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Pflegenotstand am Wochenende: Wenn Teilhabe zur Ausnahme wird

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künstlerisch-grafische Zeichnung, sinnbildliche Fäden, eimalumschlossen einmalfrei schwebend
Inklusive und Exklusive Gesellschaften
Foto: Wombat-Paradiso

Berlin (kobinet) Inklusion braucht mehr als gute Absicht – eine Heilerziehungspflegerin berichtet über erschöpfte Teams, verpasste Lebensfreude und die stille Isolation von Menschen mit Behinderung.

Die Sonne auf der Haut spüren, die grüne Parkanlage mit dem schönen Fluss, frische Luft, Menschen sehen, Kinder unbeschwert lachen hören – Erna F. hat sich die ganze Woche auf ihren besonderen Samstag gefreut: Wenn sie für eine oder zwei Stunden raus kommt aus ihrer Pflegeeinrichtung, die sie sonst nur verlassen kann, wenn sie zur Arbeit gebracht wird. Aber ihre Hoffnungen werden enttäuscht. Drei von vier Pflegern sind am Samstag krank. Ein Einzelfall? Von wegen!

Wochenenddienste betreffen nahezu drei Viertel aller Pflegekräfte – und gelten als Mitgrund für häufige Teilzeit, krankheitsbedingte Ausfälle, Burnout und langfristigen Personalmangel. Ein Beispiel für den Teufelskreis: Wegen Überlastung, eben weil es zu wenig Mitarbeiter gibt, meldet sich eine Pflegekraft krank. Die restlichen Mitarbeiter arbeiten dadurch mehr und fangen die Krankheit erstmal „gut“ ab. Jedoch kommen sie im Lauf der Zeit auch an ihre Grenzen. Daraufhin melden sie sich im Wechsel auch krank. Auch oft mehrere gleichzeitig. Dadurch steigen der Mangel an Personal und oft auch die Frustration. Dies führt langfristig zu Kündigungen und zu einem Mangel an Pflegekräften.

Ein wichtiger Treiber dieser Entwicklung ist neben der Alterung unserer Gesellschaft der „Pflexit“, also der reihenweise Ausstieg aus dem seelisch wie körperlich stark belastenden Pflegeberuf. Viele der Berufsaussteiger/-innen ließen sich zurückgewinnen durch ein Mehr an Wertschätzung für diese gesellschaftlich so bedeutsame Arbeit, vor allem durch verbesserte Strukturen, Arbeitsbedingungen und Löhne. (bpb.de/Pflegenotstand) Prognosen zeigen, dass bis 2049 ein Mangel von 280.000 bis 690.000 Pflegekräften eintreten wird (Hans-Böckler-Stiftung, Statistisches Bundesamt, Statistisches Bundesamt.)

Auch die Gesellschaft spielt eine Rolle, denn sie ist genauso mit betroffen, wenn es um das Thema Inklusion geht. Besonders in Einrichtungen wie Wohngruppen wird es deutlich, wie Teilhabe gelingen oder scheitern kann. Dies ist ein Erfahrungsbericht aus meinem Alltag als Heilerziehungspflegerin, der zeigt, wie sehr Inklusion vom Personalstand und von gesellschaftlichen Strukturen abhängt – und wo sie an ihre Grenzen stößt. In meiner Wohngruppe leben zehn behinderte Menschen, einige davon mit einer Schwerstmehrfachbehinderung. Die Menschen sind 20 bis 78 Jahre alt . Die meisten haben keine Angehörigen mehr oder es besteht kein Kontakt zu Angehörigen. Das Verlassen der Wohngruppe ist seit Jahren zur Seltenheit geworden. Die Lebenswelt der Menschen besteht aus Wohngruppe, Arbeit und ab und zu einem Arztbesuch.

Wegen des fast permanenten Personalmangels haben die Mitarbeiter mit der Grundpflege und dem normalen Arbeitsalltag auf der Wohngruppe so viel zu tun, dass oft auch einfach keine Energie und Zeit mehr übrig sind, mit den Klienten rauszugehen. Ich versuche es an diesem Samstag dennoch und gehe – selbst schon erschöpft und unter Zeitdruck – noch immerhin fünfzehn Minuten mit zwei meiner Bewohner spazieren. Von zehn Stunden meiner Arbeitszeit ein schöner Moment für uns drei. Die restliche Zeit verbringen die Menschen zu meinem großen Bedauern in der Wohngruppe, da mehr einfach nicht möglich ist. Dabei würden es sich die Menschen so sehr wünschen zum Beispiel einkaufen zu gehen, in die Wilhelma oder ins Restaurant. Inklusion verlangt Ressourcen – vor allem Zeit, Personal und gesellschaftliche Unterstützung. Ohne diese bleibt sie ein schönes Konzept auf dem Papier, das in der Praxis oft an Grenzen stößt. Besonders an Wochenenden ist personelle Unterbesetzung keine Ausnahme, sondern Realität. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geschieht durch Herausgehen, in die Öffentlichkeit treten und die Menschen mit Behinderung in Kontakt treten lassen mit ihren Mitmenschen. Inklusion bedeutet vor allem Sichtbarkeit. Wenn Menschen mit Behinderung aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen, entstehen Begegnungen, Normalität und gegenseitiger Respekt. Dafür braucht es nicht nur politisches Bekenntnis, sondern praktische Umsetzung – Tag für Tag, Mensch für Mensch.

Teilhabe darf kein Privileg sein. Sie ist Ausdruck der Würde jedes Menschen. Nur wenn wir Strukturen schaffen, die Begegnung, Freizeit und Selbstbestimmung ermöglichen, wird aus dem Wunsch nach Inklusion eine gelebte Realität.