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Vom Saulus zum Paulus: Genialer Schachzug zur Inklusion im Saarland

Ottmar Miles-Paul
Ottmar Miles-Paul
Foto: Irina Tischer

Saarbrücken (kobinet) Die Art und Weise sowie die Auswahl bei der Neubesetzung der Position des Landesbehindertenbeauftragten im Saarland mit dem langjährigen Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen im Saarland hat bei vielen Akteur*innen, die sich für Inklusion und echte Partizipation einsetzen, Kopfschütteln ausgelöst. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul, der dieser Neubesetzung und vor allem der miserablen Einbeziehung des saarländischen Landesbehindertenbeirats anfangs sehr kritisch gegenüberstand, hat nun aber die wahre Absicht des saarländischen Landtags erkannt. Bei seinen Recherchen ist er nämlich auf den Urspung des Sprichworts "Vom Saulus zum Paulus" gestoßen und da kam ihm die Erleuchtung, was die schlauen Saarländer*innen da vor haben. In seiner Kolumne geht er auf die geniale Strategie der saarländischen Landespolitik zum absoluten Umsteuern zur Inklusion ein.

Kolumne von kobinet-Redakteur Ottmar MIles-Paul

Von außen betrachtet reiben sich immer noch viele, denen Partizipation, Selbstvertretung und vor allem echte Inklusion am Herzen liegen, die Augen, wie die Neubesetzung der Position des Landesbehindertenbeauftragten im Saarland abgelaufen ist. Da wurde der bisherige Landesbeauftragte abgesägt, ein Ausschreibungsverfahren für die Stelle gemacht, bei dem eine Reihe qualifizierter Bewerber*innen – auch mit Behinderung – erst gar nicht eingeladen wurden. Die Einbeziehung des Landesbehindertenbeirats wurde durch eine äusserst kurzfristige Einladung zur Farce, so dass einige Mitglieder des Beirats nicht teilnehmen konnten bzw. aufgrund der massiven Verärgerung über dieses Vorgehen gar nicht mehr teilnehmen wollten. Und im Ausschuss wurde dann der, wie böse Stimmen sagen, ohnehin anvisierte Bewerber der SPD-Mehrheit im Landtag genauso wie im Landtagsplenum durchgepeitscht. Und die CDU, die im Saarland in der Opposition ist, machte dabei mit, obwohl es in der Presse über Wochen scharfe Kritik an diesem Vorgehen hagelte. Und dann geht es nun auch ganz schnell. Bereits am 1. März 2024 kann der neue Landesbehindertenbeauftragte Michael Schmaus das Amt im Saarland antreten. Dass es sich bei dem neuen Landesbehindertenbeauftragten um den langjährigen Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen im Saarland handelt, sei dabei nur am Rande bemerkt.

Doch diese böse Gedanken bezüglich einer gnadenlosen Durchsetzung von partei- oder wohlfahrtsgesteuerten Interessen bei der Besetzung des Landesbehindertenbeauftragten können nur die haben, die den geheimen Plan der saarländischen Landespolitik und des neuen Landesbehindertenbeauftragten nicht kennen. Denn eine Reihe kompromissloser Politiker in aller Welt lehren uns dieser Tage, dass wo gehobelt wird, auch Späne fallen müssen. Wenn man etwas erreichen will, dann muss man auch mal über geordnete Bewerbungsverfahren bzw. echte Partizipationsprozesse hinweggehen. Allem Geschrei zum Trotz.

Denn im Saarland geht es, wie informierte Kreise bestätigen, um einen ganz großen Plan. Mit einem ausgewiesenen Experten, der für viele Jahre erfolgreich für die Fortentwicklung der Sonderwelt Werkstätten als Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen im Saarland agierte, soll nun das System der Werkstätten vom Saarland her grundlegend aufgerollt werden. Anders als in Bayern hat man im Saarland nämlich längst erkannt, dass Werkstätten für behinderte Menschen nämlich nicht Teil eines inklusiven Arbeitsmarktes sind. Mit dem Fachwissen des ehemaligen Geschäftsführers soll nun dieses System offensiv und zielgerichtet umgestaltet werden. Dies werden die Kritiker*innen des robusten Vorgehens bei der Besetzung der Beauftragtenstelle sicherlich bald eingestehen müssen, so der überzeugende Plan der Saarländer*innen.

Denn bisher hat sich gezeigt, dass trotz der Besetzung der Position der Landes- und Bundesbehindertenbeauftragten der große Wurf von der Exklusion zur Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention nicht gelingen mochte. Reformen waren meist nur Trippelschritte ganz im Sinne der Echternacher Sprinprozession: zwei Schritte vor und einer zurück. Das reicht den revolutionären Saarländer*innen nun nicht mehr. Denn sie sind sich sicher, dass der Saulus aus der Werkstättenszene sich nun nach Amtsantritt zum Paulus entwickeln wird, der echte Inklusion auf dem Arbeitsmarkt mit einer unglaublichen Energie durchzocken wird. Viele Verantwortliche, die sich für diesen neuen Landesbehindertenbeauftragten entschieden haben, sehen vor ihrem geistigen Auge schon die Budgets für Arbeit im Saarland in die Höhe schnellen, Inklusionsbetriebe wie Pilze aus dem Boden sprießen und das System der Werkstätten mit konkreten und schnellen Strategien zu echter Inklusion umgewandelt. Ein fast nicht zu bremsender Optimismus macht sich nach dieser Neubesetzung des Landesbehindertenbeauftragten nicht nur im Saarland, sondern auch schon in angrenzenden Bundesländern breit. Denn alle, die für den ehemaligen Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen im Saarland und ohne echte Beteiligung der Vertreter*innen der Behindertenorganisationen gestimmt haben, sind sich sicher, dass sich der Virus der kompromisslosen Inklusion schnell über die Grenzen des kleinen Bundeslandes ausbreiten und nach Berlin schwappen wird.

Denn gerade in Berlin braucht es diesen kompromisslosen Geist zur Reform des Werkstättensystems derzeit nötiger denn je. Aus einer hoffnungsvollen Reform des Systems der Werkstätten im Sinne echter Inklusion droht eine Minigesetzesreform oder gar nur ein Maßnahmenplan zu werden. Denn es gibt hier viele beharrliche Kräfte, die mit dem Werkstättensystem im Bett liegen und wissen, wie man Veränderungen blockiert. Und genau da braucht es diesen erfrischenden Wind aus dem Saarland und den Geist eines kompromisslosen Vorgehens gegen jegliche Form ungeliebter Partizipation. Auch so mancher Bundestagsabgeordneter, der im Wohlfahrtssystem Honig saugt, wird dies erkennen müssen, besagen bisher geheime Pläne der saarländischen Inklusionsrevolutionär*innen.

Wir können also gar nicht umhin, das Saarland gut im Auge zu behalten, was dort nach den ersten 10, nach den ersten 50 und spätestens nach den ersten 100 Tagen des so genial gewählten Landesbehindertenbeauftragten aus dem Saarland in die Welt dringt. Hut ab vor dem weisen und mutigen Vorgehen des saarländischen Landtags bei der Neubesetzung des Landesbehindertenbeauftragten, denn eine behindertenpolitisch erfahrene behinderte Person, die mit der Selbsthilfe und Selbstvertretung behinderter Menschen verankert ist, hätte dies nie schaffen können, was uns nun aus dem Saarland ereilen wird. Wäre die Karnevalszeit nicht schon vorbei, könnte ein dreifach donnerndes Helau dieses Vorgehens im Saarland krönen. So bleibt uns nur das Warten auf die vielen konkreten Taten. Lang lebe die Inklusion! Lang lebe die Nicht-Partization zur Erreichung der Inklusion!

Ach, und was war das nochmal mit dem Saulus und dem Paulus?

„‚Vom Saulus zum Paulus’– das sagen Menschen, wenn Leute von heute auf morgen ihre Meinung verändern oder ihr Leben sehr rasch und grundlegend ändern“, heißt es in einem Beitrag des Sonntagsbatt.

Link zum Beitrag des Sonntagsblatt

Lesermeinungen

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Silvia Hauser
22.02.2024 09:49

Prima, humorvoll und mit Biss auf die Schwachstellen im System aufmerksam gemacht.

Marion
Antwort auf  Silvia Hauser
22.02.2024 12:36

Ich würde mir wünschen, dass statt auf Schwachstellen aufmerksam zu machen, konstruktiv an Lösungen mitgearbeitet wird. Politik ist längst nicht so verschlossen wie es scheint und das Tippen hinterm Schreibtisch bringt uns nichts, wenn keine Lösungen (mit Finanzierungskonzepten) erarbeitet werden.

Wollen wir uns belustigen oder in der Behindertenpolitik etwas bewegen?
Wollen wir immer nur Politik kritisieren (damit mehr Menschen zur AfD bewegen) oder der Politik Lösungen anbieten?