Menu Close

Barrierefreier Tourismus braucht neuen Schwung

Eine Person am Ufer der Spree gegenüber einem großen Gebäude mit dem Berliner Fernsehturm im Hintergrund
Andrè Nowak - Sprecher der Arbeitsgruppe Tourismus beim Deutschen Behindertenrat
Foto: privat

BERLIN (kobinet) Eine magere Bilanz hat die Ampelkoalition in der vergangenen Wahlperiode bei der Entwicklung des barrierefreien Tourismus hinterlassen. Darüber sowie über ihre Erwartungen und Forderungen an die neue Bundesregierung und deren Koalition aus CDU/CSU und SPD in der 21. Wahlperiode hat sich die Arbeitsgruppe Tourismus des Deutschen Behindertenrates (DBR-AG Tourismus) in ihrer Sitzung am 11. Juli 2025 verständigt. André Nowak, der stellvertretende Vorsitzende des ABiD-Instituts Behinderung & Partizipation (IB&P) und Sprecher der DBR-AG Tourismus fasst diese Einschätzung der Arbeitsgruppe Tourismus des Deutschen Behindertenrates in folgenden Punkten zusammen:

„Wir brauchen neuen Schwung, um den barrierefreien Tourismus wirksamer im Interesse der Betroffenen, der Tourismuswirtschaft sowie aller weiteren am Tourismus beteiligten Personen und Institutionen zu entwickeln“, betont André Nowak und erklärt, dass dies die grundlegende Position der Mitglieder dieser Arbeitsgruppe ist.  Auch in einer aktuellen europäischen Studie zum Reiseverhalten von Menschen mit Behinderungen wird auf die noch unerschlossenen großen Potentiale des barrierefreien Tourismus verwiesen (kobinet hatte darüber informiert). „Der Aufbruch muss jetzt, fünf Monate nach der Bundestagswahl und zwei Monate nach der Regierungsbildung kommen.“ betont der Sprecher der Arbeitsgruppe Tourismus beim DBR.

„Konkrete Vorhaben und Ziele zur Entwicklung des barrierefreien Tourismus sind im Koalitionsvertrag und in den bisherigen Verlautbarungen vom für Tourismus zuständigen Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) und den Koalitionsfraktionen nicht genannt.“ stellt André Nowak fest. Zu den wenigen Worten im Koalitionsvertrag zu den Themen Tourismus und Inklusion sehen die Mitglieder der Arbeitsgruppe Diskussionsbedarf. Deshalb halten sie ein zeitnahes Gespräch mit der Bundesministerin Katherina Reiche und ihrem Tourismuskoordinator, MdB Dr. Christoph Ploß, für erforderlich und sinnvoll. Zudem wird von der Arbeitsgruppe erwartet, dass es hier zu regelmäßigen Gesprächen und einer kontinuierlichen Zusammenarbeit kommt. Das ist den Mitgliedern der Arbeitsgruppe des Deutschen Behindertenrates besonders wichtig, weil es mit dem Vorgänger im Amt des Bundeswirtschaftsministers, Dr. Robert Habeck, kein einziges Gespräch zu diesem Schwerpunkt gab. (Lediglich mit seinem Tourismuskoordinator MdB Dieter Janecek hatte nur ein Gespräch mit Spitzenvertretern des DBR im März 2023 stattgefunden).

Laut Koalitionsvertrag soll (wie schon in den vorherigen Wahlperioden) eine neue nationale Tourismusstrategie erarbeitet werden. Dazu betonten die Mitglieder der Arbeitsgruppe Tourismus ihre Erwartung, dass dabei auch das Thema des barrierefreien Tourismus in den Fokus gerückt wird. Der DBR hat hierfür mit seinem Positionspapier vom April 2023 gute Vorschläge auf den Tisch gelegt. Aus der Beratung der Arbeitsgruppe heraus wurde in dem Zusammenhang vorgeschlagen, noch im Jahr 2025 unter Federführung des BMWE und Mitwirkung der DBR-AG Tourismus eine Fachkonferenz zur Entwicklung des barrierefreien Tourismus durchzuführen.

Am 22. Juni 2025 hat kobinet-nachrichten.org – der Nachrichtendienst von und mit behinderten Menschen für Menschen mit Behinderungen und ihre Freunde – eine Presseanfrage an die tourismuspolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Bundestagsfraktionen gerichtet. Geantwortet haben bisher (in zeitlicher Reihenfolge) die Fraktionen der Grünen, der Linken und der SPD. Eine Antwort der CDU/CSU steht noch aus.
Vor allem die ausführliche Antwort von MdB Stefan Zierke (SPD) zeigt aus Sicht der Arbeitsgruppe Tourismus beim DBR, dass es sehr unterschiedliche Ansichten über die Einbindung von Menschen mit Behinderungen und deren Organisationen in die Arbeit an dem Thema barrierefreier Tourismus gibt. Hier sieht die Arbeitsgruppe Gesprächsbedarf. Neben einer engeren Zusammenarbeit mit dem BMWE sollte es dabei, aus Sicht der Mitglieder der Arbeitsgruppe, vor allem um die Einbeziehung der DBR-AG in die Arbeit des Tourismusausschusses (zum Beispiel als Sachverständige bei Themen, die auch Menschen mit Behinderungen betreffen) gehen. Hilfreich wäre ebenso eine Mitgliedschaft der DBR-AG im Tourismusbeirat des BMWE sowie in Gremien der DZT und weiterer großer Tourismusverbände.

Eine zentrale Rolle spielt nach Auffassung der Arbeitsgruppe Tourismus beim Deutschen Behindertenrat das Kennzeichnungs- und Informationssystem „Reisen für Alle“ (RfA). Auf Betreiben des bisherigen BMWK fand bei diesem Projekt zum 01. Januar 2024 ein Trägerwechsel hin zur Bayern Tourist GmbH (BTG) statt. Bis heute gab es, so musste André Nowak in der Beratung feststellen, keine substanziellen Gespräche zwischen der BTG und der DBR-AG Tourismus. „Die Arbeit der BTG ohne Einbeziehung der Betroffenenvertretung ist für uns nicht akzeptabel.“ unterstreicht André Nowak als Sprecher der Arbeitsgruppe Tourismus

Unter aktiver Mitwirkung der AG Tourismus wurde in einer Facharbeitsgruppe RfA im Rahmen der „Bundesinitiative Barrierefreiheit“ (BI) ein Papier zu Veränderungen im Projekt erarbeitet. Dieser Abschlussbericht wurde in der Beiratssitzung der BI am 9. April 2025 verabschiedet. Die Mitglieder der DBR-AG Tourismus erwarten, dass die dort aufgelisteten Punkte zeitnah mit dem BMWE und allen am Projekt beteiligten Akteuren diskutiert beziehungsweise umgesetzt werden. Hierzu gehört, dass endlich der Projektbeirat gebildet und konstituiert wird.

Ein Diskussionspunkt während der Beratung der Arbeitsgruppe Tourismus beim Deutschen Behindertenrat war letztlich auch das Geld. Seit vielen Jahren erhält die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) aus dem Bundeshaushalt 40.000 Euro für die Durchführung (des ursprünglich von der NatKo initiierten) Tages des barrierefreien Tourismus (TdbT) auf der ITB in Berlin. Hier wirkt die DBR-AG aktiv mit. Dazu gibt es seitens der Arbeitsgruppe zugleich folgenden Vorschlag: „Wir halten es für erforderlich, das Thema wirksamer auf der ITB zu platzieren. Entsprechende Vorschläge gibt es von unserer Seite hierzu seit zwei Jahren. Notwendig sind dafür der gemeinsame Wille, ein Spitzengespräch zwischen BMWE, DZT, Messe Berlin und der DBR-AG Tourismus sowie ein höherer finanzieller Rahmen für den TdbT auf der ITB.“