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Je hitzegefährdeter wir alle miteinander, desto gefühlskälter untereinander?

Redaktioneller Hinweis: Für Artikel der Kategorie "Meinung" sind ausschließlich die Autoren verantwortlich. Dies gilt auch für deren Äußerungen in den Lesermeinungen sowie für die Moderation der Kommentare zu deren Beiträgen. Die Inhalte geben nicht die Meinung der Redaktion oder des Trägervereins wieder. Inhaltliche Kritik richten Sie bitte direkt an die Autoren per Email.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
Vorn ein Findling mit Inschrift Willis Blick, dahinter Bäume im Sonnenlicht im hellen Grün.
Foto: Hubertus Thomasius

Staufen (kobinet)

Beinahe schon verzweifelt wünsche ich mir, mich zu täuschen, suche nach Anhaltspunkten, dass dem nicht so ist. Innerhalb der "Community" und unter BehindertenaktivstInnen. Doch vernehme ich von da gerade kein Zeichen der Betroffenheit. Hallo Leute, rufe ich verzweifelt, sind denn unter euch nicht welche, denen es ähnlich geht wie mir? Die leiden "wie die Hunde", verschmachten unter "kriminellen Temperaturen", die für nicht wenige tatsächliche lebensbedrohlich sind. Ist wirklich niemand von euch ebenso wie ich geschockt durch das, was an Katastrophe und menschlichen Dramen sich hier abspielt und an womöglich "Schlimmerem" uns erst bevorsteht?



Und diejenigen, die das gerade noch ertragen und irgendwie durchhalten, weshalb bleiben sie stumm? Statt eine menschliche Regung zu zeigen, uns, mir und anderen, die schier verzweifeln, zu antworten. Zum Beispiel wie Luisa Neubauer "wir sehen euch, sehen eure leidenden Körper, wir sind auch müde, sind alle verdammt müde, wir sind aber hier und bestätigen gemeinsam, dass wir da durchkommen wollen ..." – Dass einer wie ich, gesellschaftlich abgehängt und von minimalem Transfereinkommen (Grundsicherung) über Wasser gehalten, mittlerweile bereits dankbar ist für den Trostzuspruch einer Eliteangehörigen und sozial Privilegierten, hätte ich vor einiger Zeit für einen schlechten Witz gehalten. Aber das war auch noch, bevor ich die bittere Erfahrung machen musste: Als behinderter Mensch gehöre ich offenbar einer Community an, in der, was die einzelnen wirklich fühlen und was sie bedrückt, nicht kommunizierbar ist oder jedenfalls nicht kommuniziert wird. Die stärker noch als die nichtbehinderte "Normalgesellschaft" dem neoliberalen Diktat einer schizoiden (gefühlsabspaltenden) Coolness-Simulation und "The winner takes it all Performance" unterworfen ist.

Seid jedoch unbesorgt, ihr schweigenden Peers, es liegt mir fern, euch ein schlechtes Gewissen machen zu wollen. Eure Gefühlskälte macht mich zwar traurig, bringt mich einstweilen aber nicht um. Die zum Glück ein wenig zurückgegangene Temperatur und die frühmorgens und spätabends etwas abgekühlte Luft erlauben mir momentan wieder, meine 30 Liegestütz am Morgen und 60 Hampelmänner am Abend zu machen. Und vorgestern am späten Vormittag habe ich bei geöffneten Fenster meine Uralt-Stereoanlage angeworfen mit Verdis "Rigoletto" auf dem Plattenteller, eine meiner Lieblingsopern. Und bei "La dona mobile", die mich binnen Sekunden euphorisierende Musik bis zur Lautstärke von wer weiß wieviel Dezibel aufgedreht. – Der Hofnarr Rigoletto, wusstet ihr das, ist übrigens einer von uns, ein Behinderter, er hat nämlich einen Buckel. Bei Buckel muss ich an den ausgesprochen formschönen Buckel der Buckelwalfrau Waltraut denken. Die Geliebte und Braut des bei Timmendorf tragisch auf einer Sandbank gestrandeten jungen Buckelwalmanns Timmy (alias Hans-Jürgen, ihr erinnert euch), mit der er an Vatertag Hochzeit gefeiert hat. Um noch vor Antritt der Hochzeitsreise und ohne Begleitung von Waltraut in der Nordsee auf Grund zu laufen und unter bislang ungeklärten Umständen zu verenden.

Hier die Links zu meinen vorangehenden Hitze-Notruf-Kolumnen

https://kobinet-nachrichten.org/2026/07/10/sensationelle-top-nachricht-bild-zeitung-und-kobinet-nachrichten-einer-meinung/

https://kobinet-nachrichten.org/2026/07/01/kriminelle-temperaturen-summertime-good-bye-for-ever/

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