Berlin (kobinet)
Ich habe die Folge 273 vom IGEL-Podcast gehört.
Inklusator Sascha Lang hat mit Jürgen Dusel gesprochen.
Jürgen Dusel ist der Behinderten-Beauftragte der Bundes-Regierung.
Behinderten-Beauftragte bedeutet: Diese Person hilft Menschen mit Behinderung.
Sie arbeitet für die Bundes-Regierung.
Er bleibt auch weiter in diesem Amt.
Ich habe mir das Gespräch am Wochen-Ende angehört.
Ein Wort hat mich sehr gestört.
Das Wort heißt demütig.
Demütig bedeutet: Du machst dich klein vor anderen Menschen.
Du denkst: Ich bin nicht so wichtig.
Jürgen Dusel hat das Wort 2 Mal gesagt.
Er sagt: Er fühlt sich demütig.
Er sagt auch: Er hat Grund demütig zu sein.
Was will er uns damit sagen?
Was bedeutet demütig für uns behinderte Menschen?
Jürgen Dusel fühlt sich demütig.
Er wird zum 3. Mal Behinderten-Beauftragter.
Das ist ein Rekord.
Die neue Regierung hat ihm erlaubt das zu machen.
Behinderten-Beauftragte werden nicht demokratisch gewählt.
Wir behinderte Menschen haben sie nicht beauftragt.
Wir haben nicht gesagt: Du sollst für uns sprechen.
Die Regierung wählt die Behinderten-Beauftragten aus.
Das ist nicht sehr demokratisch.
Die Regierungs-Parteien entscheiden allein.
Sie wählen aus verschiedenen Leuten aus.
Diese Leute kommen aus der Behinderten-Selbst-Hilfe.
Oder sie waren schon in einer Partei aktiv.
Dusel sagt: Es gibt viele gute Leute unter den Behinderten.
Das ist für ihn der 2. Grund demütig zu sein.
Wie bedankt sich Dusel bei denen die ihm das Amt geben?
Er bedankt sich bei der Bundes-Regierung.
Und er bedankt sich bei uns Behinderten.
Dusel zeigt ein gefälliges Amts-Verständnis
Dusel zeigt im Gespräch ein sehr gefälliges Amts-Verständnis.
Gefällig bedeutet: Du willst allen recht machen.
Du sagst nur Dinge die andere hören wollen.
Die Regierung hat ihn in das Amt bestellt.
Trotzdem betont er seine Unabhängigkeit.
Er sagt: Die Regierung kann ihm nichts vorschreiben.
Er unterliegt keiner Weisungs-Gebundenheit.
Weisungs-Gebundenheit bedeutet: Der Chef sagt dir was du tun sollst.
Du musst das dann machen.
Du kannst nicht selbst entscheiden.
Aber er kann der Bundes-Regierung auch nichts vorschreiben.
Er kann nicht sagen: Macht das oder das.
Er kann nicht fordern: Erfüllt die Wünsche der Behinderten.
Das klingt nach einem fairen Deal.
Das klingt nach einem Kompromiss.
Aber das stimmt nicht.
Die Regierungs-Seite hat viel mehr Macht.
Dusel selbst ist ein Teil dieser Macht.
Das merkt man sofort.
Er äußert sich sehr zurück-haltend über die neue Regierung.
Kanzler Merz hat sich über die Kosten gewundert.
Die Kosten für die Eingliederungs-Hilfe steigen immer weiter.
Eingliederungs-Hilfe bedeutet: Das ist Hilfe für Menschen mit Behinderung.
Sie bekommen Unterstützung im Alltag.
Merz sagt: Das kann so nicht weiter gehen.
Dusel empfiehlt: Wir sollen diese Äußerung kreativ aufnehmen.
Dusel wiegelt ab.
Er sagt: Eingliederungs-Hilfe bekommen nur wenige behinderte Menschen.
Er macht die Kürzungs-Drohung von Merz weich.
Er will die Absichten der Regierung nicht schlecht reden.
Er sagt: Wir haben keinen Grund auf die Barrikaden zu gehen.
Gleichzeitig versichert er uns etwas anderes.
Er will sich nicht klein machen lassen.
Er will sich nicht klein machen lassen von mächtigen Organisationen.
Aber er ist schon sehr klein und unwichtig.
Dusel redet von der German Angst.
German Angst bedeutet: Deutsche Menschen haben oft Angst vor Veränderungen.
Sie wollen dass alles beim Alten bleibt.
Das ist sein Lieblings-Wort.
Für ihn ist das der Haupt-Grund für fehlende Inklusion.
Er sagt: Die Menschen haben unbegründete Berührungs-Angst.
Sie haben Befürchtungen wegen der Kosten.
Aber das ist nicht der Haupt-Grund.
Der Haupt-Grund ist ein anderer.
Es gibt wenige Gewerbe-Treibende und private Dienst-Leister.
Diese sind wenige im Verhältnis zur nicht-behinderten Bevölkerung.
Die nicht-behinderte Bevölkerung hat Barrieren im Kopf.
Diese Barrieren kommen von tief sitzenden Vorurteilen.
Sie kommen auch von neoliberaler Ellbogen-Konditionierung.
Neoliberal bedeutet: Der Staat soll wenig bestimmen.
Ellbogen-Konditionierung bedeutet: Menschen lernen dass sie gegen andere kämpfen müssen.
Jeder denkt nur an sich selbst.
Deshalb verhalten sich viele behinderten-unfreundlich bis feindlich.
Ohne grundlegende Struktur-Veränderung bleibt echte Teilhabe ein Traum.
Struktur-Veränderung bedeutet: Die Art wie etwas aufgebaut ist ändert sich.
Zum Beispiel: Eine Firma macht alles anders als vorher.
Ohne Veränderung der Macht-Verhältnisse passiert nichts.
Was ist gewonnen bei so wenig Fortschritt?
Jetzt schaffen 0,3 Prozent den Weg aus den Werkstätten.
Wenn in 10 Jahren 0,9 Prozent den Weg schaffen?
Das ist eine Verdrei-fachung.
Aber es ist immer noch sehr wenig.
Selbst für diese bescheidene Aussicht darf vieles nicht passieren.
Es darf keinen größeren Konjunktur-Einbruch geben.
Konjunktur bedeutet: Wie geht es der Wirtschaft.
Geht es gut oder schlecht.
Es darf keine Wirtschafts-Krise geben.
Und es darf erst recht keinen Krieg geben.
Jürgen Dusel hat richtig Bock auf seinen tollen Job.
Er will auch uns behindertes Fuß-Volk zu seinem Optimismus bekehren.
Wir sollen konstruktiv sein.
Wir sollen uns immer vor Augen führen was schon erreicht wurde.
Das ist seine Antwort auf Saschas Beobachtung.
Sascha stellt eine Inklusions-Depression fest.
Dusel kann Saschas Frage nach einem Aktions-Plan bejahen.
Aber er kann nicht sagen warum der Plan nicht bekannt ist.
Dann gibt er Sascha und uns einen Rat-Schlag.
Wir sollen smarte Ziele formulieren.
Wir sollen keine allgemeinen Absichts-Erklärungen machen.
Das ist schön gesagt.
Aber echte Ziele und überzeugende Strategien fehlen.
Die Aussichten sind in Wahrheit düster.
Da müssen schöne Worte aushelfen.
Ein geschicktes Wording muss her.
Wording bedeutet: Wie man etwas sagt.
Welche Worte man wählt.
Der derzeitige Joker unter den schön-färberischen Wort-Hülsen lautet:
Demokratie braucht Inklusion.
Daran sollen wir unsere Mit-Menschen ständig erinnern.
Mit diesem feierlichen Ton verabschiedet er sich von uns.
Er geht in sein wichtiges Amt.
Das klingt ähnlich pastoral wie sein demütig am Anfang.
Ein frommer Spruch der niemanden etwas kostet
Demokratie braucht Inklusion ist das ideale Schlag-Wort.
Es ist ideal fürs medial inszenierte Inklusions-Theater.
Es ist ideal für partei-politisch ausgeschlachtetes Theater.
An sich gibt es an der Parole nichts zu beanstanden.
Sachlich trifft sie zu.
Gleichzeitig kommt sie aber abstrakt daher.
Sie kommt ohne Kriterien daher bei der praktischen Umsetzung.
Welche Art von Demokratie ist gemeint?
Was ist genau unter Inklusion zu verstehen?
Wichtige Kriterien kommen nicht vor.
Basis-demokratische Mit-Sprache kommt nicht vor.
Basis-demokratisch bedeutet: Alle Menschen dürfen mit-reden.
Alle Menschen dürfen mit-entscheiden.
Mit-Entscheidung kommt nicht vor.
Macht-Beteiligung kommt nicht vor.
Macht-Teilung kommt nicht vor.
Soziale Gerechtigkeit kommt nicht vor.
Einkommens-Gerechtigkeit und Vermögens-Gerechtigkeit kommen nicht vor.
Umverteilung kommt nicht vor.
Solidarität statt immer mehr Wettbewerb kommt nicht vor.
Für den herrschenden Politik-Betrieb muss das so sein.
In den Mainstream-Medien muss das auch so sein.
Sonst werden sie ungehalten.
Viel-beschäftigte Regierende reichen den Behinderten den kleinen Finger.
Eine wohl-wollende Bevölkerungs-Mehrheit macht das auch.
Die Behinderten wollen gleich die ganze Hand.
So geht das doch nicht.
Selbst unsere eigenen behinderten-politischen Vertreter sehen das ein.
Behinderten-Beauftragte wollen nicht zu konfrontativ sein.
Sie möchten keine maßlosen Forderungen stellen.
Sie sind ja ein Teil dieses Politik-Betriebs.
Sie müssen sich an die Spiel-Regeln halten.
Der offizielle Politik-Betrieb funktioniert wie eine Anpassungs-Maschinerie
Unsere Inklusion brauchende Demokratie ist vor allem eine Wahl-Demokratie.
Die Wählenden geben ihre Stimme ab.
Abgeben im doppelten Sinne des Wortes.
Damit beschränkt sich ihre politische Beteiligung aufs Kreuzchen machen.
Daneben gibt es diejenigen die sich partei-politisch betätigen.
Unter denen gibt es wiederum wenige.
Diese lassen sich für ein politisches Amt aufstellen.
Nach dem Urnen-Gang bleibt der Souverän ausgeschlossen.
Souverän bedeutet: Das Volk.
Alle Menschen die wählen dürfen.
Er bleibt von der institutionalisierten Politik ausgeschlossen.
Institutionalisiert bedeutet: Politik in festen Einrichtungen.
Zum Beispiel im Bundes-Tag oder in Parteien.
Bei uns erschöpft sich Politik-Gestaltung darin.
Der Souverän verfolgt das muntere Treiben.
Seine politisch Interessierten verfolgen das muntere Treiben.
Sie verfolgen die gewählten Repräsentanten in der Regierung.
Sie verfolgen sie in den Parlamenten.
Das wird aufgeführt als ein Medien-Spektakel.
In Talk-Shows verlagert sich mehr und mehr der inszenierte Politik-Betrieb.
Da laufen die Debatten und Verteilungs-Kämpfe sofort anders.
Sie laufen unter dem Blick-Winkel:
Wer fängt mit welchem Versprechen bei der nächsten Wahl die meisten Stimmen?
In diese Mühle begibt sich nun auch die professionell betriebene Behinderten-Politik.
Zuvor sind ihre Akteure meist im außer-parlamentarischen Aktivismus tätig gewesen.
Das sind Abgeordnete und Behinderten-Beauftragte.
Anschließend haben sie sich in die Politiker-Politik gewagt.
Einige haben sich davor fit gemacht.
Sie haben ein Empowerment-Training von der Behinderten-Selbst-Hilfe bekommen.
Empowerment bedeutet: Man entscheidet für sich selbst.
Man bestimmt über das eigene Leben.
Jetzt verpassen ihnen die Mühl-Räder den letzten Schliff.
Die Mühl-Räder der institutionalisierten Politik machen das.
Diese Anpassungs-Maschinerie hat dann ganze Arbeit geleistet.
Zu guter Letzt ist die von ihnen verkörperte Behinderten-Politik zurecht-gestutzt.
Sie ist auf das für den neoliberalen Kapitalismus zuträgliche Maß gestutzt.
Sie ist auf das für seine Herrschafts-Verhältnisse zuträgliche Format gestutzt.
Mir fällt ein dazu passendes Telefon-Gespräch ein.
Ich habe mit einem gestandenen Aktivisten telefoniert.
Ich habe ihn wegen einem Beratungs-Gespräch angefragt.
Es ging um eine selbst-bestimmte Arbeits-Assistenz.
Eine Rolli-Fahrerin mit Osteogenese imperfecta war zu uns gekommen.
Sie war in die EUTB-Beratung gekommen.
Ich kam mit ihm ins Gespräch.
Er klagte bitter seine Enttäuschung.
Er klagte seinen Frust über ehemalige Aktivisten.
Diese sind inzwischen Behinderten-Politiker in Amt und Würden.
Er erlebt sie seitdem wie umgedreht.
Sie reden heute vollkommen anders als früher.
Er gebrauchte das böse Wort:
Wes Brot ich ess des Lied ich sing.
Ich selbst würde nicht so weit gehen.
Ich würde nicht allen behinderten-politischen Stellen-Inhabern unterstellen:
Sie lassen sich durch ihr politisches Amt korrumpieren.
Ein bisschen tun sie mir auch leid.
Selber würde ich die enormen Anpassungs-Zwänge nicht lange aushalten.
Dann müssen sie diese Schrumpf-Version vertreten.
Sie müssen diese Schrumpf-Version von Inklusion und Teilhabe vertreten.
Das müssen sie gegenüber der Basis-Klientel machen.
Da ist es viel wert wenn einer gut reden kann.
Wenn einer verständnisvoll aufgeschlossen über Behinderten-Anliegen spricht.
Aber realistisch und maß-voll.
Er übertreibt es auch nicht.
Er lässt die Kirche im Dorf.
Genau so wie Jürgen Dusel im IGEL-Podcast.
Und bei sonstigen öffentlichen Auftritten.
So sehr ich mich auch ärgere.
Er macht uns bei Sascha ober-lehrerhaft aufmerksam.
Er meint uns auf die große Tradition der Civil Rights aufmerksam machen zu müssen.
Civil Rights bedeutet: Bürger-Rechte.
Das sind die Rechte die alle Menschen haben sollen.
Ausgerechnet die militante schwarze Bürger-Rechts-Bewegung in den USA.
Die hat wahrlich eine andere kämpferische Power an den Tag gelegt.
King Malcolm X Angela Davis und viele andere mehr.
Das ist nicht vergleichbar mit unserem hiesigen behinderten-politischen Geplänkel.
Dusel entpolitisiert das Erinnern an Civil Rights.
Er macht es zum dekorativen Zitat.
Tokenistische Inklusion: Krauthausen bei Maischberger
Tokenistische Inklusion ist ein englischer Ausdruck.
Tokenistisch bedeutet: Manche Menschen werden nur zum Schein mit-gemacht.
Sie dürfen dabei sein.
Aber sie dürfen nicht wirklich mit-entscheiden.
Token hat sich in der Behinderten-Szene durchgesetzt.
Es bedeutet: Welche von uns werden auf Diskussions-Podien gesetzt.
Sie werden auf Kultur-Veranstaltungen gesetzt.
Sie werden in den Mainstream-Medien gesetzt.
Das soll Inklusion signalisieren.
Letztlich wird Inklusion vorgetäuscht.
Die meisten vielleicht sogar gut gemeinten Schau-Fenster-Veranstaltungen kann man so verbuchen.
In diesen Veranstaltungen kommt auch ein behinderter Mensch vor.
Das ist tokenistische Inklusion.
Jüngstes Beispiel für dieses Inklusions-Theater:
Krauthausen bei Maischberger.
Krauthausen stellt mit Bravour unter Beweis:
Er kann ganz oben mit-spielen.
Er hat seine Lektion gelernt.
Wie die anderen in der illustren Runde beherrscht er das Geplapper.
Er beherrscht das medial-inszenierte Papageien-Geplapper.
Auf Augen-Höhe am Ende des Tages.
An der und der Stell-Schraube drehen.
Inhaltlich Erwartbares und Moderates zur Regierungs-Politik.
Abwägendes zu einem AfD-Verbots-Antrag.
Alles im grünen Bereich.
Innerhalb des schwarz-rot-grünen Meinungs-Korridors.
Der exklusiven politisch und wirtschaftlich besitzstands-wahrenden Mitte.
Kein hässliches Wort über die Kürzung von Sozial-Leistungen.
Gleichzeitig gibt es gigantische Ausgaben für die Rüstung.
Mega-cool unser Sozial-Held hat geliefert.
Die likende Behinderten-Community auf Social Media feiert ihn.
Nur Milewski auf kobinet gießt Wasser in den Wein.
So lediglich symbolisch war das mit der Inklusion ursprünglich nicht gemeint.
Das gibt er zu bedenken.
Laux pflegt weiterhin seinen Sarkasmus.
Manchmal ist mir der in der Aussage und Absicht nicht ganz verständlich.
Und Weis hat anscheinend seine Ankündigung wahr-gemacht.
Er kommentiert behinderten-politische Fragen und Themen nicht länger.
Was ich schade finde.
Aber wer will es ihm nach Lage der Dinge verdenken.
Dieses Mal verzichte ich auf mein abschließendes Audre Lorde Zitat.
Es muss auch einmal ohne gehen.
Statt dessen versichert Brother Outsider seiner Leserschaft etwas.
Seine Leserschaft auf kobinet ist vermutlich bescheiden.
Aber hoffentlich treu.
Er wird sich auch in Zukunft der Duselschen Demut verweigern.
Er wird sich der Demütigkeit verweigern.
Er wird sich der Demütigung verweigern.
Was immer das auch sein mag.
Er wird sich standfest verweigern.
Dieser Text ist in Leichter Sprache nach DIN SPEC 33429.
Das ist kein Rechts-Text.
Fragen? Ruft an: kobinet-nachrichten.org

Foto: Audre Lorde
Berlin (kobinet) Jetzt erst bin ich auf die Episode 273 des IGEL-Poscast gestoßen. Inklusator Sascha Lang stellt Fragen an Jürgen Dusel, alter und neuer Behindertenbeauftragter der Bundesregierung. Habe es mir am Wochenende angehört. Das kennt ihr wahrscheinlich auch, sich an Worten stoßen, über Worte stolpern. So ging es mir mit dem Wort "demütig", das Jürgen Dusel im Gespräch mit Sascha Lang gleich zu Anfang zweimal in den Mund nimmt. Dass er nun vor allem einmal ein demütiges Gefühl habe und auch allen Grund, demütig zu sein. Ein demütiger Behindertenbeauftragter, was will er uns damit sagen? Oder auch unabhängig davon gefragt, ob er uns etwas sagen will mit seinem demütig, was sagt mir dieses "demütig" im Zusammenhang mit uns Behinderten?
r selber fühlt sich demütig, weil er zum dritten Mal, ein Rekord, Bundesbehindertenbeauftragter werden darf. Die Erlaubnis, das zu dürfen, hat ihm die neue Regierungsmehrheit erteilt. Behindertenbeauftragte werden nicht demokratisch in ihr Amt gewählt, nicht wir Behinderte haben sie beauftragt, für uns zu sprechen. Vielmehr sind sie, ich spitze zu, Beauftragte von Regierungsgnaden. Besonders demokratisch ist das nicht, zurückhaltend ausgedrückt. Gerade umgekehrt sind es die jeweiligen Regierungsparteien, die wählen und entscheiden, wen sie nehmen. Unter denjenigen, die sich ihnen anbieten aus Kreisen der Behindertenselbsthilfe, von bei ihnen bereits parteipolitisch Aktiven oder solchen, die bislang niedrigere Beauftragtenposten auf Landesebene oder lokal inne gehabt haben. Für Dusel der zweite Grund, demütig zu sein, weil es ja so viele gute Leute gibt, wie er sagt, die unter den Behinderten dafür zur Auswahl stehen.
Dusel bedankt sich mit einem gefälligen Amtsverständnis
Und womit bedankt sich Dusel bei denen, die ihm die Fortführung seiner Amtstätigkeit erlauben? Bei der neuen Bundesregierung also und bei uns Behinderten, unter deren „guten Leuten“ ihm auch ein anderer oder eine andere vorgezogen hätte werden können. Antwort, indem er im Gespräch mit Sascha Lang ein rundum gefälliges Amtsverständnis bekundet. Trotzdem ihn die Regierung in dieses Amt bestellt hat, betont er seine Unabhängigkeit. Er unterliege keinerlei Weisungsgebundenheit, die Regierung könne ihm da nichts vorschreiben. Wie er umgekehrt auch nicht die Bundesregierung anweisen kann, dies oder das zu tun, Forderungen zu erfüllen, einem Wunsch der Behinderten nachzukommen. Die können ihm nichts und er kann wiederum denen nichts, hört sich nach einem fairen Deal an. Nach einem Kompromiss, bei dem sich beide Seiten auf halber Strecke entgegenkommen. Bloß dass das so nicht zutrifft, weil die Regierungsseite am viel längeren Hebel sitzt und er selbst ein Stück von diesem Hebel ist.
Das merkt man sofort daran, wie zurückhaltend und fast entschuldigend er sich darüber äußert, was behindertenpolitisch von der neuen Regierung zu erwarten ist. Wenn Kanzler Merz den finanzpolitischen Knüppel aus dem Sack nimmt und sich öffentlich „wundert“, dass die Kosten für die Eingliederungshilfe immer weiter steigen und dies ja wohl nicht angehen könne, dann empfiehlt Dusel, diese Äußerung „kreativ aufzunehmen“. Eingliederungshilfe, so wiegelt er erst einmal ab, beziehe eigentlich nur ein kleiner Teil von uns Behinderten und wir sollten statt dessen … Hört es euch am besten selber an, wie er, wer wird dem eigenen Chef schon widersprechen, die Kürzungsdrohung von Scharfmacher Merz kurzerhand weichspült. Kein Grund also, die Absichten einer honorigen Regierung schlechtzureden, keine Ursache für unsereins auf die Barrikaden zu gehen. Gleichzeitig versichert er uns auch wieder, er wolle „sich dann doch nicht klein machen lassen von mächtigen Organisationen“. Nicht noch kleiner und unwichtiger als er ohnehin bereits ist, füge ich mal hinzu.
Mit seinem Lieblingsweichspüler, der „German Angst“ kommt er ebenfalls daher, für ihn der Haupthemmschuh der Behinderteninklusion. Nicht der Druck ökonomischer Systemzwänge, beinharter Wettbewerb und egoistische Vorteilsnahme sind für den Ausschluß und die Gleichgültigkeit behinderten Menschen gegenüber verantwortlich, sondern unbegründete Berührungsangst und die irrationale Befürchtung, dass durch Auflagen beim Barrierenabbau die anfallenden Kosten den Untergang des Abendlandes bedeuteten. Der Hauptgrnd ist vielmehr, dass die Anzahl der Gewerbetreibenden und privaten Dienstleister, die solche Auflagen betreffen, gering ist im Verhältnis zur Zahl der nichtbehinderten Bevölkerung, die sich mit ihren Barrieren im Kopf aufgrund kulturell tief eingefleischter Vorurteile plus neoliberaler Ellbogen-Verhaltens-konditionierung behindertenunfreundlich bis feindlich verhält. Folglich: Ohne eine grundlegende Struktur-und Systemveränderung, ohne Veränderung der politischen Macht- und wirtschaftlichen Besitzverhältnisse, bleiben echte Teilhabe und Inklusion auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Was z.B. ist gewonnen, wenn in fünf oder zehn Jahren statt der jetzigen 0,3 Prozent 0,9 Prozent (eine Verdreifachung) der in Werkstätten Beschäftigten es auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen? Und selbst für die Aussicht auf einen derart bescheidenen Inklusionsfortschritt, darf es schon einmal nicht zu einem größeren Konjunktureinbruch, keiner Wirtschaftskrise und erst recht zu keinem Krieg kommen.
Jürgen Dusel, der verständlicherweise richtig Bock auf seinen tollen Job hat, will nichtsdestotrotz auch uns behindertes Fußvolk zu seinem Optimismus bekehren, wir sollten „konstruktiv sein“. Und uns immer vergegenwärtigen, was alles schon erreicht worden ist. So seine Antwort auf Saschas Beobachtung, er stelle vielerorts eine „Inklusionsdepression“ fest. Bejahen kann er Saschas Frage, ob es einen „Aktionsplan“ der von seinem Amt ins Auge gefassten behindertenpolitischen Vorhaben gibt, vermag aber nicht zu sagen, woran es liegt, dass der nicht bekannt ist. Dann gibt er Sascha und uns den Ratschlag mit auf den Weg, statt allgemeiner Absichtserklärungen besser „smarte Ziele zu formulieren“. Schön gesagt, smart, wo echte Ziele und vor allen Dingen überzeugende Strategien zu deren Umsetzung fehlen und die Aussichten in Wahrheit düster sind, da müssen schöne Worte aushelfen, ein geschicktes Wording. Der derzeitige Joker unter den schönfärberischen Worthülsen lautet „Demokratie braucht Inklusion“. Daran sollte wir unsere Mitmenschen ständig erinnern und es uns auch selber immer sagen. Und mit diesem feierlichen Ton verabschiedet er sich von uns in sein wichtiges Amt, ähnlich pastoral wie er mit seinem „demütig“ begonnen hat.
Ein frommer Spruch, der niemanden etwas kostet
„Demokratie braucht Inklusion“ ist das ideale Schlagwort fürs medial inszenierte und parteipolitisch ausgeschlachtete Inklusionstheater. An sich gibt es an der Parole nichts zu beanstanden, sachlich trifft sie zu. Gleichzeitig kommt sie jedoch abstrakt und kriterienlos daher, was die praktische Umsetzung betrifft. Welche Art von Demokratie ist gemeint, was genau unter Inklusion zu verstehen? Kriterien wie basisdemokratische Mitsprache und Mitentscheidung (Machtbeteiligung bzw. Machtteilung nach Milewski), soziale Gerechtigkeit, Einkommens- und Vermögensgerechtigkeit oder Umverteilung, Solidarität statt immer mehr Wettbewerb – dies kommt alles nicht vor!
Für den herrschenden Politikbetrieb und in den Mainstream-Medien muss das gewissermaßen auch so sein, sonst werden sie ungehalten. Vielbeschäftigte Regierende und eine wohlwollende Bevölkerungsmehrheit reichen den Behinderten den kleinen Finger und die wollen gleich die ganze Hand, so geht das doch nicht. Selbst unsere eigenen Behindertenpolitikerinnen und Politiker (Behindertenbeauftrage usw.) sehen das ein, möchten auf keinen Fall zu konfrontativ sein und maßlose Forderungen stellen. Sie sind ja ein Teil dieses Politikbetriebs und müssen sich an die Spielregeln halten, an dessen Gepflogenheiten anpassen.
Der offizielle Politikbetrieb funktioniert wie eine Anpassungsmaschinerie
Unsere Inklusion brauchende Demokratie ist vor allem eine Wahldemokratie, in der die Wählenden ihre Stimme abgeben – abgeben im doppelten Sinne des Wortes. Damit beschränkt sich ihre politische Beteiligung aufs Kreuzchen machen. Daneben gibt es diejenigen, die sich parteipolitisch betätigen und unter denen wiederum die wenigen, die sich für ein politisches Amt aufstellen lassen. Nach dem Urnengang bleibt der Souverän oder Demos von der institutionalisierten Politik, in der sich bei uns Politikgestaltung erschöpft, ausgeschlossen. Er verfolgt bzw. seine politisch Interessierten verfolgen das muntere Treiben der gewählten Repräsentanten und Repräsentantinnen in der Regierung und den Parlamenten. Aufgeführt als ein Medienspektakel, in Talkshows etc., in die sich mehr und mehr der inszenierte Politikbetrieb verlagert. Und da laufen die Debatten und Verteilungskämpfe sofort unter dem Blickwinkel, wer mit welchem Versprechen bei der nächsten Wahl die meisten Stimmen fängt.
In diese Mühle begibt sich nun auch die professionell betriebene Behindertenpolitik. Zuvor sind ihre Akteure (Abgeordnete, Behindertenbeauftragte) meist im außerparlamentarischen Aktivismus tätig gewesen und haben sich anschließend in die Politiker-Politik gewagt. Einige, indem sie sich davor mittels eines von der Behindertenselbsthilfe angebotenen Empowermenttrainings entsprechend fit gemacht haben. Jetzt verpassen ihnen die Mühlräder der institutionalisierten Politik sozusagen den letzten Schliff. Diese Anpassungsmaschinerie hat dann ganze Arbeit geleistet, wenn zu guter Letzt die von ihnen verkörperte Behindertenpolitik auf das für den neoliberalen Kapitalismus und seine Herrschaftsverhältnisse zuträgliche Maß und Format zurechtgestutzt ist.
Mir fällt ein dazu passendes Telefonat ein mit einem gestandenen Aktivisten, den ich wegen einem Beratungsgespräch über die Beantragung einer selbstbestimmten Arbeitsassistenz anfragte für eine Rollifahrerin mit Osteogenese imperfecta, die zu uns in die EUTB-Beratung gekommen war. Ich kam mit ihm ins Gespräch und er klagte bitter seine Enttäuschung, seinen Frust über ehemalige Aktivisten, die inzwischen Behindertenpolitiker in Amt und Würden sind und die er seitdem „wie umgedreht“ erlebe. Sie redeten heute vollkommen anders als früher und er gebrauchte das böse Wort, „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Ich selbst würde nicht so weit gehen, allen behindertepolitischen Stelleninhabern durch die Bank zu unterstellen, sie ließen sich durch ihr politisches Amt korrumpieren. Ein bisschen tun sie mir auch leid, selber würde ich die enormen Anpassungszwänge nicht sehr lange aushalten. Und dann müssen sie diese Schrumpfversion von Inklusion und Teilhabe auch noch gegenüber der Basisklientel vertreten. Da ist es viel wert, wenn einer gut reden kann, über die Behindertenanliegen verständnisvoll aufgeschlossen spricht, aber realistisch und maßvoll, es auch nicht übertreibt und die Kirche im Dorf lässt. Genau so wie Jürgen Dusel im IGEL-Podcast und bei sonstigen öffentlichen Auftritten.
So sehr ich mich auch ärgere, wie er uns bei Sascha oberlehrerhaft auf die „große Tradition der Civil Rights“ meint aufmerksam machen zu müssen. Ausgerechnet die militante schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, die wahrlich eine andere kämpferische Power an den Tag gelegt hat. King, Malcolm X, Angela Davis und viele andere mehr, nicht vergleichbar mit unserem hiesigen behindertenpolitischen Geplänkel. Dusel entpolitisiert das Erinnern an „Civil Rights“ zum dekorativen Zitat.
Tokenistische Inklusion: Krauthausen bei Maischberger
Tokenistische Inklusion, der englische Ausdruck „token“ hat sich in der Behindertenszene durchgesetzt dafür, wenn welche von uns auf Diskussionspodien von Kulturveranstaltungen oder in den Mainstream-Medien gesetzt werden, um Inklusion zu signalisieren, letztlich vorzutäuschen. Die meisten, vielleicht sogar gut gemeinten Schaufensterveranstaltungen, in denen auch ein behinderter Mensch vorkommt, lassen sich unter „tokenistischer Inklusion“ verbuchen. Jüngstes Beispiel für dieses Inklusionstheater: Krauthausen stellt bei Maischberger mit Bravour unter Beweis, dass er ganz oben mitspielen kann, er hat seine Lektion gelernt. Wie die anderen in der illustren Runde, beherrscht er das medial-inszenierte Papageiengeplapper, „auf Augenhöhe“, „am Ende des Tages“, an der und der „Stellschraube drehen“. Inhaltlich Erwartbares und Moderates zur Regierungspolitik, Abwägendes zu einem AFD-Verbotsantrag, alles im grünen Bereich! Innerhalb des schwarz-rot-grünen Meinungskorridors der exklusiven, politisch und wirtschaftlich besitzstandswahrenden Mitte. Kein hässliches Wort über die Kürzung von Sozialleistungen bei gleichzeitig gigantischen Ausgaben für die Rüstung.
Megacool, unser Sozialheld hat geliefert. Die likende Behindertencommunity auf Social Media feiert ihn. Nur Milewski auf kobinet gießt Wasser in den Wein, so lediglich symbolisch war das mit der Inklusion ursprünglich allerdings nicht gemeint, gibt er zu bedenken. Laux pflegt weiterhin seinen mir manchmal in der Aussage und Absicht nicht ganz verständlichen Sarkasmus. Und Weis hat anscheinend seine Ankündigung wahrgemacht, behindertenpolitische Fragen und Themen nicht länger zu kommentieren. Was ich schade finde, aber wer will es ihm nach Lage der Dinge verdenken.
Dieses Mal verzichte ich auf mein abschließendes Audre Lorde Zitat. Es muss auch einmal ohne gehen. Statt dessen versichert Brother Outsider seiner vermutlich bescheidenen, aber hoffentlich treuen Leserschaft auf kobinet, dass er sich auch in Zukunft der Duselschen Demut, Demütigkeit, Demütigung, was immer, standfest verweigern wird.

Foto: Audre Lorde
Berlin (kobinet) Jetzt erst bin ich auf die Episode 273 des IGEL-Poscast gestoßen. Inklusator Sascha Lang stellt Fragen an Jürgen Dusel, alter und neuer Behindertenbeauftragter der Bundesregierung. Habe es mir am Wochenende angehört. Das kennt ihr wahrscheinlich auch, sich an Worten stoßen, über Worte stolpern. So ging es mir mit dem Wort "demütig", das Jürgen Dusel im Gespräch mit Sascha Lang gleich zu Anfang zweimal in den Mund nimmt. Dass er nun vor allem einmal ein demütiges Gefühl habe und auch allen Grund, demütig zu sein. Ein demütiger Behindertenbeauftragter, was will er uns damit sagen? Oder auch unabhängig davon gefragt, ob er uns etwas sagen will mit seinem demütig, was sagt mir dieses "demütig" im Zusammenhang mit uns Behinderten?
r selber fühlt sich demütig, weil er zum dritten Mal, ein Rekord, Bundesbehindertenbeauftragter werden darf. Die Erlaubnis, das zu dürfen, hat ihm die neue Regierungsmehrheit erteilt. Behindertenbeauftragte werden nicht demokratisch in ihr Amt gewählt, nicht wir Behinderte haben sie beauftragt, für uns zu sprechen. Vielmehr sind sie, ich spitze zu, Beauftragte von Regierungsgnaden. Besonders demokratisch ist das nicht, zurückhaltend ausgedrückt. Gerade umgekehrt sind es die jeweiligen Regierungsparteien, die wählen und entscheiden, wen sie nehmen. Unter denjenigen, die sich ihnen anbieten aus Kreisen der Behindertenselbsthilfe, von bei ihnen bereits parteipolitisch Aktiven oder solchen, die bislang niedrigere Beauftragtenposten auf Landesebene oder lokal inne gehabt haben. Für Dusel der zweite Grund, demütig zu sein, weil es ja so viele gute Leute gibt, wie er sagt, die unter den Behinderten dafür zur Auswahl stehen.
Dusel bedankt sich mit einem gefälligen Amtsverständnis
Und womit bedankt sich Dusel bei denen, die ihm die Fortführung seiner Amtstätigkeit erlauben? Bei der neuen Bundesregierung also und bei uns Behinderten, unter deren „guten Leuten“ ihm auch ein anderer oder eine andere vorgezogen hätte werden können. Antwort, indem er im Gespräch mit Sascha Lang ein rundum gefälliges Amtsverständnis bekundet. Trotzdem ihn die Regierung in dieses Amt bestellt hat, betont er seine Unabhängigkeit. Er unterliege keinerlei Weisungsgebundenheit, die Regierung könne ihm da nichts vorschreiben. Wie er umgekehrt auch nicht die Bundesregierung anweisen kann, dies oder das zu tun, Forderungen zu erfüllen, einem Wunsch der Behinderten nachzukommen. Die können ihm nichts und er kann wiederum denen nichts, hört sich nach einem fairen Deal an. Nach einem Kompromiss, bei dem sich beide Seiten auf halber Strecke entgegenkommen. Bloß dass das so nicht zutrifft, weil die Regierungsseite am viel längeren Hebel sitzt und er selbst ein Stück von diesem Hebel ist.
Das merkt man sofort daran, wie zurückhaltend und fast entschuldigend er sich darüber äußert, was behindertenpolitisch von der neuen Regierung zu erwarten ist. Wenn Kanzler Merz den finanzpolitischen Knüppel aus dem Sack nimmt und sich öffentlich „wundert“, dass die Kosten für die Eingliederungshilfe immer weiter steigen und dies ja wohl nicht angehen könne, dann empfiehlt Dusel, diese Äußerung „kreativ aufzunehmen“. Eingliederungshilfe, so wiegelt er erst einmal ab, beziehe eigentlich nur ein kleiner Teil von uns Behinderten und wir sollten statt dessen … Hört es euch am besten selber an, wie er, wer wird dem eigenen Chef schon widersprechen, die Kürzungsdrohung von Scharfmacher Merz kurzerhand weichspült. Kein Grund also, die Absichten einer honorigen Regierung schlechtzureden, keine Ursache für unsereins auf die Barrikaden zu gehen. Gleichzeitig versichert er uns auch wieder, er wolle „sich dann doch nicht klein machen lassen von mächtigen Organisationen“. Nicht noch kleiner und unwichtiger als er ohnehin bereits ist, füge ich mal hinzu.
Mit seinem Lieblingsweichspüler, der „German Angst“ kommt er ebenfalls daher, für ihn der Haupthemmschuh der Behinderteninklusion. Nicht der Druck ökonomischer Systemzwänge, beinharter Wettbewerb und egoistische Vorteilsnahme sind für den Ausschluß und die Gleichgültigkeit behinderten Menschen gegenüber verantwortlich, sondern unbegründete Berührungsangst und die irrationale Befürchtung, dass durch Auflagen beim Barrierenabbau die anfallenden Kosten den Untergang des Abendlandes bedeuteten. Der Hauptgrnd ist vielmehr, dass die Anzahl der Gewerbetreibenden und privaten Dienstleister, die solche Auflagen betreffen, gering ist im Verhältnis zur Zahl der nichtbehinderten Bevölkerung, die sich mit ihren Barrieren im Kopf aufgrund kulturell tief eingefleischter Vorurteile plus neoliberaler Ellbogen-Verhaltens-konditionierung behindertenunfreundlich bis feindlich verhält. Folglich: Ohne eine grundlegende Struktur-und Systemveränderung, ohne Veränderung der politischen Macht- und wirtschaftlichen Besitzverhältnisse, bleiben echte Teilhabe und Inklusion auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Was z.B. ist gewonnen, wenn in fünf oder zehn Jahren statt der jetzigen 0,3 Prozent 0,9 Prozent (eine Verdreifachung) der in Werkstätten Beschäftigten es auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen? Und selbst für die Aussicht auf einen derart bescheidenen Inklusionsfortschritt, darf es schon einmal nicht zu einem größeren Konjunktureinbruch, keiner Wirtschaftskrise und erst recht zu keinem Krieg kommen.
Jürgen Dusel, der verständlicherweise richtig Bock auf seinen tollen Job hat, will nichtsdestotrotz auch uns behindertes Fußvolk zu seinem Optimismus bekehren, wir sollten „konstruktiv sein“. Und uns immer vergegenwärtigen, was alles schon erreicht worden ist. So seine Antwort auf Saschas Beobachtung, er stelle vielerorts eine „Inklusionsdepression“ fest. Bejahen kann er Saschas Frage, ob es einen „Aktionsplan“ der von seinem Amt ins Auge gefassten behindertenpolitischen Vorhaben gibt, vermag aber nicht zu sagen, woran es liegt, dass der nicht bekannt ist. Dann gibt er Sascha und uns den Ratschlag mit auf den Weg, statt allgemeiner Absichtserklärungen besser „smarte Ziele zu formulieren“. Schön gesagt, smart, wo echte Ziele und vor allen Dingen überzeugende Strategien zu deren Umsetzung fehlen und die Aussichten in Wahrheit düster sind, da müssen schöne Worte aushelfen, ein geschicktes Wording. Der derzeitige Joker unter den schönfärberischen Worthülsen lautet „Demokratie braucht Inklusion“. Daran sollte wir unsere Mitmenschen ständig erinnern und es uns auch selber immer sagen. Und mit diesem feierlichen Ton verabschiedet er sich von uns in sein wichtiges Amt, ähnlich pastoral wie er mit seinem „demütig“ begonnen hat.
Ein frommer Spruch, der niemanden etwas kostet
„Demokratie braucht Inklusion“ ist das ideale Schlagwort fürs medial inszenierte und parteipolitisch ausgeschlachtete Inklusionstheater. An sich gibt es an der Parole nichts zu beanstanden, sachlich trifft sie zu. Gleichzeitig kommt sie jedoch abstrakt und kriterienlos daher, was die praktische Umsetzung betrifft. Welche Art von Demokratie ist gemeint, was genau unter Inklusion zu verstehen? Kriterien wie basisdemokratische Mitsprache und Mitentscheidung (Machtbeteiligung bzw. Machtteilung nach Milewski), soziale Gerechtigkeit, Einkommens- und Vermögensgerechtigkeit oder Umverteilung, Solidarität statt immer mehr Wettbewerb – dies kommt alles nicht vor!
Für den herrschenden Politikbetrieb und in den Mainstream-Medien muss das gewissermaßen auch so sein, sonst werden sie ungehalten. Vielbeschäftigte Regierende und eine wohlwollende Bevölkerungsmehrheit reichen den Behinderten den kleinen Finger und die wollen gleich die ganze Hand, so geht das doch nicht. Selbst unsere eigenen Behindertenpolitikerinnen und Politiker (Behindertenbeauftrage usw.) sehen das ein, möchten auf keinen Fall zu konfrontativ sein und maßlose Forderungen stellen. Sie sind ja ein Teil dieses Politikbetriebs und müssen sich an die Spielregeln halten, an dessen Gepflogenheiten anpassen.
Der offizielle Politikbetrieb funktioniert wie eine Anpassungsmaschinerie
Unsere Inklusion brauchende Demokratie ist vor allem eine Wahldemokratie, in der die Wählenden ihre Stimme abgeben – abgeben im doppelten Sinne des Wortes. Damit beschränkt sich ihre politische Beteiligung aufs Kreuzchen machen. Daneben gibt es diejenigen, die sich parteipolitisch betätigen und unter denen wiederum die wenigen, die sich für ein politisches Amt aufstellen lassen. Nach dem Urnengang bleibt der Souverän oder Demos von der institutionalisierten Politik, in der sich bei uns Politikgestaltung erschöpft, ausgeschlossen. Er verfolgt bzw. seine politisch Interessierten verfolgen das muntere Treiben der gewählten Repräsentanten und Repräsentantinnen in der Regierung und den Parlamenten. Aufgeführt als ein Medienspektakel, in Talkshows etc., in die sich mehr und mehr der inszenierte Politikbetrieb verlagert. Und da laufen die Debatten und Verteilungskämpfe sofort unter dem Blickwinkel, wer mit welchem Versprechen bei der nächsten Wahl die meisten Stimmen fängt.
In diese Mühle begibt sich nun auch die professionell betriebene Behindertenpolitik. Zuvor sind ihre Akteure (Abgeordnete, Behindertenbeauftragte) meist im außerparlamentarischen Aktivismus tätig gewesen und haben sich anschließend in die Politiker-Politik gewagt. Einige, indem sie sich davor mittels eines von der Behindertenselbsthilfe angebotenen Empowermenttrainings entsprechend fit gemacht haben. Jetzt verpassen ihnen die Mühlräder der institutionalisierten Politik sozusagen den letzten Schliff. Diese Anpassungsmaschinerie hat dann ganze Arbeit geleistet, wenn zu guter Letzt die von ihnen verkörperte Behindertenpolitik auf das für den neoliberalen Kapitalismus und seine Herrschaftsverhältnisse zuträgliche Maß und Format zurechtgestutzt ist.
Mir fällt ein dazu passendes Telefonat ein mit einem gestandenen Aktivisten, den ich wegen einem Beratungsgespräch über die Beantragung einer selbstbestimmten Arbeitsassistenz anfragte für eine Rollifahrerin mit Osteogenese imperfecta, die zu uns in die EUTB-Beratung gekommen war. Ich kam mit ihm ins Gespräch und er klagte bitter seine Enttäuschung, seinen Frust über ehemalige Aktivisten, die inzwischen Behindertenpolitiker in Amt und Würden sind und die er seitdem „wie umgedreht“ erlebe. Sie redeten heute vollkommen anders als früher und er gebrauchte das böse Wort, „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Ich selbst würde nicht so weit gehen, allen behindertepolitischen Stelleninhabern durch die Bank zu unterstellen, sie ließen sich durch ihr politisches Amt korrumpieren. Ein bisschen tun sie mir auch leid, selber würde ich die enormen Anpassungszwänge nicht sehr lange aushalten. Und dann müssen sie diese Schrumpfversion von Inklusion und Teilhabe auch noch gegenüber der Basisklientel vertreten. Da ist es viel wert, wenn einer gut reden kann, über die Behindertenanliegen verständnisvoll aufgeschlossen spricht, aber realistisch und maßvoll, es auch nicht übertreibt und die Kirche im Dorf lässt. Genau so wie Jürgen Dusel im IGEL-Podcast und bei sonstigen öffentlichen Auftritten.
So sehr ich mich auch ärgere, wie er uns bei Sascha oberlehrerhaft auf die „große Tradition der Civil Rights“ meint aufmerksam machen zu müssen. Ausgerechnet die militante schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, die wahrlich eine andere kämpferische Power an den Tag gelegt hat. King, Malcolm X, Angela Davis und viele andere mehr, nicht vergleichbar mit unserem hiesigen behindertenpolitischen Geplänkel. Dusel entpolitisiert das Erinnern an „Civil Rights“ zum dekorativen Zitat.
Tokenistische Inklusion: Krauthausen bei Maischberger
Tokenistische Inklusion, der englische Ausdruck „token“ hat sich in der Behindertenszene durchgesetzt dafür, wenn welche von uns auf Diskussionspodien von Kulturveranstaltungen oder in den Mainstream-Medien gesetzt werden, um Inklusion zu signalisieren, letztlich vorzutäuschen. Die meisten, vielleicht sogar gut gemeinten Schaufensterveranstaltungen, in denen auch ein behinderter Mensch vorkommt, lassen sich unter „tokenistischer Inklusion“ verbuchen. Jüngstes Beispiel für dieses Inklusionstheater: Krauthausen stellt bei Maischberger mit Bravour unter Beweis, dass er ganz oben mitspielen kann, er hat seine Lektion gelernt. Wie die anderen in der illustren Runde, beherrscht er das medial-inszenierte Papageiengeplapper, „auf Augenhöhe“, „am Ende des Tages“, an der und der „Stellschraube drehen“. Inhaltlich Erwartbares und Moderates zur Regierungspolitik, Abwägendes zu einem AFD-Verbotsantrag, alles im grünen Bereich! Innerhalb des schwarz-rot-grünen Meinungskorridors der exklusiven, politisch und wirtschaftlich besitzstandswahrenden Mitte. Kein hässliches Wort über die Kürzung von Sozialleistungen bei gleichzeitig gigantischen Ausgaben für die Rüstung.
Megacool, unser Sozialheld hat geliefert. Die likende Behindertencommunity auf Social Media feiert ihn. Nur Milewski auf kobinet gießt Wasser in den Wein, so lediglich symbolisch war das mit der Inklusion ursprünglich allerdings nicht gemeint, gibt er zu bedenken. Laux pflegt weiterhin seinen mir manchmal in der Aussage und Absicht nicht ganz verständlichen Sarkasmus. Und Weis hat anscheinend seine Ankündigung wahrgemacht, behindertenpolitische Fragen und Themen nicht länger zu kommentieren. Was ich schade finde, aber wer will es ihm nach Lage der Dinge verdenken.
Dieses Mal verzichte ich auf mein abschließendes Audre Lorde Zitat. Es muss auch einmal ohne gehen. Statt dessen versichert Brother Outsider seiner vermutlich bescheidenen, aber hoffentlich treuen Leserschaft auf kobinet, dass er sich auch in Zukunft der Duselschen Demut, Demütigkeit, Demütigung, was immer, standfest verweigern wird.





Stimme ich zu: Die kämpferische Tradition des Civil Rights Movement für seine behäbige Amtspolitik als Bundesbehindertenbeauftragter zu reklamieren ist von Jürgen Dusel schon etwas dreist. Ich nehme nur einmal sein Schweigen zur Aufrüstungspoltik und Militarisierung wie sie die Regierung betreibt, der er angehört. Und der Behindertenaktivismus tut es ihm gleich und schweigt auch dazu.
Die klare Positionierung gegen den Vietnamkrieg der Civil Rights-Ikone Martin Luther King dagegen wie Tag und Nacht. Dabei hätte er auch sagen sagen, uns geht es um die Bürgerrechte, die Inklusion der Schwarzen in den USA, was kümmert uns der Krieg in Asien. Mehr noch, wir untestützen ihn sogar, um von Präsident Johnson das nötige Entgegenkommen für unsere Belange zu erhalten. Ein reapolitischer Kämergeist dieser Sorte mit einer gruppenegoistisch beschränkten Denke jedoch, war einem Kämpfer für ungeteilte universelle Emanzipation und Gerechtigkeit wie M.L. King zuwider. Bei uns ist er die Standareinstellung der professionalisierten Behindertenpolitik. Mein Lesetipp: Omri Boehm: Radikaler Universalismus -Jenseits von Identität,
darin zu M.L. King S.68 ff. i.A. von Hans-Willi Weis