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Barrierefrei – aber bitte nicht nachts

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Foto: Kooperation Behinderter im Internet e.V./Tom Kallmeyer (Creative Commons BY-SA 4.0)

Kassel (kobinet) Dennis Falk aus Kassel nutzt einen Rollstuhl und hat in letzter Zeit eine Reihe negativer Erfahrungen mit dem Schaddel – einem On-Demand-Fahrdienst der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG), der flexible Mobilität für alle ermöglichen soll, gemacht. Hierzu hat er einen Erfahrungsbericht geschickt, den die kobinet-nachrichten im Folgenden veröffentlichen.

„Barrierefrei – aber bitte nicht nachts“

Meine Erfahrungen mit dem Schaddel-Service in Kassel

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Dennis Falk

Ich bin Rollstuhlnutzer und berufstätig. Mein Alltag ist gut organisiert – mit Assistenz, Beatmung und einem angepassten Fahrzeug. Doch was passiert, wenn ich unterwegs bin, mein Auto nicht nutzen kann und auf barrierefreie Alternativen angewiesen bin? Genau dafür gibt es in Kassel den sogenannten Schaddel – ein On-Demand-Fahrdienst der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG), der flexible Mobilität für alle ermöglichen soll. Soweit die Theorie.

In den vergangenen Tagen habe ich als Nutzer dieses Services gleich mehrere Situationen erlebt, die mich sprachlos, fassungslos und wütend zurückließen – und die zeigen, wie wenig barrierefreie Mobilität in der Praxis manchmal zählt.

Abfahrt ohne Fahrgast

Am 15. Mai 2025 hatte ich eine Fahrt gebucht. Der Fahrer kam offenbar zu früh, rief mich einmal kurz an und legte sofort wieder auf. Als ich wenige Minuten später am Fahrzeug war, fuhr dieses einfach weg – trotz bestätigter Buchung. Ich blieb stehen. Im Regen. Ohne Fahrt. Ohne Erklärung.

Als ich eine zweite Fahrt buchte, kam derselbe Fahrer etwa 20 Minuten später erneut – diesmal war die Rampe problematisch, und er kannte sich weder mit der Rampe noch mit den Gurten aus. Ohne meine Begleitperson wäre ich aufgeschmissen gewesen.

Nächtlicher Polizeieinsatz statt barrierefreier Fahrt

Zwei Nächte später wurde es noch absurder – und gefährlicher. Der Fahrer, der mich gegen 0:45 Uhr abholen sollte, konnte meinen Rollstuhl nicht sichern. Die Gurte funktionierten nicht – oder er wusste schlicht nicht, wie man sie korrekt verwendet. Die Zentrale schlug als „Lösung“ vor, ich solle bei sechs Grad Außentemperatur über zwei Stunden draußen warten, bis ein anderes Fahrzeug zur Verfügung stehe. Als ich deutlich machte, dass ich weder ohne Sicherung fahren, noch zwei Stunden in der Kälte verbringen könne, wurde ich am Telefon angeschrien. Schließlich wurde die Polizei gerufen.

Statt Unterstützung erlebte ich dort Beleidigungen. Ein Beamter sagte mir: „Dann fahren Sie halt einfach ohne Gurte. Sie sind ja nicht der Einzige im Straßenverkehr.“ Als ich mich über die Aussage empörte, kam vom selben Beamten: „Es kommt nur Scheiße aus deinem Maul.“

Auf meinen Hinweis, dass das eine Beleidigung sei, entgegnete er nur: „Ich darf das.“

Am Ende trat ich die Fahrt notgedrungen ohne Sicherung an. Bereits in der ersten Kurve rutschte mein Rollstuhl – es war hochgefährlich und hätte im Falle eines Unfalls schwere Folgen haben können.

Ausgrenzung per Ansage

In der Nacht darauf versuchte ich erneut, eine Fahrt telefonisch zu buchen. Der Mitarbeiter am Telefon teilte mir mit, dass in der gesamten Nacht kein einziges Fahrzeug für Rollstuhlfahrer verfügbar sei. Ohne Alternative. Ohne Hilfe. Dabei wirbt Schaddel ausdrücklich damit, auch nachts barrierefreie Mobilität zu ermöglichen.

Was bleibt?

Ein Gefühl von Ausgrenzung. Von Unsicherheit. Von fehlender Verlässlichkeit. Als Rollstuhlnutzer bin ich auf barrierefreie Mobilität angewiesen – nicht als Option, sondern als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Wenn ein Dienst wie der Schaddel damit wirbt, inklusiv zu sein, dann muss das auch in der Realität gelten – zu jeder Tageszeit und in jeder Situation. Ich wünsche mir kein Mitleid. Ich wünsche mir, dass Menschen mit Behinderung ernst genommen werden. Dass Fahrpersonal geschult ist. Dass Technik funktioniert. Und dass niemand nachts draußen stehen gelassen wird, weil sein Rollstuhl nicht in das System passt.

Was ich mir ebenso wünsche: Dass die Polizei ihrem Anspruch als Freund und Helfer gerecht wird – auch gegenüber Menschen mit Behinderung. Beleidigungen, Herabwürdigungen oder respektlose Aussagen haben in solchen Ausnahmesituationen keinen Platz. Gerade wenn alles andere versagt, sollte man sich auf Unterstützung durch Einsatzkräfte verlassen können – nicht auf Spott oder Gleichgültigkeit treffen.

Hinweis der Redaktion:

Am 22. Mai 2025 hat die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Ferda Ataman auf eine neue Studie „Polizei und Diskriminierung – Risiken, Forschungslücken, Handlungsempfehlungen“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aufmerksam gemacht.

Link zum kobinet-Bericht vom 22. Mai 2025 zur Studie