen nicht sagen:
Wir müssen den Zivilisations-Bruch des Angreifers beantworten.
Mit unserem eigenen Zivilisations-Bruch.
So wollen wir die Demokratie retten.
Um dieses Tabu aufrechtzuerhalten wird der Ton immer lauter.
Die Moral-Diskussion wird immer unversöhnlicher.
Das geschieht weil der ethische Widerspruch schwer zu verstecken ist.
Vor 20 Jahren sagte ein SPD-Verteidigungs-Minister:
Unsere Freiheit wird auch am Hindukusch verteidigt.
Der Hindukusch ist ein Gebirge in Afghanistan.
Heute fordert die feministische Außen-Ministerin:
Wir brauchen weitreichende Waffen-Systeme.
Feministische Außen-Politik bedeutet: Außen-Politik die auch für Frauen-Rechte kämpft.
Mit diesen Waffen-Systemen wollen wir unsere Freiheit verteidigen.
Sogar vor Moskau.
Moskau ist die Hauptstadt von Russland.
Seit 3 Jahren töten sich russische und ukrainische Soldaten.
Auch Zivilisten sterben.
Das führt nicht zu einem entsetzten Innehalten.
Man denkt nicht über die eigenen Worte nach.
Im Gegenteil wird die Kriegs-Rhetorik immer wütender.
Rhetorik bedeutet: Art zu sprechen.
Nicht nur in Putins Russland läuft die Kriegs-Propaganda heiß.
Auch im freien Westen wird Kriegs-Propaganda gemacht.
In den liberalen Medien.
Es werden Phrasen über Phrasen verbreitet.
Diese Phrasen verbergen das wahre Gesicht des Krieges.
Die schönsten Phrasen kommen von Militärs.
Sie bewerben ihre Verteidigungs-Güter wie Waren.
Oberst Roderich Kiesewetter ist in der CDU.
Er vergleicht künftige Rüstungs-Produkte mit Pflanzen.
Er sagt: Sie müssen erst aufgezogen und gepflegt werden.
Ex-General Lothar Domröse schwärmt von sounds of freedom.
Das bedeutet: Klänge der Freiheit.
Er meint das Rasseln von Panzer-Ketten.
Er meint das Donnern der Kampf-Jets.
Das hört man bei Nato-Manövern.
Die hässliche Seite des Krieges wird verschwiegen.
Beim Kriegs-Spiele-Eifer wird das Grauen verschwiegen.
Georg Trakl war ein Dichter.
Er schrieb: Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Das Gedicht heißt Groddek.
Groddek ist eine Stadt in der heutigen Ukraine.
Dort gab es im Ersten Weltkrieg eine Schlacht.
Solche dichterischen Bilder dürfen nicht gezeigt werden.
Auch die brutale Wirklichkeit des Krieges darf nicht gezeigt werden.
Das darf nicht zusammen mit Kriegs-Propaganda gezeigt werden.
Das würde die Wehrkraft zersetzen.
Das würde die Öffentlichkeit demoralisieren.
Die Kriegs-Herren sagen höchstens mit bedauernder Miene:
Gewiss Krieg ist Krieg.
Es wird Verluste geben.
Auch auf unserer Seite.
Wo gehobelt wird da fallen Späne.
Sie sagen: Auch Krieg kennt Regeln.
An diese Regeln hält sich ein demokratisches Militär.
Aber der jetzige Feind hält sich nicht an diese Regeln.
Das autokratische Militär hält sich nicht an die Genfer Konvention.
Autokratisch bedeutet: Ein Herrscher hat alle Macht.
Die Genfer Konvention sind Regeln für den Krieg.
Nur wenn man dem Feind überlegen entgegentritt wird er sich an Regeln halten.
Mit besserem Gerät und mehr Soldaten.
Sonst wird das Militär zu marodierenden Soldaten.
Marodieren bedeutet: plündern und brandschatzen.
Das ist in Butscha und anderen Orten passiert.
Die Soldaten haben gemordet vergewaltigt und geplündert.
Wie im Dreißigjährigen Krieg.
Viele Menschen glauben diese Versicherung.
Aber glauben sie das auch wenn sie sich den Gaza-Krieg ansehen?
Gaza ist ein Gebiet in Palästina.
Die Israel-Defense-Forces sind die israelische Armee.
IDF ist die Abkürzung.
Das sind Verteidigungs-Streitkräfte eines demokratischen Staats.
Die Soldaten wurden nach Regeln ausgebildet.
Nach Regeln des Völker-Rechts.
Trotzdem verstoßen Einzelne oder ganze Einheiten gegen die Regeln.
Sie begehen Kriegs-Verbrechen.
Sie bombardieren Krankenhäuser.
Sie beschießen und stürmen sie.
Das Argument asymmetrischer Krieg wird angeführt.
Das bedeutet: Reguläre Soldaten kämpfen gegen irreguläre Kämpfer.
Die irregulären Kämpfer sind schwer von Zivilisten zu unterscheiden.
Aber das erklärt nicht alles.
Das entschuldigt auch nichts.
Vielleicht wollen sich die Real-Politiker die Wahrheit nicht zumuten.
Real-Politik bedeutet: Politik die sich an den Tatsachen orientiert.
Auch feministische Real-Politikerinnen wollen das vielleicht nicht.
Als intellektueller Beobachter kann man nicht daran vorbeimogeln.
Es sei denn man ist intellektuell unredlich.
Wie wäre es stattdessen ehrlich zu sein:
Entmenschlichung und Brutalisierung sind dem Krieg einprogrammiert.
Das gehört zur DNA von Krieg und Militär.
DNA bedeutet hier: Das Wesen von etwas.
Kein kriegerisches Handeln ohne Zivilisations-Bruch.
Auch nicht bei Verteidigung.
Keine militärische Ausbildung ohne Vorbereitung zum Töten.
Im Zeit-Alter der Atom-Waffen nimmt man den kollektiven Selbstmord in Kauf.
Kollektiver Selbstmord bedeutet: Alle Menschen sterben.
Tödliches Spiel mit unserer Welt
Schauen wir zurück nach Europa.
Auf das Schlacht-Feld Europa.
Es ist unglaublich was für Worte ich schreibe.
Aber es ist nicht unwirklich.
Das europäische Schlacht-Feld ist zur Zeit noch auf die Ukraine begrenzt.
Nato-General-Sekretär Rutte sagt:
In wenigen Jahren wird es sich auf ganz Europa ausweiten.
Man kann die Jahre an den Fingern einer Hand abzählen.
Unsere harten Kriegs-Herren nehmen kein Blatt vor den Mund.
Sie sagen: Es wird Krieg geben.
Einen Krieg der sich auf ganz Europa ausdehnt.
Darauf müssen wir uns schnell vorbereiten.
Sie sagen: Der Herrscher im Kreml ist das Böse.
Er hat uns schon lange den Krieg erklärt.
Er hat ihn an der Donbas-Front begonnen.
Donbas ist ein Gebiet in der Ukraine.
Damit zwingt er uns freien Europäern den Zivilisations-Bruch auf.
Wir sind die fraglos Guten.
Dieser Zivilisations-Bruch wird mit unserem Sieg enden.
Das sichert unsere künftige Freiheit und Sicherheit.
Wie soll man mit dieser Rede umgehen?
Mit Ja und Amen antworten?
Das scheint die Antwort vieler zu sein.
Sie ergeben sich ihrem Untergangs-Schicksal.
Die Kriegs-Herren haben es einkalkuliert.
Sie vergessen es im Alltag einfach.
Aus den Augen aus dem Sinn.
Sie klammern sich an Sankt Florian.
Sankt Florian ist der Schutz-Patron gegen Feuer.
Man bittet ihn: Verschone mein Haus.
Lass die Rakete die anonymen Nachbarn treffen.
Dylans Antwort von vor 60 Jahren interessiert kaum noch jemanden.
Niemand macht eine neue Version seines Liedes.
Dylan sang: Wie Judas lügt und betrügt ihr.
Ihr wollt mich glauben machen dass ein Weltkrieg gewonnen werden kann.
Er hat ihnen nicht geglaubt.
Ein Weltkrieg kann nicht gewonnen werden.
Dylan entlarvte sie als Lügner.
Der heutige Militarismus ist anders.
Militarismus bedeutet: Krieg und Militär werden verherrlicht.
Er ist über viele Bereiche verteilt.
Über Medien Eliten und verschiedene Milieus.
Sie glauben den Krieg gewinnen zu können.
Als europäischen oder als Weltkrieg.
So nimmt das Verhängnis seinen Lauf.
Was tun als Einzelner auf weiter Flur?
Als jemand der sagt: Ich bin nicht überzeugt.
Sie Lügner nennen?
Lügen setzt eine Absicht voraus.
Das ist anstrengend zu beweisen.
Es handelt sich bei den meisten um Gut-Gläubige.
Man könnte sagen: Kriegs-propagandistische Überzeugungs-Täter.
Ich könnte ihnen Unaufrichtigkeit vorwerfen.
Ich könnte ihnen Mangel an intellektueller Redlichkeit vorhalten.
Aber das würde dem objektiven Wahnwitz nicht gerecht.
Es wäre eine Verharmlosung.
Wie in dieser aussichtslos scheinenden Lage nicht selber irre werden?
Eine akute Grenz-Erfahrung
Die Frage wie nicht irre werden ist nicht rhetorisch gemeint.
Rhetorisch bedeutet hier: nur zum Schein gestellt.
Grenz-Erfahrung bedeutet: Eine sehr schwere Erfahrung.
Sie bringt einen Menschen an seine Grenzen.
Wenn es um wesentliche Belange geht spricht man persönlich.
In der ersten Person Singular.
Das ist eine persönliche Not.
Wie sind die Umstände meiner Not?
Ich bin ein Behinderter.
Ich bin erblindet.
Ich bin alt Mitte 70.
Ich lebe von Grund-Sicherung.
Ich bin sozial tot.
Sozialpsychologisch gesprochen.
Ich habe wenige para-soziale Kontakte.
Para-sozial bedeutet: nicht direkter Kontakt.
Zum Beispiel per Telefon und Email.
An 2 Händen abzählbar.
Intellektuelle Gesprächs-Partner habe ich keine.
Auf meine Kolumnen zum Krieg in Europa reagiert fast niemand.
Sie stehen bei kobinet-nachrichten.
Das ist die einzige Publikations-Möglichkeit die mir geblieben ist.
Aus der Community kommt so gut wie keine Reaktion.
Aus dem Radio und Internet höre ich gespenstisch die neue Normalität.
Die Normalität des Krieges und der Kriegs-Vorbereitung.
Ein Stimmen-Kanon der sich wiederholt.
Das sind die Koordinaten meiner sozialen Isolations-Haft.
In ihr bin ich radikal auf mich selbst zurückgeworfen.
Ich durchlebe was der Psychiater Karl Jaspers beschrieb.
Er nannte es existenzielle Grenz-Erfahrung.
Sie trifft Einzelne.
Sie erschüttert ihre individuelle Existenz heftig.
Nur der Sprung auf eine höhere Ebene kann retten.
Auf eine Meta-Ebene.
Auf eine Stufe der Transzendenz.
Transzendenz bedeutet: Eine höhere geistige Ebene.
Sonst wird man irre oder verrückt.
Depressiv psychotisch oder selbstmörderisch.
Bob Dylan hat für den militärischen Irrsinn ein treffendes Bild.
In Masters of War singt er:
Ihr spielt mit meiner Welt als wäre sie euer little toy.
Little toy bedeutet: kleines Spielzeug.
Unsere Welt und das Leben von uns allen.
Ein Spielzeug in der Hand von Militärs und Politikern.
Sie gehen bei ihrem Spiel all in.
All in ist ein Ausdruck aus dem Poker-Spiel.
Es bedeutet: Alles einsetzen.
Kindern erlaubt man ihr Spielzeug kaputt zu machen.
Schließlich sind es Kinder.
Aber die hier spielen sind Erwachsene!
Sie spielen mit unserer Welt als wäre sie ihr Spielzeug.
Dessen Zerstörung ihnen anheim gestellt ist.
Die spontane Reaktion wäre:
Das sind Unzurechnungs-Fähige.
Das sind auf infantile Stufe Regredierte.
Vulgo: Verrückte Wahnsinnige.
Vulgo bedeutet: umgangssprachlich.
Aber was ist wenn alle um dich her tun als wäre nichts?
Wenn sie politisch Business as usual machen?
Wenn sie wie Schlafwandler ihren Alltags-Trott weitermachen?
Wie hält ein isolierter Einzelner das im Kopf aus?
Und wie lange?
Bislang haben mir vereinzelte Stimmen geholfen.
Sie sind wie Rufer in der Wüste.
Sie sind noch nicht ganz aus den Medien verschwunden.
Zu der verschwindend geringen Zahl gehört Christian Hacke.
Er ist Sozial-Wissenschaftler und Konflikt-Forscher.
Er widerspricht dem Stimmen-Chor in den Medien.
Dieser Chor befürwortet Waffen-Lieferungen und Aufrüstung.
Er hält Krieg für ein probates Mittel.
Probat bedeutet: bewährt und wirksam.
Um Sicherheit und Freiheit zu verteidigen.
Der Tenor der Ukraine-Debatte erinnert Hacke an etwas.
Tenor bedeutet hier: Grundton.
An die Durchhalte-Parolen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.
An das verzweifelte Klammern an Wunder-Waffen.
Bei den Worten des 80-jährigen Hacke spüre ich Aufatmen.
Mein Realitäts-Sinn scheint mir nicht abhanden gekommen.
Ich fange nicht an zu spinnen.
Meine Wahrnehmung ist intakt.
Ich übertreibe also nicht.
Wenn von Realitäts-Verkennung gesprochen werden muss dann hier.
Von einer pathologischen Wirklichkeits-Verleugnung.
Von einer Gefahren-Verdrängung.
Sie liegt bei den Wortführern eines militärischen Gesunden Menschen-Verstands.
Und bei einer normopathischen Mehrheits-Gesellschaft.
Normopathisch bedeutet: krankhaft normal.
Selbst nach 3 Jahren Krieg und Waffen-Lieferungen fällt ihnen nichts besseres ein.
Angesichts der unerträglichen Tatsache dass nur die Zahl der Todes-Opfer steigt.
Auf beiden Seiten.
Das Blut junger Menschen fließt aus ihren Körpern und versickert im Schlamm.
So singt Bob Dylan.
Ihnen fällt nichts besseres ein als nach noch mehr Waffen zu rufen.
Besonders Verletzliche und das Schweigen ihrer Vertreter
Es gibt verschiedene Gruppen von besonders Verletzlichen.
Besonders verletzlich bei Kriegs-Szenarien.
Ich finde es schwer erträglich in Anbetracht moderner Massen-Vernichtungs-Waffen.
Unter den Opfern nach unterschiedlich Verletzlichen zu unterscheiden.
Ich spreche über die besonders gefährdete Gruppe der Behinderten.
In der Zeit des National-Sozialismus wurden sie einer Sonder-Behandlung unterzogen.
Während des Zweiten Weltkriegs.
Die Nazis machten Menschen-Versuche an ihnen.
Sie versprachen sich davon kriegs-verwertbare Erkenntnisse.
An dieses grausige Kapitel muss ich denken.
Seit ich kürzlich Andrew Denison im Deutschland-Funk gehört habe.
Er ist Experte von der Denk-Fabrik Transatlantic Networks.
Er sagte: Der 3 Jahre andauernde Krieg in der Ukraine mag ergebnislos verlaufen.
Für beide Kriegs-Parteien.
Hinsichtlich Sieg oder Niederlage.
Aber er hat schon jetzt Daten von unschätzbarem Wert geliefert.
Für die künftige Kriegs-Strategie.
Vor allem für Militär-Experten die sich für kriegs-technische KI-Entwicklung interessieren.
Mit anderen Worten:
Man hat die russischen und ukrainischen Soldaten benutzt.
Nicht nur als Kanonen-Futter.
Sie haben den führenden Militärs als Versuchs-Kaninchen gedient.
Und den Entwicklern von Kriegs-Technologie.
Diese Daten können realistische Kriegs-Simulationen nicht liefern.
Zu Friedens-Zeiten.
Auch nicht durch Manöver und Übung.
Das liefert ihnen lebendiges Experimentieren im schon laufenden Krieg.
Am soldatischen Versuchs-Material.
Die kriegs-technischen Fortschritte versetzen Militärs in euphorische Zustände.
Das was die Kriegs-Herren mit ihrem soldatischen Menschen-Versuch machen ist kein Geheimnis.
Eine informierte Öffentlichkeit kann sich nicht damit entschuldigen.
Sie kann nicht sagen: Wir wissen von nichts.
Was der Menschen-Versuch mit seinen Opfern macht ist das Umgekehrte.
Mit dem menschlichen Versuchs-Material.
Darüber konnte man Erschreckendes in der Deutschland-Funk-Sendung Wissenschaft im Brennpunkt erfahren.
Nerventerror wie der Drohnen-Krieg in die Ohren kriecht.
Es geht um bewaffnete Drohnen-Schwärme.
Sie terrorisieren wahllos militärische Verbände.
Und zivile Menschen-Ansammlungen.
Akustisch bevor sie tödlich zuschlagen.
Die Überlebenden leiden an brutalen Langzeit-Folgen.
Der Sound-Terror dringt ihnen ins Ohr.
Um sie nie mehr zu verlassen.
Unter Soldaten und Zivilisten hinterlässt der Drohnen-Krieg massenhaft Wracks.
Körperliche und seelische.
Ein Oberst des österreichischen Heeres im Original-Ton:
Die ukrainische Armee-Führung hat ein Video veröffentlicht.
Kurz geschnitten hundert Sequenzen.
Wie russische Soldaten sich umbringen.
Alles gefilmt von Drohnen.
Ich betone das deswegen:
Sie haben Angst von der Drohne getroffen zu werden.
Sie sind nicht mehr in der Lage den Übergang vom Leben zum Tod zu kontrollieren.
Darum versuchen sie sich umzubringen.
So verzweifelt sind sie.
Das russische Militär rächt sich.
Es macht mit Drohnen Jagd auf Menschen in den Straßen.
Von Cherson und Charkiw.
Ein französischer Beobachter fasst zusammen:
Ob Soldaten oder Zivilisten.
Der Drohnen-Krieg bringt sie alle in eine schwer erträgliche Lage.
Drohnen terrorisieren und lähmen ganze Bevölkerungen.
Neben den Toten den Verletzten der Zerstörung der Wut und der Trauer.
Ist das der Effekt:
Permanente tödliche Überwachung.
Eine Art geistiges Gefängnis.
Das nicht aus Mauern oder Gitter-Stäben besteht.
Sondern aus endlos kreisenden fliegenden Wacht-Türmen.
Vom laufenden Menschen-Versuch ausgenommen
Kriegs-technisch relevante Menschen-Versuche an Soldaten auf dem Gefechts-Feld.
Oder Menschen-Versuche an Behinderten in sogenannten Anstalten.
Für den gleichen Zweck.
Bedrückend das Schweigen der Gesellschaft über den Menschen-Versuch Krieg.
Noch bedrückender für mich das Schweigen in der Behinderten-Community.
Auch über den gegenwärtigen Krieg in Europa insgesamt.
Ich rede nicht über etwas Entsetzliches dem Einhalt geboten wird.
Bedauerlicherweise nein.
Der Feld-Versuch ist nach wie vor im Gange.
Er droht ausgeweitet zu werden.
Wie geht es mir nach diesen Überlegungen?
Angeregt durch meine Wunsch-Fantasie.
Es möge doch noch jemand unseren Kriegs-Herren ins Wort fallen.
Wenigstens das.
Wenn schon keine Aussicht besteht dass ihnen jemand in den Arm fällt.
Um ihrem aberwitzigen Tun Einhalt zu gebieten.
Gut geht es mir nicht.
Das Gefühl vergeblichen Bemühens hat mich nicht verlassen.
Auch das Gefühl der Ratlosigkeit nicht.
Geblieben ist eine kleine Lust zum Sarkasmus.
Sarkasmus bedeutet: böser Spott.
Man sagt das Gegenteil von dem was man denkt.
An Stellen wo der reale Aberwitz es zu arg treibt.
Die Seele wehrt sich.
Das ist ein gesunder reaktiver Impuls.
Könnte es sein dass ich ihre moralische Raffinesse unterschätze?
Wie die kriegs-technischen Erfindungen der Kriegs-Herren mein Vorstellungs-Vermögen übersteigen.
Vor Jahrzehnten gab es den Spruch:
Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.
Das war eine Eselei.
Richtig hätte es heißen müssen:
Stellt euch vor es ist Krieg und niemand kann weglaufen.
Also stelle ich mir vor es ist soweit.
Der Krieg ist da.
Sein flächen-deckender Menschen-Versuch.
Vor dem es kein Entrinnen gibt.
Nirgends.
Der Krieg ist da und er ist überall.
Am Boden und in der Luft.
Auf dem Land in der Stadt.
Niemand läuft weg.
Alle laufen durcheinander.
Zivilisten und Kämpfer.
Kinder und Alte.
Blinde mit Blinden-Stock.
Chronisch Kranke im Rollstuhl.
Drohnen-Alarm.
Doch zu spät sinnlos.
Der Drohnen-Angriff kennt keine Vorwarn-Zeit.
Von einer Minute auf die andere ist die Hölle los.
Darum läuft niemand weg.
Mitten im Inferno.
Inferno bedeutet: Hölle auf Erden.
Alle laufen durcheinander.
Kopflos kreuz und quer.
Aber die Drohnen sind da.
Sie sind überall.
Sie verfolgen alle überall hin.
Die Blinden sehen die Drohnen nicht.
Aber sie hören sie.
Die Akustik ist unverwechselbar.
Das anschwellende sich nähernde Geräusch.
Bei allem Horror geht es demokratisch zu.
Niemand weiß wann er oder sie an der Reihe ist.
Wann die verfolgende Drohne sich auf das Opfer stürzt.
Und seinen Körper in Stücke reißt.
Sicher ist nur: Niemand entkommt.
Dann geschieht ein Wunder.
Völlig unerwartet verhalten sich einige Drohnen wählerisch.
Die Auserwählten dieses unvorhersehbaren Wunders sind:
Die Blinden und die mit Rollstuhl.
Ausnahmslos alle werden von den Drohnen zerfetzt.
Zivilisten und Kämpfer.
Junge und Alte.
Nur die Behinderten nicht.
Wer hat es vermocht ein solches Wunder zu wirken?
Was ist des Rätsels Lösung?
Die Antwort ist verblüffend einfach.
Die neue elektronische Patienten-Akte enthält das verschlüsselte Datum behindert.
Von den durch das Wunder Begünstigten.
Die Daten der Akte liegen der Drohnen-Leit-Stelle vor.
Dank korrekter Amts-Hilfe.
Mit dem Vermerk: Behinderte verschonen.
Hinter dieser wundersamen Ausnahme-Regelung stehen die Kriegs-Herren.
Die obersten Militärs und ihre Kriegs-Technologie-Entwickler.
In einer Presse-Erklärung lassen sie verlauten:
Wir betrachten es als humanitäres Anliegen.
Als unsere moralische Pflicht.
Die Behinderten aus der Liste der kriegs-relevanten Ziele zu streichen.
Von Drohnen-Angriffen.
Sie stellen eine Kategorie menschlicher Ziele dar.
Die bereits in der Vergangenheit bei ähnlichen Menschen-Versuchen ihr Soll erfüllt hat.
Darum sind ihre Angehörigen vom derzeit laufenden flächen-deckenden Menschen-Versuch auszunehmen.
Eine andere Entscheidung lässt unser menschliches und militärisches Gewissen nicht zu!
Dieser Text ist in Leichter Sprache nach DIN SPEC 33429 geschrieben.
Das Original ist schwerer zu verstehen.
Bei Fragen ruft an oder schreibt eine Email.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Schuster bleib bei deinen Leisten! So lautet das Original. Von einem Bekannten, soeben zum Vorsitzenden des lokalen Behindertenbeirats gewählt, erfahre ich, Tenor in der Lokalpolitik ist es, die Behinderten möchten sich doch bitte auf ihre Angelegenheiten beschränken, Beispiel Bordsteinabsenkung. Und wem das nicht reicht, wer in diesem Sinne behindertenpolitisch nicht spurt, werde mit Angst vor den Russen eingeschüchtert. – Nun bin ich ein Behinderter, der sich so leicht nicht einschüchtern lässt. Ich spreche und schreibe auch über den behindertenpolitischen Tellerrand hinaus über das, was ich politisch und gesellschaftlich um mich her beobachte. Und das ist in der Tat beunruhigend. Was allerdings ein Grund mehr ist, davon nicht zu schweigen!
Uns klein machen, auf das Niveau abgesenkter Bordsteinkanten, vor allem intellektuell – das wollen sie, die Herrschenden. Die lokalen vor Ort ebenso wie die Tonangeneden in den Metropolen. Liebe Mitbehinderte, lasst euch nicht kleinmachen und einschüchtern! Ja, wir sind behindert und vor allem werden wir behindert, doch lassen wir uns deswegen nicht für blöd verkaufen. Und lasst euch nicht einreden und redet es euch nicht selber ein, dass ihr einen intellektuell anspruchsvollen Text wie den folgenden nicht lesen und verstehen könnt. Ein exzellenter Essay, zuerst in der kobinet-Literaturbeilage erschienen. Hier kommt er.
Unseren „Masters of War“ ins Wort fallen
Wie es Bob Dylan tat. In seinem Protestsong „Masters of War“. Ihnen seiner Zeit ins Wort gefallen mit Lyrics – Lyrics, ein Wort, dessen Klang und Konnotation einen zurückzucken lässt, es zusammen mit dem Sujet „Krieg“ auszusprechen, doch Dylan wäre nicht Dylan, gelänge es ihm nicht, auch dem Schrecklichen eine poetische Ausdrucksqualität zu verleihen – mit Lyrics also, die heute wieder so aktuell, so gegenwärtig sind, wie sie es 1963 (im Jahr der Veröffentlichung des Songs) gewesen sind. Den damaligen „Masters of War“ ins Wort gefallen ist, weil dies für einen Sänger und Poeten die Art und Weise ist, ihnen entgegenzutreten. In den Arm fallen und sie an ihrem todbringendem Tun hindern, das mussten damals und müssten heutzutage andere und vor allem viele, sehr viele. Dass unseren heutigen „Masters of War“ nicht einmal mit Worten oder jedenfalls nur selten und medial kaum vernehmbar in den Arm gefallen wird, dieses menschliche Versagen und politische Skandalon macht mich jedesmal von neuem fassungslos und im ersten Moment auch sprachlos.
„An einem fahlen Nachmittag“ – Dylans Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat
„On a pale afternoon …“ Dylans „Masters of War“ endet mit einem ungewöhnlichen Bild, in welchem ein Todeswunsch zum Hoffnungsversprechen wird: “ … und ich hoffe, das ihr sterbt und euer Tod bald kommen wird. Ich werde eurem Sarg folgen an einem fahlen Nachmittag und ich werde zusehen, wie ihr hinabgelassen werdet, hinunter in euer Totenbett und ich werde über eurem Grab stehen, bis ich sicher bin, dass ihr tot seid.“ – Eine Hoffnung, die sich als geschichtliche, menschheitsgeschichtliche bis heute nicht erfüllt hat. Schlimmer noch, in einem kurzen historischen Zeitfenster schien es so, als würde sie tatsächlich in Erfüllung gehen. Ein irriger Eindruck, der auf grausame Weise diejenigen betrogen hat, die lebensgeschichtlich die Zeit des „Kalten Kriegs“ und des atomaren Wettrüstens miterlebt haben. Und die sich in der Phase der Entspannungspolitik und der Abrüstung und insbesondere nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ Hoffnungen gemacht haben auf ein Ende des Zeitalters der Kriege und der Hochrüstung.
Desto erschreckender für mich, ein Angehöriger der Nachkriegsgeneration, der „Nach-Zweite-Weltkriegsgeneration“ müsste man mittlerweile präzisieren, da einige es bereits als „fait accompli“ betrachten, dass der Dritte Weltkrieg schon begonnen hat. Für mich ist es um so erschreckender zu erleben, wie selbst etliche meiner Generationsgenossen sich geschmeidig dem gewandelten Zeitgeist fügen. Und nachdem sie sich ihrer vormaligen Friedenshoffnungen wie einer lästigen Zwangsjacke entledigt haben, die bellizistischen Phrasen der neuen Kalten Krieger und hitzigen Kriegsertüchtiger nachbeten. In der Tat, ich fasse es nicht und möglicherweise lässt sich dieser Sinneswandel auf rein rationaler Ebene auch nicht fassen. Man müsste sich dazu auf das spekulative Terrain der Psychoanalyse oder Tiefenpsychologie begeben.
Anders bei den Bellizisten der jüngeren Generation, den Carlos Masala, Christian Mölling und tutti quanti (die Bellizistinnen nicht zu vergessen, Florence Gaub und andere), sie verdanken der von ihnen gefeierten „Rückkehr zur Normalität“, der Normalität des Krieges, eine Karriereschub, ihren beruflichen und medialen Erfolg. Das Durchspielen von Rüstungs- und Kriegsszenarien, motiviert selbstverständlich aus dem ethischen Gewissensimpuls, dass einzig Kriegsvorbereitung Kriege verhindere, setzt bei ihnen Endorphine frei, Glückshormone. „Jetzt sind wir alle erst einmal glücklich“, tönte Christian Mölling bei Markus Lanz am Abend jenes denkwürdigen Tages, an dem Kanzler Scholz die erste Leopardpanzer-Lieferung an die Ukraine durchgewunken hat.
Wer alles zählt zu dieser Gilde, den bis heute geschichtlich nicht zu Grabe getragenen Kriegsmeistern? Zum einen solche, wie die soeben namentlich Erwähnten, in legitimationsideologischen und strategie- und militärwissenschaftlichen Denkfabriken (Stiftungen und Hochschulen) Tätige; zum anderen publizistische und journalistische Dolmetscher sowie mediale Verbreiter und Verstärker von deren strategischen Konzepten und militärischen Sachzwanglogiken. Zum Beispiel in meinem geliebten Deutschlandradio sind beide Kategorien, die Denkfabrikler und die journalistischen Kommentatoren und Nachbeter, täglich auf Sendung, ohne dass ihnen anders lautende Stimmen nennenswert ins Wort fallen. Nicht anders in den übrigen öffentlich-rechtlichen „Qualitätsmedien“, ein journalistisch militärexpertokratischer Komplex hat in ihnen das Sagen, Gramsci hätte von „Hegemonie gesprochen. – Dass gegenwärtig sogar die Intellektuellen (von wenigen Ausnahmen abgesehen) und parteipolitisch so gut wie alle Linksliberalen und Progressiven im Fahrwasser des kriegsmeisterlichen Denkens schwimmen, führt vor Augen, wie grundlegend der Zeitgeist sich gedreht hat.
Die Masters of War, die Bob Dylan vor Augen hatte, waren noch ausschließlich profitgierige Bosse der Rüstungsindustrie im Bunde mit kriegswillfährigen Politikern, „senators and congressmen“ (denen er in seinem damaligen Zeitenwende-Song „The times they are changing“ zurief, „your old world is rapidly fading“). Von dieser überschaubaren Herrschaftsclique, den Profiteuren des Krieges heißt es in den Lyrics der Masters of War eindrücklich: “ … ihr Herren des Krieges, ihr die ihr die großen Kanonen baut, ihr die ihr die todbringenden Flugzeuge baut, ihr, die ihr all die Bomben baut, ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt, ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt, ich möchte nur, dass ihr wisst, ich kann eure Masken durchschauen … “
Phrasen über Phrasen, die die Fratze des Kriegs verbergen
Die von Dylan durchschauten Masken seiner damaligen Masters of War sind nicht die heute getragenen. Wie auch die Gesichter dahinter heutzutage andere sind. Gesichter von Menschen, die nicht an Rüstung und Krieg verdienen, die in keinen „militärisch-industriellen Komplex“ (der übrigens kritisch von Präsident Eisenhower, Weltkriegsgeneral in der Anti-Hitler-Koalition, bereits vor 1960 in die politische Debatte lancierte Begriff) persönlich oder finanziell verstrickt sind. Vielmehr sind es Menschen, die einer breiter gestreuten gesellschaftlichen Elite angehören und interessiert sind an der Erhaltung ihres materiell, sozial und kulturell privilegierten Status in der westlich liberalen Gesellschaft der Spätmoderne. Politische Amts- und Mandatsträger, Leute aus dem Medien- und dem Wissenschaftsbetrieb, sogar das Gros der wortführenden „Kulturell Kreativen“, sie alle sind in einem politisch-ideologischen Moraldiskurs gefangen, der ihnen gewissermaßen keine Wahl lässt. Der sie zwingt, Krieg und Kriegsdrohung (Putins Angriff auf „unsere Freiheit“) ihrerseits mit Krieg und Kriegsdrohung zu reagieren. Tertium non datur, ein drittes gebe es nicht und über dessen Möglichkeit soll auch nicht nachgedacht werden. Es wird moralisch diskreditiert, geradezu verfemt, „Lumpenpazifismus“.
Sie maskieren weniger sich selbst, vor allen Dingen maskieren sie die Realität, das wahre Gesicht des Krieges, den sie unter dem rechtfertigenden Etikett „Verteidigungskrieg“ vorzubereiten und zu führen bereit sind. Dessen heute weniger denn je einhegbare Brutalität sie mit einem abstrakten und mitunter doppelzüngigen Freiheits- und Menschenrechtsdiskurs zudecken. Zivilisationsbruch mit Zivilisationsbruch beantworten, so der nackte Tatbestand von Krieg heute und als dieses „Faktum brutum“ ein Tabu. Etwas, das nicht verbalisiert werden darf. Den Satz, „wir müssen den von einem Aggressor begangenen kriegerischen Zivilisationsbruch mit unserem eigenen begegnen, um die Demokratie und unsere freiheitliche Lebensweise vor der Zerstörung zu bewahren“, dürfen unsere Kriegsbefürworter, weil mit universalistischen Moralgründen argumentierende Bellizist*innen, nicht aussprechen. – Und um dieses Sprechverbot, das Tabu, aufrechtzuhalten, muss im politischen Diskurs der moralisierende Ton hochgefahren werden. Eine rüstungs- und kriegslegitimatorische Moralisierung der Politik, die desto lautstärker und unversöhnlicher betrieben wird, als sie ihren inhärenten ethischen Widerspruch schwerlich zu kaschieren vermag.
Vor zwei Jahrzehnten beließ es ein SPD-Verteidigungsminister noch bei der schwammigen Formel, unsere Freiheit werde auch am Hindukusch verteidigt. „Wir brauchen weitreichende Waffensysteme“, fordert heute die feministische Außenministerin auf dem Grünen Parteitag, Waffensysteme, mit denen wir unsere Freiheit inzwischen auch vor Moskau verteidigen, verteidigen können müssen. Das gegenseitige einander Abschlachten russischer und ukrainischer Soldaten und das Töten von Zivilisten nicht mehr nur auf ukrainischer Seite, führt auch nach drei Jahren nicht zu einem entsetzten Innehalten und zum Überdenken der eigenen Phraseologie. Man befeuert im Gegenteil umso wütender die Waffenlieferungs- und Kriegsertüchtigungsrhetorik. Nicht nur auf der Seite des Feindes, in Putins Russland, läuft in den staatlich gelenkten Medien die kriegspropagandistische Phrasendreschmaschine heiß, sie wird vom liberalen Medienbetrieb im freiheitlich demokratischen Westen ebenfalls auf Hochtouren gebracht. Phrasen über Phrasen werden verbreitet, die die Fratze des Kriegs verbergen. Die schönsten, sprich schrägsten, von Militärs und Ex-Militärs beigesteuert, welche die von ihnen angepriesenen „Verteidigungsgüter“ werbefachmännisch wie ein x-beliebiges Produkt auf dem Waren- und Dienstleistungsmarkt bewerben. Oberst a.D. und CDU-Verteidigungsminister in spe Roderich Kiesewetter vergleicht künftige europäische Rüstungsprodukte mit „Pflanzen“, die erst einmal „aufgezogen und gepflegt werden müssen“. Und gleichfalls im Deutschlandfunk schwärmt Ex-General Lothar Domröse von den “ sounds of freedom“, wie man sie während eines Nato-Manövers zu hören bekomme, er meint das Rasseln von Panzerketten und das Donnern der Kampfjets.
Wissentlich verschwiegen – zumal beim euphorisierenden Kriegsspieleifer – wird die hässliche Seite des Krieges, sprachlich wohl ein Euphemismus für dessen Grauen. „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“, heißt es in Georg Trakls Gedicht „Groddek“. Erschütternd feststellen zu müssen, die Ortschaft Groddek, Schauplatz der nach ihr benannten Schlacht im Ersten Weltkrieg, liegt auf dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine. Ob eine dichterische Metapher wie „schwarze Verwesung“ oder die in Wort und Bild (foto- oder filmtechnischem Bild) direkt gezeigte, brutal offengelegte Wirklichkeit des Krieges, beides darf nicht in einem Atemzug, in ein und derselben medialen Performance mit der kriegspropagandistischen bzw. kriegsertüchtigenden Medieninszenierung zum Ausdruck gebracht werden. Dies liefe auf Wehrkraftzersetzung und die Demoralisierung der Öffentlichkeit hinaus, jenes zivilen Publikums, um dessen Zustimmung und gutgläubige Unterstützung man doch buhlt.
Mit einer Miene des Bedauerns konzedieren würden unsere beredten Masters of War gegenüber beharrlichen Bedenkenträgern höchstens, gewiss, Krieg ist Krieg, es kann und wird Verluste geben, auch auf unserer Seite, wo gehobelt wird, da fallen Späne. – Aber selbst Krieg kenne Regeln und an die halte sich ein demokratisch kontrolliertes Militär. Worauf wir uns allerdings beim jetzigen Feind keineswegs verlassen können. Das von einem autokratischen Herrscher zum Angriff losgeschickte Militär hält sich nicht unbedingt an die Genfer Konvention. Nur wo ihm mit überlegenem Gerät und genügender Menpower entschlossen entgegengetreten werde, verwandeln sich nicht größere Teile davon in eine marodierende Soldateska, die – was in Butscha und anderswo in der Ukraine geschehen – wie zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs nach Landsknechtmanier mordet, vergewaltigt, plündert und brandschatzt.
Eine kriegsmeisterlich zertifizierte Zusicherung, eine Beteuerung mindestens, der viele schlichtweg glauben. Ob sie derlei Beschwichtigungen auch dann noch glauben, sobald sie sich die Berichte und Bilder aus dem Gaza-Krieg vor Augen halten oder nochmals vergegenwärtigen? Solche Glaubenskraft vermag ich jedenfalls nicht aufzubringen. Die „Israel-Defense-Forces“ (IDF) sind Verteidigungsstreitkräfte eines demokratischen Staats, ihre Soldaten wurden gemäß den Prinzipien eines regelbasierten, „völkerrechtlich eingehegten“ Kriegs an der Waffe ausgebildet. Woran liegt es und wie kann es sein, dass dennoch Einzelne oder ganze Einheiten (juristisch geprüften Augenzeugenberichten und Dokumenten zufolge) bei der Ausübung ihres Kriegshandwerks gegen dessen Regularien eklatant verstoßen? Mithin Kriegsverbrechen begehen, Krankenhäuser bombardieren, beschießen und stürmen etc. Das Argument „asymmetrischer Krieg“ (reguläre, gekennzeichnete Kombattanten treten gegen irreguläre, von Zivilisten nicht klar zu unterscheidende Kämpfer an) wird angeführt, taugt jedoch kaum zu einer vollständigen oder auch bloß annähernden Erklärung. Und kommt für eine Entschuldigung, die es bei derartigen Vergehen ohnehin nicht geben kann, erst recht nicht infrage.
Mag sein, dass unsere Realpolitiker bis hin zu selbsternannten feministischen Realpolitiker*innen sich die Wahrheit über Militär und Krieg nicht zumuten möchten. In der Rolle des intellektuellen Beobachters jedoch mogelt es sich nicht so leicht daran vorbei, es sei denn um den Preis intellektueller Unredlichkeit. Wie wäre es also – statt den bei „zivilisierter Kriegführung“ angeblich vermeidbaren „kriegshandwerklichen Rückfall in die Barbarei“ lediglich machiavellistischen Heerführern und deren Söldnerhaufen zuzutrauen –, sich endlich dahingehend ehrlich zu machen, dass Enthumanisierung und Brutalisierung der DNA von Kriegshandwerk und Militär einprogrammiert sind. Kein kriegerisches Handeln, gleichviel ob Angriff oder Verteidigung, dem der Zivilisationsbruch nicht inhärent wäre, keine militärische Ausbildung, die nicht auf methodische Befähigung und Vorbereitung zu mörderischem Handeln hinausliefe. Und im Zeitalter nuklearer Waffen den kollektiven Selbstmord in Kauf nimmt.
Tödliches Spiel mit unserer Welt, als wäre sie ein Spielzeug
Richten wir das Augenmerk von der Levante, dem Libanon, Palästina und Gaza zurück auf den europäischen Kontinent. Auf das Schlachtfeld Europa, unglaublich und mir selber unheimlich, was für Worte und Sätze sich mit einem Mal innerlich aussprechen und hinschreiben lassen, ohne offenkundige Fiktion, ohne irreal zu sein. Das zur Zeit noch auf das Territorium der Ukraine begrenzte europäische Schlachtfeld werde in wenigen Jahren – abzählbar an den Fingern einer Hand, versichert Nato-Generalsekretär Rutte – sich zu einem gesamteuropäischen Gefechtsfeld ausweiten. Ja, unsere hartgesottenen Masters of War nehmen gar kein Blatt vor den Mund, es wird Krieg geben, ein auf ganz Europa ausgedehnter Krieg, auf den wir uns in aller Eile vorbereiten müssten. Der Herrscher im Kreml, Ausbund alles Bösen, habe uns und unserer Lebensweise seit langem den Krieg erklärt und ihn an der Donbas-Front seit Jahren begonnen, womit er uns freien Europäern, den fraglos Guten, ebenso den Zivilisationsbruch (meine Vokabel) aufzwingt. Ein damit wechselseitig oder gemeinsam veranstalteter Zivilisationsbruch, der – die Gewinnbarkeit dieses Krieges setzen sie voraus – mit unserem Sieg über den Aggressor enden wird. Mit der garantierten Sicherstellung unserer zukünftigen Freiheit und Sicherheit.
Wie umgehen mit dieser suggestiven Rede, mit einem „Ja und Amen“ antworten? Abermals scheint dies die Antwort oder die Einstellung vieler. Sich ihrem seitens der Kriegsherren einkalkulierten, „eingepreisten“ Untergangsschicksal ergeben, es inmitten der alltäglichen Routine einfach vergessen, aus den Gedanken und schon aus der Welt, wie aus den Augen, aus dem Sinn. Und sich im übrigen an Sankt Florian klammern, möge der Kelch an mir und den meinen vorübergehen und die Rakete oder die Drohne irgendwelche anonymen Nachbarn treffen.
Die Antwort Dylans, die er vor über sechs Jahrzehnten den Masters of War seiner Tage gesanglich litaneihaft obstinat, an den Kopf geschleudert hat, scheint auf alle Fälle kaum noch jemanden zu interessieren, geschweige denn zu einer zeitgenössischen Coverversion zu inspirieren. „Wie Judas zu alter Zeit lügt und betrügt ihr, ein Weltkrieg kann gewonnen werden, wollt ihr mich glauben machen“ – er hat ihnen nicht geglaubt, ein Weltkrieg kann nicht gewonnen werden, Dylan entlarvt sie als Lügner. Der kulturell hegemoniale Bellizismus der Gegenwart – breit gestreut über die themensetzenden und medienpräsenten Sektoren, Funktionseliten und Milieus – zeigt sich performativ vom Gegenteil überzeugt. Glaubt den bevorstehenden, gewissermaßen komplizenhaft ins Werk gesetzten Krieg gewinnen zu können, gleichviel ob als europäischen oder als Weltkrieg. Und so nimmt, scheint es, das Verhängnis seinen Lauf. – Was tun als einzelner auf weiter Flur, der von sich sagt „I am not convinced“. Sie Lügner nennen? Lügen unterstellt eine Intention und das ist anstrengend, folglich handelt es sich bei der großen Mehrzahl um Gutgläubige, wenn man so will „kriegspropagandistische Überzeugungstäter“. Allenfalls könnte ich sie der Unaufrichtigkeit zeihen und ihnen Mangel an „intellektueller Redlichkeit“ vorhalten. Was in anderer Hinsicht wiederum dem „objektiven Wahnwitz“ ihres Glaubens und ihrer Handlungen nicht gerecht würde und einer Verharmlosung nahe käme. Wie in Anbetracht dieser aussichtslos erscheinenden Lage nicht selber irre werden?
Eine akute „Grenzerfahrung“, zurückgeworfen auf mich selber
Die ad personam, an mich gerichtete Frage – wie nicht irre werden? – ist nicht rhetorisch gemeint. Ad hominem, in der ersten Person Singular, argumentiert oder spricht jemand, handelt es sich um wesentliche oder existenzielle Belange, nicht ohne Not. Eine persönliche Not. Wie die Determinanten meiner Not kurz umreißen? Ein Behinderter, erblindet, alt, Mitte siebzig; von Grundsicherung lebend; „sozial tot“, sozialpsychologisch gesprochen; wenige „parasoziale“ Kontakte, per Telefon und Email, an zwei Händen abzählbar; intellektuelle Gesprächspartner keine. Auf meine Kolumnen zum Krieg in Europa bei den kobinet-nachrichten (die einzige mir verbliebene Publikationsmöglichkeit) so gut wie keine Reaktion aus der Community. Aus dem Radio und über das Internet in Nachrichten-Timeline und Talkrunden ein gespenstisch die neue Normalität des Kriegs und der Kriegsvorbereitung wiederholender Stimmenkanon. – In etwa entlang dieser Koordinaten verläuft meine soziale Isolationshaft. Und in ihr radikal auf mich selber zurückgeworfen, durchlebe ich offenbar, was der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers mit dem Wort „existenzielle Grenzerfahrung“ zu fassen versuchte. Sie trifft jeweils Einzelne und erschüttert ihre individuelle Existenz mit einer Heftigkeit, aus der sie allein der Sprung auf eine höhere Ebene, Metaebene, auf eine Stufe der „Transzendenz“ zu retten vermag. Weil kaum anderes sie in ihrer Lage davor bewahren dürfte, irre oder verrückt zu werden, depressiv, psychotisch oder suizidal.
Bob Dylan hat in den „Masters of War“ für den militärischen Irrsinn wie er dieser Tage erneut zur verteidigungspolitischen Notwendigkeit erklärt wird, ein so schlichtes wie treffendes Bild: Ihr spielt mit meiner Welt, als wäre sie euer „little toy“. Unsere Welt und damit das Leben von uns allen ein Spielzeug in der Hand von Militärs und Politikern, die bei ihrem frivolen Spiel mit der Welt erklärtermaßen „all in gehen“, wie es in der Pokersprache heißt. Kindern erlaubt man ihr Spielzeug, wenn ihnen danach ist, kaputt zu machen, es auch zu zerstören, schließlich sind es Kinder. Die jedoch hier und heute vor den Augen und Ohren aller mit unserer Welt spielen, als wäre sie ihr „little toy“, dessen Zerstörung ihnen anheim gestellt ist, sind Erwachsene! – Die spontane Reaktion, die man unter „normalen Umständen“ erwarten würde, „Unzurechnungsfähige, auf infantile Stufe Regredierte sind am Werk“, vulgo Verrückte, Wahnsinnige. Wie aber, wenn alle um dich her tun als wäre nichts, politisch, sondern Business as usual wie sonst auch und wie Somnambule ihren Alltagstrott weitermachen. Wie hält ein isolierter Einzelner das aus im Kopf?
Und wie lange. Bislang haben mir vereinzelte Stimmen geholfen, die wie Rufer in der Wüste noch nicht gänzlich aus den Medien verschwunden sind. Zu der verschwindend geringen Zahl derjenigen, die in den Mainstream-Medien dem penetranten Stimmenchor widersprechen, der unisono Waffenlieferungen und Aufrüstung befürwortet und militärische Landesverteidigung, also im Ernstfall Krieg, für ein probates Mittel erachtet, um „Sicherheit und Freiheit“ zu verteidigen, gehört der Sozialwissenschaftler und Konfliktforscher Christian Hacke. Der Tenor unserer hiesigen Debatte zur Ukraine-Unterstützung erinnere ihn inzwischen an die Durchhalteparolen und das verzweifelte Sich-Klammern an die kriegsentscheidende Wirksamkeit von Wunderwaffen auf deutscher Seite gegen Ende eines anderen großen Krieges. Bei den Worten des achtzigjährigen Axel Hacke spüre ich ein Aufatmen in mir, mein Realitätssinn scheint mir also doch nicht abhanden gekommen, ich fange nicht an zu spinnen, meine Wahrnehmung ist intakt und ich übertreibe demnach auch nicht. Wenn von Realitätsverkennung, von einer ans Pathologische grenzenden Wirklicheitsverleugnung und Gefahrenverdrängung gesprochen werden muss, so liegt dieselbe hier bei den alles übertönenden Wortführern eines militärisch und politisch vermeintlich gesunden Menschenverstands und einer ihm hörigen „normopathischen“ Mehrheitsgesellschaft. Welcher selbst nach drei Jahren Krieg und Waffenlieferungen – und angesichts der unerträglichen Tatsache, dass lediglich „die Zahl der Todesopfer steigt“ auf beiden Seiten und „das Blut junger Menschen aus ihren Körpern fließt und im Schlamm versickert“, so noch einmal Bob Dylan – nichts besseres einfällt, als nach noch mehr Waffen und Munition zu rufen.
Besonders Vulnerable und das bedrückende Schweigen ihrer Repräsentanten
Sicher gibt es mit Blick auf Kriegsszenarien verschiedene Kategorien von besonders Vulnerablen, so sehr ich es auch als schwer erträglich empfinde, in Anbetracht der tödlichen Indifferenz moderner Massenvernichtungswaffen unter den Opfern nach „unterschiedlich Vulnerablen“ zu differenzieren. Ich komme in diesem Zusammenhang auch deshalb auf die ganz besonders gefährdete Gruppe der Behinderten zu sprechen, weil sie in der Zeit des Nationalsozialismus und unter dessen Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs einer „Sonderbehandlung“ unterzogen wurden, die Nazis Menschenversuche an ihnen vornahmen, von deren Ergebnissen sie sich zum Teil „kriegsverwertbare Erkenntnisse“ versprachen. An dieses grausige Kapitel muss ich denken, seitdem ich kürzlich den Experten Andrew Denison von der Denkfabrik „Transatlantic Networks“ im Deutschlandfunk sagen hörte: Möge der mittlerweile drei Jahre andauernde Krieg in der Ukraine auch für beide Kriegsparteien hinsichtlich Sieg oder Niederlage am Ende ergebnislos verlaufen, so habe er für die künftige Kriegsstrategie und vor allem für an kriegstechnischer KI-Entwicklung interessierte Militärexperten dennoch schon jetzt Daten von unschätzbarem Wert geliefert. Mit andern Worten, man hat die russischen und die ukrainischen Soldaten, nicht nur als „Kanonenfutter“ benutzt, den führenden Militärs und den Entwicklern von Kriegstechnologie haben sie zudem als „Versuchskaninchen“ gedient.
Jene unentbehrlichen Daten, die zu Friedenszeiten noch so realistische, „wirklichkeitsgetreue“ Kriegssimulation durch Manöver und Übung den Kriegsherren für ihre aufregenden technologischen Innovationen nicht zu liefern imstande ist, liefert ihnen lebendiges Experimentieren am soldatischen Versuchsmaterial im bereits laufenden Krieg. Die dadurch erzielten kriegstechnischen Quantensprünge versetzen Militärs und Kriegsentwickler in euphorische Zustände. Was also die Masters of War mit ihrem soldatischen Menschenversuch machen, wäre somit kein Geheimnis, eine informierte Öffentlichkeit kann sich nicht damit entschuldigen, sie wisse von nichts. – Was umgekehrt der Menschenversuch mit seinen Opfern macht, dem „menschlichen Versuchsmaterial“, darüber konnte man unlängst erschreckend Anschauliches in der Deutschlandfunk-Sendung „Wissenschaft im Brennpunkt“ erfahren. „Nerventerror, wie der Drohnenkrieg in die Ohren kriecht“ berichtet von bewaffneten Drohnenschwärmen, die wahllos militärische Verbände und zivile Menschenansammlungen akustisch terrorisieren, bevor sie tödlich zuschlagen. Die Überlebenden leiden an brutalen Langzeitfolgen, der Soundterror dringt ihnen ins Ohr, um sie nie mehr zu verlassen. Unter Soldaten und Zivilisten hinterlässt der Drohnenkrieg massenhaft körperliche und seelische Wracks.
Ein den Drohnenkrieg in der Ukraine beobachtender Oberst des österreichischen Heeres im Originalton: „Die ukrainische Armeeführung hat vor nicht allzu langer Zeit ein Video veröffentlicht, wo sie kurz geschnitten hundert Sequenzen sehen, wie russische Soldaten sich umbringen. Alles gefilmt von Drohnen, ich betone das deswegen, weil sie Angst haben von der Drohne getroffen zu werden und nicht mehr in der Lage zu sein, den Übergang vom Leben zum Tod in der Hand zu haben. Darum versuchen sie sich umzubringen, so verzweifelt sind sie…“ Das russische Militär rächt sich, indem es mit Drohnen Jagd auf Menschen in den Straßen von Cherson und Charkiw macht. – Was der drohnenterroristische Menschenversuch mit den unfreiwilligen Probanden macht, fasst ein französischer Beobachter im Feature folgendermaßen zusammen: „Ob nun Soldaten oder Zivilisten, der Drohnenkrieg bringt sie alle in eine nur schwer erträgliche Lage. Drohnen terrorisieren und lähmen ganze Bevölkerungen. Neben den Toten, den Verletzten, der Zerstörung, der Wut und der Trauer ist genau das der Effekt, permanente tödliche Überwachung. In der Tat eine Art geistiges Gefängnis, das nicht aus Mauern oder Gitterstäben besteht, sondern aus endlos kreisenden fliegenden Wachtürmen.“
Ausgenommen vom laufenden Menschenversuch, ein überraschendes Rettungswunder
Ob nun kriegstechnisch relevante Menschenversuche an Soldaten auf dem Gefechtsfeld oder dem gleichen Zweck dienende Menschenversuche an Behinderten in sogenannten Anstalten – bedrückend das Schweigen der Gesellschaft über den „Menschenversuch Krieg“ und noch bedrückender für mich das Schweigen in der Behinderten-Community ebenfalls darüber, wie insgesamt zum gegenwärtigen Krieg in Europa. Und dabei geht meine Rede und führe ich Klage nicht über etwas Entsetzliches, dem Gott sei Dank in diesem Augenblick Einhalt geboten wird. Bedauerlicherweise nein, der Feldversuch ist nach wie vor im Gange und droht im Gegenteil ausgeweitet zu werden. – Wie geht es mir nach diesem Fazit meiner Reflexionen? Angeregt durch meine Wunschfantasie, es möge doch noch jemand unseren Masters of War ins Wort fallen. Wenigstens dies, wenn schon keine Aussicht besteht, dass ihnen welche in den Arm fallen, um ihrem aberwitzigen Tun Einhalt zu gebieten. Gut geht es mir nicht, das anfängliche Gefühl vergeblichen Bemühens hat mich nicht verlassen, auch das Gefühl der Ratlosigkeit nicht.
Geblieben ist allerdings ein kleine Lust zum Sarkasmus an Stellen, wo es der reale Aberwitz gar zu arg treibt. Die Seele wehrt sich, so gesehen ein gesunder reaktiver Impuls. Könnte es sein, dass so, wie die von Mal zu Mal raffinierteren kriegstechnischen Erfindungen und Klügeleien der Masters of War mein Vorstellungs- und Fassungsvermögen übersteigen, ich am Ende auch ihre moralische Raffinesse oder Spitzfindigkeit unterschätze. Vor Jahrzehnten zu einer weltpolitisch ähnlich bedrohlichen Zeit, gab es den Spruch – eine Eselei eigentlich –, „Stell dir vor, es ist ist Krieg und keiner geht hin“. Richtig hätte es schon damals heißen müssen: Stellt euch vor, es ist Krieg und niemand kann vor ihm weglaufen.
Also stelle ich mir vor, es ist soweit, der Krieg ist da, sein flächendeckender Menschenversuch, vor dem es kein Entrinnen gibt. Nirgends. Der Krieg ist da und er ist überall, am Boden und in der Luft, auf dem Land, in der Stadt. Niemand läuft weg, alle laufen durcheinander. Zivilisten und Kombattanten, Kinder und Alte, Blinde mit Blindenstock, chronisch Kranke im Rollstuhl. Drohnenalarm, doch zu spät, sinnlos, wie der der Überschallraketen, so kennt auch der Drohnenangriff praktisch keine Vorwarnzeit, von einer Minute auf die andere ist die Hölle los. Darum läuft niemand weg, mitten im Inferno, alle laufen durcheinander, kopflos, kreuz und quer. Aber die Drohnen sind da und sie sind überall und sie verfolgen alle überall hin. Die Blinden sehen die Drohnen nicht, aber sie hören sie, die Akustik ist unverwechselbar, das anschwellende, sich nähernde Geräusch. Und bei allem Horror geht es demokratisch zu, niemand weiß, wann er oder sie an der Reihe ist, wann die verfolgende Drohne sich auf das Opfer stürzt und seinen Körper in Stücke reißt. Sicher ist nur, niemand entkommt.
Dann jedoch geschieht ein Wunder. Völlig unerwartet verhalten sich einige der Drohnen wählerisch und die Auserwählten dieses unvorhersehbaren Wunders sind – die Blinden und die mit Rollstuhl. Ausnahmslos alle werden von den Drohnen zerfetzt, Zivilisten und Kombattanten, Junge und Alte, nur die Behinderten nicht. – Wer hat es vermocht, ein solches Wunder zu wirken, was ist des Rätsels Lösung? Die Antwort ist verblüffend einfach. Die neue elektronische Patientenakte der durch das Wunder Begünstigten enthielt das verschlüsselte Datum „behindert“. Die Daten der Akte liegen dank korrekter Amtshilfe der Drohnen-Leitstelle vor, mit dem Vermerk „Behinderte verschonen“. Und hinter dieser wundersamen Ausnahmeregelung verbringt sich keine andere Instanz als die „Masters of War“, sprich die obersten Militärs und ihre Kriegstechnologie-Entwickler. In einer Presseerklärung lassen sie verlauten: „Wir betrachten es nicht nur als ein humanitäres Anliegen, sondern als unsere moralische Pflicht und Schuldigkeit, die Behinderten aus der Liste der kriegsrelevanten Ziele von Drohnenangriffen zu streichen. Sie stellen eine Kategorie menschlicher Ziele dar, die bereits in der Vergangenheit bei ähnlichen Menschenversuchen ihr Soll erfüllt hat. Darum sind ihre Angehörigen vom derzeit laufenden flächendeckenden Menschenversuch auszunehmen. Eine andere Entscheidung lässt unser menschliches und militärisches Gewissen einfach nicht zu!“
Zugeeignet meinen Studienzeitfreunden Birgit Steuer und Rainer Burgey sowie der Friedensaktivistin Ute Finckh-Krämer (Bundestagsabgeordnete der SPD von 2013-2017), die meine Antikriegs-Kolumnen auf blue sky gepostet hat.

Foto: Hubertus Thomasius
Staufen (kobinet) Schuster bleib bei deinen Leisten! So lautet das Original. Von einem Bekannten, soeben zum Vorsitzenden des lokalen Behindertenbeirats gewählt, erfahre ich, Tenor in der Lokalpolitik ist es, die Behinderten möchten sich doch bitte auf ihre Angelegenheiten beschränken, Beispiel Bordsteinabsenkung. Und wem das nicht reicht, wer in diesem Sinne behindertenpolitisch nicht spurt, werde mit Angst vor den Russen eingeschüchtert. – Nun bin ich ein Behinderter, der sich so leicht nicht einschüchtern lässt. Ich spreche und schreibe auch über den behindertenpolitischen Tellerrand hinaus über das, was ich politisch und gesellschaftlich um mich her beobachte. Und das ist in der Tat beunruhigend. Was allerdings ein Grund mehr ist, davon nicht zu schweigen!
Uns klein machen, auf das Niveau abgesenkter Bordsteinkanten, vor allem intellektuell – das wollen sie, die Herrschenden. Die lokalen vor Ort ebenso wie die Tonangeneden in den Metropolen. Liebe Mitbehinderte, lasst euch nicht kleinmachen und einschüchtern! Ja, wir sind behindert und vor allem werden wir behindert, doch lassen wir uns deswegen nicht für blöd verkaufen. Und lasst euch nicht einreden und redet es euch nicht selber ein, dass ihr einen intellektuell anspruchsvollen Text wie den folgenden nicht lesen und verstehen könnt. Ein exzellenter Essay, zuerst in der kobinet-Literaturbeilage erschienen. Hier kommt er.
Unseren „Masters of War“ ins Wort fallen
Wie es Bob Dylan tat. In seinem Protestsong „Masters of War“. Ihnen seiner Zeit ins Wort gefallen mit Lyrics – Lyrics, ein Wort, dessen Klang und Konnotation einen zurückzucken lässt, es zusammen mit dem Sujet „Krieg“ auszusprechen, doch Dylan wäre nicht Dylan, gelänge es ihm nicht, auch dem Schrecklichen eine poetische Ausdrucksqualität zu verleihen – mit Lyrics also, die heute wieder so aktuell, so gegenwärtig sind, wie sie es 1963 (im Jahr der Veröffentlichung des Songs) gewesen sind. Den damaligen „Masters of War“ ins Wort gefallen ist, weil dies für einen Sänger und Poeten die Art und Weise ist, ihnen entgegenzutreten. In den Arm fallen und sie an ihrem todbringendem Tun hindern, das mussten damals und müssten heutzutage andere und vor allem viele, sehr viele. Dass unseren heutigen „Masters of War“ nicht einmal mit Worten oder jedenfalls nur selten und medial kaum vernehmbar in den Arm gefallen wird, dieses menschliche Versagen und politische Skandalon macht mich jedesmal von neuem fassungslos und im ersten Moment auch sprachlos.
„An einem fahlen Nachmittag“ – Dylans Hoffnung, die sich nicht erfüllt hat
„On a pale afternoon …“ Dylans „Masters of War“ endet mit einem ungewöhnlichen Bild, in welchem ein Todeswunsch zum Hoffnungsversprechen wird: “ … und ich hoffe, das ihr sterbt und euer Tod bald kommen wird. Ich werde eurem Sarg folgen an einem fahlen Nachmittag und ich werde zusehen, wie ihr hinabgelassen werdet, hinunter in euer Totenbett und ich werde über eurem Grab stehen, bis ich sicher bin, dass ihr tot seid.“ – Eine Hoffnung, die sich als geschichtliche, menschheitsgeschichtliche bis heute nicht erfüllt hat. Schlimmer noch, in einem kurzen historischen Zeitfenster schien es so, als würde sie tatsächlich in Erfüllung gehen. Ein irriger Eindruck, der auf grausame Weise diejenigen betrogen hat, die lebensgeschichtlich die Zeit des „Kalten Kriegs“ und des atomaren Wettrüstens miterlebt haben. Und die sich in der Phase der Entspannungspolitik und der Abrüstung und insbesondere nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ Hoffnungen gemacht haben auf ein Ende des Zeitalters der Kriege und der Hochrüstung.
Desto erschreckender für mich, ein Angehöriger der Nachkriegsgeneration, der „Nach-Zweite-Weltkriegsgeneration“ müsste man mittlerweile präzisieren, da einige es bereits als „fait accompli“ betrachten, dass der Dritte Weltkrieg schon begonnen hat. Für mich ist es um so erschreckender zu erleben, wie selbst etliche meiner Generationsgenossen sich geschmeidig dem gewandelten Zeitgeist fügen. Und nachdem sie sich ihrer vormaligen Friedenshoffnungen wie einer lästigen Zwangsjacke entledigt haben, die bellizistischen Phrasen der neuen Kalten Krieger und hitzigen Kriegsertüchtiger nachbeten. In der Tat, ich fasse es nicht und möglicherweise lässt sich dieser Sinneswandel auf rein rationaler Ebene auch nicht fassen. Man müsste sich dazu auf das spekulative Terrain der Psychoanalyse oder Tiefenpsychologie begeben.
Anders bei den Bellizisten der jüngeren Generation, den Carlos Masala, Christian Mölling und tutti quanti (die Bellizistinnen nicht zu vergessen, Florence Gaub und andere), sie verdanken der von ihnen gefeierten „Rückkehr zur Normalität“, der Normalität des Krieges, eine Karriereschub, ihren beruflichen und medialen Erfolg. Das Durchspielen von Rüstungs- und Kriegsszenarien, motiviert selbstverständlich aus dem ethischen Gewissensimpuls, dass einzig Kriegsvorbereitung Kriege verhindere, setzt bei ihnen Endorphine frei, Glückshormone. „Jetzt sind wir alle erst einmal glücklich“, tönte Christian Mölling bei Markus Lanz am Abend jenes denkwürdigen Tages, an dem Kanzler Scholz die erste Leopardpanzer-Lieferung an die Ukraine durchgewunken hat.
Wer alles zählt zu dieser Gilde, den bis heute geschichtlich nicht zu Grabe getragenen Kriegsmeistern? Zum einen solche, wie die soeben namentlich Erwähnten, in legitimationsideologischen und strategie- und militärwissenschaftlichen Denkfabriken (Stiftungen und Hochschulen) Tätige; zum anderen publizistische und journalistische Dolmetscher sowie mediale Verbreiter und Verstärker von deren strategischen Konzepten und militärischen Sachzwanglogiken. Zum Beispiel in meinem geliebten Deutschlandradio sind beide Kategorien, die Denkfabrikler und die journalistischen Kommentatoren und Nachbeter, täglich auf Sendung, ohne dass ihnen anders lautende Stimmen nennenswert ins Wort fallen. Nicht anders in den übrigen öffentlich-rechtlichen „Qualitätsmedien“, ein journalistisch militärexpertokratischer Komplex hat in ihnen das Sagen, Gramsci hätte von „Hegemonie gesprochen. – Dass gegenwärtig sogar die Intellektuellen (von wenigen Ausnahmen abgesehen) und parteipolitisch so gut wie alle Linksliberalen und Progressiven im Fahrwasser des kriegsmeisterlichen Denkens schwimmen, führt vor Augen, wie grundlegend der Zeitgeist sich gedreht hat.
Die Masters of War, die Bob Dylan vor Augen hatte, waren noch ausschließlich profitgierige Bosse der Rüstungsindustrie im Bunde mit kriegswillfährigen Politikern, „senators and congressmen“ (denen er in seinem damaligen Zeitenwende-Song „The times they are changing“ zurief, „your old world is rapidly fading“). Von dieser überschaubaren Herrschaftsclique, den Profiteuren des Krieges heißt es in den Lyrics der Masters of War eindrücklich: “ … ihr Herren des Krieges, ihr die ihr die großen Kanonen baut, ihr die ihr die todbringenden Flugzeuge baut, ihr, die ihr all die Bomben baut, ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt, ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt, ich möchte nur, dass ihr wisst, ich kann eure Masken durchschauen … “
Phrasen über Phrasen, die die Fratze des Kriegs verbergen
Die von Dylan durchschauten Masken seiner damaligen Masters of War sind nicht die heute getragenen. Wie auch die Gesichter dahinter heutzutage andere sind. Gesichter von Menschen, die nicht an Rüstung und Krieg verdienen, die in keinen „militärisch-industriellen Komplex“ (der übrigens kritisch von Präsident Eisenhower, Weltkriegsgeneral in der Anti-Hitler-Koalition, bereits vor 1960 in die politische Debatte lancierte Begriff) persönlich oder finanziell verstrickt sind. Vielmehr sind es Menschen, die einer breiter gestreuten gesellschaftlichen Elite angehören und interessiert sind an der Erhaltung ihres materiell, sozial und kulturell privilegierten Status in der westlich liberalen Gesellschaft der Spätmoderne. Politische Amts- und Mandatsträger, Leute aus dem Medien- und dem Wissenschaftsbetrieb, sogar das Gros der wortführenden „Kulturell Kreativen“, sie alle sind in einem politisch-ideologischen Moraldiskurs gefangen, der ihnen gewissermaßen keine Wahl lässt. Der sie zwingt, Krieg und Kriegsdrohung (Putins Angriff auf „unsere Freiheit“) ihrerseits mit Krieg und Kriegsdrohung zu reagieren. Tertium non datur, ein drittes gebe es nicht und über dessen Möglichkeit soll auch nicht nachgedacht werden. Es wird moralisch diskreditiert, geradezu verfemt, „Lumpenpazifismus“.
Sie maskieren weniger sich selbst, vor allen Dingen maskieren sie die Realität, das wahre Gesicht des Krieges, den sie unter dem rechtfertigenden Etikett „Verteidigungskrieg“ vorzubereiten und zu führen bereit sind. Dessen heute weniger denn je einhegbare Brutalität sie mit einem abstrakten und mitunter doppelzüngigen Freiheits- und Menschenrechtsdiskurs zudecken. Zivilisationsbruch mit Zivilisationsbruch beantworten, so der nackte Tatbestand von Krieg heute und als dieses „Faktum brutum“ ein Tabu. Etwas, das nicht verbalisiert werden darf. Den Satz, „wir müssen den von einem Aggressor begangenen kriegerischen Zivilisationsbruch mit unserem eigenen begegnen, um die Demokratie und unsere freiheitliche Lebensweise vor der Zerstörung zu bewahren“, dürfen unsere Kriegsbefürworter, weil mit universalistischen Moralgründen argumentierende Bellizist*innen, nicht aussprechen. – Und um dieses Sprechverbot, das Tabu, aufrechtzuhalten, muss im politischen Diskurs der moralisierende Ton hochgefahren werden. Eine rüstungs- und kriegslegitimatorische Moralisierung der Politik, die desto lautstärker und unversöhnlicher betrieben wird, als sie ihren inhärenten ethischen Widerspruch schwerlich zu kaschieren vermag.
Vor zwei Jahrzehnten beließ es ein SPD-Verteidigungsminister noch bei der schwammigen Formel, unsere Freiheit werde auch am Hindukusch verteidigt. „Wir brauchen weitreichende Waffensysteme“, fordert heute die feministische Außenministerin auf dem Grünen Parteitag, Waffensysteme, mit denen wir unsere Freiheit inzwischen auch vor Moskau verteidigen, verteidigen können müssen. Das gegenseitige einander Abschlachten russischer und ukrainischer Soldaten und das Töten von Zivilisten nicht mehr nur auf ukrainischer Seite, führt auch nach drei Jahren nicht zu einem entsetzten Innehalten und zum Überdenken der eigenen Phraseologie. Man befeuert im Gegenteil umso wütender die Waffenlieferungs- und Kriegsertüchtigungsrhetorik. Nicht nur auf der Seite des Feindes, in Putins Russland, läuft in den staatlich gelenkten Medien die kriegspropagandistische Phrasendreschmaschine heiß, sie wird vom liberalen Medienbetrieb im freiheitlich demokratischen Westen ebenfalls auf Hochtouren gebracht. Phrasen über Phrasen werden verbreitet, die die Fratze des Kriegs verbergen. Die schönsten, sprich schrägsten, von Militärs und Ex-Militärs beigesteuert, welche die von ihnen angepriesenen „Verteidigungsgüter“ werbefachmännisch wie ein x-beliebiges Produkt auf dem Waren- und Dienstleistungsmarkt bewerben. Oberst a.D. und CDU-Verteidigungsminister in spe Roderich Kiesewetter vergleicht künftige europäische Rüstungsprodukte mit „Pflanzen“, die erst einmal „aufgezogen und gepflegt werden müssen“. Und gleichfalls im Deutschlandfunk schwärmt Ex-General Lothar Domröse von den “ sounds of freedom“, wie man sie während eines Nato-Manövers zu hören bekomme, er meint das Rasseln von Panzerketten und das Donnern der Kampfjets.
Wissentlich verschwiegen – zumal beim euphorisierenden Kriegsspieleifer – wird die hässliche Seite des Krieges, sprachlich wohl ein Euphemismus für dessen Grauen. „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“, heißt es in Georg Trakls Gedicht „Groddek“. Erschütternd feststellen zu müssen, die Ortschaft Groddek, Schauplatz der nach ihr benannten Schlacht im Ersten Weltkrieg, liegt auf dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine. Ob eine dichterische Metapher wie „schwarze Verwesung“ oder die in Wort und Bild (foto- oder filmtechnischem Bild) direkt gezeigte, brutal offengelegte Wirklichkeit des Krieges, beides darf nicht in einem Atemzug, in ein und derselben medialen Performance mit der kriegspropagandistischen bzw. kriegsertüchtigenden Medieninszenierung zum Ausdruck gebracht werden. Dies liefe auf Wehrkraftzersetzung und die Demoralisierung der Öffentlichkeit hinaus, jenes zivilen Publikums, um dessen Zustimmung und gutgläubige Unterstützung man doch buhlt.
Mit einer Miene des Bedauerns konzedieren würden unsere beredten Masters of War gegenüber beharrlichen Bedenkenträgern höchstens, gewiss, Krieg ist Krieg, es kann und wird Verluste geben, auch auf unserer Seite, wo gehobelt wird, da fallen Späne. – Aber selbst Krieg kenne Regeln und an die halte sich ein demokratisch kontrolliertes Militär. Worauf wir uns allerdings beim jetzigen Feind keineswegs verlassen können. Das von einem autokratischen Herrscher zum Angriff losgeschickte Militär hält sich nicht unbedingt an die Genfer Konvention. Nur wo ihm mit überlegenem Gerät und genügender Menpower entschlossen entgegengetreten werde, verwandeln sich nicht größere Teile davon in eine marodierende Soldateska, die – was in Butscha und anderswo in der Ukraine geschehen – wie zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs nach Landsknechtmanier mordet, vergewaltigt, plündert und brandschatzt.
Eine kriegsmeisterlich zertifizierte Zusicherung, eine Beteuerung mindestens, der viele schlichtweg glauben. Ob sie derlei Beschwichtigungen auch dann noch glauben, sobald sie sich die Berichte und Bilder aus dem Gaza-Krieg vor Augen halten oder nochmals vergegenwärtigen? Solche Glaubenskraft vermag ich jedenfalls nicht aufzubringen. Die „Israel-Defense-Forces“ (IDF) sind Verteidigungsstreitkräfte eines demokratischen Staats, ihre Soldaten wurden gemäß den Prinzipien eines regelbasierten, „völkerrechtlich eingehegten“ Kriegs an der Waffe ausgebildet. Woran liegt es und wie kann es sein, dass dennoch Einzelne oder ganze Einheiten (juristisch geprüften Augenzeugenberichten und Dokumenten zufolge) bei der Ausübung ihres Kriegshandwerks gegen dessen Regularien eklatant verstoßen? Mithin Kriegsverbrechen begehen, Krankenhäuser bombardieren, beschießen und stürmen etc. Das Argument „asymmetrischer Krieg“ (reguläre, gekennzeichnete Kombattanten treten gegen irreguläre, von Zivilisten nicht klar zu unterscheidende Kämpfer an) wird angeführt, taugt jedoch kaum zu einer vollständigen oder auch bloß annähernden Erklärung. Und kommt für eine Entschuldigung, die es bei derartigen Vergehen ohnehin nicht geben kann, erst recht nicht infrage.
Mag sein, dass unsere Realpolitiker bis hin zu selbsternannten feministischen Realpolitiker*innen sich die Wahrheit über Militär und Krieg nicht zumuten möchten. In der Rolle des intellektuellen Beobachters jedoch mogelt es sich nicht so leicht daran vorbei, es sei denn um den Preis intellektueller Unredlichkeit. Wie wäre es also – statt den bei „zivilisierter Kriegführung“ angeblich vermeidbaren „kriegshandwerklichen Rückfall in die Barbarei“ lediglich machiavellistischen Heerführern und deren Söldnerhaufen zuzutrauen –, sich endlich dahingehend ehrlich zu machen, dass Enthumanisierung und Brutalisierung der DNA von Kriegshandwerk und Militär einprogrammiert sind. Kein kriegerisches Handeln, gleichviel ob Angriff oder Verteidigung, dem der Zivilisationsbruch nicht inhärent wäre, keine militärische Ausbildung, die nicht auf methodische Befähigung und Vorbereitung zu mörderischem Handeln hinausliefe. Und im Zeitalter nuklearer Waffen den kollektiven Selbstmord in Kauf nimmt.
Tödliches Spiel mit unserer Welt, als wäre sie ein Spielzeug
Richten wir das Augenmerk von der Levante, dem Libanon, Palästina und Gaza zurück auf den europäischen Kontinent. Auf das Schlachtfeld Europa, unglaublich und mir selber unheimlich, was für Worte und Sätze sich mit einem Mal innerlich aussprechen und hinschreiben lassen, ohne offenkundige Fiktion, ohne irreal zu sein. Das zur Zeit noch auf das Territorium der Ukraine begrenzte europäische Schlachtfeld werde in wenigen Jahren – abzählbar an den Fingern einer Hand, versichert Nato-Generalsekretär Rutte – sich zu einem gesamteuropäischen Gefechtsfeld ausweiten. Ja, unsere hartgesottenen Masters of War nehmen gar kein Blatt vor den Mund, es wird Krieg geben, ein auf ganz Europa ausgedehnter Krieg, auf den wir uns in aller Eile vorbereiten müssten. Der Herrscher im Kreml, Ausbund alles Bösen, habe uns und unserer Lebensweise seit langem den Krieg erklärt und ihn an der Donbas-Front seit Jahren begonnen, womit er uns freien Europäern, den fraglos Guten, ebenso den Zivilisationsbruch (meine Vokabel) aufzwingt. Ein damit wechselseitig oder gemeinsam veranstalteter Zivilisationsbruch, der – die Gewinnbarkeit dieses Krieges setzen sie voraus – mit unserem Sieg über den Aggressor enden wird. Mit der garantierten Sicherstellung unserer zukünftigen Freiheit und Sicherheit.
Wie umgehen mit dieser suggestiven Rede, mit einem „Ja und Amen“ antworten? Abermals scheint dies die Antwort oder die Einstellung vieler. Sich ihrem seitens der Kriegsherren einkalkulierten, „eingepreisten“ Untergangsschicksal ergeben, es inmitten der alltäglichen Routine einfach vergessen, aus den Gedanken und schon aus der Welt, wie aus den Augen, aus dem Sinn. Und sich im übrigen an Sankt Florian klammern, möge der Kelch an mir und den meinen vorübergehen und die Rakete oder die Drohne irgendwelche anonymen Nachbarn treffen.
Die Antwort Dylans, die er vor über sechs Jahrzehnten den Masters of War seiner Tage gesanglich litaneihaft obstinat, an den Kopf geschleudert hat, scheint auf alle Fälle kaum noch jemanden zu interessieren, geschweige denn zu einer zeitgenössischen Coverversion zu inspirieren. „Wie Judas zu alter Zeit lügt und betrügt ihr, ein Weltkrieg kann gewonnen werden, wollt ihr mich glauben machen“ – er hat ihnen nicht geglaubt, ein Weltkrieg kann nicht gewonnen werden, Dylan entlarvt sie als Lügner. Der kulturell hegemoniale Bellizismus der Gegenwart – breit gestreut über die themensetzenden und medienpräsenten Sektoren, Funktionseliten und Milieus – zeigt sich performativ vom Gegenteil überzeugt. Glaubt den bevorstehenden, gewissermaßen komplizenhaft ins Werk gesetzten Krieg gewinnen zu können, gleichviel ob als europäischen oder als Weltkrieg. Und so nimmt, scheint es, das Verhängnis seinen Lauf. – Was tun als einzelner auf weiter Flur, der von sich sagt „I am not convinced“. Sie Lügner nennen? Lügen unterstellt eine Intention und das ist anstrengend, folglich handelt es sich bei der großen Mehrzahl um Gutgläubige, wenn man so will „kriegspropagandistische Überzeugungstäter“. Allenfalls könnte ich sie der Unaufrichtigkeit zeihen und ihnen Mangel an „intellektueller Redlichkeit“ vorhalten. Was in anderer Hinsicht wiederum dem „objektiven Wahnwitz“ ihres Glaubens und ihrer Handlungen nicht gerecht würde und einer Verharmlosung nahe käme. Wie in Anbetracht dieser aussichtslos erscheinenden Lage nicht selber irre werden?
Eine akute „Grenzerfahrung“, zurückgeworfen auf mich selber
Die ad personam, an mich gerichtete Frage – wie nicht irre werden? – ist nicht rhetorisch gemeint. Ad hominem, in der ersten Person Singular, argumentiert oder spricht jemand, handelt es sich um wesentliche oder existenzielle Belange, nicht ohne Not. Eine persönliche Not. Wie die Determinanten meiner Not kurz umreißen? Ein Behinderter, erblindet, alt, Mitte siebzig; von Grundsicherung lebend; „sozial tot“, sozialpsychologisch gesprochen; wenige „parasoziale“ Kontakte, per Telefon und Email, an zwei Händen abzählbar; intellektuelle Gesprächspartner keine. Auf meine Kolumnen zum Krieg in Europa bei den kobinet-nachrichten (die einzige mir verbliebene Publikationsmöglichkeit) so gut wie keine Reaktion aus der Community. Aus dem Radio und über das Internet in Nachrichten-Timeline und Talkrunden ein gespenstisch die neue Normalität des Kriegs und der Kriegsvorbereitung wiederholender Stimmenkanon. – In etwa entlang dieser Koordinaten verläuft meine soziale Isolationshaft. Und in ihr radikal auf mich selber zurückgeworfen, durchlebe ich offenbar, was der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers mit dem Wort „existenzielle Grenzerfahrung“ zu fassen versuchte. Sie trifft jeweils Einzelne und erschüttert ihre individuelle Existenz mit einer Heftigkeit, aus der sie allein der Sprung auf eine höhere Ebene, Metaebene, auf eine Stufe der „Transzendenz“ zu retten vermag. Weil kaum anderes sie in ihrer Lage davor bewahren dürfte, irre oder verrückt zu werden, depressiv, psychotisch oder suizidal.
Bob Dylan hat in den „Masters of War“ für den militärischen Irrsinn wie er dieser Tage erneut zur verteidigungspolitischen Notwendigkeit erklärt wird, ein so schlichtes wie treffendes Bild: Ihr spielt mit meiner Welt, als wäre sie euer „little toy“. Unsere Welt und damit das Leben von uns allen ein Spielzeug in der Hand von Militärs und Politikern, die bei ihrem frivolen Spiel mit der Welt erklärtermaßen „all in gehen“, wie es in der Pokersprache heißt. Kindern erlaubt man ihr Spielzeug, wenn ihnen danach ist, kaputt zu machen, es auch zu zerstören, schließlich sind es Kinder. Die jedoch hier und heute vor den Augen und Ohren aller mit unserer Welt spielen, als wäre sie ihr „little toy“, dessen Zerstörung ihnen anheim gestellt ist, sind Erwachsene! – Die spontane Reaktion, die man unter „normalen Umständen“ erwarten würde, „Unzurechnungsfähige, auf infantile Stufe Regredierte sind am Werk“, vulgo Verrückte, Wahnsinnige. Wie aber, wenn alle um dich her tun als wäre nichts, politisch, sondern Business as usual wie sonst auch und wie Somnambule ihren Alltagstrott weitermachen. Wie hält ein isolierter Einzelner das aus im Kopf?
Und wie lange. Bislang haben mir vereinzelte Stimmen geholfen, die wie Rufer in der Wüste noch nicht gänzlich aus den Medien verschwunden sind. Zu der verschwindend geringen Zahl derjenigen, die in den Mainstream-Medien dem penetranten Stimmenchor widersprechen, der unisono Waffenlieferungen und Aufrüstung befürwortet und militärische Landesverteidigung, also im Ernstfall Krieg, für ein probates Mittel erachtet, um „Sicherheit und Freiheit“ zu verteidigen, gehört der Sozialwissenschaftler und Konfliktforscher Christian Hacke. Der Tenor unserer hiesigen Debatte zur Ukraine-Unterstützung erinnere ihn inzwischen an die Durchhalteparolen und das verzweifelte Sich-Klammern an die kriegsentscheidende Wirksamkeit von Wunderwaffen auf deutscher Seite gegen Ende eines anderen großen Krieges. Bei den Worten des achtzigjährigen Axel Hacke spüre ich ein Aufatmen in mir, mein Realitätssinn scheint mir also doch nicht abhanden gekommen, ich fange nicht an zu spinnen, meine Wahrnehmung ist intakt und ich übertreibe demnach auch nicht. Wenn von Realitätsverkennung, von einer ans Pathologische grenzenden Wirklicheitsverleugnung und Gefahrenverdrängung gesprochen werden muss, so liegt dieselbe hier bei den alles übertönenden Wortführern eines militärisch und politisch vermeintlich gesunden Menschenverstands und einer ihm hörigen „normopathischen“ Mehrheitsgesellschaft. Welcher selbst nach drei Jahren Krieg und Waffenlieferungen – und angesichts der unerträglichen Tatsache, dass lediglich „die Zahl der Todesopfer steigt“ auf beiden Seiten und „das Blut junger Menschen aus ihren Körpern fließt und im Schlamm versickert“, so noch einmal Bob Dylan – nichts besseres einfällt, als nach noch mehr Waffen und Munition zu rufen.
Besonders Vulnerable und das bedrückende Schweigen ihrer Repräsentanten
Sicher gibt es mit Blick auf Kriegsszenarien verschiedene Kategorien von besonders Vulnerablen, so sehr ich es auch als schwer erträglich empfinde, in Anbetracht der tödlichen Indifferenz moderner Massenvernichtungswaffen unter den Opfern nach „unterschiedlich Vulnerablen“ zu differenzieren. Ich komme in diesem Zusammenhang auch deshalb auf die ganz besonders gefährdete Gruppe der Behinderten zu sprechen, weil sie in der Zeit des Nationalsozialismus und unter dessen Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs einer „Sonderbehandlung“ unterzogen wurden, die Nazis Menschenversuche an ihnen vornahmen, von deren Ergebnissen sie sich zum Teil „kriegsverwertbare Erkenntnisse“ versprachen. An dieses grausige Kapitel muss ich denken, seitdem ich kürzlich den Experten Andrew Denison von der Denkfabrik „Transatlantic Networks“ im Deutschlandfunk sagen hörte: Möge der mittlerweile drei Jahre andauernde Krieg in der Ukraine auch für beide Kriegsparteien hinsichtlich Sieg oder Niederlage am Ende ergebnislos verlaufen, so habe er für die künftige Kriegsstrategie und vor allem für an kriegstechnischer KI-Entwicklung interessierte Militärexperten dennoch schon jetzt Daten von unschätzbarem Wert geliefert. Mit andern Worten, man hat die russischen und die ukrainischen Soldaten, nicht nur als „Kanonenfutter“ benutzt, den führenden Militärs und den Entwicklern von Kriegstechnologie haben sie zudem als „Versuchskaninchen“ gedient.
Jene unentbehrlichen Daten, die zu Friedenszeiten noch so realistische, „wirklichkeitsgetreue“ Kriegssimulation durch Manöver und Übung den Kriegsherren für ihre aufregenden technologischen Innovationen nicht zu liefern imstande ist, liefert ihnen lebendiges Experimentieren am soldatischen Versuchsmaterial im bereits laufenden Krieg. Die dadurch erzielten kriegstechnischen Quantensprünge versetzen Militärs und Kriegsentwickler in euphorische Zustände. Was also die Masters of War mit ihrem soldatischen Menschenversuch machen, wäre somit kein Geheimnis, eine informierte Öffentlichkeit kann sich nicht damit entschuldigen, sie wisse von nichts. – Was umgekehrt der Menschenversuch mit seinen Opfern macht, dem „menschlichen Versuchsmaterial“, darüber konnte man unlängst erschreckend Anschauliches in der Deutschlandfunk-Sendung „Wissenschaft im Brennpunkt“ erfahren. „Nerventerror, wie der Drohnenkrieg in die Ohren kriecht“ berichtet von bewaffneten Drohnenschwärmen, die wahllos militärische Verbände und zivile Menschenansammlungen akustisch terrorisieren, bevor sie tödlich zuschlagen. Die Überlebenden leiden an brutalen Langzeitfolgen, der Soundterror dringt ihnen ins Ohr, um sie nie mehr zu verlassen. Unter Soldaten und Zivilisten hinterlässt der Drohnenkrieg massenhaft körperliche und seelische Wracks.
Ein den Drohnenkrieg in der Ukraine beobachtender Oberst des österreichischen Heeres im Originalton: „Die ukrainische Armeeführung hat vor nicht allzu langer Zeit ein Video veröffentlicht, wo sie kurz geschnitten hundert Sequenzen sehen, wie russische Soldaten sich umbringen. Alles gefilmt von Drohnen, ich betone das deswegen, weil sie Angst haben von der Drohne getroffen zu werden und nicht mehr in der Lage zu sein, den Übergang vom Leben zum Tod in der Hand zu haben. Darum versuchen sie sich umzubringen, so verzweifelt sind sie…“ Das russische Militär rächt sich, indem es mit Drohnen Jagd auf Menschen in den Straßen von Cherson und Charkiw macht. – Was der drohnenterroristische Menschenversuch mit den unfreiwilligen Probanden macht, fasst ein französischer Beobachter im Feature folgendermaßen zusammen: „Ob nun Soldaten oder Zivilisten, der Drohnenkrieg bringt sie alle in eine nur schwer erträgliche Lage. Drohnen terrorisieren und lähmen ganze Bevölkerungen. Neben den Toten, den Verletzten, der Zerstörung, der Wut und der Trauer ist genau das der Effekt, permanente tödliche Überwachung. In der Tat eine Art geistiges Gefängnis, das nicht aus Mauern oder Gitterstäben besteht, sondern aus endlos kreisenden fliegenden Wachtürmen.“
Ausgenommen vom laufenden Menschenversuch, ein überraschendes Rettungswunder
Ob nun kriegstechnisch relevante Menschenversuche an Soldaten auf dem Gefechtsfeld oder dem gleichen Zweck dienende Menschenversuche an Behinderten in sogenannten Anstalten – bedrückend das Schweigen der Gesellschaft über den „Menschenversuch Krieg“ und noch bedrückender für mich das Schweigen in der Behinderten-Community ebenfalls darüber, wie insgesamt zum gegenwärtigen Krieg in Europa. Und dabei geht meine Rede und führe ich Klage nicht über etwas Entsetzliches, dem Gott sei Dank in diesem Augenblick Einhalt geboten wird. Bedauerlicherweise nein, der Feldversuch ist nach wie vor im Gange und droht im Gegenteil ausgeweitet zu werden. – Wie geht es mir nach diesem Fazit meiner Reflexionen? Angeregt durch meine Wunschfantasie, es möge doch noch jemand unseren Masters of War ins Wort fallen. Wenigstens dies, wenn schon keine Aussicht besteht, dass ihnen welche in den Arm fallen, um ihrem aberwitzigen Tun Einhalt zu gebieten. Gut geht es mir nicht, das anfängliche Gefühl vergeblichen Bemühens hat mich nicht verlassen, auch das Gefühl der Ratlosigkeit nicht.
Geblieben ist allerdings ein kleine Lust zum Sarkasmus an Stellen, wo es der reale Aberwitz gar zu arg treibt. Die Seele wehrt sich, so gesehen ein gesunder reaktiver Impuls. Könnte es sein, dass so, wie die von Mal zu Mal raffinierteren kriegstechnischen Erfindungen und Klügeleien der Masters of War mein Vorstellungs- und Fassungsvermögen übersteigen, ich am Ende auch ihre moralische Raffinesse oder Spitzfindigkeit unterschätze. Vor Jahrzehnten zu einer weltpolitisch ähnlich bedrohlichen Zeit, gab es den Spruch – eine Eselei eigentlich –, „Stell dir vor, es ist ist Krieg und keiner geht hin“. Richtig hätte es schon damals heißen müssen: Stellt euch vor, es ist Krieg und niemand kann vor ihm weglaufen.
Also stelle ich mir vor, es ist soweit, der Krieg ist da, sein flächendeckender Menschenversuch, vor dem es kein Entrinnen gibt. Nirgends. Der Krieg ist da und er ist überall, am Boden und in der Luft, auf dem Land, in der Stadt. Niemand läuft weg, alle laufen durcheinander. Zivilisten und Kombattanten, Kinder und Alte, Blinde mit Blindenstock, chronisch Kranke im Rollstuhl. Drohnenalarm, doch zu spät, sinnlos, wie der der Überschallraketen, so kennt auch der Drohnenangriff praktisch keine Vorwarnzeit, von einer Minute auf die andere ist die Hölle los. Darum läuft niemand weg, mitten im Inferno, alle laufen durcheinander, kopflos, kreuz und quer. Aber die Drohnen sind da und sie sind überall und sie verfolgen alle überall hin. Die Blinden sehen die Drohnen nicht, aber sie hören sie, die Akustik ist unverwechselbar, das anschwellende, sich nähernde Geräusch. Und bei allem Horror geht es demokratisch zu, niemand weiß, wann er oder sie an der Reihe ist, wann die verfolgende Drohne sich auf das Opfer stürzt und seinen Körper in Stücke reißt. Sicher ist nur, niemand entkommt.
Dann jedoch geschieht ein Wunder. Völlig unerwartet verhalten sich einige der Drohnen wählerisch und die Auserwählten dieses unvorhersehbaren Wunders sind – die Blinden und die mit Rollstuhl. Ausnahmslos alle werden von den Drohnen zerfetzt, Zivilisten und Kombattanten, Junge und Alte, nur die Behinderten nicht. – Wer hat es vermocht, ein solches Wunder zu wirken, was ist des Rätsels Lösung? Die Antwort ist verblüffend einfach. Die neue elektronische Patientenakte der durch das Wunder Begünstigten enthielt das verschlüsselte Datum „behindert“. Die Daten der Akte liegen dank korrekter Amtshilfe der Drohnen-Leitstelle vor, mit dem Vermerk „Behinderte verschonen“. Und hinter dieser wundersamen Ausnahmeregelung verbringt sich keine andere Instanz als die „Masters of War“, sprich die obersten Militärs und ihre Kriegstechnologie-Entwickler. In einer Presseerklärung lassen sie verlauten: „Wir betrachten es nicht nur als ein humanitäres Anliegen, sondern als unsere moralische Pflicht und Schuldigkeit, die Behinderten aus der Liste der kriegsrelevanten Ziele von Drohnenangriffen zu streichen. Sie stellen eine Kategorie menschlicher Ziele dar, die bereits in der Vergangenheit bei ähnlichen Menschenversuchen ihr Soll erfüllt hat. Darum sind ihre Angehörigen vom derzeit laufenden flächendeckenden Menschenversuch auszunehmen. Eine andere Entscheidung lässt unser menschliches und militärisches Gewissen einfach nicht zu!“
Zugeeignet meinen Studienzeitfreunden Birgit Steuer und Rainer Burgey sowie der Friedensaktivistin Ute Finckh-Krämer (Bundestagsabgeordnete der SPD von 2013-2017), die meine Antikriegs-Kolumnen auf blue sky gepostet hat.




