Menu Close

Der ICD-11 – Ein kleiner Schritt, aber ein wichtiges Signal zur besseren Teilhabe bei ADHS und Autismus-Spektrum (ASS)

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Kolumne" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren (via Vorstand, wir leiten weiter) per Email.
ADHS und ASS atmen gemeinsam
ADHS und ASS atmen gemeinsam
Foto: Oliver Gruber / KI generiert

Berlin (kobinet) Ein Spalt im Mauerwerk öffnet sich - das Fenster zur Teilhabe weitet sich. ADHS und Autismus atmen nun gemeinsam, ein kleiner Bruch im alten Raster, ein leiser Aufbruch zu mehr Menschlichkeit.

Überschneidungen von ADHS und ASS

Ob Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität oder hohe Sensibilität gegenüber Umweltreizen: Menschen mit ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung erleben Herausforderungen, die sich oft überschneiden. Das deutet auf einen genetischen und neurobiologischen Zusammenhang zwischen beiden Neurodivergenzen hin. Dennoch wurden beide Diagnosen lange Zeit streng getrennt voneinander gedacht – in der Praxis sogar gegeneinander abgegrenzt. Die neue Version der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) bricht mit diesem alten Schema und öffnet Türen für mehr Verständnis und Teilhabe.

Warum ich den Begriff „Störung“ kritisch sehe

Ich möchte den Begriff „Störung“ bewusst ausblenden. Oft ist es nicht das Wesen der Betroffenen selbst, das „gestört“ ist, sondern der Leidensdruck durch Umweltbedingungen und Fremderwartungen, die zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Hier wäre es längst an der Zeit, dass Medizin und Forschung den Begriff „Störung“ gänzlich streichen. Denn die Stärke der Ausprägung, das Verhalten und der Charakter sind hoch individuell. Genau das wird im ICD-11 erstmals angedeutet – wenn auch nur in kleinen Schritten.

Der Unterschied zwischen ICD-10 und ICD-11

Im alten ICD-10 mussten Behandelnde häufig eine „Entweder-oder-Diagnose“ stellen. Das führte dazu, dass viele Menschen, die sowohl ADHS- als auch ASS-Symptome aufwiesen, durch das Raster fielen.

Ein wesentlicher Fortschritt im ICD-11:

  • Die Komorbidität von ADHS und Autismus wird nun ausdrücklich erlaubt.
  • Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und atypischer Autismus werden unter dem übergeordneten Begriff „Autismus-Spektrum-Störung (ASS)“ zusammengefasst.

Das ist realitätsnah, denn viele Betroffene zeigen Merkmale beider Neurodivergenzen, was bisher zu Lücken in Diagnose und Unterstützung führte.

Darüber hinaus legt die ICD-11 mehr Wert auf funktionale Einschränkungen im Alltag statt auf starre Symptomlisten. Das ermöglicht individuellere Diagnosen und passgenauere Unterstützung. Auch wird nun betont: Neurodivergenzen sind nicht nur ein Kindheitsthema, sondern begleiten den Menschen ein Leben lang. Erwachsene werden damit explizit einbezogen – viele erhalten ihre Diagnose erst spät, wenn die sozialen Anforderungen steigen. Damit wird sichtbar: Unterstützung ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Die Behandlung von ADHS und Autismus kann mit dem ICD-11 stärker auf die spezifischen Bedürfnisse der Einzelnen zugeschnitten werden. Das eröffnet neue Chancen für Förderangebote, Therapien und Unterstützungssysteme. Es ist zwar nur ein kleiner Schritt zu dem, was noch notwendig wäre – aber immerhin ein Signal in Richtung mehr Teilhabe und Anerkennung neurodivergenter Menschen.

Ein Ausblick: Weg von Normen, hin zu Authentizität

Der ICD-11 sollte jedoch nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer größeren Veränderung sein. Wenn wir Begriffe wie „Störung“ hinter uns lassen und Vielfalt als Normalität begreifen, kann sich unser Verständnis von Norm, Selbstwahrnehmung und authentischem Menschsein nachhaltig verändern – ethisch, gesellschaftlich und menschlich.

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
2 Lesermeinungen
Neueste
Älteste
Stephan Laux
23.08.2025 11:48

Lieber Oliver Gruber,
ich habe die ICD nie richtig verstanden. Genau wie die ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) obwohl ich die beruflich, bei der Erstellung von PITS, (Personenzentrierter integrierter Teilhabe Plan), der jetzt wohl dem hessischen Kostenträger LWV das finanzielle Genick bricht, auswendig lernen sollte.
Deshalb habe ich beides immer auch als Tool begriffen, das Arztpraxen und Leistungserbringern die Abrechnung erleichtert.

Mir selbst wurde u.a. mal ein „übersteigertes Empathieempfinden“ diagnostiziert. Dafür gab es keine ICD-Ziffer. Da haben wir uns auf Depression geeinigt.

Ich habe die ICD auch immer datenschutzrechtlich begriffen. Damit die Personalabteilung nicht mitbekommt, woran Du leidest, obwohl das ja ziemlich schnell herauszubekommen ist. Z.B. wenn man Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen vergleicht.
Deswegen sind unter Deiner Verlinkung vielleicht auch keine Inhalte zu sehen.
Kannst Du mich da aufklären?
Stephan Laux

Oliver Gruber
Antwort auf  Stephan Laux
23.08.2025 13:44

Hallo Stephan Laux,

danke für Deine wertvollen Gedanken. Du hast recht: die ICD ist in erster Linie ein Klassifikations- und Abrechnungswerkzeug, aber sie wirkt eben auch auf unser Leben – weil Diagnosen über Hilfen, Zugänge und leider auch Stigmata entscheiden.

Die ICF versucht Teilhabe abzubilden, die ICD ordnet Krankheiten. Dass Du Dich darin nie wiedergefunden hast, kann ich gut nachvollziehen.

Gerade deshalb ist der Schritt im ICD-11 so wichtig: Autismus und ADHS werden nicht länger starr getrennt, sondern auch als beides zugleich denkbar. Dein Beispiel mit dem „übersteigerten Empathieempfinden“ zeigt wunderbar, dass wir Menschen nicht in starre Raster passen – und genau das sollten wir sichtbar machen.

Der Link im Artikel führt direkt zur BfArM-Entwurfsfassung, also in die Kodiersuche. Da sieht man keine fertigen Texte wie bei Wikipedia, sondern muss die jeweilige Diagnose über die Nummer oder den Begriff suchen. So arbeitet das System offiziell.

Herzliche Grüße

Oliver Gruber

Zuletzt bearbeitet am 10 Monate zuvor von Oliver Gruber