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Gewischt werden muss trotzdem – Riedls Erwiderung auf Weis

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Stephan mit einem Glas Cola in der Hand
Stephan Riedl mit Cola
Foto: Stephan Riedl

Berlin (kobinet) Vielen Dank für Ihre Antwort, Herr Weis. Wie Sie passend schreiben, werden sich unsere geneigten Leser selbst ein Urteil bilden können. Ich gehe in meiner Erwiderung auf Ihren Artikel vom 20.06.2025 ein.

Worauf ich mit den Kreationisten-Beispiel anspiele, nennt sich falsche Dichotomie (=Zweiteilung): Man nimmt an, dass es nur zwei Positionen geben kann. Ein griffiges Beispiel
sind Ihr Bier und meine Cola, um das aufzuzeigen. Was nehmen Sie, werter Leser, Leserin und alle dazwischen? Das Bier oder die Cola? Es wird der Eindruck erweckt, dass es nur entweder das eine oder das andere geben kann.
Was aber ist mit Cola-Bier? Und was, wenn es nicht die Cola Klassik, sondern Cola Zero ist? Oder Vanille Cola? Oder Cherry Cola?
Muss das Bier dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen? Oder tut es auch eine selbstgebraute Variante? In welchem Verhältnis mischt man beides?

Je mehr es in die Tiefe geht, desto komplexer sind die Meinungen, vor allem bei Themen wie Krieg und Frieden. Da drängt sich der Vergleich mit den ‚Pappkameraden‘, wie Sie es
nennen, förmlich auf, denn dies kennt man als Strohmann-Argument: Die Position eines Gegners wird absichtlich verzerrt oder vereinfacht, um sie leichter angreifen zu können. Wie
es sich bei Masala und Neitzel in den MoW ganz gut nachlesen lässt.
Das könnte ich auch, indem ich all Ihre Artikel wie folgt zugespitzt zusammenfasste: „Krieg ist böse, egal ob du ihn anfängst oder dich verteidigst! Sei doch einfach Pazifist, egal,
wie schlecht dein Leben auch aussieht und unter fremder Herrschaft aussehen mag. Wenn du nicht weißt, was du machen sollst: Keine Bange, ich weiß es auch nicht. Wenn du dich
dabei schlecht fühlst: Keine Bange, das tu ich auch.

Masala hat lediglich die traurige Realität erkannt: Menschen führen Krieg. Es liegt an verantwortungsvoller Politik, diesen möglichst zu verhindern – oder zumindest zu begrenzen.
Und die Frage zu klären, WIE man ihn denn führt, nämlich möglichst so, dass kritische Infrastruktur und die Zivilbevölkerung verschont bleiben.
Alternativen, um kriegerische Konflikte beizulegen, sind durchaus denkbar, aber setzen voraus, dass alle Staaten sich auch an die Spielregeln halten. Anstatt sich gegenseitig mit
Waffen zu belagern und anzugreifen, könnte man beispielsweise mithilfe von Schachpartien Streitigkeiten beilegen. Aber wie rechtfertigt man das dann gegenüber seinem aufgebrachten Volk, wenn das Damenopfer am Schluss die Niederlage eingebracht hat?

Mein Vergleich mit dem Kleinen und Großen ist schlüssig, weil er die Realität aufzeigt: Menschen sind unzufrieden, wollen etwas haben und kämpfen entsprechend darum. Aber
während normale Menschen sich irgendwann mit den für sie erstrittenen Rechten und/oder Ressourcen zufrieden geben, gibt es Menschen, deren Machtdurst schlichtweg nicht zu
stillen ist; wie ein gewisser Vladimir Vladimoriwitsch in Russland, dessen Hauptsitz von manchen als das dritte Rom betitelt wird. Aber während die alten Römer uns Aquädukte,
Hygiene, Medizin, Bildung, Wein, öffentliche Ordnung, Straßen und öffentliche Gesundheitsfürsorge gebracht haben, können wir von diesem Neo-Rom nur Unterdrückung
und Überwachung erwarten.

Undurchdacht und wirklich ärgerlich ist es eher, von jemandem, der seit seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2007 über den ignoranten Westen klagte, seitdem mehrmals gegen das Völkerrecht verstoßen hat, sein Volk auf Krieg einschwört und den Großteil seiner Wirtschaft darauf ausgelegt hat, Krieg zu führen, ernsthaft zu erwarten, genau damit aufzuhören, sobald er hat, was er will.
Ich gebe zu Bedenken, dass Russland die meisten natürlichen Ressourcen unseres Planeten hat. Anstatt seine Bevölkerung zu verheizen und alles in den Krieg zu stecken, um
sein Einflussgebiet zu erweitern, hätte Putin genauso gut kluge Außenpolitik treiben und in die Zukunft investieren können. Stattdessen hat er sich in eine Situation gebracht, in der er nicht mehr mit Krieg aufhören kann. Ist es in diesem Kontext verwerflich, dass das Baltikum und Polen sich deshalb entsprechend rüsten, weil sie keine Lust haben, als leichte Beute wahrgenommen zu werden?

Zum Völkerrecht kann man sagen, was man will, es ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Staaten unserer Erde geeinigt haben. Wer es „moralmachiavellistisch“ nennt, verwechselt seinen Missbrauch mit seinem eigentlichen Anspruch: Gewalt (worunter auch Krieg gehört) ein Regelwerk entgegenzusetzen, das auf Verantwortung beruht.

Was MoW 9 betrifft: Ich verschmähe den Artikel keineswegs. Es ist nur keine neue Erkenntnis, dass Kriege Tod, Zerstörung und unzählige Opfer bringen. Gerade deshalb
braucht es eine gute Außenpolitik, zuverlässige Bündnisse und eine glaubhafte Verteidigungsfähigkeit. Deutschland befindet sich dabei in einer sehr vorteilhaften Lage –
geografisch sowie strategisch. Gerade deswegen ist ein Extremfall, wie Sie ihn schildern, nicht unmöglich, aber wesentlich unwahrscheinlicher als woanders.

Zitat Weis: „Präpotente Sprüche wie den folgenden sollten Sie sich verkneifen, steht ihnen meines Erachtens nicht gut zu Gesicht: „Wenn ein kriegsbereiter Staat glaubt, uns
kostengünstig unterwerfen zu können, knallt es auch bei uns.“ Ich denke, wir sind uns einig in dem Wunsch, dass es dazu nicht kommen möge“.
Da stimme ich Ihnen zu. Das ist etwas, was viele Menschen wollen. Leider kann man sich Frieden nicht einfach so herbeiwünschen. Und während ich es für notwendig halte, das
auszusprechen, was im Ernstfall Realität werden, werten Sie das als „präpotent“. Mag sein – aber lieber ein realistischer Satz, der aufrüttelt, als ein schöner Gedanke, der nichts bewirkt, wenn es zu spät ist.

Ihre radikal ethische Haltung des Pazifismus können Sie gern einnehmen, Herr Weis, nur scheitert es schlichtweg daran, dass Sie keinerlei Alternative anbieten, außer sich seines
Verstandes zu bedienen. Wer genau das tut, erkennt sehr schnell, dass es mit Krieg und Frieden schlichtweg so läuft, wie ich es bereits in meinen Artikeln zu Ihren MoWs geschildert habe. So lief es bereits in der Antike, im Mittelalter, der Gegenwart und so wird es auch in ferner Zukunft laufen.

Deshalb ziehe ich folgendes Fazit: Solange Sie außer Ihrem „Sondervermögen Nachdenken“ nichts Weiteres zu bieten haben, bleibt es beim moralischen Hochamt ohne
Handlungsanleitung.

Falls Sie also eine Lösung gegen den Krieg haben, die der Menschheit in ihren knapp 3.000 Jahren aufgezeichneter Geschichte noch nicht in den Sinn gekommen ist, wäre jetzt ein
guter Zeitpunkt, sie vorzustellen. Sprechen Sie sie aus – Die Welt hört zu.

Verwendete Literatur:
Garvey, N. (2025): ‘The Fight for Souls and Minds‘: Alex Jones, George Galloway, Errol Musk and More Attend Far-Right Forum of the Future in Moscow.
https://www.themoscowtimes.com/2025/06/09/the-fight-for-souls-and-minds-alex-jones-george-galloway-errol-musk-and-more-attend-far-right-forum-of-the-future-in-moscow-
a89383 (08.07.2025).

Weis, H.-W. (2025): Nichts verschüttet, Dank und Antwort an Riedl. https://kobinet-nachrichten.org/2025/06/20/nichts-verschuettet-dank-und-antwort-an-riedl/ (08.07.2025).

Lesermeinungen

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2 Lesermeinungen
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Silvia Hauser
11.07.2025 20:58

Hier eine kompetente Stimme eines Politprofis alter Schule, Günther Verheugen, der höchste Posten in der EU und Bundespolitik inne hatte. Kenner und Akteur der Entspannungspolitik.
Sehr aufschlussreich.
https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/ukraine-wiederaufbaukonferenz-interview-mit-guenter-verheugen-li.2339380

Silvia Hauser
10.07.2025 16:48

Schön, Herr Riedl, trotz hoher Temperatur so frisch und munter in Schrift und Bild (mit einer kühlen Cola!). In der Kürze liegt die Würze, ich werde also nicht weit ausholen. Zur „Dichotomie“ Pazifismus versus Bellizismus, die allenfalls im Eifer verbaler Gefechte eine solche ist, sich jedoch im sachlichen Diskurs und auch realiter, politisch sogleich in eine Anzahl von Abstufungen und Grautöne auflöst. Olaf Müller, das medial bekannteste Gesicht des hiesigen Pazifismus, nennt sich einen „pragmatischen Pazifisten“ (keinen ethischen oder weltanschaulichen). Er macht auch konkrete Politikvorschläge (interveniert auf der Ebene von „policy“, etwa mit verteidigungspolitischen Alternativen auch militärischer Art). Als Intellektueller sehe ich meine primäre Aufgabe nicht im Entwerfen konkreter Politiken (policies), das machen PolitikerInnen (da sind mir verteidigungspolitische Konzepte aus der Linken am ehesten nachvollziehbar). Aus der Perspektive des Intellektuellen geht es mir schwerpunktmäßig um Hintergründe, Konfliktursachen.

Wie eine Friedens-und Konfliktforscherin im SWR-Forums-Gespräch sagt: „… natürlich geht es um die Sachdebatten, doch wenn der Schwerpunkt darauf liegt, die begonnene Kriegsrealität mit Ukraine, aber ich bestehe darauf, auch in vielen anderen Gebieten der Welt, die sehr dominant geworden ist, nur und im wesentlichen mit Rüstungskonzepten zu beantworten, dann ist das auch aus einer pazifistischen Sicht ein riesiges Problem. Der Pazifismus ist ja nicht nur eine moralische Haltung nach dem Motto „Rüstung ist schlechter als Nichtrüsten“, Waffeneinsatz führt zu Menschenleben-Vernichtung, Krieg ist grausam. Sondern er ist zweitens eben auch gewachsen als wissenschaftliche Erkenntnis darüber, dass es wichtig ist, sich die Ursachen von Gewaltkonflikten anzuschauen und vor allen die eskalatorische Entwicklung des Militärs als System. Und das ist meines Erachtens etwas, was im Augenblick aus der Sachdebatte ganz rausfällt…“ – Dies hat nichts mit dem moralpazifistischen Hochamt zu tun, das Sie mir unterstellen. Ich bin nicht der 14. Leo.

Apropos Leo plus Stichwort „Pappkameraden“. Auf Deutschlandfunk war der Originalton eines vom Sender interviewten Kommandanten der deutschen Brigade in Litauen: Der Gedanke an Frau und Kind und Heimat, die sie dort oben verteidigen, gebe ihm Kraft und mit dem Herzen sei er oft bei ihnen. Aber im Kommandostand seines Leopard-Panzers kenne und wisse er nur eines, „ich habe mein Waffensystem unter Kontrolle“. Von einer Sekunde zur andern wechselte die Stimme von sentmental auf taff, das gewünschte Automatentaff einer Killermaschine. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, hier spricht ein Pappkamerad sein Verslein, ein gebrainwashtes Spatzengehirn, das drauflosplappert in völliger Verkennung und Ahnungslosigkeit der realen Kontexte und Folgen. So mein intuitiv unmittelbarer Eindruck, ich weiß nicht, wie weit er zutrift. – Ich sitze übrigens gerade an der letzten Folge meiner Erzählkolumnenserie „Wehrtauglich von der Wiege bis zu Bahre“. Da muss ich mich in meine Figuren hineindenken, damit sie erzählerisch nicht wie klischierte Pappkameraden daherkommen. Mein erzählter Protagonist Panzerkommansant Kevin Kramer, stelle ich mit Erstauenen fest, ist im Vergleich mit der im Dlf zu Wort gekommenen realen Person ein durchaus reflektierter unf gefühlsauthentischer Typ. Seitdem hege ich in mir die Hoffnung, es möge in der Bundeswehr Typen dieser Sorte geben, als solche vom Schlage jenes Originals im Radio. Neben wissenschaftlicher Analyse und Expertise, also wirklich spannend und aufschlussreich für unser Thema, lieber Stephan Riedl, das Medium Erzählen und das Format Erzählkolumne. Und da fühle ich mich dieser Tage einmal mehr bestätigt und bestärkt durch das, was Altmeister Alexander KLuge dazu in der ZEIT hat verlauten lassen.

P.S. Krieg geführt weden muss trotzdem, selbst wenn man es eigentlich nicht will, weil Krieg nunmal in der Welt ist bzw. einem von anderen Kriegführenden aufgenötigt wird. Ebenso wie trotzdem gewischt werden muss, auch wenn man keine Lust auf Staubwischen hat. – Wieder einer dieser Hinkevergleiche bzw. Fehlschlüsse vom Privathaushalt auf die nationale und internationale Politik. Diskursstrategisch dienen sie als Schließungsargumentation (volkstümlich: Totschlagargument), um die tiefergehende Debatte abzuwürgen.

https://www.swr.de/swrkultur/leben-und-gesellschaft/schwerter-statt-pflugscharen-was-bedeutet-pazifismus-heute-forum-2025-07-04-100.html

Ich wünsche uns einen nicht allzu überhitzten Hochsommer und dass Kassandra Neitzel nicht recht behält mit ihrem Geraune vom letzten (längst entsetzlich kriegsbeschädigten) Friedenssommer vor dem nächsten großen Krieg.

Hans-Willi Weis