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Modellprojekt statt Menschenrecht. Was Aktion Mensch Inklusion nennt

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roter Schriftzug
Ein Los für das gute Gewissen
Foto: Ralph Milewski

Fladungen (kobinet) Im aktuellen Newsletter kündigt Aktion Mensch den Bau eines neuen "inklusiven Wohnquartiers" in Unna an. Ab Ende 2025 sollen dort rund 30 barrierefreie Wohneinheiten für Menschen mit und ohne Behinderung entstehen. Wer dem Link im Newsletter folgt, landet allerdings nicht bei weiterführenden Informationen zu Unna, sondern auf einer Unterseite zum bereits realisierten Wohnprojekt  in Berlin-Wilmersdorf. Auch dort wirbt Aktion Mensch mit Begriffen wie "inklusives Wohnhaus", "bunte Mischung", "gelebte Teilhabe" und liefert damit ein Beispiel für eine begriffliche Unschärfe, die dringend aufgeklärt gehört. Denn was hier als Inklusion vermarktet wird, sind in Wirklichkeit wohlfahrtsstaatlich organisierte Modellprojekte. Und ein Modellprojekt, das muss klargestellt werden, kann per Definition nicht inklusiv sein.

Inklusion meint die gleichberechtigte und selbstverständliche Teilhabe aller Menschen an allgemeinen gesellschaftlichen Strukturen, ohne Sonderwege, ohne Vorauswahl, ohne Etikett. Ein Modellprojekt ist hingegen immer etwas Zusätzliches, Abgegrenztes, zeitlich oder räumlich Begrenztes, also etwas, das außerhalb des Regelbetriebs entsteht. Es kann Integration fördern, Barrierefreiheit erproben oder Begegnung ermöglichen, aber es ersetzt nie den strukturellen Anspruch von Inklusion. Im Gegenteil: Modellprojekte können sogar dazu beitragen, dass sich das Regelsystem seiner Verantwortung entzieht, ganz nach dem Motto „Wir tun ja schon etwas“.

Das Berliner Beispiel macht deutlich, wie diese Verschiebung konkret aussieht. Im März 2024 bezogen 28 Personen ein neu errichtetes Wohnhaus der Aktion Mensch in Berlin-Wilmersdorf. Eine inklusive Wohngemeinschaft mit zehn Einzelzimmern ist Teil des Konzepts. Dort wohnen Studierende gemeinsam mit Menschen mit Behinderung, allerdings unter der Bedingung, dass sie einfache Assistenzleistungen im Alltag übernehmen. Das Modell wird als Win-win-Situation beschrieben: günstige Miete gegen Hilfe. Doch was wie nachbarschaftliche Solidarität klingt, ist im Kern eine funktionale Struktur mit klarer Asymmetrie, nämlich Unterstützung gegen Gegenleistung. Das ist kein gleichberechtigtes Miteinander, sondern ein betreuungsnahes Arrangement, eingebettet in eine institutionelle Trägerschaft.

Auch andere Elemente des Projekts, etwa ein Concierge-Service, der ausdrücklich von einer behinderten Person betrieben werden soll, wirken mehr dekorativ als transformativ. Die Mitbestimmungsrechte der Bewohner*innen werden nicht benannt. Partizipation bleibt Schlagwort. Die Steuerung liegt bei Aktion Mensch als Bauherrin und der Stephanus gGmbH als Betreiberin. Das ganze Projekt ist damit nicht Ausdruck inklusiver Stadtentwicklung, sondern eine Parallelstruktur mit klar definierter Zielgruppe, einem vorgelagerten Auswahlprozess und begrenztem Wirkungskreis.

Dass Aktion Mensch solche Projekte unter dem Label „Inklusion“ führt, ist mehr als nur ein sprachliches Problem. Es verschiebt das Verständnis von Inklusion in Richtung Förderung, Fürsorge und Organisation und entfernt es von seinem menschenrechtlichen Kern. Echte Inklusion braucht keine Modellprojekte. Sie braucht strukturelle Veränderungen, barrierefreien Wohnraum auf dem allgemeinen Markt, gesetzlich garantierte Wahlfreiheit, durchlässige Stadtentwicklung, soziale Gerechtigkeit und politischen Gestaltungswillen. Alles andere bleibt Symbolpolitik, gut gemeint, aber letztlich folgenlos.

Wenn Aktion Mensch also in ihrem Newsletter ein „inklusives Wohnquartier“ ankündigt, sollte zumindest ehrlich benannt werden, worum es sich handelt: um ein weiteres Projekt im Rahmen des bestehenden Exklusionssystems. Ein wertvoller Beitrag zur Barrierefreiheit vielleicht. Ein Modell der Inklusion ganz sicher nicht.