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With or Without you: Wenn Inklusion am Anfang steht. Eine Tanztheaterrezension

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Berlin / Frankfurt (kobinet) "With or Without you: Wenn Inklusion am Anfang steht." So titelt Fabian Korner aus Frankfurt seine Tanztheaterrezension, die er für die kobinet-nachrichten verfasst hat. "Inklusive Kultur lebt von einem aufmerksamen und fürsorglichen Miteinander. Dieses Miteinander wurde in dem Stück 'With or Without You' der blinden Performerin, Access-Dramaturgin und Inklusionsaktivistin Sophia Neises, das vom 14. bis 17. September 2023 in den Berliner Uferstudios aufgeführt wurde, in eindrucksvoller Weise zelebriert. Bei 'With or Without You' galt ein allgemeiner Assistenzzustand für alle mit allen", schreibt der Kulturwissenschaftler und Inklusionsaktivist Fabian Korner über die Aufführung, die er in Berlin besucht hat.

With or Without you: Wenn Inklusion am Anfang steht. Eine Tanztheaterrezension

Bericht von Fabian Korner

Inklusive Kultur lebt von einem aufmerksamen und fürsorglichen Miteinander. Dieses Miteinander wurde in dem Stück „With or Without You“ der blinden Performerin, Access-Dramaturgin und Inklusionsaktivistin Sophia Neises, das vom 14. bis 17. September 2023 in den Berliner Uferstudios aufgeführt wurde, in eindrucksvoller Weise zelebriert. Bei „With or Without You“ galt ein allgemeiner Assistenzzustand für alle mit allen.

Assistenz ist, spätestens mit der UN-Behindertenrechtskonvention, ein Teil des Alltags von Menschen mit Behinderung. Aber nicht nur in bezahlter Form, sondern ganz alltäglich sind häufig die Momente, in denen wir uns unterstützen lassen. Dies kann Momente intensiver körperlicher Nähe bedeuten, sowohl mit fremden, als auch mit vertrauten Menschen. Diese Überlegungen, von der Aktivistin Mia Mingus, unter dem Begriff „Access Intimität“‘ zusammengefasst, bildeten die Basis für ein besonders barrierearmes Theatererlebnis.

Zusammen mit Irene Giró, selber behinderte Performerin, schwebte Sophia Neises, die sich in diesem Stück den Künstlernamen Fia gegeben hatte, an einem Seil über die Bühne. Das Rascheln ihrer Kostüme wurde von einem Audioclip begleitet, der aus einer Probe stammte und die Worte „Das fühlt sich anstrengend an. Wurde euch das als Sehende so gezeigt?“ enthielt. Solche und andere Audiobeschreibungen waren während des gesamten Stücks für das Publikum hörbar und wiesen immer wieder auf die blinde Wahrnehmung hin, die in diesem Stück nicht die Ausnahme, sondern die Norm, war.

Das Publikum wurde aktiv aufgefordert, sich an der Beschreibung einer akrobatischen Meisterleistung von Irene Giró zu beteiligen und somit selbst Teil des Assistenzprozesses zu werden. Nachdem so verschiedene Assistenzsituationen erlebt werden konnten, nahm das Stück an Intensität zu. In einer Anspielung auf den bekannten U2-Popsong „With or Without You“ schrie Fia in den Raum: „Von fremden Händen aus dem Traum gerissen“. Die dissonanten Klänge der elektronischen Gitarre eröffneten einen Raum, in dem übergriffige, ohnmächtige und traurige Momente Platz fanden. Assistenz wurde hier nicht nur als Unterstützung, sondern auch als Verlängerung von Diskriminierung und Verletzung dargestellt. Fia geht es aber darum, wie sie mir nach dem Stück verriet, mehr um das schöne und bereichernde von Assistenz zu zeigen.

Das Stück endete in einer zärtlichen und fast erotischen Atmosphäre, in der Irene Girós Komplimente für Fia nicht nur eine Form der Audiobeschreibung des Bühnengeschehens waren, sondern Fia als wunderbaren und liebenswerten Menschen erscheinen ließen. Die Sehbeeinträchtigung von Fia und die damit einhergehenden Veränderungen in Bewegung und Verhalten traten in den Hintergrund, während die Individualität und Menschlichkeit im Vordergrund standen. Die Behinderung wurde zur Nebensache, und an ihre Stelle trat eine Beziehungsweise, geprägt von Empathie und Fürsorge. Dieses Empathie-basierte Miteinander zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Performance.

Obwohl Sophia Neises und Irene Giró die Hauptdarstellerinnen auf der Bühne waren, war das Stück eine kollektive Leistung von Menschen, die sich gegenseitig unterstützten. Es wurde kontinuierlich Live-Transkription und Gebärdensprachdolmetschung angeboten. Sitzsäcke sowie Triggerwarnungen sorgten für eine entspannte und behagliche Atmosphäre.

Sophia Neises, die in diesem Jahr mit dem Deutschen Theaterpreis für ihre herausragende Entwicklung im Tanz geehrt werden soll, schaffte es, eine intime Atmosphäre zu schaffen, in der niemand gezwungen war, sich zu erklären. Zwar begann das Stück mit einer mehrminütigen Beschreibung und Einweisung, die einen technischen Eindruck erweckte, doch spätestens ab dem musikalischen Intermezzo verschwand dieser Eindruck vollständig. „With or Without You“ zeigte, dass inklusives Theater seine eigene Form finden kann. Am Ende war die Antwort auf die titelgebende Frage einfach: Sophia Neises und das gesamte Team, with you again, please.

Kurzbiografie des Autors:

Fabian Korner ist Kulturwissenschaftler und Inklusionsaktivist in der Kulturszene von Frankfurt am Main. Bis 2021 studierte er Philosophie, Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte in Düsseldorf. Zurzeit ist er Absolvent des Masterprogramms Ästhetik an der Goethe Universität. Sein Schwerpunkt bildet die blinde Wahrnehmung in Kunst und Kultur mit dem Fokus auf Tastwahrnehmungen. Darüber hinaus erforscht er perspektiven inklusiver Gesellschaft und ihre Umsetzungsmöglichkeiten.

Kontakt: [email protected]

Link zu weiteren Informationen zur Tanztheateraufführung:

https://www.uferstudios.com/de/dance/veranstaltungen/2d48af52-2dba-4d2d-b468-a058f59462d2/