Menu Close

Inklusion bedeutet nicht mit jedem per du zu sein

Stefan Göthling
No body found to use for abstract...
Foto: Mensch zuerst

Leinefelde (kobinet) Stefan Göthling, der Geschäftsführer der Selbstvertretungsorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten, freut sich darüber, dass der Bundesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel u.a. mit seinen Teilhabeempfehlungen eine ernsthafte Diskussion für Alternativen zu dem von vielen Betroffenen abgelehnten Begriff "geistige Behinderung" angestoßen hat. Darüber und dass behinderte Menschen immer noch desöfteren ganz selbstverständlich mit du und Vornamen angesprochen werden, während andere im gleichen Gespräch oder Bericht gesiezt werden, äusserte sich Stefan Göthling im Gespräch mit den kobinet-nachrichten u.a. dahingehend: "Inklusion bedeutet nicht, mit jedem per du zu sein."

„Seit fast 30 Jahren setzen wir uns nun schon dafür ein, dass der Begriff ‚geistig behindert‘ endlich durch einen Begriff ersetzt wird, der die Betroffenen nicht abwertet. Bereits letztes Jahr hat der Bundesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel diese Diskussion aufgegriffen. Ich freue mich, dass das Thema nun verstärkt auf der Tagesordnung steht“, betonte Stefan Göthling. Mensch zuerst habe bewusst den Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ gewählt, weil der Personenkreis, der sonst als „geistig behindert“ bezeichnet wird, Schwierigkeiten mit dem Lernen habe und ein Geist nicht behindert sein kann. Auch wenn dieser Begriff nicht der Weisheit letzter Schluss sei, sei es wichtig, auf die Sprache zu achten. „Ich verfolge derzeit beispielsweise die Berichterstattung über die Special Olympics und da ginge einiges besser und könnte endlich mal die Hürde der Verwendung des Begriffs „geistig behindert“ überwunden werden“, zeigt sich Stefan Göthling im kobinet-Gespräch diplomatisch.

Im Zusammenhang mit den Special Olympics aber auch generell ist Stefan Göthling wichtig, dass behinderte Menschen nicht selbstverständlich geduzt werden. „Inklusion bedeutet für mich nicht, mit allen per du zu sein. Vor allem dann, wenn andere, wie beispielsweise die Vereinsvorsitzenden, Vertreter*innen von Werkstätten oder Wohneinrichtungen im gleichen Atemzug mit vollem Namen genannt und gesiezt werden. Sprache zeigt auch eine Haltung und da haben wir in Deutschland noch sehr viel zu tun. Denn wahrscheinlich alle Menschen mit Behinderungen möchten mit Respekt behandelt werden“. führt Stefan Göthling aus.

Und dann ist da für ihn noch die Frage: „Was passiert nach dem Feiern und Jubeln nach solchen Veranstaltungen wie den Special Olympics? Heute sind Menschen mit Lernschwierigkeiten noch in den Medien, morgen sind viele wieder im Heim. Ist dann wieder für lange Zeit Nixklusion angesagt, wenn viele wieder in ihren Wohneinrichtungen oder Werkstätten zurück sind? Werden die Chancen nach solchen Veranstaltungen verbessert, dass diejenigen, die dies wollen, einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen oder aus einer Wohneinrichtung auszuziehen und inklusiv in der Nachbarschaft so leben zu können, wie sie es wollen?“

Siehe auch den kobinet-Bericht vom 1.12.2023 „Wenn behinderte Menschen nur mit Vornamen genannt werden“