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Wenige gute Beispiele – viel Aussonderung in Werkstätten bei geringem Entgelt

Titelbild der tagesschau
Titelbild der tagesschau
Foto: ARD tagesschau

Berlin / Bad Nauheim (kobinet) Wenn in den kommenden Tagen tausende Vertreter*innen von Staaten und Behindertenverbänden aus aller Welt beim Global Disability Summit in Berlin und damit in Deutschland zu Gast sind, werden diese sicherlich viele gute Diskussionen führen und auch Interessantes über die deutsche Behindertenpolitik erfahren. Sie werden hier aber auch auf eine erdrückende Dominanz von Aussonderungssystemen stoßen, denen zwar gute Beispiele entgegengehalten werden können, wobei diese aber eher die Ausnahme als die Regel darstellen. Dies wird auch in einem aktuellen Bericht der tagesschau zum Thema Arbeit außerhalb und innerhalb von Werkstätten für behinderte Menschen deutlich: "Viele Menschen mit Behinderung können nicht ihren Wunschberuf wählen. Sie landen meist in Werkstätten und arbeiten für sehr wenig Geld. Wie das System besser werden kann, zeigt ein Beispiel aus der Wetterau", heißt es zur Einführung des Berichts der tagesschau vom 30. März 2025.

„Im Jahr 2023 waren in Hessen knapp 19.000 Menschen in 47 Werkstätten beschäftigt. Werkstätten sollen Menschen mit Behinderung eine berufliche Teilhabe in einem geschützten Raum ermöglichen. Sie sind eigentlich auch dafür gedacht, Menschen in den regulären Arbeitsmarkt zu bringen – falls möglich. Das ist derzeit aber sehr selten der Fall. Meist wird die Werkstatt zur Sackgasse“, heißt es im tagesschau-Beitrag zur Situation in Hessen. Und weiter heißt es: „Der Landeswohlfahrtsverband Hessen gibt die Quote der Menschen in Hessen, die aus einer Werkstatt in den Arbeitsmarkt wechseln, für die vergangenen fünf Jahre mit 0,3 Prozent an. Dabei gehen Experten und Expertinnen laut einer Studie der Bundesregierung von 2023 davon aus, dass mindestens ein Drittel der Menschen aus den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln könnten – wenn sie ausreichend unterstützt würden.“

Dass es sich beim System der Werkstätten für behinderte Menschen um eine riesige Maschinerie handelt, das wird im tagesschau-Bericht ebenfalls deutlich: „Mit ihrer Arbeit erwirtschaften die bundesweit 320.000 Beschäftigten in Werkstätten jährlich einen Umsatz von acht Milliarden Euro – und verdienen dabei durchschnittlich 1,50 Euro pro Stunde. Zur Erinnerung: Der Mindestlohn in Deutschland liegt bei 12,82 Euro. Kritiker nennen Werkstätten für Menschen mit Behinderung das größte Billiglohnmodell in der EU“, heißt es in dem Bericht.

Dass die Beschäftigung behinderter Menschen auch außerhalb der Werkstatt gefördert werden kann mit individueller Förderung statt Standardlösungen, das zeigt der tagesschau-Bericht ebenfalls auf. Aber wie gesagt, sind dies zarte Pflänzchen im großen Garten der Werkstattdominanz. Die Inklusive Arbeit Wetterau gGmbH in Bad Nauheim geht beispielsweise neue Wege und hat es vor kurzem beispielsweise geschafft, einem jungen Mann zu seinem Traumjob in der Landwirtschaft zu verhelfen. Samuel Heinstadt konnte bei dem von Landwirt Theo Bloem bewirtschafteten Gemüsehof eine Chance gegeben werden. „Es gibt viele Leute, die Dinge nicht können“, wird Theo Bloem im tagesschau-Bericht zitiert: „Aber es geht doch darum: Was können sie?“ Möge sich diese Erkenntnis des Landwirts in Deutschland auf breiterer Ebene durchsetzen. Vielleicht können wir dann bei einer nächsten internationalen Tagung in Deutschland unseren Gästen mehr inklusive Angebote statt den überkommenen „Sonderangeboten“ vorweisen und ein besseres Beispiel für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bieten.

Link zum Bericht der tagesschau vom 30. März 2025

Das Beispiel aus der Wetterau, wo der junge Mann mit Behinderung eine Anstellung auf dem Gemüsehof gefunden hat und weitere behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt werden, ist auch Teil eines knapp 55minütigen Dokumentarfilms von Mareike Müller. Dieser wurde zum 16jährigen Jubiläum des Inkrafttretens der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in die ARD-Mediathek eingestellt und wird am 16. April 2025 um 22:00 Uhr im Programm des Hessischen Rundfunks ausgestrahlt. Er trägt den bezeichnenden Titel „WIR WOLLEN MEHR – Arbeit ohne Barrieren“.

Link zum kobinet-Bericht über den Dokumentarfilm