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Zwei Jahre Zündeln an den Strukturen: Was hat sich im Werkstättensystem verändert?

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Ottmar Miles-Paul mit Roman Zündeln an den Strukturen
Ottmar Miles-Paul mit Roman Zündeln an den Strukturen
Foto: LB Bremen

Kassel (kobinet) Vor zwei Jahren, Ende August 2023, hat Ottmar Miles-Paul seinen ersten Roman mit dem Titel "Zündeln an den Strukturen" veröffentlicht. Mit der fiktiven Geschichte der Brandstiftung von Helen Weber und ihren Freunden am Werkstattgebäude öffnet er mit dem Werk den Blick dafür, welche Entwicklungen es für einen inklusiveren Arbeitsmarkt geben könnte, wenn es keine Werkstatt in der Stadt mehr gäbe. kobinet-Redakteur Hartmut Smikac sprach mit dem Romanautor über sein Werk, aber vor allem darüber, was sich in den zwei Jahren seit dessen Veröffentlichung in Sachen Reform des Werkstättensystems und für die Nutzung des Budget für Arbeit als Alternative zur Werkstatt getan hat.

Hartmut Smikac: Vor zwei Jahren haben Sie Neuland betreten. Vom Schreiben von Nachrichten, Presseerklärungen und Fachartikeln haben Sie sich auf die literarische Bühne mit der Veröffentlichung Ihres Reportage-Romans „Zündeln an den Strukturen“ begeben. Wie kam es dazu?

Ottmar Miles-Paul: Ja, ich hatte damals lange überlegt, ob ich den Sprung vom Nachrichtenschreiber zum Roman-Autor wagen sollte. Da ich die Botschaften, die ich für einen inklusiveren Arbeitsmarkt statt der Ausgrenzung in Werkstätten für behinderte Menschen neben der Geschichte im Roman nicht ganz beiseite lassen konnte, ist dabei das Formal des Reportage-Roman herausgekommen. Anlaß für das Schreiben des Romans war, dass ich sehr viele Diskussionen zum Werkstättensystem geführt und verfolgt hatte. Dabei ging es meist recht theoretisch und abgehoben zu. Die behinderten Menschen selbst, ihre Träume, Wünsche und Möglichkeiten spielten dabei meist keine Rolle. Es ging um Vermittlungsquoten und zunehmend auch um das durchschnittliche Werkstattentgelt. Da ich im Laufe meines behindertenpolitischen Engagements aber viele behinderte Menschen aus Werkstätten kennenlernen durfte, kam mir die Perspektive der Menschen, die in diesem System arbeiten bzw. kaum Chancen auf Veränderungen haben, viel zu kurz. Und so haute ich in die Tasten und habe den Roman geschrieben. Denn dieser handelt vor allem von behinderten Menschen, die in der Werkstatt für behinderte Menschen nicht zufrieden sind.

Hartmut Smikac: Den Roman konnten Sie dann veröffentlichen und was passierte dann?

Ottmar Miles-Paul: Der Roman kam tatsächlich genau zur rechten Zeit. Kurz nach der Veröffentlichung gab es für Deutschland eine kräftige Klatsche bei der Staatenprüfung Ende August 2023 in Genf zur UN-Behindertenrechtskonvention. Deutschland wurde heftig dafür kritisiert, dass es beispielsweise keine Strategie zum Übergang von Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gibt. Und kurz darauf wurden dann auch konkrete Zahlen einer vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales veröffentlichten Studie zum Werkstattentgelt und zu den Vermittlungsquoten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt veröffentlicht. Selbst meine Romanfiguren waren von diesen Fakten entsetzt: Nur 226 Euro pro Monat Durchschnittslohn gibt es in den Werkstätten und eine Vermittlungsquote von 0,35 Prozent ist kaum zu unterbieten. Mehr braucht man über dieses Werkstätten-System, aber auch über viele Arbeitgeber*innen in Deutschland nicht zu sagen. Über 45.000 beschäftigungspflichtige Betriebe beschäftigen keinen einzigen behinderten Menschen und zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe.

Hartmut Smikac: Und wo kam dabei der Roman ins Spiel?

Ottmar Miles-Paul: Der Roman war ein guter Aufhänger, die Diskussion über die Ausgrenzung und die miserable Bezahlung und Perspektiven in den Werkstätten in einer anderen Form an die Öffentlichkeit zu tragen. Bis Ende 2024 habe ich beispielsweise über 20 Lesungen zum Thema in Deutschland, Luxemburg und Österreich durchgeführt. Dabei gab es meist spannende Diskussionen und vor allem Leute, die entweder schon daran arbeiteten oder sich verstärkt für inklusviere Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt stark machen. Das Thema war in dieser Zeit nämlich heiß, denn die rot-grün-gelbe Bundesregierung wollte Reformen vornehmen. Dies scheiterte jedoch nachdem die Koalition geplatzt war.

Aber auch von einer Reihe von Leser*innen bekam ich die Rückmeldung, dass sie gar nicht gewusst hatten, dass behinderte Menschen in den Werkstätten so wenig verdienen und dass sie zum Teil so behandelt werden, wie Helen Weber, Bernd Friedrich und Klaus Kriske dies im Roman erlebten. Das hat ebenfalls einige Aktivitäten in Gang gebracht. Nicht alle erfolgreich, denn es hat sich in dieser Zeit auch gezeigt, welches Beharrungsvermögen die Aussonderungsmaschinerie in Deutschland hat und welche Lobbyarbeit dieses System entfalten kann.

Hartmut Smikac: Was bewirkt diese Lobby genau?

Ottmar Miles-Paul: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hatte nach der Veröffentlichung der Studie zum Werkstättenentgelt einen intensiven Dialogprozess für Reformen des Werkstättensystems gestartet. Der anfängliche Schwung verpuffte zusehends und übrig blieben minimale Hoffnungen für echte Veränderungen. Am Ende kam ja gar nichts. Das hatte entscheidend damit zu tun, weil die Werkstättenlobby massiv auf der Matte stand. Zudem wurde vielen Werkstattbeschäftigten eingeredet, dass die Bösen da draußen die Werkstatt schließen würden und sie dann ohne alles dastehen würden. So verteidigten sie das schlechte System. So macht man Lobby damit sich möglichst nichts in Richtung Inklusion verändert.

Die Werkstättenbefürworter hatten sogar den Erfolg, dass nun im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Regierungskoalition steht, dass Werkstätten für behinderte Menschen wieder Förderungen aus den Mitteln der Ausgleichsabgabe bekommen sollen. Bisher wurde dies zum Glück noch nicht im Gesetz verankert, aber Wilfried Oellers von der CDU, der auch bei der Lebenshilfe aktiv ist, hat seine Verbindungen genutzt und diese unsägliche Maßnahme in den Koalitionsvertrag hineingedrückt. Dabei waren viele froh, dass diese Förderung mit dem Gesetz für einen inklusiven Arbeitsmarkt endlich gestrichen wurde. Denn die Ausgleichsabgabe soll Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt fördern.

Hartmut Smikac: Und wie waren die Reaktionen bei den Lesungen?

Ottmar Miles-Paul: Das hat viel Spaß gemacht und war ganz unterschiedlich. Die Form des Romans bot die Möglichkeit, zum einen über die Romanfiguren bzw. die Entwicklungen im Roman zu reden. Andererseits ging es aber auch um das Thema. So entwickelten sich ganz unterschiedliche Diskussionen. Natürlich wurde von manchen kritisiert, dass das Abfackeln von Werkstätten keine Lösung ist. Das haben sogar die Romanfiguren eingesehen. Dennoch bot das Gedankenspiel die Möglichkeit, zu überlegen, was man konkret tun kann, damit behinderte Menschen mehr Jobs außerhalb der Werkstatt bekommen. Und das Budget für Arbeit spielt im Roman ja auch eine wichtige Rolle. Dazu gab es einige Fragen. Am spannendsten war für mich, wenn die Teilnehmenden an den Lesungen von ihren eigenen Erfahrungen oder Initiativen berichteten. Dabei kamen vielfältige Perspektiven und Lösungsansätze zur Sprache.

Hartmut Smikac: Sie haben Ende 2024 eine Pause mit den Lesungen eingelegt. Was kommt jetzt?

Ottmar Miles-Paul: Ja, Ende 2024 musste ich eine Pause mit den Lesungen einlegen, weil die Rumreiserei viel Kraft gekostet hatte. Und schließlich war dann klar, dass es erst mal keine Reform des Werkstättensystems nach dem Koalitionsbrauch geben wird. Nun werden die Karten wieder neu gemischt und leichte Hoffnungen auf eine entsprechende Reform kommen auf. Und es gibt noch einige Anfragen für Lesungen, die ich vertrösten musste. Im Herbst gehts also wieder mit ein paar Lesungen in Oldenburg in Holstein, in Schwabach bei Nürnberg und in Darmstadt los. Dabei freue ich mich, dass Sabine Lohner wieder als meine Vorleseassistenz mit dabei ist. Sie ist eine tolle Leserin, die bei Bedarf auch im Dunkeln lesen kann, weil sie aufgrund ihrer Blindheit die Texte in Brailleschrift liest.

Und dann kommt nun auch der neue Roman, der sich schon in der Korrektur befindet.

Hartmut Smikac: Ein neuer Roman? Bleibt der Roman „Zündeln an den Strukturen“ keine Eintagsfliege eines sonstigen Nachrichtenschreibers?

Ottmar Miles-Paul: Ich habe mir lange überlegt, ob ich mich noch einmal ans Roman-Schreiben mit langen Nächten vor dem Computer machen soll. Dann hatte ich eine Idee und habe angefangen, in die Tasten zu hauen. Vor allem haben mich aber die immer wiederkehrenden Fragen von Leser*innen des ersten Romans herausgefordert und angetrieben. „Wie geht es denn mit Helen Weber und den anderen von der Enthinderungsgruppe weiter?“ „Klappt es mit den Jobs auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt?“ Und „wie entwickelt sich die Inklusion in Deutschland weiter?“ Dies waren nur einige Fragen, die ich immer wieder bei Lesungen oder von Leser*innen des Romans mit der Ermunterung weiterzuschreiben bekommen habe. Man darf also gespannt sein.

Hartmut Smikac: Gibt es schon einen Titel und wann ist mit dem neuen Roman zu rechnen?

Ottmar Miles-Paul: Der Titel steht: „Ich will raus“ lautet dieser. Wer mich näher kennt, kann erahnen, was da kommen könnte. Aber zuerst einmal muss das Werk Korrektur gelesen werden, ein Cover wird gebraucht und so manches mehr. Ich rechne damit, dass wir es schaffen, dass der Roman im Oktober oder November 2025 fertig ist und zum Kauf zur Verfügung steht. Hoffentlich macht die österreichische Online-Bibliothek bidok wieder mit, so dass wir auch diesen Roman zum kostenfreien Download einstellen können. Denn für viele sind 17 Euro viel Geld, was der erste Roman gekostet hat.

Hartmut Smikac: Dann kann man also gespannt sein, was aus dem Herzen der Behindertenbewegung auf uns zukommt. Was kann man tun, wenn man über das Erscheinen des Romans informiert werden will.

Ottmar Miles-Paul: Ich würde vorschlagen, die kobinet-nachrichten aufmerksam zu verfolgen. Mit Glück berichten diese darüber, wenn der Roman und dessen Figuren das Licht der Welt erblickt haben. Wer mir aber eine Mail schickt, diejenigen kann ich in einen Verteiler aufnehmen, über den ich dann informiere, wenn der neue Roman erschienen ist. Die Mail kann an [email protected] geschickt werden.

Hartmut Smikac: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg im Finale zur Veröffentlichung des zweiten Romans und bei den nächsten Lesungen.

Link zu weiteren Infos zum Roman, zu den Lesungen und wo man den Roman kaufen oder kostenfrei herunterladen kann