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Buch über Leben und Aufwachsen im Kinderkrankenhaus in der Schweiz

Buchcover: Im Paradies der weissen Häubchen
Buchcover: Im Paradies der weissen Häubchen
Foto: Hier und Jetzt Verlag für Kultur und Geschichte

Hamburg (kobinet) "Etwas Paradiesisches? Leben und Aufwachsen in einem Kinderkrankenhaus in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts". So titelt der Journalist Christian Mürner seine Rezension über das Buch von Alex Oberholzer "Im Paradies der weissen Häubchen", die er den kobinet-nachrichten zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

Etwas Paradiesisches? Leben und Aufwachsen in einem Kinderkrankenhaus in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Von Christian Mürner

„Das Kispi wurde mein Zuhause“, schreibt Alex Oberholzer in seinem Buch „Im Paradies der weissen Häubchen“ (Zürich 2023). „Kispi“ ist die Abkürzung für den Kinderspital in Affoltern am Albis bei Zürich. Oberholzer wurde 1953 geboren, ohne Hand und Fuß auf der rechten Seite und erkrankte an Kinderlähmung, Poliomyelitis, mit weitgehenden bleibenden Folgen. Er kam ins Kinderkrankenhaus, in eine abgesonderte Welt, ohne Kontakt zu den Eltern. Als er mit zwölf Jahren nach Hause zu seiner Familie geschickt wurde, erschien ihm „die Welt draußen wie die Hölle“. Oberholzer ist heute ein bekannter schweizerischer Filmkritiker.

Detailliert schildert Oberholzer seine „Kindheit im Spital“, vom Zähneputzen übers Zuckerbrot bis zum Korsett und dem fehlenden Körperkontakt – außer in der Physiotherapie. Er schreibt: „Erinnere ich mich zurück, so tauche ich ein in ein gigantisches Wechselbad der Gefühle. Von Schmerz, Qual und Ungerechtigkeit über Gleichgültigkeit und Langeweile bis hin zu grenzen­losem Glück, Euphorie und Triumph.“ Wie ist dieser Zwiespalt zwischen Zumutungen und Beachtung zu verstehen? Es ist, denke ich, die Idee der Normalität, ihr Machtbestreben und ihre unvermeidliche Realität. Der „aufrechte Gang“ lautete das Gebot.

Oberholzers an vielen Stellen gelungen unterhaltende Erzählung, seine authentische Empfindsamkeit und die treffend eingefügten ironischen Passagen täuschen beim Lesen beinahe suggestiv über bittere Angelegenheiten hinweg. Es wird viel geweint, nicht vor Glück. Seine selbstgewählte erfolgreiche Berufslaufbahn führt Oberholzer zum Teil auf die im „Kispi“ erworbene Resilienz zurück. Auch als Erwachsener besuchte er den Kinderspital regelmäßig an den Wochenenden. Aber am Schluss heißt es lakonisch: „Für Behinderte ist die Schweiz ein Entwicklungsland.“

Literaturhinweis:

Alex Oberholzer: Im Paradies der weissen Häubchen. Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, Zürich 2023, 224 Seiten, 34 Euro.

Link zu weiteren Infos und zum Bezug des Buches