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Wehrtauglich von der Wiege bis zur Bahre – Bewaffnung ist das einzig Wahre

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Ein fallender Soldat Todesschuss
Falling Soldier von Robert Capa. In unserer 5. Wehrtauglichkeitsfolge besuchen wir noch einmal Panzerkommandant Kevin Kramer im Baltikum, seine Faru Nicole in der schwäbischen Heimat und Panzerfahrer Malte auf Wochenendurlaub Urlaub in Görlitz bei Freundin Britta, die ihm von ihrer spannenden Polen-Doku berichtet.
Foto: By © Cornell Capa (For reproduction please contact Magnum Photos, http://www.magnumphotos.com/), Public Domain, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=4067565

Staufen (kobinet) Das altersunabhängig gültige Axiom nachhaltiger Verteidigungsbereitschaft muss sich immer wieder gegen die ein oder andere Anfechtung behaupten. Zum Beispiel seine scheinbare Widerlegung durch allerlei zivile Kollateralschäden. Lästige Nebenwirkungen der Bewaffnung und des Waffengebrauchs, wie sie wahllos Jung und Alt treffen können. So nehmen wir in dieser Folge Anteil am kollateralgeschädigten Schicksal von Personen, die uns aus vorangegangenen Folgen schon vertraut sind. Nehmen uns allerdings vor übertriebener Empathie in Acht, was nur zu Lasten von Resilienz und Wehrhaftigkeit gehen würde. Wie man stattdessen unverdrossen die Bewaffnung auch zivilgesellschaftlich flächendeckend vorantreibt, erfahren wir von unseren polnischen Nachbarn. Wie sehr sie mit gutem Beispiel vorangehen, darüber berichtet die Content-Createrin Britta, die als Wehrertüchtigungs-Scout in Polen unterwegs ist.

Stahlhelm sticht Bommelmütze aus

Sonntag früh in der schwäbischen Provinz. Kein Wecker klingelt in der renovierten denkmalgeschützten Altbauwohnung, im Sommer wacht Nicole auch so auf, um ohne Hektik ihren zeremoniellen Pflichten Pauls „petit lever“ betreffend nachzukommen. Nicole hat Romanistik studiert und Geschichte im Nebenfach. Ihre Abschlussarbeit, Staatsexamen, ging über das Thema „Die Blüte der französischen Klassik im Zeitalter des Absolutismus Ludwigs des Vierzehnten – exemplarisch aufgewiesen an Dramen von Corneille und Racine“. Um ihrer prosaischen Mutterpflicht – sie muss ihrem sechsjährigen Sohn beim Aufstehen assistieren und ihm in den Rollstuhl helfen, er hat Glasknochen –, um dem Prosaischen dieser Pflicht sprachlich einen gewissen Glanz zu verleihen, spricht sie in Analogie zum Zeremoniell des „Grand Lever“ am Hof des Sonnenkönigs vom „petit lever“ ihres körperbehinderten Sohns. – Nicole fühlt sich zerschlagen, was sie überrascht, hatte sie sich vor dem Einschlafen, nach dem langen Telefonat mit Kevin, doch recht gut gefühlt. Der Traum vor dem Aufwachen geht ihr noch nach, wahrscheinlich hängt es damit zusammen.

Der alte Herr Wörner kam darin vor, sein wirres Gerede, von dem sie Kevin am Telefon erzählt hat. Ihr geträumter Wörner sitzt überhaupt nicht im Rollstuhl, ist eigenartig verjüngt, nurmehr die Stimme verrät ihr, es ist der Wörner, der da krakehlt. Und plötzlich ist ihr auch klar, wer dieser Andere ist, auf den er einredet. Prahlt, von ihrem gemeinsamen – gemeinsam, das hat er gesagt, das war das Wort, das sie am meisten schockiert hat – gemeinsamen Unternehmen Rammbock. Mit dem Tiger gegen die Hauswand, volle Pulle, das Fachwerk eingedrückt wie ne Streichholzschachtel, kannten wir nix, kein Pardon. Das war der Augenblick, in dem sie Kevin angeschrien hat, aber ihr doch nicht, ihr macht doch so was nicht, Kevin, antworte mir doch! Da sind doch auch Frauen und Kinder drin. Kevins Gesicht im Traum wie hinter Glas, einer dicken, undurchdringlichen Glaswand, stumm wie ein Fisch und mit ausdruckslosem Gesicht. Oder war da nicht ein komplizenhaftes Grinsen? Es war der Moment, in dem sie aufgewacht ist, irgendwie verstört seitdem.

Mama, wann kommst du? Pauls Stimme aus dem Kinderzimmer, gleich mein Schatz, ich komme. Nicole empfindet es schon als Erleichterung, ihn jetzt im Hochsommer nicht wegen der Mütze überreden zu müssen. Bei den augenblicklichen Temperaturen geht es auch ohne, muss es. Seit dieser Panzergeschichte vorm Haus weigert sich Paul, die Bommelmütze aufzusetzen, die er von Oma Claudia hat. Sie hat ihm die Schafwollmütze gestrickt und feinste Silber und Kupferfäden hineingewoben, die ein Gitternetz bilden, welches Pauls noch nicht gänzlich geschlossene Fontanelle vor der hohen Elektrosmogbelastung schützt, die nach übereinstimmenden Messungen in der Altstadt herrscht. Seit dem Vorfall mit dem Panzer vor der Haustür will Paul die Mütze nicht mehr tragen, er sagt, er wolle genau so einen Hut wie der Panzermann, rund und glatt und ohne Bommel.

Zur gleichen Zeit am Sonntagmorgen im Baltikum in einer litauischen Kaserne hat sich Kevin einen Pappbecher mit Kaffee vom Automaten geholt. Sonnenlicht flutet in die Stube, ohne Grund rührt Kevin mit seinem Teelöffel im Becher, er überlegt, wie er den freien Tag, der keiner ist, am sinnvollsten strukturiert. Die Worte „Arbeit und Struktur“ gehen ihm durch den Kopf, der Titel eines Buchs, das Nicole einmal im Urlaub gelesen hat, war noch vor Pauls Geburt, sie lagen am Strand und er hatte sie gefragt, bist du sicher, dass das die richtige Urlaubslektüre ist? Sie hatte vom Buch aufgeschaut, die Stirn gerunzelt und ihm dann irgendwie ernst oder nachdenklich geantwortet, Urlaubszeiten und Freizeiten generell hätten es am Allernötigsten, dass wir sie strukturieren, das ganze endet sonst leicht in der Katastrophe. Er merkt, dass er noch immer sinnlos mit dem Teelöffel im Kaffee rührt, der Löffel kommt auch von ihr. Er entstammt einer schwäbischen Küchenschublade, Nicole dachte an alles, damit solle er auf der Bahnfahrt seinen Joghurt löffeln, ob sie anschließend im Flieger nach Vilnius etwas bekämen, wisse er ja nicht mal. Sorgen einer Soldatenfrau, denkt er. Gestern Abend das Telefonat mit ihr hat ihm gut getan, die Stimme der Dicken so dicht an seinem Ohr, als lägen sie zusammen, in der Löffelchen-Schlafhaltung. – Ein Punkt für seine Tagesstrukturierung ist ihm gerade eingefallen, er wird die Checkliste durchgehen, die ihm per Mail vom Stab zugegangen ist. Wieder einmal das leidige Thema „Aufwuchs“, wie das mit der Sollstärke von 5000 bis 2027 überhaupt klappen soll, woher nehmen, wenn nicht stehlen. Jedes Mal, wenn er das Wort Aufwuchs hört oder liest, denkt er unwillkürlich an Paul, seinen kleinen Sohn. Offenbar gibt es zweierlei Aufwuchs, den von Paul, der im idyllischen Schwabenland in seinem Rollstuhl ganz ohne ihn aufwächst und dieser mühselige Aufwuchs ihrer Brigade hier im Baltikum. Ob man dieser bemerkenswerten Verschiedenheit der Aufwüchse nicht auch mal das Label Diversität verpassen sollte, wäre freilich nichts mit gewonnen.

Ob er sich einen zweiten Kaffee aus dem Automaten holen soll, Kevin betrachtet den leeren Becher in seiner Linken und klopft unschlüssig mit dem Löffel gegen die Pappe. Gestern Mittag war er froh, als die andern weg waren, endlich Ruhe. Ständig zu viert, in Viererbanden-Formation, das nervt. Nachdem ihm jedoch am Nachmittag die Korrespondentin vom Deutschlandfunk gemailt hatte, sie müsse das auf 16 Uhr 30 anberaumte Gespräch leider absagen, fühlte er schon wieder so was wie Langeweile. Sie müssten, so ihre Begründung, das Konzept des geplanten Podcasts im Kolleginnenkreis noch einmal diskutieren und womöglich ganz neu strukturieren. Auch die Titelidee könne so nicht stehen bleiben, „Was, wenn Putin schon vor 2027 losschlägt?“ In Anbetracht der sich täglich verschärfenden Bedrohungslage wirke das doch geradezu wie eine Verharmlosung. Warum, so hatte er gedacht, nenne sie das Ding nicht einfach „Die Druckmacher“ oder „DruckmacherInnen“, gendergerechtes Druckmachen. Anscheinend hat man ihnen auf der Journalismusschule beigebracht, Kerle wie wir wachsen auf Bäumen und man brauche sie nur zu pflücken, wenn Not am Mann ist. Nicht den blassen Schimmer von dem, was es im Militärischen heißt, Sorge tragen für einen organischen, nachhaltigen Aufwuchs.

Schade, dass nicht wenigstens Lothar dageblieben ist, wäre ihm jetzt ganz recht. Mit dem kann er vernünftig über all das reden. Am Ende hat er sich aber doch von Tom breit schlagen lassen und ist mit ihm losgedackelt. Vor Zapfenstreich Sonntag um Mitternacht dürfe man mit ihnen beiden auf dem Kasernengelände nicht rechnen, hat Tom geprahlt, für den nötigen Stoff sei gesorgt, sie hätten vor, eine 36-Stundenschicht zu schieben im Rotlichtdistrikt von Vilnius, schlappmachen gilt nicht. Kevin, hatte er gesagt, setz nicht diese Moralgrimasse auf, auch an dieser Front muss sich die deutsch-litauische Freundschaft bewähren und ihre Feuerprobe bestehen.

Typisch Tom, Kevin macht sich echt Sorgen. Mein bester Mann, hatte er anfänglich gedacht, würde er auch nach wie vor behaupten, was den Faktor Energie und Spritzigkeit angeht, allein damit gewinnt man jedoch keinen Krieg. Wirklich beunruhigt ist er, seit er spitz gekriegt hat, dass Tom Captagon bunkert. Keine Ahnung, woher er das Zeug hat, wie er da drangekommen sein könnte. Kontakte zum IS, zu irgendwelchen Syrern, schwer vorstellbar. Über dunkle Kanäle auf alle Fälle, Schwarzmarktware. Und wozu, bei welchen Anlässen und Gelegenheiten will er das Teufelszeug schlucken? Kevin bereut es, vor einigen Wochen in der Fortbildungseinheit das Buch von Norman Ohler „Der totale Rausch“ überhaupt erwähnt zu haben und viel zu ausführlich auf die neugierigen Fragen der Jungs eingegangen zu sein. Schon damals ist ihm Toms Bemerkung unangenehm aufgestoßen, wann sie nun ihre Pervitin-Ration zugeteilt bekämen, damit sie hier in der Etappe nicht einschlafen. Und nachher beim Bier hat er wieder davon angefangen, man, an Gerät haben wir ja so ziemlich alles, um den perfekten Blitzkrieg hinzulegen. Das einzige, was die von der Wehrmacht bei ihrem Westfeldzug uns voraus hatten und was uns fehlt, ist ein pharmazeutisches Nachfolgeprodukt von diesem Vier-Tage-Wachmacher, wie die ihn mit ihrem Pervitin hatten. Vier Tage und Nächte ohne Schlaf in einem durch, kommt exakt hin, genau das, was es braucht, um von hier aus in einem Tag vor Moskau zu stehen, andertags am Ural und in nochmal zwei Tagen kurz vor Wladiwostok an der Pazifikküste. Tom du spinnst, hatte er nur gesagt, genügte das an innerer Führung?

Kevins linke Hand hat den Kaffeebecher zerdrückt, die zerquetschte Pappe fliegt Richtung Abfalleimer, verfehlt aber ihr Ziel. Den Teelöffel hält er noch immer in der Rechten, er merkt, dass die Zeigefingerkuppe, dessen Unterseite streichelt, seltsam. Kevin lächelt, ihm fällt grade was ein, hatte ihm Nicole auch mal erzählt. Er muss kurz überlegen, genau, Übergangsobjekt, dies war doch das Wort. So bezeichnete der Psychoanalytiker Winnicott, hatte sie ihm erklärt, Gegenstände, die uns über die Abwesenheit einer geliebten Person hinwegtrösten. Beim Kleinkind natürlich die Mutter. War dieser Teelöffel für ihn also so etwas wie ein Übergangsobjekt im Mannesalter? Ach Dicke, komische Gedanken, auf die unsereiner hier so kommt an der Ostflanke der NATO. Kevin schaltet sein Smartphone ein, am besten gleich mal den Feed vom Stab öffnen, auch wenn er genau so wenig eine Lösung weiß für das Problem mit dem Aufwuchs, aber erledigt ist erledigt.

Panzerfahrer Maltes Görlitzer Urlaubswochenende

Heimische Gefilde, na endlich. Zweimal hatte er sie schon mit dem Handy angerufen, um ihr die verspätete Ankunftszeit durchzugeben, sie sollte sich nicht die Beine in den Bauch stehen, der Bahnsteig allein war öde genug. Ein Ruck und der Zug stand, er sah sie vom Fenster aus. Verspätung wie üblich, die Deutsche Bundesbahn ist ein unverbesserlicher Wiederholungstäter, sagte er und nahm sie in den Arm, gut roch sie. Görlitz steht also noch, Britty Woman, gut drauf aufgepasst. Und solange es solche tapferen Krieger wie euch an seiner Ostflanke hat, wird hier auch nichts wackeln, lass dich ansehen, gut schaust du aus, sie hielt ihn in Armlänge von sich und strahlte.

Unter den noch geschlossenen Lidern Brittas Strahlen von gestern Abend am Bahnsteig vor Augen, ist Malte soeben aufgewacht. Ein durch den Spalt zwischen den Gardinenhälften eindringender Sonnenstrahl kitzelt ihn in der Nase, er blinzelt. Britta neben ihm schläft noch, in Embryonalstellung, die Bettdecke hat sie ans Fußende gestrampelt. Malte gibt ein wohliges Grunzen von sich. Er spürt, wie seine Gesichtsmuskulatur die Mundwinkel zu einem Grinsen auseinanderzieht. Ihm sind Tom und Lothar eingefallen, aber es gelingt ihm kein Vorstellungsbild von der Rotlichtszenerie und mit wem sich die beiden dort vergnügen. Jedenfalls müssen sie, wenn er richtig rechnet, noch zehn oder zwölf Stunden durchhalten, um nichts in der Welt möchte er jetzt mit ihnen tauschen. Toms Wunderwaffe Captagon kann einem Festliierten wie ihm gestohlen bleiben. Heute Nachmittag werden sie den andern Tom und die kleine Laura im Krankenhaus besuchen. Britta hat im noch in der Nacht weitere Einzelheiten berichtet, gewhatsappt hatte sie ihm die Doppelkatastrophe ja bereits nach Litauen.

Tom muss ganz schön durcheinander gewesen sein als er zurück geradelt ist. Vier oder fünf Stunden hielten sie ihn fest und drehten ihn durch die Mangel. Immerhin schenkten ihm die polnischen Polizeibeamten, die ihn am vereinbarten Treffpunkt statt Mercislav in Empfang nahmen, von Anfang an reinen Wein ein. Dass Mercislav verhaftet sei und im Verdacht russischer Agententätigkeit stehe. Unter seinen Handydaten fanden sie auch Ort und Zeitpunkt des Treffens mit Tom zwecks Drohnenübergabe. Die Beamten hätten sich dann aber doch nach langem hin und her überzeugen lassen, dass Tom vollkommen ahnungslos und aus rein geschäftlichem Interesse den Deal mit Mercislav eingegangen war. Und entließen ihn schließlich mit der eindringlichen Warnung, sich nicht noch einmal in gleicher Mission und Absicht auf polnischem Hoheitsgebiet blicken und erwischen zu lassen. Die drei Drohnen in seinem Gepäck behielten sie. Blank im wahrsten Sinne des Wortes radelte Tom zurück. Fast zuhause, prallte er mit dem Vorderrad gegen diese verdammte Bordsteinkante und flog im hohen Bogen über den Lenker.

Thekla testete in der Küche gerade eine Drohne auf Flugtüchtigkeit, als es unten an der Tür klingelte. Da sie annahm, es sei Tom, der seit Stunden überfällig war, drückt sie mechanisch auf den Summer und verfolgt weiter den Testflug der Drohne. Als es dann klopfte und der Polizist in der Tür stand, fällt ihr vor Schreck der Steuerungsstick aus der Hand und die Drohne stürzt ab. Fällt in die Wiege der Kleinen und trifft sie über der rechten Augenbraue. – Nun liegen beide, die kleine Laura und ihr Papa im Krankenhaus, sie mit Gehirnerschütterung, rechttshemisphärisch und mit Verdacht auf innere Blutung, Tom mit ausgewachsenem Schädel-Hirn-Trauma, gebrochenem Nasenbein und Schlüsselbein, Rippenprellungen, gequetschter Niere. Dass es das gleiche Krankenhaus ist, in das sie mit einem zeitlichen Abstand von kaum mehr als einer Stunde nacheinander eingeliefert wurden, macht es für Thekla rein praktisch ein klein wenig leichter, mehr auch nicht.

Zwei Stunden später beim Brunch. Malte schiebt sich ein halbes Croissant mit einer Scheibe Parmaschinken in den Mund, dann ein Schluck aus der Tasse, am liebsten alles auf einmal. Geht nichts über einen anständigen Kaffee, Britty Woman, das Zeug in den Pappbechern vom Automaten, die Kasernenbrühe, grenzt an hybride Kriegführung, ein Anschlag auf unsere Geschmackszellen. Tom, der Witzbold behauptet, ihm das Gegenteil beweisen, dass nicht auch da Putin hintersteckt, könne niemand. Meine These ist ja, die Litauer bauen ihre alten Bestände aus Sowjetzeiten ab, der Bevölkerung muten sie das Gesöff nicht zu, uns halten sie für hartgesottene Burschen, die einiges vertragen. Du solltest mal sehen wie denen die Augen leuchten, wenn sie „german military“ sagen. Wundert mich nicht, Malte, die haben Angst, kenn ich aus Polen. – Britta, die Perfektionistin, zeigt sich zufrieden mit ihrer Tischdekoration, sie setzt sich und tunkt die Croissantspitze in ihren Kaffee.

Muffe, hm, dafür sind wir ja da, ihnen die Bedrohungsangst zu nehmen. Aber wir halten sie auch am Köcheln mit unserm Gerät, wenn wir da so protzig aufkreuzen vor ihnen. Vertrackt, sag ich dir. Aber sag mal, Thekla und Tom, wie machen die das jetzt, bei Tom der Job flöten und bei ihr auf der Kippe. Oder was hast du gesagt, die können sie entlassen, wenn sie die Stückzahl nicht schafft wegen der Krankenhausbesuche. Ja, die von PSF haben gleich gesagt, die vertragliche Vereinbarung ist bindend, geht nicht. PSF? Kennst du nicht PSF, die Rüstungsfirma, Abkürzung für „Peace and Freedom Systems“, die machen ganz schon Reibach und stellen sich auf den Standpunkt, wenn eine die Leistung nicht bringt, dann bekommt eben eine andere den Heimarbeitsjob. Wir fragen sie heut Mittag mal, ob wir ihnen irgendwie zur Überbrückung, aber lass uns das nachher besprechen, bevor wir losgehen. Ich würd dir mal gern zeigen, was ich für die Doku zusammengetragen habe. Britta schiebt die Tasse zur Seite und schaltet ihr Smartphone ein.

Britty Womans Polen Doku

Okay, was ist das hier, genau, hab überlegt, das hier als Intro zu nehmen. Helikopter, sagt Malte. Eben, hört man dann auch im Radio gleich, worum es sich handelt. Der landet auf dem Militärgelände hinter dem Zaun mit dem Planenverhang und dem Stacheldraht. Gegenüber auf der andern Straßenseite ist der Supermarkt, wo ich auf dem Parkplatz unter den Frauen ein paar O-Töne eingefangen hab, um zunächst mal ein Stimmungsbild zu vermitteln. Da sagt dann eine Ältere, ihre Großmutter habe ihr als Kind damals gesagt, beim nächsten Krieg müsst ihr nach Westen laufen, bloß nicht nach Osten und inzwischen höre sie das von ihrer eigenen Tochter, ab nach Deutschland, sobald es bei ihnen losginge. Warte, Britta scrollt, hier hab ichs. Sind ja Berge von Fressalien, was die da in den Kofferraum laden, hamstern die etwa schon? Quatsch, Wochenendeinkäufe sind das. Hör mal, die hier hab ich gefragt, ob ihr das militärische Getöse nicht auch Angst macht, ist schon bearbeitet, mit der Übersetzerstimme drübergelegt, hör mal. „Natürlich haben wir Angst, wenn es gut läuft, hält Europa zusammen und da gibt es ja noch die andern NATO-Staaten, obwohl – Schulterzucken bei der älteren Frau –, wie es mit der NATO weitergeht, da denkt man lieber nicht drüber nach, sonst landet man noch Irrenhaus.“

Ach ja und das hier, da war ich zuerst, Rzeszow im Südosten, die Stadt, in der US-Truppen stationiert sind und wo Biden gesprochen hat bei seinem Polenbesuch, nurmehr ein Steinwurf zur ukrainischen Grenze. Nahkampfübung sozusagen, Flagge zeigen, Putin auf den Pelz rücken. Siehste Malte, Du kannst das besser kommentieren als ich. Die Stadt hat wirklich was von einem Heerlager, überall Militär und der Witz ist, neben der militärischen Nutzung läuft auf dem Flughafen der zivile Flugbetrieb ganz normal weiter. Zwischen den Soldatenpulks, den Amis mit Seesack, die ein Truppentransporter auf Heimaturlaub in die Staaten fliegt, laufen ukrainische Touristen mit ihren Rollkoffern durch die Halle, die den Urlaubsflieger nach Sharm el Sheik gebucht haben, von der Ukraine aus gibt es keine Direktflüge mehr nach Ägypten und auf die arabische Halbinsel. Verrückt. Hier, guck mal, hab ich extra festgehalten, auf der Speisekarte gibt es noch immer das Bigsize-Steak a la Biden. Sei den Polen gegönnt, die sollen beim Abwehrkampf nicht vom Fleisch fallen, haste auch mal eins bestellt? Malte, bitte, ich bin Vegetarierin.

Mist, mein Kaffee ist kalt geworden, Britta hat das Smartphone aus der Hand gelegt und hält unschlüssig die Tasse an der Unterlippe, schlucken oder nicht schlucken. Dont worry baby, take it easy Britty Woman, solange deine Reportage nicht kalter Kaffee ist, willste noch einen? Ich jag dir einen durch die Maschine, Nachschub kein Problem. Lass mal, ich möcht dir erst, Britta stellt die Tasse ab und greift wieder zum Smartphone, meine drei Schwerpunkte, verstehst du. Musst ich dann gar nicht so viel rumfahren, vorher im Netz recherchiert und siehe da, geht alles in einem Aufwasch, zwei in Krakau und das eine paar Kilometer südlich davon. Also meine Idee war ja ne Art Querschnitt, Jung und Alt. Der Titel wäre, hab ich dem Sender vorgeschlagen, „Polens Bevölkerung wehrtauglich von der Wiege bis zur Bahre“. Wie findste das, in der ARD-App wird die Doku dann abrufbar sein unter „Vorbildliche Gesichter Europas“. Toll, super, and the winner is, Malte breitet die Arme aus, Britty Woman out of Görlitz.

Komm, krieg dich ein, the winner takes it all, wär ja schön, aber die beim Sender zahlen auch immer weniger. Na ja, solange das Geld in die Rüstungskasse fließt, dient es einem guten Zweck, wer sonst zahlt Panzerfahrer Malte Lauritz Prigge seinen Sold. – Okay, Britta tippt und wischt auf ihrem Smartphone, zuerst die Jungen, mit dieser Altersklasse fang ich an, Wehrtauglichkeitsstufe eins, Wehrkundeunterricht in der 8. und 9. Klasse, Umgang mit der Waffe steht für die 16- und 17-Jährigen auf dem Lehrplan.

Moment, glaub das mit den Schülern überspring ich mal. Was für eine Schule das war? Krakauer Gymnasium. Ähnlich alles wie an baltischen Schulen, hat die ARD schon drüber berichtet, wie sie da in der Turnhalle auf der Matte knien, Gewehr in der Hand, Magazin einlegen lernen. Ach ja, hier, was für dich. Der Panzer? Gut gemacht oder, wie der durchs Gelände fegt, hab ich an euch gedacht, Panzerfahrer Malte. Zack, Schnitt, hier sind welche bei Schießübungen. Gefällt den Kids, Tik Tok like, niederschwelliges Angebot, meint die Lehrerin. Wer hat das gemacht? Nennt sich „wakacjes wojskowym“, Ferien mit dem Militär, ein Werbefilm der polnischen Streitkräfte, gehört zum Unterrichtsprogramm Wehrkunde und Sicherheit, soll die Jugendlichen für eine militärische Ausbildung begeistern. Hier, die Schülerin vielleicht noch, weil da sieht man, diese Angebote oder was in der Art wird tatsächlich nachgefragt. Die beschwert sich nämlich, ihr Lehrer in der 7. Klasse hat gesagt, sie werde im Lyceum auch lernen, wie man schießt. Und nun habe sie das Sicherheitstraining bereits absolviert, aber noch kein Gewehr in der Hand gehabt. Sie hofft, warte, hier ist sie, I hope, sie redet englisch, hab schon die Übersetzerstimme drübergelegt, dass es in Zukunft noch klappt, sie wolle sich sicher fühlen und wissen, wie man eine Waffe bedient. Dazu muss sie natürlich erst einmal ein Gewehr in die Hand bekommen.

Malte gähnt, nicht einschlafen Schatz, bin noch lange nicht durch, jetzt kommt was für die Altersgruppe 50 plus. Da. Ein 70er Jahre Modell aus der Volksrepublik Polen der Militärtransporter, fährt noch immer. Und schafft Bauteile ran, heißt es, für die Stationierung der Patriots, paar Kilometer südlich von Krakau ist das. Hey, welche mit Sturmgewehr, fesch, Männlein und Weiblein, Malte schnalzt mit der Zunge, was sind das für welche? Das sind Reguläre, die da stationiert sind, die kommen von Schießübungen im Wald zurück in die Kaserne. Ich durfte da nicht rein als Unbefugte, Zutritt nur für Militärangehörige. Mein Gewährsmann kommt gleich, wir sind vor dem Kasernentor verabredet. Fehlt nur die Laterne, dann wärs wie Lili Marleen, Malte theatralisch, „Unter der Laterne, beim Kasernentor“, Britty Marleen. Da kommt er, schau. Dein Typ? Mein Typ von der Heimatarmee, mit dem ich verabredet bin. Schick, in Flecktarn, wie aus dem Ei gepellt. Malte, der ist fünfzig und Familienvater, der daneben ist bloß sein Pressereferent. Wie heißt der, was ist der? Franek Matuscewski, Kommandeur der 11. territorialen Heimatarmee. Zehn Prozent Hauptamtliche, die sind in der Kaserne stationiert und neunzig Prozent Freiwillige, die draußen ihrer zivilen Beschäftigung nachgehen. Bei diesen Zivilisten in Uniform kann jeder mitmachen im Alter zwischen 18 und 65, ob Mann oder Frau. Mensch Malte, schau nicht so skeptisch, die sind keine Laientruppe, denkste, bei denen wird am Ende so scharf geschossen wie bei euch. Hörs dir wirklich mal an, ich lass ein Stück von der Übersetzung laufen, was er da sagt.

Zwei reguläre Brigaden sind hier stationiert mit einigen hundert Soldaten und Soldatinnen und dazu noch meine gemischte Truppe, also deren aus Professionellen bestehendes Kontingent. Meine Aufgabe als Brigadekommandeur ist es, diese Art von neuen Streitkräften zu schaffen, territoriale Verteidigungsstreitkräfte, die es heute in jeder Wojewodschaft gibt, mit Unterabteilungen in den Städten. Unsere Bataillone sind in Krakau, Tarnow, Limanowa u.s.w. stationiert. – Er selber, sagt er dann, hat in Polen Hubschraubertruppen kommandiert, war im Irak stationiert, Teil des Isaf-Kontingenz der NATO in Afghanistan, die Herausforderung an der Heimatfront ist da ein neues Kapitel für ihn. I can create something new, genau, da ist er wieder: Ist schon was besonderes für mich nach 25 Jahren beim Militär noch einmal etwas Neues aufzubauen. Keine Profisoldaten zu kommandieren, sondern Zivilisten, die außerhalb der Kaserne arbeiten. Der nächste Grundkurs für Freiwillige findet kommenden Monat statt, alle können mitmachen, die älter als 18 und jünger als 65 sind und keine Vorstrafen haben. 16 Tage dauert die Grundausbildung hier in der Kaserne, Militärkunde, Kommandostrukturen, Waffen-und Schießtechnik. Dann geht es mit der Uniform wieder nach Hause, Waffe, Helm und Gasmaske bleiben in der Kaserne.

Wie findste das? Zusammen mit Tusks Ankündigung, jeder polnische Mann erhält in Zukunft eine Militärausbildung, sind das schon Schritte in Richtung Volksbewaffnung, ich meine, auch wenn die Waffen erst mal in der Kaserne bleiben. Hm, dachte grade, wenn diese Zivilisten in Uniform auch Panzer fahren, dann wird vielleicht doch noch was aus meinem Traumberuf, Truckfahrer im Mittleren Westen. Ist nicht dein Ernst, Süßer, du lässt Kevin und die Crew im Baltikum doch nicht schmählich im Stich. Das nicht, aber weißte, so richtig Bock auf Krieg hab ich auch nicht. Mit dem Leo durch die baltische Pampa pflügen, ist momentan ja ganz nett, gibt schöne Bilder für die Tagesschau und vermittelt diesen Naivlingen vor der Glotze anscheinend ein Gefühl der Sicherheit. Wie das ist, wenn das keine Spielchen mehr sind und hier so richtig los geht, davon machen die sich keine Vorstellung, wir übrigens auch nicht, hälste sonst im Kopf nicht aus. In dem Fall wärs wirklich das Beste, du bist schon überm großen Teich und steuerst deinen Sechzehntonner oder was für ein Schwergewicht du gerade unterm Arsch hast mit ruhiger Hand über den Highway, schnurgerade, Meile für Meile. Ich meine, die drüben haben auch jeder seine Handfeuerwaffe, kleinkalibrige und großkalibrige, alles was das Herz begehrt und die bewahren sie nicht auf dem Kasernengelände, die stehen griffbereit daheim im Wohnzimmerschrank. Aber im Vergleich mit dem, was hier bei uns los ist im Kriegsfall, ist das bei denen dort eine ruhige Kugel schieben. – Du redest schon wie einer von den Pazifisten, Malte, so kenn ich dich überhaupt nicht. Vergiss es, Britta, ist bloß der typische Entspannungseffekt auf Heimaturlaub, ist nach dem Wochenende auch wieder vorbei.

Du kannst einen ganz schön verunsichern, Malte, was mach ich jetzt, der dritte Baustein meiner Doku „Wehrtaugliches und kriegstüchtiges Polen“ steht noch aus, hätt ich dir ebenfalls gern kurz vorgetragen, magst du, kannst du noch? Klar doch, mach schon, bringen wirs hinter uns. Mir ist was eingefallen für den Titel, falls der noch nicht feststeht: Von unseren polnischen und baltischen Nachbarn lernen heißt, sich bewaffnen und schießen lernen. Wär das was oder ist das zu lang? Nicht schlecht, werd es auf alle Fälle mal im Hinterkopf behalten. Also, Baustein drei. Bewaffnete Zivilverteidigung, diesmal ein Angebot für sämtliche Altersstufen, jedenfalls im Prinzip. Die Philosophie dahinter stammt von dem, der auch das Konzept aus der Taufe gehoben hat. Weil ich das so anschaulich find, was der sagt und natürlich auch drastisch, dacht ich, das nehm ich überhaupt als Motto für die gesamte Doku. Er bringt nämlich das Bild von den abwehrbereiten Antikörpern, die im Waffengebrauch unterrichtete Zivilbevölkerung vergleicht er mit einem funktionierenden Immunsystem, hör mal: „Ich vergleiche den Zivilschutz gern mit dem menschlichen Immunsystem. Jeder von uns sollte ein Antikörper sein, ein Antikörper, der den Körper gegen mögliche Infektionen, Krankheiten oder Fremdkörper verteidigt. Wir müssen lernen sofort zu reagieren, bei einem gut funktionierenden Immunsystem stirbt man nicht. Jeder von uns sollte ein Antikörper sein, der in der Lage ist, Bedrohungen zu erkennen und mit ihnen umzugehen.“

Schwätzen kann der, woher kommt der Typ, was ist der? Der Karol Yannek, den du gerade gehört hast, der war Berufssoldat, hat er mir gesagt, mit verschiedenen Spezialausbildungen und so. Und mit noch einem, der ist Architekt und nebenher Sportschütze und Schießlehrer, mit dem zusammen hat er das auf die Beine gestellt, ein Zwei-Mann-Unternehmen im Bereich Zivilschutz, kannste sagen. CCDS nennen sie sich, auf englisch „Conscious Civil Defence Skills“. Die Angebotspalette reicht vom Erste-Hilfe-Kurs über Selbstverteidigung, Schießen, Recht, ziviler Drohnenflug, Cybersicherheit, Survival Training und und und. Puh, die lassen nichts aus, oder? Nee, warum auch, wenn ihnen die Kundschaft die Bude einrennt, wie sie sagen. Pass auf, ich hab da nen schönen Sprechertext drübergelegt, dazwischen immer mal O-Tonschnipsel und Geräuschkulisse. Zwei Frauen, Mutter und Tochter hab ich hinterher nach ihren Kurserfahrungen befragt, hier kommts.

Karol Yannek nickt kurz, der durchtrainierte Endzwanziger ist ganz in schwarz gekleidet, trägt ein Pistolenholster am Gürtel und ein Tuch um den Kopf. An seinem Jackenärmel prangt ein kleines rotes Logo, CCDS – das englische Kürzel wieder von eben, Bewusste Zivilverteidigungs-fähigkeiten zu deutsch. Martin, Theresa, Paulina, Anna und die anderen alle da, bestätigt Karol. Eine bunte Truppe in Hoodies und Trainingsjacken im Alter zwischen 15 und Mitte 50. Alle hier möchten schießen lernen. Bodentiefe Sicherheitsglastüren geben den Blick frei auf 50 Meter lange Schießbahnen, an den Wänden hängen Zielscheiben mit menschlichen Silhoutten. Karol zieht einen kleinen Metalltisch heran und legt eine schwarz glänzende Pistole auf das grüne Filz des Tisches und fragt, was ist das. Das ist eine Glock 19 erläutert Karol, eine halbautomatischeKompakt-pistole, sie sei etwas handlicher als sogenannte Fullsize-Modelle. Der Trainer blickt in die Runde und greift zur Pistole. – Päng, Malte amüsiert, Feuer frei, ist halt nicht ganz so laut wie bei uns, wenn wir mit der Leokanone einen Schuss abgeben, musst dich mal daneben stellen. Lass mal, unterbrich doch nicht.

Geht das noch lange mit der Schießbude? Nein, nur das noch. Die 53-Jährige im hellblauen Hoodie hört aufmerksam zu. Sie besucht den Schießkurs gemeinsam mit ihrer Tochter Paulina, der Kurs kostet 1299 Zlotys, das sind rund 300 Euro pro Person. Entdeckt hat das Angebot Paulina, erzählt ihre Mutter. Wir wollen gemeinsam Zeit verbringen und etwas Sinnvolles tun, sagt Paulina und fügt hinzu, die Dinge sind wie sie sind und man sollte in der Lage sein, sich unter verschiedenen Umständen zu verteidigen. – Okay, Britta scrollt, hier als letztes, dann ist gut: Am Ende der Bahn hängen 6 Zielscheiben, menschliche Torsi mit einem Kreis auf Herzhöhe. Auf dem Boden liegt ein Koffer voller Pistolen, Theresa, Paulina und die anderen suchen sich jeweils eine Waffe aus. Stellen sich dann mit etwas Abstand nebeneinander auf. Alle fünf schießen nicht zum ersten Mal, trotzdem schieben manche mit zittrigen Fingern die Munition in die Magazine, sie atmen schwer. Karol gibt das Kommando, Achtung ruft er, achtet auf den korrekten Griff, die Haltung und das Zielen, kontrolliert eure Atmung und zieht sanft den Abzug. Pistolenschüsse sind zu hören. Wenig später steht die 53-jährige Theresa wieder im Vorraum der Schießanlage, sie hat ihren Papptorso unter den Arm geklemmt und strahlt übers ganze Gesicht. Die ersten Schüsse waren sehr gut, die Treffer alle in der Nähe des Kreises, freut sich Theresa. Dann sei sie etwas müde geworden, aber es werde jedes Mal besser und sie gehe auf alle Fälle beruhigt nachhause. Und was sie und ihre Tochter mitnehmen, sei etwas sehr Kostbares, das Gefühl der Sicherheit.

Wars das? Nicht ganz, aber das genügt mal. Und die nimmt ihre Schießattrappe wirklich mit nachhause, hängt sich den Pappkameraden, den sie erledigt hat, übers Bett? Mach dich nicht lustig, die Frauen wollen echt was für ihre Sicherheit tun. Sag mir lieber, was ist dein Eindruck, hab ich das gut hinbekommen, was meinst du? Super Doku, keine Frage, deine Bausteine zeigen eindeutig, den lahmarschigen Deutschen haben die Polen, was Wehrtüchtigkeit und Sicherheit betrifft, einiges voraus, die Zahl ziviler Antikörper ist bei denen viel höher als bei uns, du liegst da voll im Trend. Würde mich nicht wundern, wenn deine Doku in die engere Auswahl für den Grimme-Preis kommt. Du bist ein Scherzkeks, Malte. Wieso? Vielleicht richten die demnächst sogar eine neue Sparte ein, dokumentierter Alltag aus der hirnamputierten Gesellschaft oder so. Stopp Malte, verarsch mich nicht, es reicht. – Britta legt ihr Smartphone aus der Hand und steht auf. Ist schon nach halb zwei, Thekla hat gesagt, um zwei herum holt sie uns ab. Zieh dir mal ein anständiges T-Shirt über, so nehm ich dich nicht mit. Ich muss auch noch ins Bad, das Brunchzeug lass stehen, tu nur die Butter und die Sachen in den Kühlschrank. Und erinner mich nachher, dass ich das Meerschweinchen nicht vergesse. Was bitte? Hab ich dir nicht gesagt? Das Geschenk für Laura, ein Steiftier, so ein kleiner Stoffhamster, das Päckchen mit der Schleife drüben auf der Kommode. Ach das meinst du, ist die denn schon wieder, ich meine … Weiß ich auch nicht, man sagt ja, dass es in so komaähnlichen Zuständen immer gut ist, den Tastsinn anzuregen, das stimuliert bestimmte Hirnareale. Stell mir vor, wenn sie mit ihren zierlichen Fingerchen so ein bisschen den flaumigen Stoff berührt, warum soll das nicht möglich sein. Ist schon traurig, ja. Andernfalls nehm ichs halt wieder mit. Ich find es ja selber süß, Steiftiere hab ich schon immer gemocht. Malte grinst, wem sagst du das, Britty Woman, das weiß ich und dachte, du wärst ganz gut bedient mit meinem Steiftier. Es läutet. Machst du mal auf, ich verschwind mal kurz ins Bad, das ist sie schon, Thekla.

P.S. Dies war die vorläufig letzte Folge unserer Fortsetzungsreihe zur Wehrertüchtigung. Lesende sind herzlich eingeladen, die Geschichte in ihrer Phantasie fortzuspinnen. Angefangen mit dem bevorstehenden Krankenhausbesuch, Spötter Malte würde sagen „Zwei abwehrbereite Antikörper statten zwei schwerst Schleudertraumatisierten einen Krankenbesuch ab“.

Nach der Moral dieser Geschichten gefragt, ließe sich eine Episode des Heimatarmeekommandanten Matuscewki anführen, die er Britty Woman erzählt hat: Ein junger Mann aus seinem Freiwilligenkontingent konnte zu Beginn der Ausbildung nicht einmal seine Schuhe binden, da ihm seine Mutter stets nur solche mit Klettverschluss gekauft hat. Am Ende des Kurses beherrscht der junge Mann nicht nur diese Kulturtechnik, er konnte beides, sich die Schuhe binden und schießen. Fazit: Das Militär als Schule der Nation – hatten wir Deutsche schon einmal, müssen wir jetzt wieder neu lernen.

Die Realitätsfolie der fiktiven Rahmenhandlung von „Britty-Womans-Polen-Doku“ sind die „Gesichter Europas“, die Deutschlandfunksendung „Stärkung der Abwehrkräfte, Polens Zivilschutz“ von 2025, abrufbar in der ARD-Audiothek. – „Arthur Wiak schleppt einige Kartons mit Munition herein, er ist spät dran …“ Aber rechtzeitig genug, dass der Schießkurs weitergehen kann. Keine fiktionalen, ausgedachten Originaltöne sind dies, der Autor der Wehrtauglichkeitsgeschichten hat sie sich also nicht aus den Fingern gesogen. Kurz gesagt, Geschichten sind dies wie sie das wehrtaugliche und kriegstüchtige Leben selber schreibt, in Polen, Litauen und sicher bald auch hierzulande.