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Wir gehören in die Parlamente, in die Vorstände und in die Gremien

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Alper Senlik
Alper Senlik
Foto: privat

Ahlen (kobinet) "Wir gehören in die Parlamente, in die Vorstände, in die Gremien. Nicht als Ausnahme, sondern als Selbstverständlichkeit. Ich will, dass junge Menschen mit Behinderung sich nicht fragen: "Darf ich das überhaupt?" – sondern sagen: "Natürlich gehöre ich da hin". So bringt es der 26jährige Alper Senlik im Interview mit Ottmar Miles-Paul von den kobinet-nachrichten auf den Punkt. Der blinde Vater einer kleinen Tochter mit Migrationsgeschichte aus Ahlen arbeitet hauptberuflich als Teilhabeberater. Er hat u.a. die Initiative Inklu-Migra ins Leben gerufen und kandidiert bei der Kommunalwahl am 14. September 2025 im nordrhein-westfälischen Ahlen über die SPD für den Stadtrat.

kobinet-nachrichten: Sie sind jung, dynamisch und engagieren sich auch politisch. Können Sie unseren Leser*innen ein paar Worte über sich erzählen?

Alper Senlik: Mein Name ist Alper Senlik, ich bin 26 Jahre alt, blind, Vater einer kleinen Tochter und lebe mit meiner Partnerin in Ahlen. Ich arbeite hauptberuflich als Teilhabeberater. Politik ist für mich kein Hobby, sondern eine Konsequenz – aus dem, was ich erlebt habe, und aus dem, was ich verändern will. Ich bin Vorsitzender der Jusos Ahlen, engagiere mich bundesweit als Vorsitzender der Jungen Retina innerhalb von Pro Retina Deutschland e. V. und habe die Initiative Inklu-Migra ins Leben gerufen. In all diesen Rollen setze ich mich für Menschen ein, deren Perspektiven oft fehlen – vor allem für Menschen mit Behinderung und Migrationsgeschichte.

kobinet-nachrichten: Wie sind Sie zu diesem Engagement gekommen? Was oder wer hat Sie angetrieben oder inspiriert?

Alper Senlik: Ich bin nicht als politischer Mensch geboren worden – ich wurde es, weil ich zu oft ignoriert wurde. Weil ich gemerkt habe, dass Menschen wie ich nicht selbstverständlich mitgedacht werden. Als blinder Mensch mit Migrationsgeschichte war es oft ein und dasselbe Muster: Informationen fehlen, Teilhabe wird erschwert, Erwartungen bleiben niedrig. Und dazu kommt die Haltung: Du bist hier eigentlich nicht vorgesehen. Diese Form von Ableismus war für mich Alltag. Irgendwann war klar: Ich kann nicht darauf warten, dass sich etwas ändert. Ich will selbst dafür sorgen – damit niemand mehr in dieser Stadt das Gefühl haben muss, fehl am Platz zu sein.

kobinet-nachrichten: Sie kandidieren bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen im September 2025 für den Stadtrat in Ahlen. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, den Sprung in die knapp über 50.000 Einwohner*innen zählende Stadt zu schaffen?

Alper Senlik: Ich weiß, dass es kein Selbstläufer wird – aber genau das motiviert mich. Ich trete nicht an, um irgendeinen Platz zu füllen, sondern weil ich etwas zu sagen habe. Ich bringe Perspektiven mit, die im Stadtrat bisher fehlen – als junger Vater, als blinder Mensch mit Migrationsgeschichte, als jemand, der Barrieren selbst erlebt hat. Viele sagen mir: Endlich kandidiert jemand, der wirklich weiß, wie es ist, übersehen zu werden. Ich will keine Politik von oben machen – ich bin jemand, der die Herausforderungen kennt und anpacken will. Und genau deshalb trete ich an.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie in den Stadtrat gewählt werden, welche Themen oder Veränderungen wollen Sie vorantreiben?

Alper Senlik: Wenn ich in den Stadtrat gewählt werde, will ich vor allem für die Menschen Politik machen, die sonst selten gehört werden. Für alle, die jeden Tag mit Barrieren zu kämpfen haben – sei es auf dem Weg zur Arbeit, im Umgang mit Behörden oder beim Zugang zu Informationen. Ich weiß, wie frustrierend es ist, wenn man spürt: Diese Stadt ist nicht für mich gemacht. Das will ich ändern. Barrierefreiheit muss zur Grundvoraussetzung werden – nicht zur Ausnahme. Genauso wichtig ist mir, dass Menschen, die mit wenig auskommen müssen, endlich mehr gesehen und ernst genommen werden. Und ich will soziale Gerechtigkeit nicht nur versprechen, sondern einfordern: bezahlbares Wohnen, faire Chancen, ein Leben in Würde. Ich trete an, weil ich diese Stadt mitgestalten will – nicht für ein paar wenige, sondern für alle.

kobinet-nachrichten: In vielen Verbänden, aber auch in der Politik generell sind junge Menschen und besonders junge Menschen mit Behinderungen chronisch unterrepräsentiert. Welche Chancen sehen Sie, dies zu ändern?

Alper Senlik: Junge Menschen mit Behinderung sind in der Politik noch immer viel zu selten sichtbar – und das hat Gründe. Vieles ist nicht barrierefrei, manches wirkt abschreckend und oft fehlt einfach die Unterstützung. Deshalb braucht es stabile Netzwerke: Räume, in denen man sich gegenseitig stärkt, sich austauscht und merkt, dass man nicht allein ist. Ich selbst habe solche Strukturen erlebt – und sie haben mich ermutigt, meinen Weg zu gehen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, ein Zeichen zu setzen: Wir gehören in die Parlamente, in die Vorstände, in die Gremien. Nicht als Ausnahme, sondern als Selbstverständlichkeit. Ich will, dass junge Menschen mit Behinderung sich nicht fragen: „Darf ich das überhaupt?“ – sondern sagen: „Natürlich gehöre ich da hin“.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche in Sachen Behindertenpolitik frei hätten, welche wären dies?

Alper Senlik: Mein erster Wunsch wäre: flächendeckende Barrierefreiheit – und zwar in allen Bereichen. Es reicht nicht, wenn nur einzelne Gebäude oder Webseiten zugänglich sind. Barrierefreiheit muss selbstverständlich sein: auf der Straße, in der Verwaltung, im Internet, in der Kommunikation. Denn wer den Zugang versperrt, verhindert Teilhabe.

Mein zweiter Wunsch: ein inklusives Bildungssystem von Anfang an. Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen können – ohne Aussonderung, ohne Sonderwege. Wenn wir wollen, dass Inklusion in der Gesellschaft gelingt, dann muss sie in der Schule beginnen. Alles andere ist unglaubwürdig.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg.

Link zum Verein für Inklusion & Vielfalt: www.inklu-migra.de

Link zur Website von Alper Senlik: www.alpersenlik.com

Lesermeinungen

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Ralph Milewski
30.07.2025 14:22

Der Artikel berührt ein wichtiges Thema, verfehlt aber die eigentliche Tiefe der Problematik. Politische Teilhabe scheitert nicht daran, dass Menschen mit Behinderungen zu wenig Mut oder Durchsetzungswillen haben. Die entscheidenden Barrieren entstehen viel früher. Schon in Kindergärten, Schulen, an Hochschulen und in beruflichen Zugängen werden Türen verschlossen. Wer von klein auf ausgesondert wird, wer von Bildungslaufbahnen ferngehalten wird oder an Hochschulen keine gleichen Chancen hat, erreicht selten die Voraussetzungen, um später in politische Räume vorzudringen. Es wird so früh sortiert und selektiert, dass Teilhabe auf den oberen Ebenen nur für wenige Ausnahmen möglich ist.

Was unter dem Schlagwort „Teilhabe“ oft bleibt, sind Alibiposten ohne echte Macht. Das höchste der Gefühle ist häufig ein Sitz in einem Beirat einer Werkstatt oder einer Wohlfahrtsorganisation, wo man zwar mitreden darf, aber nicht dort, wo Entscheidungen tatsächlich fallen. Diese Form von Pseudopartizipation ändert an den Machtverhältnissen nichts und hält die Mehrheit weiter außen vor.

Hinzu kommt, dass politische Räume für Menschen mit Behinderungen fast ausschließlich dort geöffnet werden, wo es um Behindertenpolitik selbst geht. Betroffene dürfen über ihre eigene Lage sprechen, aber andere Themenfelder bleiben weitgehend verschlossen. Das reduziert Menschen mit Behinderungen auf ihre Betroffenheit, als wären sie nicht wie alle anderen politische Bürgerinnen und Bürger mit Interessen und Kompetenzen in allen Bereichen – von Kulturpolitik bis Wirtschaft oder Umweltfragen.

Solange diese strukturellen Ausschlüsse nicht abgebaut werden, solange Zugänge von Anfang an versperrt bleiben und politische Teilhabe auf Nischenrollen beschränkt wird, bleibt die Forderung nach Präsenz in Parlamenten und Gremien ein leeres Versprechen. Es reicht nicht, auf individuelle Erfolgsgeschichten zu setzen. Es braucht tiefgreifende Veränderungen, damit Menschen mit Behinderungen von Anfang an dieselben Chancen haben, echte Machtpositionen zu erreichen und nicht nur symbolisch dabei zu sein.